Unser Morgen

Die neue Schule – die sich schon gar nicht mehr so neu für mich anfühlt – arbeitet deutlich kindorientierter als meine vorherige. Die Klingel ist abgestellt und signalisiert lediglich die Pausen. Der Unterrichtsbeginn ist offen und startet jeden Morgen mit Freiarbeit. Im Unterricht gilt das Klassenlehrerprinzip, sodass ich mit 18 Stunden bei den Erstklässlern eingesetzt bin. Da ich in der Vergangenheit keine eigene Klasse mit mehr als 12 Stunden führen konnte, empfinde ich diese Tatsache als ungemein entspannend, ermöglicht sie mir es doch, den Vormittag wesentlich umfassender zu gestalten, als ich es mit meinen bisherigen Klassen konnte. Dass eine Lerngruppe hiervon profitiert, stelle ich derzeit täglich fest. Noch keins meiner 1. Schuljahre war zu diesem frühen Zeitpunkt so verhaltenssicher, was Regeln, Ordnung und tägliche Abläufe anbelangt.

Wie sieht er nun aus, so ein typischer Morgen bei den Erstklässlern?

Die Kinder trudeln zwischen 7.30 Uhr und 8.00 Uhr ein. Sie sagen hallo, wechseln die Schuhe und machen dann einen Strich an der Tafel. Diese Strichliste üben wir seit ein paar Wochen, ich meine den Tipp in einem Kommentar im Lernstübchen gelesen zu haben. (Liebe unbekannte Kommentatorin, solltest du dies hier ebenfalls lesen, dann sei dir meines Dankes sicher, deine Idee ist einfach und großartig!) Anschließend werden die Hausaufgaben in das dafür vorgesehene Ablagefach geräumt und Arbeits- oder Korrekturmaterial aus dem eigenen Fach herausgenommen. Jedes Kind verfügt über ein Schubladenfach, in das ich je nach Leistungsstand Material oder den Hinweis auf entsprechende Freiarbeitsmaterialien lege. Es gilt die Regel “Fach vor Freiarbeit”, was bedeutet, dass zunächst zwei vorgegebene Aufgaben bearbeitet werden müssen, bevor die Kinder ihre eigene Auswahl treffen. Mir ist klar, dass diese Arbeitsweise nicht der reinen Definition von Freiarbeit entspricht, sie ist für mich und mein Unterrichten aber der gefundene Mittelweg zwischen Kontrolle und Vertrauen. Denn es gilt nicht nur generell, sondern insbesondere für Erstklässler: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist … ihr wisst schon.

In dieser Unterrichtsphase bin ich frei für einzelne Kinder oder kleinere Gruppen. Ich führe Material ein, stehe für Leseversuche zur Verfügung oder fördere gezielt einige Kinder nach Plan. Manchmal halte ich aber auch einfach ein kleines Schwätzchen mit einem Kind, bewundere neue Schuhe oder beobachte die Klasse. (Ich gebe zu, dass mir dabei manchmal ein zufriedenes Lächeln übers Gesicht huscht. Aber, hey, man wird sich seiner Arbeit wohl auch gelegentlich erfreuen dürfen!)

Freiarbeit – und danach?

Die Freiarbeitsphase endet mit einer festen Musik, woraufhin die Erstklässler das Material wegräumen und sich mit einem Teppich in den Kreis setzen. Die Bänke, die sich noch in meiner Ursprungsplanung befanden, mussten weichen – es war einfach zu eng. Im Kreis begrüße ich die Klasse noch einmal zusammen und dann wird eine ganze Zeit gesungen. Anschließend betrachten wir interessiert die Strichliste und freuen uns darüber, wenn sie lesbar ist und sogar die richtige Anzahl Kinder aufweist. Dies war in den letzten Wochen allerings erst viermal der Fall. Ansonsten scheint meine Kinderanzahl zwischen 17 und 45 zu schwanken. Tatsächlich fühlt es sich an manchen Tagen sogar nach noch mehr an. Tja.

