Klassenfrequenzrichtwerte

Ich danke euch für die regen Kommentare des gestrigen Tages. Wohltuend zu lesen, dass ein solcher Ausblick nicht nur bei mir Empörung hervorruft. Interessant an den vielen Kommentaren finde ich aber auch, dass eigentlich niemand so richtig Bescheid weiß, was den Klassenteiler an Grundschulen anbelangt. Mit gutem Grund übrigens, denn DEN Klassenteiler – ich spreche hier für NRW – gibt es gar nicht. Wohl aber einen Klassenfrequenzrichtwert, der munter variiert.

Ich versuche mal die Fakten aufzuführen:

  • Die Landesregierung möchte bis zum Jahr 2015/16 den Klassenfrequenzrichtwert von 24 auf 22,5 Kinder absenken.
  • Die Bildung von Klassen mit weniger als 15 und mehr als 29 Kindern ist zukünftig unzulässig. Wohlgemerkt die Bildung, nicht die Aufstockung im laufenden Jahr.
  • Für die Bildung der Eingangsklassen ist der Schulträger zuständig. Er verteilt die zu bildenden Eingangsklassen auf die Schulen, indem er die Gesamtzahl der Kinder durch 23 teilt. Das Ergebnis ist die Zahl der neu zu bildenden Eingangsklassen. Dabei gibt es durchaus Handlungsspielraum. Ein Kriterium hierfür ist beispielsweise der Einzugsbereich. Der Schulträger entscheidet über Aufnahmekapazität und Klassengröße der einzelnen Grundschulen in der Kommune.
  • Mit der Größe einer Grundschule nimmt die maximale Größe ihrer Klassen ab. Richtet eine Grundschule drei Eingangsklassen ein, so sitzen dort maximal 27 Kinder, sind es gar fünf erste Schuljahre, so lernen höchstens 25 Kinder miteinander. Einzügigkeit bedeutet in diesem Fall den Jackpot mit maximal 29 Kindern. 29 bedeutet die Startzahl, es können durch Zuzug durchaus noch Kinder dazugewonnen werden.
  • Die Kinder haben ein Recht auf dreijährigen Verbleib in der Schuleingangsphase, also dem 1. und 2. Schuljahr. Stellt sich heraus, dass die Kinder verbleiben sollen, so dürfen sie das tun. Egal, wie groß die aufnehmende Klasse ist.
  • Einen absoluten Höchstrichtwert für die Klassengröße gibt es nicht.

Ich beziehe mich auf unsere Bildungsministerin Frau Löhrmann. Nachlesen könnt ihr bei Interesse an dieser Stelle. Das neue Grundschulkonzept für unser Bundesland liest sich fluffig und sinnvoll. Allerdings darf man nicht zwischen den Zeilen lesen. Das ist nämlich deutlich ernüchternder.

Nichtsdestotrotz wünsche ich uns allen ein wunderschönes Spätherbstwochenende. Ich gehe auf jeden Fall Sonne tanken, Vitamin D kann man ja nie genug haben. Das ist doch für die gute Laune zuständig, oder?

Herzlichst, Frau Weh (superherowonderteacher to be)

 

 

 

Ohne Titel. Ohne Worte. Ohne Verstand.

Die Förderkonferenzen laufen und wenn nicht noch ein großes Wunder geschieht, wird meine Klasse zum Halbjahr auf …

 

Trommelwirbel …

 

32 Kinder aufgestockt. In Worten: zweiunddreißig.

Ist es eigentlich sehr unschicklich, sich mittags um 13.30 Uhr ein großes Glas Alkohol zu wünschen? Ich will es ja gar nicht trinken, aber ich würde gerne ein bourlesques Bad darin nehmen. Dann würde ich meinen Kopf in den Nacken legen, das linke Bein lasziv über den Rand baumeln lassen und ganz entspannt abwinken. Was macht es schon für einen Unterschied, ob sich nun 29 Erstklässler unter meinen Fittichen tummeln oder 32? Alles Peanuts. Geht ja nur um Bildung. Immerhin klappt es mit einer geraden Anzahl dann auch besser mit der Partnerarbeit.

