Abmeldung

Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare zum Thema Aufsicht, auch und besonders für die kritischen. Für mich macht einen guten Lehrer immer auch die Fähigkeit zur Eigenreflexion aus, daher freue ich mich über den Austausch auf dem blog. Fühlt euch frei, weitere Gedanken zu äußern, es ist und bleibt ein wichtiges Thema.

Jetzt aber möchte ich mich in die Osterferien verabschieden. Morgen wird es bei Oje, Frau Weh! noch einen Artikel geben, hier hingegen kehrt österliche Ruhe ein. Aber keinesfalls lasse ich euch in die Ferien ohne ein anständiges Waffelrezept zum Herz-, Nase-, Seele- und Bauchwärmen, oh nein! Also, sucht Rührschüssel und Waage heraus, es wird lecker!

Familie Wehs Lieblingswaffeln:

  • 200g Margarine
  • 150 g Zucker
  • 3 Eier
  • eine ordentliche Messerspitze geraspelte Vanille (ich habe so eine Gewürzmühle, ein Päckchen Vanillezucker geht zur Not auch)
  • 300g Mehl
  • 1 TL Bckpulver
  • 1/4 Liter Milch
  • wenn gewünscht: Schokostreusel zum Unterrühren

Das Rezept ergibt ungefähr 9 fluffige Herzwaffeln. Verzeiht die Abwesenheit eines speichelanregenden Fotos, aber die Wehwehchen waren schneller.

(Wie eigentlich immer.)

Ich wünsche euch ein frohes Osterfest, Sonne auf Haupt und Herz und überhaupt alles Gute!

Herzlichst, Frau Weh

 

Teachers leave them Kids alone

Abwechselnd The Clash und Pink Floyd im Ohr grübele ich seit ein paar Tagen über einen Leserkommentar nach, darin die leise Rüge, dass ich meine Klasse während des Unterrichts verlassen habe, und die Hoffnung, ich möge dies nicht regelmäßig tun.

Ich hätte dies gern ein wenig launisch und schmunzelnd mit einem schnellen Spruch abgetan, aber tatsächlich finde ich das Thema zu wichtig. Wie sieht es denn aus mit der Anwesenheit in deutschen Klassenzimmern?

Natürlich gibt es Gründe für ein Verlassen des Klassenraumes während des Unterrichts. Es gibt so Tage, da kommt man vor lauter Schulkram noch nicht einmal aufs Klo, geschweige denn in den Genuss eines Kaffees oder eines Gesprächs mit Menschen über 1,48 m. Im Gegensatz zu anderen Schulformen oder schlichtweg größeren Schulen haben meine Kolleginnen und ich nicht automatisch nach zwei oder drei Stunden Pause. Es sind Aufsichten zu führen, Kinder zu betreuen, Anrufe zu tätigen. An einem durchschnittlichen Konferenzmontag verbringe ich beispielsweise über 9 Stunden in der Schule ohne eine einzige richtige Pause. Klar kann ich in der Konferenz schnell etwas essen oder auch mal zur Toilette gehen, aber eine wirkliche Pause? Fehlanzeige.

Selbstverständlich lasse ich die Viertklässler nicht ständig allein – obwohl ich es (Vorsicht, reinstes Eigenlob!) mittlerweile könnte, sie sind gut eingenordet. Tatsächlich kommt es aber vor, dass ich ein Blatt im Unterricht nachkopiere, weil Sinans Meerschweinchen gefräßig oder Paulines kleine Brüder undicht waren. Auch flitze ich nach meiner Pausenaufsicht noch einmal schnell ins Lehrerzimmer, um in mein Fach zu sehen oder aktuelle Aushänge abzuzeichnen. In dieser Zeit lasse ich meine Klasse unbeaufsichtigt. Ja, da könnte natürlich etwas passieren. So wie fast überall und jederzeit.

Aber ich bin der Meinung, dass es dem Vertrauensverhältnis zwischen Klasse und Klassenlehrer durchaus zuträglich sein kann, wenn solche kurzen Momente möglich sind, ohne dass gleich die Hütte brennt. Wir reden hier über wenige Minuten, natürlich bleibe ich meiner Klasse nicht stundenlang fern, das versteht sich ja von selber.