Danach besprechen wir den Verlauf der Freiarbeitsphase. Gab es Probleme? Wie war die Lautstärke? Konnten alle gut arbeiten? Gibt es Materialwünsche? Dies mache ich von Anfang an, mittlerweile ist es eine kurze Abfrage und benötigt kaum mehr Zeit. Ich kontrolliere, ob alle Kinder ihre Hausaufgaben im vorgesehenen Fach abgelegt haben und erläutere die Tagestransparenz. Je nach Planung nutze ich den Rest der 2. Stunde noch für eine Einführung oder Übungsphase. Auch hier gilt, dass die hohe Anzahl an Klassenlehrerstunden eine größtmögliche Flexibilität ermöglicht.

Frühstück mit pädagogischen Hintergedanken

Die Frühstückszeit verpassen die Erstklässler bei allem Eifer dann aber doch nicht. Alles wird vom Tisch geräumt, der Kakaodienst beginnt mit seiner Arbeit und ich lese vor. Der Gruppentisch, der bis zu diesem Zeitpunkt am ruhigsten gearbeitet hat, wird zum Bullerbü-Tisch des Tages gekürt und genießt das unerhörte Privileg, die Bilder im Buch vor allen anderen gezeigt zu bekommen. Tatsächlich ist dieser Anreiz so groß, dass ich keinerlei weitere Belohnungssysteme einführe. Noch sind sie wirklich heiß darauf. Das tägliche Vorlesen halte ich persönlich übrigens neben einer guten Buchauswahl in der Klasse für den besten Lesemotivator. Lesen ist einfach großartig! Das lernen die Erstklässler schnell. Dann ist auch schon Pause und der erste Teil des Tages für die Kinder geschafft.

Und was bringt es?

Ich empfinde diese klare Struktur des Morgens als absoluten Gewinn. Die Kinder haben schon früh den Ablauf verinnerlicht und so ein gutes Zeitempfinden entwickelt. Ich selber habe durch den offenen Anfang mehr Möglichkeiten, mit einzelnen Kindern ins Gespräch zu kommen, ohne dass der Unterrichtsablauf dadurch verzögert würde. Selbst Überraschungsbesuche von Postbote, Getränkelieferant oder Hausmeister stören das Geschehen nicht. Es ist das erste Mal, dass ich mit einem so hohen Anteil von Öffnung arbeite. Dementsprechend üppig waren meine anfänglichen Zweifel gesät, ob ich die wirklich große Lerngruppe im Blick halte. Wie schnell rutscht ein Kind durch das System! Dadurch, dass ich aber trotz konvergenter Differenzierung keine komplette Individualisierung anstrebe und somit auch das Arbeitsmaterial (in unserem Fall Flex und Flo sowie Flex und Flora) nicht zur Gänze freigebe, entschärft sich diese Sorge Stück für Stück. An anderer Stelle hatte ich bereits geschrieben, dass ich sehr viel nachsehe. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass dies für mich der richtige Weg ist, denn darauf baue ich neben der Unterrichtsplanung auch die Arbeitspläne der Kinder auf. Ganz davon abgesehen schafft dieser Aufwand eine sehr gute Basis für Elterngespräche. Die meisten Eltern schätzen diese Arbeit sehr wohl.

Evaluation?

Das Freiarbeitsmaterial, das ich nutze, ist auf Zweckmäßigkeit und Effektivität hin ausgesucht und wird (auch wenn es mir weh tut, wenn viele Stunden Arbeit darinstecken) regelmäßig auf seinen Nutzen überprüft. Tatsächlich passiert es mir gelegentlich, dass ich ein Material anschaffe, weil ich selber es schön finde. Leider ist dies nicht unbedingt ein sinnvolles Kriterium für ein Arbeitsmaterial. Ein ähnliches Schicksal ereilte nun auch zu meiner Überraschung die Leseecke, für mich ein ganz wichtiges Element in einer Eingangsklasse. Tatsächlich haben die Erstklässler sie nicht so angenommen, wie ich es gedacht hätte. Schon als Rückzugsort, aber nicht als Arbeitsplatz. Das dort lagernde Material war nicht genug im Blickfeld. Da der Raum begrenzt ist und ich um jeden Quadratzentimeter kämpfe, habe ich die Ecke in den Ferien aufgelöst und das Material neu sortiert. Tataaa, nun arbeiten die Erstklässler damit. Versteh einer die Kinder!

Regelmäßige Evaluation halte ich für unverzichtbar. Kein Material, kein Konzept und keine Methode ist in Stein gemeißelt. Mögen die letzten drei Klassen auch in hohem Maße von einer Leseecke profitiert haben, diese tut es eben nicht, also kritisch hinterfragen und weg damit.