Gehabt euch wohl, ich gehe baden. Ganz bestimmt. Cheerio!

14.37 Uhr: Jetzzzz iss schon viel besssser. Ehrlisch! Ich kauf mir einfach eine Trüllerpfff …, eine Trüllerpffföff… Äh, ihr wissses schon!

Die ZEIT heilt alle Wunden

Es ist schon ein Kreuz mit der eigenen Eitelkeit.

Langjährige Leser dieses Blogs wissen, dass ich mich in der Vergangenheit des Öfteren darüber mokiert habe, dass sich die Medien ausschließlich für Lehrerblogs von Kollegen weiterführender Schulen interessieren. Zu Unrecht, schließlich machen auch wir Schule und schreiben darüber. (Und, hey, gar nicht mal so schlecht!) Aber die Grundschule scheint im Blick der Öffentlichkeit noch immer zu oft altbackenen Klischees verhaftet und für Medienschaffende einfach nicht spannend genug zu sein. Zu viel Bastelkram, zu wenig, was sich gut verkaufen lässt. Ich habe es akzeptiert; grummelnd zwar, aber doch hingenommen und – natürlich – weitergebloggt. Schließlich geht es hier ja um viel mehr. Von Zeit zu Zeit wird die Seite in den Bildungsforen verschiedener Magazine verlinkt, was ihr eine kurzzeitige Besucherschwemme beschert. Die größte Lesermenge findet ihren Weg hierher aber nach wie vor über die Suche nach strammen Schenkeln. (Nein, das ist natürlich ein Scherz. Es ist höchstens ein Drittel.)

Dann irgendwann meldete sich stern.de mit einem Blogangebot und kurz darauf der Westermann-Verlag, um mir eine regelmäßige Kolumne in einer Fachzeitschrift anzubieten. Beiden Redaktionen war die Seite aufgefallen. Es ist mir ein kleines bisschen peinlich, aber, ja, ich war total aus dem Häuschen deswegen. Die Projekte klangen spannend und so habe ich die Chance, mein Näschen in neue Bereiche zu stecken, nicht nur genutzt, sondern sie gewissermaßen ins Gebüsch gezerrt und ihr das Fell über die Ohren gezogen. Siehe da, es gibt neben der Schule durchaus weitere interessante Arbeitsbereiche! Andere Lehrer spielen in ihrer Freizeit Tennis, warum also nicht ein wenig schreiben?

Ein paar Monate später habe ich festgestellt, dass es zwar interessant ist, regelmäßig über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu schreiben, aber nur solange dieselbe dabei nicht auf der Strecke bleibt. Also habe ich beim Stern wieder aufgehört (nicht ohne gemeinsam mit meiner großartigen Reakteurin ein paar tränenreiche E-Mails zu wechseln. Katarina, wenn du das liest: Es war gold mit dir!) und mich wieder auf meine Kernbereiche konzentriert: Schule und Familie. Denn genaugenommen wäre man ja bereits mit nur einem davon voll ausgelastet. Der Blog bleibt natürlich, schließlich hat er mittlerweile nicht nur Laufen, sondern mindestens auch Dreiradfahren gelernt.

Und dann passierte es: Unverhofft hatte ich letzte Woche eine E-Mail vom ZEITmagazin im Posteingang. Darin eine journalistische Anfrage. Die ZEIT! Endlich! Ich musste durchs Zimmer tanzen und laute Schreie ausstoßen, um dieser Gefühlswallung Herr zu werden. “Herr Weh!”, schrie ich in Fettdruck und kursiv durchs Haus, “Herr Weh! Die ZEIT will mich! In echt! In Print!” Herr Weh freute sich mit mir und gespannt wartete ich die näheren Informationen ab. Boah, einmal mit dem Blog in der ZEIT auftauchen, dann habe ich mein persönliches Ziel erreicht und kann hier dichtmachen!

Auch beim ZEITmagazin arbeiten nette Redakteure. Da habe ich ja wirklich Glück gehabt. Ich kenne ja, Stern und Westermann eingeschlossen, erst drei und alle waren ausgesprochen freundlich zu mir. Ich bin also richtig, richtig aufgekratzt und kommuniziere fröhlich mit dem netten ZEITmenschen. Und dann erfahre ich, was das Magazin von mir möchte.