Ganz nebenbei – und gedanklich völlig unsortiert – empfinde ich die Beaufsichtigungsdiskrepanz zwischen Kindergarten, Grundschule und weiterführender Schule als sehr groß. Zwei Beispiele aus Müttersicht:

  • Ich hole das Miniweh freitags früh ab. Auch wenn ich bereits gegen 12.15 Uhr im Kindergarten bin, so brauche ich doch geraume Zeit, es auf dem riesigen Kindergartengelände zu finden. Mal hockt es auf einem Baum, mal liegt es im Gebüsch, selten sitzt es im Sandkasten, aber oft in den Autoreifen hinter der Holzhütte. Klar sind da auch Erzieherinnen unterwegs, aber dem glücklichen Gesichtsausdruck des Miniwehs nach zu urteilen, tauchen sie eher selten im freien Spiel auf. Freiheit zu erfahren macht Kinder selbstständig und selbstbewusst. Freiheit zu erfahren bringt aber auch blaue Flecken und Splitter im Daumen mit sich. An allem wächst ein Kind.
  • Das größere Wehwehchen ist auf dem Gymnasium. Manchmal fällt Unterricht aus, nicht immer erscheinen die Lehrer pünktlich zum Unterricht in der Klasse. Es liegt zwangsläufig auch in der Eigenverantwortung der Kinder, wie sie damit umgehen. Das Wehwehchen für seinen Teil freut sich vermutlich über die gewonnenen Minuten, hält ein Schwätzchen mit seinen Nachbarn, brüllt präpubertären Blödsinn durch den Raum oder schludert schnell seine Hausaufgaben ins Heft.

Sowohl vor als auch nach der Grundschulzeit erfahren Kinder in ihrer jeweiligen Institution, wie es ist, unbeaufsichtigt zu sein. Ist eine permanente Aufsicht wirklich notwendig? Oder sollten wir entspannter damit umgehen? Ist eine dauerhafte Beaufsichtigung überhaupt realistisch?

Nein, ist sie nicht. Rechtlich ist die Aufsichtspflicht in der BASS (Bereinigte Amtliche Sammlung der Schulvorschiften) geregelt, darin heißt es u.a. “ständige Anwesenheit der Lehrkraft ist nicht in jedem Fall zwingend geboten.” Wen es interessiert, hier eine kurze Übersicht mit entsprechendem Fallbeispiel.

 

Wie ist eure Meinung dazu als Lehrer(in), wie als Eltern? Wie handhabt ihr die eigene Aufsichtspflicht oder wie wünscht ihr euch sie für eure Kinder?

Erwischt!

Einige von euch haben es ja bereits bemerkt und interessiert per E-Mail nachgefragt, ich blogge seit Kurzem einmal in der Woche ein bisschen fremd. Wer mal spinksen möchte, kann dies bei Oje, Frau Weh! gerne tun. Ich freue mich natürlich auch dort sehr über Kommentare. Hauptsächlich wird es im Blog um Familie (und Kekse) gehen, womit sich durchaus schon einige Zeit verbringen ließe. Da das Ganze als Projekt von stern.de stattfindet, habe ich eine reizende Redakteurin als Ansprechpartnerin an die Seite und einen eigenen Header designt bekommen. Es gibt so Grafikmenschen, die schütteln sich das einfach aus dem Ärmel. Knaller! (Dieser allerdings wird wohl nach meinen vielen, vielen Ideen und Wünschen vermutlich niemals auch nur einen einzigen Artikel lesen wollen… naja. Dafür sehen die Wehwehchen jetzt aus wie echt!) Außerdem gibt es dort auch einen gültigen RSS-Feed und Atome und das ganze moderne Tralala, das ich hier vermissen lasse. Ähem. Und das Ganze in minimalistischem Design – mir ist schon ganz modern zumute.

Hier an dieser Stelle geht es aber wie gewohnt kuschelig und rosa weiter, da steckt schließlich eine Menge drin!

So oder so, hier oder dort, seid mir herzlich willkommen!