So, das war ein kleiner Einblick in unseren Vormittag. Vielleicht war es für den ein oder anderen Leser interessant. Zumindest hoffe ich das, ansonsten bleibt mir nur die Aufmunterung, dass auch wieder andere Artikel kommen werden. Vielleicht fotografiere ich ja nächste Woche meinen Kleiderschrankinhalt!? Mir schwebt für den November ein Capsule Wardrobe -Thema vor. Haha, da werden sich manche sicher ganz schrecklich langweilen, aber die Bedeutung anständiger Lehrergarderobe wird meiner Meinung nach in der Öffentlichkeit immer noch zu wenig gewürdigt. Möglicherweise sollte ich hier dringend für Abhilfe schaffen, wenn es sonst schon keiner tut. Ich gehe in mich!

Bis dahin herzlichste Herbstgrüße

Frau Weh

Kürbiskuchen

Ferien. Alle chillen.

So auch das größere der Wehwehchen. Es tut dies, indem es Klötzchen auf Klötzchen stapelt, Monster spawnt oder Obsidian generiert. Mir persönlich wird es ja schnell übel, wenn ich länger als unbedingt nötig auf die sparsame 3D-Grafik von Minecraft schaue, aber das Wehwehchen ist absolut gefangen vom Mikrokosmos, dessen Charme aus der kreativen Kombination würfelförmiger Blöcke besteht. Ein bisschen wie Lego, allerdings staubt nichts zu. Immerhin dies ein unbestreitbarer Vorteil.

Auch wenn der Herbst sich an diesem Morgen weniger golden als grau zeigt, leuchtet mir ein orangerotes Gebilde vom Bildschirm entgegen, das sofort meine Aufmerksamkeit erregt. “Ist das etwa ein … Kürbiskuchen?”, frage ich erstaunt und bekomme umgehend eine begeisterte Bauanleitung (“Voll cool, Mama, du brauchst nur ein Kürbis, ein Ei und ein Zucker.” Da zieht sich mein Deutschlehrerinnengen zusammen und krümmt sich!). Das Wehwehchen freut sich hingegen ob des unerwarteten Interesses und stellt umgehend 20 Kürbiskuchen her, die in ihrer Pixeligkeit kaum zu ertragen sind und ganz sicher keine Ähnlichkeit mit dem traditionellen amerikanischen Backwerk zeigen. Bevor das Kind mir aber nun lang und breit die Vorzüge einer Kürbisfarm schildert, verlasse ich den Raum Richtung Küche, um eine deutlich ästhetischere (und wahrscheinlich auch leckerere) Variante des Kuchens zuzubereiten. Praktischerweise liegt im Kühlschrank nämlich noch ein halber Hokkaido, der auf Verarbeitung wartet.

(Es heißt übrigens Ho-KAI-do, nicht Hokka-IDO, wie ich lange fälschlicherweise annahm. Oder man nimmt Butternut, da stellt sich das Problem gar nicht erst.)

Lange Rede, kurzer Sinn, falls ihr Lust auf Kürbiskuchen habt, habe ich ein nettes Rezept.

Kürbiskuchen

Kürbiskuchen mit Zitronenrahm

Zutaten:

  • ein halber geriebener HokKAIdo oder Butternutkürbis
  • 320 g Zucker
  • 4 Bioeier
  • etwas Salz
  • 300 g Mehl
  • 2 TL Backpulver
  • eine halbe Tasse gehackte Wal- oder Haselnüsse
  • 1 EL Zimt
  • 160 ml Olivenöl

Zitronenrahm:

  • Saft einer halben Zitrone
  • abgeriebene Schale einer Biozitrone und einer Bioclementine (so man denn eine hat …)
  • 150 g Sauerrahm
  • 2 ordentliche EL Puderzucker
  • ein paar Tropfen Vanilleextrakt (Vanillemark geht auch super)
  • ein paar halbierte Walnüsse zur Deko

Die Zutaten nicht zu lange rühren, das macht den Kürbis matschig. Also alles flott vermengen und den Teig in eine mit Backpapier ausgelegte Springfom füllen. Meine Bäckerseele hat es übrigens beglückt zur Kenntnis genommen, dass es mittlerweile runde Backpapierzuschnitte gibt. Was für eine grandios einfache, aber geniale Erfindung! Diese Zeitersparnis! Hah! Aber zurück zum Kuchen: Ab damit in den auf 180° C vorgeheizten Backofen. Dort bleibt er ungefähr eine Stunde (Stäbchenprobe!). In der Zwischenzeit kann man den Zitronenrahm vorbereiten oder eine Runde aufs Laufband gehen, denn der Kuchen hat es in sich. Wahrlich ein echter Fall für Rollmopswäsche. Gut, dass ich vorgesorgt habe!