Nein, kein Thema bildungspolitischer Relevanz. Auch kein pädagogisches Outfit.

Sie wollen … die Fischlaterne.

Also jetzt fühle ich mich wieder total Grundschule.

Methodentraining: Hausaufgabenheft

Montagmorgen bei den Erstklässlern. Es ist wieder einer dieser Momente, in denen es tief in meinen Eingeweiden zu brodeln beginnt. Ich schließe kurz die Augen und atme ein.

Und atme aus.

Und atme ein.

Leider hilft alles nichts, das Chaos ist noch da. Nachdem die Erstklässler ihre Hausaufgaben in den Anfangswochen durch ein Häuschen auf der entsprechenden Seite kennzeichneten, haben sie letzte Woche damit begonnen, auf jedes Arbeitsblatt und jede Seite das Datum zu schreiben. Das war kein Problem und so dachte ich leichthin, es sei nun an der Zeit, die Hausaufgaben im dafür vorgesehenen Heft zu notieren. Soweit der Plan. In der Praxis hingegen stehe ich inmitten einer Schar aufgeregter Schulanfänger, die mir alle gleichzeitig ihr Heft unter die Nase halten wollen.

“Wo muss ich das Datum hinschreiben?”

“Ist das so richtig?”

“Ich habe gar kein Hausaufgabenheft!”

“Muss ich heute in die Betreuung?”

“Ich brauche gar kein Hausaufgabenheft, ich merk mir das immer so.”

“Ich hab hier das Datum auf die ganze Seite geschrieben. So, ja, so? Sosososo? Jetzt guck doch endlich!”

“Guck mal, Frau Weh, da ist Spiderman drauf. Voll cool!”

“Rosa mag ich gar nicht. Das hab ich der Mama auch gesagt. Da schreib ich nicht rein!”

“Was heißt Di? Und Mi? Ffffff-rrrrrr!?”

“Ich muss mal.”

“Ich auch!”

“Ich auch!”

Hier zeigt sich, dass ich – noch immer viertklässlerverwöhnt – die Schwierigkeit des Hausaufgabenhefteinführens unterschätzt habe. Hat hier jemand eigentlich eine Ahnung, wie viele verschiedene Ausführungen eines Hausaufgabenhefts es heutzutage gibt? Wir hatten früher ja so ein einfaches Vokabelheft. Da schrieb man das Datum rein, darunter die Aufgaben und fertig! Die Hefte der Erstklässlern gleichen wahlweise kleinen Manager-Filofaxereien oder Merchandiseartikeln mit ausgeklügeltem Layout. Da gibt es welche mit farbig unterlegten Wochentagen, Lerntipps, Schülerwitzen, Ferienterminen, Stylingvorschlägen, Bastelseiten und kleinen Wissenshäppchen. Bei manchen passt eine ganze Schulwoche auf eine Seite, andere wiederum gönnen sich eine Doppelseite dafür. Manche Hefte geben das Datum vor, dafür sparen andere die Wochentage aus. Es gibt sie in rosa, schwarz-metallic und mit blinkenden Stickern. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich meine, ein Heft hätte sogar gepfiffen. Vielleicht war das auch nur das letzte Loch, auf dem ich mich erging. Wie unüberlegt auch von mir, an einem so extrem wichtigen Tag wie heute verschiedene Hausaufgaben aufzugeben. Hätte ich doch bloß für alle das gleiche Arbeitsblatt kopiert, dann hätte die ganze Sache ja so aussehen können:

27.10.14 o AB

Stattdessen notiert nun ein Viertel angestrengt  FleX unD Flo, ein weiteres Viertel FleX unD FloRa, das nächste Grüppchen AB, wahlweise in blau oder rot, und das allerletzte Viertel notiert … gar nichts, denn es fehlt natürlich trotz Elternbrief auch noch dem ein oder anderen an der passenden Ausstattung. Ich kontrolliere jeden einzelnen Eintrag, den Radiergummi in der Hand, ermutige oder berichtige, deute auf orange unterlegte Spalten, Zeilen und Kästchen bis jeder Datumseintrag an der dafür vorgesehenen Stelle landet. Dann, endlich, wird es wieder etwas ruhiger. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass uns dieser erste Eintrag schlappe 28 Minuten gekostet hat. Ja, so ist das mit dem Methodentraining – es braucht Zeit. Viel davon. Ich weiß nicht, wem ich am Ende der Stunde mehr Mut machen möchte, als ich den Erstklässlern versichere, dass wir jetzt jeden Tag schneller im Umgang mit dem Hausaufgabenheft würden, mir oder den Kindern. Zumindest sehen sie schon wieder reichlich vergnügt aus, als sie den Raum verlassen. Ich hingegen sinke völlig geschafft auf meinen Stuhl und bette den schmerzenden Kopf in die Hände. Da plötzlich fühle ich ein aufmunterndes Tätscheln irgendwo zwischen Schulter und Hals. Filiz hat ihren Bleistift vergessen.

“Na, Frau Weh, das ist auch für dich ganz schön anstrengend im 1. Schuljahr, oder? Aber macht nix, du sagst ja immer, alles wird gut! Du schaffst uns schon!”

Ist die Frage, wer da wen schafft.

Unser Morgen

Die neue Schule – die sich schon gar nicht mehr so neu für mich anfühlt – arbeitet deutlich kindorientierter als meine vorherige. Die Klingel ist abgestellt und signalisiert lediglich die Pausen. Der Unterrichtsbeginn ist offen und startet jeden Morgen mit Freiarbeit. Im Unterricht gilt das Klassenlehrerprinzip, sodass ich mit 18 Stunden bei den Erstklässlern eingesetzt bin. Da ich in der Vergangenheit keine eigene Klasse mit mehr als 12 Stunden führen konnte, empfinde ich diese Tatsache als ungemein entspannend, ermöglicht sie mir es doch, den Vormittag wesentlich umfassender zu gestalten, als ich es mit meinen bisherigen Klassen konnte. Dass eine Lerngruppe hiervon profitiert, stelle ich derzeit täglich fest. Noch keins meiner 1. Schuljahre war zu diesem frühen Zeitpunkt so verhaltenssicher, was Regeln, Ordnung und tägliche Abläufe anbelangt.

Wie sieht er nun aus, so ein typischer Morgen bei den Erstklässlern?

Die Kinder trudeln zwischen 7.30 Uhr und 8.00 Uhr ein. Sie sagen hallo, wechseln die Schuhe und machen dann einen Strich an der Tafel. Diese Strichliste üben wir seit ein paar Wochen, ich meine den Tipp in einem Kommentar im Lernstübchen gelesen zu haben. (Liebe unbekannte Kommentatorin, solltest du dies hier ebenfalls lesen, dann sei dir meines Dankes sicher, deine Idee ist einfach und großartig!) Anschließend werden die Hausaufgaben in das dafür vorgesehene Ablagefach geräumt und Arbeits- oder Korrekturmaterial aus dem eigenen Fach herausgenommen. Jedes Kind verfügt über ein Schubladenfach, in das ich je nach Leistungsstand Material oder den Hinweis auf entsprechende Freiarbeitsmaterialien lege. Es gilt die Regel “Fach vor Freiarbeit”, was bedeutet, dass zunächst zwei vorgegebene Aufgaben bearbeitet werden müssen, bevor die Kinder ihre eigene Auswahl treffen. Mir ist klar, dass diese Arbeitsweise nicht der reinen Definition von Freiarbeit entspricht, sie ist für mich und mein Unterrichten aber der gefundene Mittelweg zwischen Kontrolle und Vertrauen. Denn es gilt nicht nur generell, sondern insbesondere für Erstklässler: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist … ihr wisst schon.

In dieser Unterrichtsphase bin ich frei für einzelne Kinder oder kleinere Gruppen. Ich führe Material ein, stehe für Leseversuche zur Verfügung oder fördere gezielt einige Kinder nach Plan. Manchmal halte ich aber auch einfach ein kleines Schwätzchen mit einem Kind, bewundere neue Schuhe oder beobachte die Klasse. (Ich gebe zu, dass mir dabei manchmal ein zufriedenes Lächeln übers Gesicht huscht. Aber, hey, man wird sich seiner Arbeit wohl auch gelegentlich erfreuen dürfen!)