Kürbiskuchen

Wäre das hier jetzt ein wunderhübsch durchdesignter Foodblog, dann würden dieses Stück Kuchen jetzt noch ein paar Clementinen-Zesten zieren. Allerdings waren mir die Bioclementinen zu teuer, daher finden sich nun die letzten beiden Kumquats auf dem Foto wieder, um für farbenfrohen Kontrast zu sorgen.

Ach ja, der Kuchen ist nicht mit dem typischen Pumpkin Pie zu verwechseln, der ja mit Sahne und Kürbismus hergegestellt wird. Die Konsistenz bei unserem Rezept ähnelt mehr einem saftigen Karottenkuchen. Zitronenrahm passt super dazu, ich könnte mir allerdings auch sehr gut einen Guss mit dunkler Schokolade vorstellen. Da käme dann auch die Mopswäsche wieder mit ins Spiel.

Und wer keine Zeit zum Backen hat, macht es einfach so:

Sind wir nicht alle ein bisschen Bridget?

It starts in my toes, makes me crinkle my nose…

Es ist Ferienzeit und obgleich auf meiner Nase ein vorwitziger Pickel prangt, befinde ich mich in einem Zustand heiterer Gelöstheit. Vielleicht liegt es daran, dass das Miniweh ganz normal in den Kindergarten geht und das größere Wehwehchen ein paar Tage außerhäusig ist, was bedeutet, dass ich ganz wirklich und wahrhaftig FREI habe. Hah, das fühlt sich gut an.

Dennoch flüchte ich am frühen Morgen vor der plötzlichen Stille im Haus zum Einkaufen, um zwischen Süßkartoffeln und Currypaste erste, zarte Pläne zu schmieden. Neben den Dingen, die unbedingt sein müssen, will ich ein paar Bücher lesen, den Inhalt des Gefrierschranks verkochen und mindestens 3 verschiedene Coleslaw-Rezepte ausprobieren bis ich das ultimative gefunden habe (Tipps werden gerne entgegen genommen!). Ich möchte Freunde treffen und Kürbissuppe essen, zum Friseur gehen und endlich für Herbstbepflanzung im Garten sorgen.

Inmitten dieser erfreulichen Gedanken, bemerke ich plötzlich, dass die von uns bevorzugten Nudeln im Angebot sind und greife mir 5 Kilo. Hätte ich mal bloß einen Einkaufswagen genommen. Geradeso erblicke ich über die oberste Packung hinweg eine Etage tiefer einen Ständer mit bordeauxfarbenen Tops. Glückstag, denke ich, danach suche ich schon eine ganze Weile, habe ich da doch ein paar Kleider, deren Ausschnitte rattenscharf nicht wirklich schulangemessen ausfallen. Zufrieden fummele ich mir die passende Größe vom Haken und balanciere meine Errungenschaften zur Kasse. Zuhause angekommen stelle ich fest, dass es sich bei dem Hemdchen um sogenannte Shapewear handelt. (Und ich habe mich schon gewundert, dass es so klein ausfällt. Diese Shapewear ist offensichtlich so gut, dass sie sich selber kleiner schrumpft. Sicher ein beeindruckendes Gütezeichen!) Ich also raus aus den Plünnen, rein in das Wunderteil und vor den Spiegel gehüpft. Was soll ich sagen? Es krinkelt schon wieder bedenklich in meiner Nase – ich sehe aus wie ein Rollmops. Ein bordeauxfarbener Rollmops mit beeindruckend schmaler Taille zwar, aber oben und unten? Rollmops! Und ich kriege Hitzewallungen. Vermutlich verbridgetjonese ich gerade. Aber der Ausschnitt … ja, der ist jetzt wirklich züchtig. Da kann man nichts gegen sagen. Nur was ist mit der Rolle über der Hüfte? Muss das so? Was genau macht Shapewear eigentlich? Masse umverteilen? Masse zusammenpressen? Denn verschwinden kann sie ja nicht einfach so, das widerspricht doch jeglichen Naturgesetzen. Nicht, dass Physik jemals ein Lieblingsfach von mir war, mitnichten. Aber soweit habe ich dann doch aufgepasst.

Mit etwas Mühe knete ich das Röllchen von unten nach oben, zuppele die ganze Angelegenheit noch eine Weile hin und her und – Überraschung! – da ist auch wieder Ausschnitt zu sehen. Und zwar … deutlich mehr davon als sonst. Irgendetwas mache ich hier ganz entschieden falsch. Oder habe ich mangels genauem Hinsehen vielleicht die Oktoberfest-Variante erwischt? Die für die atemberaubenden Kurven? Na, Herr Weh wird sich freuen. Doch mir rinnt die Zeit durch die Finger, das Miniweh muss abgeholt werden. Also werfe ich eine Schicht über das Bollwerk und eile schnellen Schrittes zum Kindergarten. Aha, denke ich, als mir auf halber Strecke die Luft knapp wird, das fühlt sich in der Tat atemberaubend an. Gut, wenn ich da nachher wieder rauskomme.

Im Kindergarten angekommen wirft sich das Miniweh in meine Arme und arbeitet sich sofort neugierig am neu modellierten Körper entlang. “Mama! Was ist denn das!? Du hast da was ganz Komisches!”

“Pschschsch”, antworte ich, mich pikiert umschauend. Muss ja nicht jeder von meiner Mogelwäsche erfahren! Aber zu spät, das Miniweh ist bereits im Informationsmodus und brüllt quer durch den Gang.

“Guck mal, Jason, meine Mama hat da voll die tolle Rolle zum Kuscheln über dem Po!”

Jason nickt anerkennend, während sich die Umstehenden mühsam das Lachen verbeißen.

“Na, probierst du in den Ferien mal was Neues?”, grinsend schiebt sich eine befreundete Mutter näher heran, um meine verunglückte Hüftregion in Augenschein zu nehmen.

“Jaaa”, nicke ich wage um Fassung bemüht, “ich bin mitten in einem wichtigen Marktforschungsprojekt. Es handelt sich um Funktionswäsche für bloßgestellte Mütter. Da ist extra eine Pufferzone eingebaut!”

 

Initialzündung

Ich bin nicht gut in Mondphasen oder so. Ich kriege auch nie mit, wie das Wetter wird oder wie es gerade um die Kontinentaldrift steht. Aber heute – ich habe es gespürt! – muss irgendwo irgendwas geschehen sein, denn Großes ist passiert: Das Lesen hat begonnen!

Der kleine Nick ist ein stiller Junge. Einer von der Sorte, die man im Wust leicht übersehen kann, drückt er sich während der individuellen Lernzeit zwischen den Regalen herum, nimmt dies in die Hand oder jenes, findet aber kein Material, das ihm zuruft beschäftige dich mit mir! Dieses Umstand beobachte ich seit Schulbeginn. Ich lasse ihn noch gewähren, doch immer wieder spiele ich mit ihm gemeinsam und zeige die Möglichkeiten, die sich ihm versteckt in kleinen blauen und roten Schachteln eröffnen könnten. Freundlich und geneigt holt er dann zwei Teppiche, legt sie sorgsam auf den Boden und lässt sich anleiten. Doch nach dem Spiel ist es wie vorher, er zeigt keine Eigeninitiative und beobachtet lieber das Geschehen.

Heute gebe ich ihm sein Lies Mal-Heft, erkläre das Verschleifen der Buchstaben und bereits bei den ersten kurzen Wörtern, die er zu erlesen versucht, sehe ich die Veränderung in seinem feinen, ruhigen Gesicht.

“B – U – S. Das heißt … Bus!”, noch ein wenig ungläubig schaut er mich an, als könne er den Umstand nicht fassen, dass gerade er dieses Wort gelesen hat. Doch die Freude wartet schon an der Nasenwurzel, rutscht herunter und bringt die Sommersprossen zum Leuchten.