Freiarbeit – und danach?

Die Freiarbeitsphase endet mit einer festen Musik, woraufhin die Erstklässler das Material wegräumen und sich mit einem Teppich in den Kreis setzen. Die Bänke, die sich noch in meiner Ursprungsplanung befanden, mussten weichen – es war einfach zu eng. Im Kreis begrüße ich die Klasse noch einmal zusammen und dann wird eine ganze Zeit gesungen. Anschließend betrachten wir interessiert die Strichliste und freuen uns darüber, wenn sie lesbar ist und sogar die richtige Anzahl Kinder aufweist. Dies war in den letzten Wochen allerings erst viermal der Fall. Ansonsten scheint meine Kinderanzahl zwischen 17 und 45 zu schwanken. Tatsächlich fühlt es sich an manchen Tagen sogar nach noch mehr an. Tja.

Danach besprechen wir den Verlauf der Freiarbeitsphase. Gab es Probleme? Wie war die Lautstärke? Konnten alle gut arbeiten? Gibt es Materialwünsche? Dies mache ich von Anfang an, mittlerweile ist es eine kurze Abfrage und benötigt kaum mehr Zeit. Ich kontrolliere, ob alle Kinder ihre Hausaufgaben im vorgesehenen Fach abgelegt haben und erläutere die Tagestransparenz. Je nach Planung nutze ich den Rest der 2. Stunde noch für eine Einführung oder Übungsphase. Auch hier gilt, dass die hohe Anzahl an Klassenlehrerstunden eine größtmögliche Flexibilität ermöglicht.

Frühstück mit pädagogischen Hintergedanken

Die Frühstückszeit verpassen die Erstklässler bei allem Eifer dann aber doch nicht. Alles wird vom Tisch geräumt, der Kakaodienst beginnt mit seiner Arbeit und ich lese vor. Der Gruppentisch, der bis zu diesem Zeitpunkt am ruhigsten gearbeitet hat, wird zum Bullerbü-Tisch des Tages gekürt und genießt das unerhörte Privileg, die Bilder im Buch vor allen anderen gezeigt zu bekommen. Tatsächlich ist dieser Anreiz so groß, dass ich keinerlei weitere Belohnungssysteme einführe. Noch sind sie wirklich heiß darauf. Das tägliche Vorlesen halte ich persönlich übrigens neben einer guten Buchauswahl in der Klasse für den besten Lesemotivator. Lesen ist einfach großartig! Das lernen die Erstklässler schnell. Dann ist auch schon Pause und der erste Teil des Tages für die Kinder geschafft.

Und was bringt es?

Ich empfinde diese klare Struktur des Morgens als absoluten Gewinn. Die Kinder haben schon früh den Ablauf verinnerlicht und so ein gutes Zeitempfinden entwickelt. Ich selber habe durch den offenen Anfang mehr Möglichkeiten, mit einzelnen Kindern ins Gespräch zu kommen, ohne dass der Unterrichtsablauf dadurch verzögert würde. Selbst Überraschungsbesuche von Postbote, Getränkelieferant oder Hausmeister stören das Geschehen nicht. Es ist das erste Mal, dass ich mit einem so hohen Anteil von Öffnung arbeite. Dementsprechend üppig waren meine anfänglichen Zweifel gesät, ob ich die wirklich große Lerngruppe im Blick halte. Wie schnell rutscht ein Kind durch das System! Dadurch, dass ich aber trotz konvergenter Differenzierung keine komplette Individualisierung anstrebe und somit auch das Arbeitsmaterial (in unserem Fall Flex und Flo sowie Flex und Flora) nicht zur Gänze freigebe, entschärft sich diese Sorge Stück für Stück. An anderer Stelle hatte ich bereits geschrieben, dass ich sehr viel nachsehe. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass dies für mich der richtige Weg ist, denn darauf baue ich neben der Unterrichtsplanung auch die Arbeitspläne der Kinder auf. Ganz davon abgesehen schafft dieser Aufwand eine sehr gute Basis für Elterngespräche. Die meisten Eltern schätzen diese Arbeit sehr wohl.

Evaluation?

Das Freiarbeitsmaterial, das ich nutze, ist auf Zweckmäßigkeit und Effektivität hin ausgesucht und wird (auch wenn es mir weh tut, wenn viele Stunden Arbeit darinstecken) regelmäßig auf seinen Nutzen überprüft. Tatsächlich passiert es mir gelegentlich, dass ich ein Material anschaffe, weil ich selber es schön finde. Leider ist dies nicht unbedingt ein sinnvolles Kriterium für ein Arbeitsmaterial. Ein ähnliches Schicksal ereilte nun auch zu meiner Überraschung die Leseecke, für mich ein ganz wichtiges Element in einer Eingangsklasse. Tatsächlich haben die Erstklässler sie nicht so angenommen, wie ich es gedacht hätte. Schon als Rückzugsort, aber nicht als Arbeitsplatz. Das dort lagernde Material war nicht genug im Blickfeld. Da der Raum begrenzt ist und ich um jeden Quadratzentimeter kämpfe, habe ich die Ecke in den Ferien aufgelöst und das Material neu sortiert. Tataaa, nun arbeiten die Erstklässler damit. Versteh einer die Kinder!

Regelmäßige Evaluation halte ich für unverzichtbar. Kein Material, kein Konzept und keine Methode ist in Stein gemeißelt. Mögen die letzten drei Klassen auch in hohem Maße von einer Leseecke profitiert haben, diese tut es eben nicht, also kritisch hinterfragen und weg damit.

So, das war ein kleiner Einblick in unseren Vormittag. Vielleicht war es für den ein oder anderen Leser interessant. Zumindest hoffe ich das, ansonsten bleibt mir nur die Aufmunterung, dass auch wieder andere Artikel kommen werden. Vielleicht fotografiere ich ja nächste Woche meinen Kleiderschrankinhalt!? Mir schwebt für den November ein Capsule Wardrobe -Thema vor. Haha, da werden sich manche sicher ganz schrecklich langweilen, aber die Bedeutung anständiger Lehrergarderobe wird meiner Meinung nach in der Öffentlichkeit immer noch zu wenig gewürdigt. Möglicherweise sollte ich hier dringend für Abhilfe schaffen, wenn es sonst schon keiner tut. Ich gehe in mich!

Bis dahin herzlichste Herbstgrüße

Frau Weh

Kürbiskuchen

Ferien. Alle chillen.

So auch das größere der Wehwehchen. Es tut dies, indem es Klötzchen auf Klötzchen stapelt, Monster spawnt oder Obsidian generiert. Mir persönlich wird es ja schnell übel, wenn ich länger als unbedingt nötig auf die sparsame 3D-Grafik von Minecraft schaue, aber das Wehwehchen ist absolut gefangen vom Mikrokosmos, dessen Charme aus der kreativen Kombination würfelförmiger Blöcke besteht. Ein bisschen wie Lego, allerdings staubt nichts zu. Immerhin dies ein unbestreitbarer Vorteil.

Auch wenn der Herbst sich an diesem Morgen weniger golden als grau zeigt, leuchtet mir ein orangerotes Gebilde vom Bildschirm entgegen, das sofort meine Aufmerksamkeit erregt. “Ist das etwa ein … Kürbiskuchen?”, frage ich erstaunt und bekomme umgehend eine begeisterte Bauanleitung (“Voll cool, Mama, du brauchst nur ein Kürbis, ein Ei und ein Zucker.” Da zieht sich mein Deutschlehrerinnengen zusammen und krümmt sich!). Das Wehwehchen freut sich hingegen ob des unerwarteten Interesses und stellt umgehend 20 Kürbiskuchen her, die in ihrer Pixeligkeit kaum zu ertragen sind und ganz sicher keine Ähnlichkeit mit dem traditionellen amerikanischen Backwerk zeigen. Bevor das Kind mir aber nun lang und breit die Vorzüge einer Kürbisfarm schildert, verlasse ich den Raum Richtung Küche, um eine deutlich ästhetischere (und wahrscheinlich auch leckerere) Variante des Kuchens zuzubereiten. Praktischerweise liegt im Kühlschrank nämlich noch ein halber Hokkaido, der auf Verarbeitung wartet.