“Super, Nick, das nächste!”, ermuntere ich ihn und freue mich mit ihm. Es ist einer dieser besonderen Momente, wenn ein Kind zu lesen beginnt. Mir als Lehrerin und Leserin ist bewusst, dass dies der Moment ist, in dem sich – ganz langsam und verhalten noch, aber unumstößlich – die Tür zu einer neuen Welt öffnet. Als Fernsehkind der 80er habe ich dieses eine Bild vor Augen: Ein Kind läuft mit seinem Ball auf ein Tor zu und als es sich öffnet, öffnet sich Weite. Noch ist sie leer und es ist nicht klar, was geschehen wird. Aber klar ist auch, dass dieses Kind nicht mehr umdrehen sondern sich den Raum erschließen wird, der sich dort auftut.

Nick liest und liest und liest.

In den nächsten 30 Minuten arbeitet er sich durch 8 Seiten in seinem Heft und wächst mit jedem Wort und jedem Lob. Als er wieder zu mir flitzt, um mir eine Seite zu zeigen, schaue ich ihn an und sage: “Herzlichen Glückwunsch, Nick, du bist jetzt ein Leser!” Ich sehe, wie er sich freut und ein wenig rot wird. “Ich würde dich gerne einmal drücken”, und kaum, dass die Worte gesprochen sind, hüpft er schon in meine Umarmung. Wir dücken uns fest, ganz der Tatsache bewusst, dass dies ein erinnerungswürdiger Moment ist, den wir hier gerade teilen. Das bleibt auch den anderen Erstklässlern nicht verborgen, die den Umstand, dass der kleine, unscheinbare Nick nun ein Leser ist, sofort weitergeben und spontan beklatschen. Leistung ist nicht anstößig im 1. Schuljahr sondern etwas, was was zu erreichen eigenes, unumstößliches Ziel darstellt.

Und dann geht es los.

“Darf ich auch mit Lies Mal anfangen?”

“Ich möchte auch!”

“Ich auch!”

Am Ende des Vormittages wurden aus vier frühen Lesern 23, die dem Gedruckten zum Teil noch mühsam Buchstabe für Buchstabe abtrotzen, aber der Stein ist ins Rollen gebracht, zurück geht es nicht mehr. Da ist es mir auch kein bisschen peinlich zuzugeben, dass ich ein paar Mal Tränen in den Augen hatte. Denn das hatte ich. Was für ein Herbstferiengeschenk!

Saumselig, aber satt und zufrieden!

Oh, ich bin saumselig, ich weiß! Aber es ist nun einmal so, dass ich abends furchtbar geschafft bin, und wenn dann irgendwann alle Schreibtischarbeiten hinter mir liegen, kann ich höchstens noch wie ein Apfel auf das Sofa plumpsen. Ans Bloggen ist da nicht mehr zu denken, ich bitte um Verständnis.

29 Kinder sind – ich werde nicht müde, mich darüber zu echauffieren – wirklich sehr, sehr viele. Noch viel größer ist allerdings die Menge an Arbeitsheften und Schnellheftern, die ich freitags nach Hause schleppe, um sie dann Seite für Seite nachzusehen. (Nur am Rande möchte ich den wirklich witzigen Vater erwähnen, der mich beim Schulfest letzte Woche ansprach, um mir seinen Respekt auszudrücken. Nein, nicht für das wochenendliche Arbeitspensum. Er zeigte sich vielmehr beeindruckt davon, dass ich den von ihm absichtlich eingebauten Fehler in den Hausaufgaben seiner Tochter tatsächlich gefunden habe. O-Ton: “Ich wollte mal sehen, ob Sie wirklich alles nachsehen. Sie machen das ja echt!” Ja, da habe ich mich sehr anstrengen müssen um nicht unflätig wirklich drüber gefreut. So ein Scherzkeks, ein ulkiger.)

Die Woche war überhaupt stramm. Das Miniweh hat im Kindergarten eine Nestschaukel mit dem Kopf auszubremsen versucht. Die daraufhin gewachsene Beule wies galaktische Ausmaße und eine wirklich hübsche Blaufärbung auf. Dass das arme Ding beim nächtlichen Sturz aus dem Bett auf genau dieser Stelle landen musste, ist nur noch mit Pech zu beschreiben. Allerdings kam dann beim Kühlen im Badezimmer noch eine späte Wespe und ein Stich ins Knie dazu. “Mist-Scheiß-Aa!”, brüllte das Kind und ich konnte es ihm beim besten Willen nicht verdenken, waren dies doch ungefähr die Worte, die auch Herrn Weh und mir durch den Kopf gingen. Da half nur noch der Trosteinsatz von Bügelperlen, über die gebeugt ich das Wochenende verbrachte wie Aschenputtel über der Erbsenschüssel. Allerdings ohne Tauben. Bügelperlen sind die Pest! Übertroffen nur noch von diesen hässlichen Plastikarmbändern, die sich trendige Kinder (und deren noch trendigere Mütter) seit geraumer Zeit häkeln. Wobei man die wenigstens nicht bügeln muss. Bügeln! Ich bügle (bügele?) nicht einmal meine Kleidung und nun schmelze ich bunten Sondermüll an. Verrückt.

Aber egal, ich wollte eigentlich mitteilen, dass ich statt zu bloggen in dieser Woche ein Buch, einen Film, ein Album, ein neues Kleid und eine Milliarde stressbedingter Kalorien geschafft habe. Nur um mal die zeitliche Relation zu klären, was man alles schaffen kann, wenn man mal nicht bloggt.

Gelesen: Gute Geister. Ein tolles Buch! Ich habe gelacht und geweint. Muss mir unbedingt den Film ansehen.

Gesehen: Lunchbox. Anrührend, romantisch und kulinarisch absolut ansprechend. (Daher die Milliarde Extrakalorien. Angeregt vom Film gab es diese Woche Curry satt. Die Wehwehchen betteln schon nach Nudeln. Naja, vielleicht morgen.)

Gekauft, nicht genäht: Oh My Marine Dress. Da ich Erstbesteller war, kam die Lieferung mit einem Lebkuchenherz, auf dem in Zuckerguss für immer stand. Jetzt haben sie mich. Ich LIEBE Lebkuchenherzen. Oh, ich liebe sie wirklich. Vielleicht bestelle ich noch einmal unter falschem Namen. Oder für jedes Wehwehchen einmal. Vielleicht finde ich ja auch etwas für Herrn Weh?

Gehört: Popschutz. Zu erwähnen, dass ich absoluter Stoppokfan bin, werde ich wirklich NIE müde. Schöne Scheibe, wenn auch keine Überraschungen, aber wer will die schon? Ich habe in dieser Woche mit den Erstklässlern in Kunst die Wasserfarben ausprobiert. Glaubt mir, ich möchte bis Weihnachten keine weiteren Überraschungen erleben! In vier Jahren muss ich unbedingt an die Aufnehmer denken!

Dass Wasser immer den direkten Weg nimmt, ist uns letzte Woche bereits wieder in Erinnerung gerufen worden. Da leckte nämlich ein Wasserrohr. Die Wand klafft übrigens immer noch offen, auch ist noch nicht entschieden, ob der Boden noch dran glauben muss. Nein, es wird nicht langweilig. Wie gut also, dass in NRW bereits in vier Tagen die Herbstferien beginnen. Ich glaube, ich habe sie dringend nötig … ;-)

Uns allen wünsche ich eine möglichst stressfreie Woche und, ja, ich gelobe Besserung mit der Schreiberei!

Herzliche Grüße

Frau Weh

Und irgendwo dazwischen …

 

Männchen malen

Familie

Kinderzeichnung

Männchen malen

Kinderzeichnung

… versuche ich 29 Erstklässlern gerecht zu werden.

Die Kinder machen sich gut. Sie finden sich in den Abläufen zurecht und werden schrittweise selbstständiger in ihrem Arbeitsverhalten. Nach der umfassenden Eingangsdiagnostik und dem regelmäßigen Nachsehen aller Arbeitsunterlagen habe ich das Gefühl einen sehr guten Überblick über den Leistungsstand der Kinder zu haben, der natürlich weit auseinander liegt und viele Höhen, aber auch viele Tiefen aufweist. Tatsächlich macht sich nach mehreren Durchgängen im 1. Schuljahr die Erfahrung einfach bemerkbar (das zum Trost der jüngeren Kolleginnen), aber um so härter trifft mich bisweilen die Ohnmacht, zwar genau zu wissen, wo die Schwierigkeiten einzelner Kinder liegen, und dennoch kaum Zeit zu haben, mich in Ruhe mit diesen Schülern hinzusetzen. Rein rechnerisch (was ja Quatsch ist, ich weiß) habe ich pro Kind am Tag knapp 6 Minuten zur Verfügung. De facto reicht es zwischendurch an manchen Tagen nicht einmal für eine persönliche Ansprache. Denn immer ist etwas: Kakaogeld wird eingesammelt, Zettel verteilt, Notizen von Eltern gelesen und beantwortet. All das kostet Zeit, die ich viel dringender für manche Kinder bräuchte. Überhaupt: Wie viel Entwicklungsverzögerung lässt sich in Minuteneinheiten beheben?