(Es heißt übrigens Ho-KAI-do, nicht Hokka-IDO, wie ich lange fälschlicherweise annahm. Oder man nimmt Butternut, da stellt sich das Problem gar nicht erst.)

Lange Rede, kurzer Sinn, falls ihr Lust auf Kürbiskuchen habt, habe ich ein nettes Rezept.

Kürbiskuchen

Kürbiskuchen mit Zitronenrahm

Zutaten:

  • ein halber geriebener HokKAIdo oder Butternutkürbis
  • 320 g Zucker
  • 4 Bioeier
  • etwas Salz
  • 300 g Mehl
  • 2 TL Backpulver
  • eine halbe Tasse gehackte Wal- oder Haselnüsse
  • 1 EL Zimt
  • 160 ml Olivenöl

Zitronenrahm:

  • Saft einer halben Zitrone
  • abgeriebene Schale einer Biozitrone und einer Bioclementine (so man denn eine hat …)
  • 150 g Sauerrahm
  • 2 ordentliche EL Puderzucker
  • ein paar Tropfen Vanilleextrakt (Vanillemark geht auch super)
  • ein paar halbierte Walnüsse zur Deko

Die Zutaten nicht zu lange rühren, das macht den Kürbis matschig. Also alles flott vermengen und den Teig in eine mit Backpapier ausgelegte Springfom füllen. Meine Bäckerseele hat es übrigens beglückt zur Kenntnis genommen, dass es mittlerweile runde Backpapierzuschnitte gibt. Was für eine grandios einfache, aber geniale Erfindung! Diese Zeitersparnis! Hah! Aber zurück zum Kuchen: Ab damit in den auf 180° C vorgeheizten Backofen. Dort bleibt er ungefähr eine Stunde (Stäbchenprobe!). In der Zwischenzeit kann man den Zitronenrahm vorbereiten oder eine Runde aufs Laufband gehen, denn der Kuchen hat es in sich. Wahrlich ein echter Fall für Rollmopswäsche. Gut, dass ich vorgesorgt habe!

Kürbiskuchen

Wäre das hier jetzt ein wunderhübsch durchdesignter Foodblog, dann würden dieses Stück Kuchen jetzt noch ein paar Clementinen-Zesten zieren. Allerdings waren mir die Bioclementinen zu teuer, daher finden sich nun die letzten beiden Kumquats auf dem Foto wieder, um für farbenfrohen Kontrast zu sorgen.

Ach ja, der Kuchen ist nicht mit dem typischen Pumpkin Pie zu verwechseln, der ja mit Sahne und Kürbismus hergegestellt wird. Die Konsistenz bei unserem Rezept ähnelt mehr einem saftigen Karottenkuchen. Zitronenrahm passt super dazu, ich könnte mir allerdings auch sehr gut einen Guss mit dunkler Schokolade vorstellen. Da käme dann auch die Mopswäsche wieder mit ins Spiel.

Und wer keine Zeit zum Backen hat, macht es einfach so:

Sind wir nicht alle ein bisschen Bridget?

It starts in my toes, makes me crinkle my nose…

Es ist Ferienzeit und obgleich auf meiner Nase ein vorwitziger Pickel prangt, befinde ich mich in einem Zustand heiterer Gelöstheit. Vielleicht liegt es daran, dass das Miniweh ganz normal in den Kindergarten geht und das größere Wehwehchen ein paar Tage außerhäusig ist, was bedeutet, dass ich ganz wirklich und wahrhaftig FREI habe. Hah, das fühlt sich gut an.

Dennoch flüchte ich am frühen Morgen vor der plötzlichen Stille im Haus zum Einkaufen, um zwischen Süßkartoffeln und Currypaste erste, zarte Pläne zu schmieden. Neben den Dingen, die unbedingt sein müssen, will ich ein paar Bücher lesen, den Inhalt des Gefrierschranks verkochen und mindestens 3 verschiedene Coleslaw-Rezepte ausprobieren bis ich das ultimative gefunden habe (Tipps werden gerne entgegen genommen!). Ich möchte Freunde treffen und Kürbissuppe essen, zum Friseur gehen und endlich für Herbstbepflanzung im Garten sorgen.