Nein, ich bin nicht resigniert, aber ich bin müde. Und ich bin es leid, dass unser Land Entscheidungen auf dem Rücken seiner Schüler und Lehrer fällt, die eine positive Lernentwicklung nicht nur nicht unterstützen sondern geradezu torpedieren. 29 Kinder in eine Eingangsklasse zu packen ist Wahnsinn und jeder, der das Gegenteil behauptet, sollte mal eine Woche hospitieren. Wie vielen Kindern kann wohl ein Schulpolitiker beim Einführen eines Buchstabens gleichzeitig die Hand führen?

Haarige Zeiten

Auf der Telefonnotiz, die ich nach dem Unterricht in meinem Fach finde, und auf der Samiras Mutter um Rückruf bittet, steht dringend mit drei Ausrufezeichen. Seufzend nehme ich mir das Telefon, eigentlich wollte ich vor der Heimkehr der Wehwehchen noch schnell ein paar Einkäufe erledigen. Es sollte Salat geben. Das schaffe ich jetzt schon gar nicht mehr. Aber vielleicht ist die Sache ja auch schnell geklärt.

Samiras Mutter hebt nach dem ersten Klingeln ab, offensichtlich besteht hier wirklich unaufschiebbarer Gesprächsbedarf. In verzweifeltem Tonfall erklärt sie mir, dass sich auf dem Kopf ihrer Tochter Ungeziefer eingenistet habe und sie gar nicht wisse, was sie jetzt tun wolle. “Zuerst einmal gehen Sie in die Apotheke.” Routiniert spule ich das schon so häufig getätigte Läuse-Infoprogramm ab, bestehend aus 50% Handlungsanweisungen (“Ja, sie wiederholen die Behandlung unbedingt nach 9 Tagen!”) und 50% Beruhigungen (“Sie schaffen das schon! Läuse sind ärgerlich, aber gut behandelbar.”). Ich will das Telefonat schon beenden, als ich merke, dass der Mutter am anderen Ende der Leitung noch etwas auf der Seele liegt. “Gibt es noch eine Sache, über die Sie mit mir reden möchten?”, frage ich also und hoffe insgeheim, dass sie verneinen möge. Vielleicht schaffe ich das mit dem Salat dann doch noch.

“Also da gibt es noch ein Problem.”

Pause.

“Jaha?”, hake ich nach. Ich kann nicht verhindern, dass meine Finger aufs Telefonregal trommeln.

“Ich habe auch Läuse.”

“Na dann benutzen Sie das Mittel aus der Apotheke einfach mit!” (Salat, ich komme!)

“Ähm…”

Pause.

“Jahaaa?” (Trommeltrommeltrommel.)

“Ich hab doch Ixtänschens! 150 Stück! Da krieg ich doch die Eier, diese Dingens, diese Nissen nicht raus.”

“Oh… ja dann… machen Sie vielleicht einen Termin beim Friseur Ihres Vertrauens aus?” Ich bin etwas überfragt. Das bisherige Läuse-Infoprogramm sah für Sonderfälle dieser Art keine Handlungsanweisungen vor.

“Nee, jaa. Ich dachte, ich frag erstmal Sie.”

Was? Wie? Für einen kurzen Moment sehe ich mich mit einem Stielkamm in Frau Niesweins toupierter Haarfülle herumstochern, verdränge das Bild aber schnell wieder.

“Also”, lache ich nervös auf, “das lassen Sie wohl besser Ihren Friseur machen.”

“Aber ich muss Sie doch erst fragen, ob die Samira dann morgen wohl mal mit in die Betreuung gehen kann. Denn bis die Haare raus und wieder rein sind, das dauert doch fünf Stunden.”