Inmitten dieser erfreulichen Gedanken, bemerke ich plötzlich, dass die von uns bevorzugten Nudeln im Angebot sind und greife mir 5 Kilo. Hätte ich mal bloß einen Einkaufswagen genommen. Geradeso erblicke ich über die oberste Packung hinweg eine Etage tiefer einen Ständer mit bordeauxfarbenen Tops. Glückstag, denke ich, danach suche ich schon eine ganze Weile, habe ich da doch ein paar Kleider, deren Ausschnitte rattenscharf nicht wirklich schulangemessen ausfallen. Zufrieden fummele ich mir die passende Größe vom Haken und balanciere meine Errungenschaften zur Kasse. Zuhause angekommen stelle ich fest, dass es sich bei dem Hemdchen um sogenannte Shapewear handelt. (Und ich habe mich schon gewundert, dass es so klein ausfällt. Diese Shapewear ist offensichtlich so gut, dass sie sich selber kleiner schrumpft. Sicher ein beeindruckendes Gütezeichen!) Ich also raus aus den Plünnen, rein in das Wunderteil und vor den Spiegel gehüpft. Was soll ich sagen? Es krinkelt schon wieder bedenklich in meiner Nase – ich sehe aus wie ein Rollmops. Ein bordeauxfarbener Rollmops mit beeindruckend schmaler Taille zwar, aber oben und unten? Rollmops! Und ich kriege Hitzewallungen. Vermutlich verbridgetjonese ich gerade. Aber der Ausschnitt … ja, der ist jetzt wirklich züchtig. Da kann man nichts gegen sagen. Nur was ist mit der Rolle über der Hüfte? Muss das so? Was genau macht Shapewear eigentlich? Masse umverteilen? Masse zusammenpressen? Denn verschwinden kann sie ja nicht einfach so, das widerspricht doch jeglichen Naturgesetzen. Nicht, dass Physik jemals ein Lieblingsfach von mir war, mitnichten. Aber soweit habe ich dann doch aufgepasst.

Mit etwas Mühe knete ich das Röllchen von unten nach oben, zuppele die ganze Angelegenheit noch eine Weile hin und her und – Überraschung! – da ist auch wieder Ausschnitt zu sehen. Und zwar … deutlich mehr davon als sonst. Irgendetwas mache ich hier ganz entschieden falsch. Oder habe ich mangels genauem Hinsehen vielleicht die Oktoberfest-Variante erwischt? Die für die atemberaubenden Kurven? Na, Herr Weh wird sich freuen. Doch mir rinnt die Zeit durch die Finger, das Miniweh muss abgeholt werden. Also werfe ich eine Schicht über das Bollwerk und eile schnellen Schrittes zum Kindergarten. Aha, denke ich, als mir auf halber Strecke die Luft knapp wird, das fühlt sich in der Tat atemberaubend an. Gut, wenn ich da nachher wieder rauskomme.

Im Kindergarten angekommen wirft sich das Miniweh in meine Arme und arbeitet sich sofort neugierig am neu modellierten Körper entlang. “Mama! Was ist denn das!? Du hast da was ganz Komisches!”

“Pschschsch”, antworte ich, mich pikiert umschauend. Muss ja nicht jeder von meiner Mogelwäsche erfahren! Aber zu spät, das Miniweh ist bereits im Informationsmodus und brüllt quer durch den Gang.

“Guck mal, Jason, meine Mama hat da voll die tolle Rolle zum Kuscheln über dem Po!”

Jason nickt anerkennend, während sich die Umstehenden mühsam das Lachen verbeißen.

“Na, probierst du in den Ferien mal was Neues?”, grinsend schiebt sich eine befreundete Mutter näher heran, um meine verunglückte Hüftregion in Augenschein zu nehmen.

“Jaaa”, nicke ich wage um Fassung bemüht, “ich bin mitten in einem wichtigen Marktforschungsprojekt. Es handelt sich um Funktionswäsche für bloßgestellte Mütter. Da ist extra eine Pufferzone eingebaut!”