Frau Weh

 

Pädagogische Inkontinenz

“Wissen Sie, Frau Rützelbach”, ich zwinge mich tief Luft zu holen, “diese Elternbriefe, die ich schreibe, sind tatsächlich nicht nur Kühlschrankdeko! Es wäre ganz sinnvoll, sie auch mal zu lesen!”

Mir platzt gerade die Hutschnur. Seit geraumer Zeit muss ich mich auf dem Flur von einer Mutter ganz besonderer Sorte ankeifen lassen, weil ich nach unendlich vielen erfolglosen Kontaktversuchen und unerhörten Bitten um Rückgabe eines Anmeldezettels nun Ernst mache und ihr Kind nicht mit auf den geplanten Ausflug nehme. Erst habe ich es mit Zuhören und ruhigem Erklären versucht. (Vergeblich.) Dann habe ich um Einsicht gebeten. (Fruchtlos.) Zu guter Letzt habe ich an ihre Verantwortung als Mutter appeliert. (Schwerer Fehler.) Wie ein angepikster Ballon braust Frau Rützelbach los und überhäuft mich seitdem mit Nettigkeiten, für die ich ihren Sohn dem Klassenrat überantworten würde.

Schon merke ich die verräterische Röte aus meinem Ausschnitt kriechen, die verlässlich den Siedepunkt des Blutes, den gesprächstaktisch so gefährlichen Point of no Return anzeigt, da mischt sich eine Kollegin ein: “Frau Weh, du musst mal dringend ans Telefon, das Schulamt.”

Ich blicke irritiert auf, gehe aber nach einem letzten Blick auf die impertinent weiterschimpfende Mutter ins Büro und nehme den Telefonhörer an mich. Nichts. Erregt will ich das Ding wieder auf die Gabel knallen, als ich höre, dass die Kollegin auf dem Flur die zuvor von mir attackierte Mutter zu beruhigen versucht. Unbeirrt hingegen versucht diese weiterhin die Welt über meine Frechheit, Arroganz und Unfähigkeit aufzuklären. Unterdessen betritt die weltbeste Sekretärin mit einem Stapel Kopien den Raum und lupft teilnahmsvoll die Brauen: “Schokolädchen, Mädchen?”

Ich nicke. Voller Mitgefühl hält sie mir einen Riegel hin. Gemeinsam kauend lauschen wir der Tirade, die in ungebremster Lautstärke und Vehemenz durch den Flur schallt, in der Lehrertoilette gegen die gekachelten Wände knallt und als verzerrtes Echo vermutlich noch im Nebengebäude zu hören ist. Soweit ist es also mit mir gekommen, dass ich mich im Sekretariat vor Eltern verstecke. Ich seufze tief.

Plötzlich halten die Sekretärin und ich im Kauen inne und reißen die Augen auf.

“Hat sie wirklich gerade gesagt, du seist pädagogisch inkontinent?”

Nach einer kurzen Schrecksekunde platzen wir beide heraus. “Wie geil ist das denn!?”, die Sekretärin verschluckt sich und ich muss ihr auf den Rücken klopfen. Lachtränen laufen ihr übers Gesicht und auch ich ringe um Fassung. Wie es draußen weitergeht, kann ich nicht mehr verfolgen, ich lehne mich an den Tresor und lasse mich von Lachen geschüttelt zu Boden sinken. Irgendwann kommt Frau Mandel grinsend ins Büro: “Ich habs geschafft, sie ist weg! Wo ist denn unsere nicht stubenreine Kollegin?”

Ich winke japsend hinterm Schreibtisch hervor und bedanke mich für die Rettung.

“Keine Ursache. Wir didaktischen Frauenleiden müssen doch zusammenhalten!”

Stadtgespräch

Die Streicher schnurren wie Kätzchen, die sich an die Beine schmiegen, während die Bläser lasziv herantapsen, das Bild von Fingerkuppen auf nackten Schultern heraufbeschwörend. Ein paar Lagen tiefer schmaucht der Bass in bester Slowfox-Manier. Über allem die scheinbar naivgefärbte Stimme von Eartha Kitt: “Birds do it, bees do it” – man meint den unschuldigen Augenaufschlag durch jede Note zu hören, während sie ganz sanft und überrascht davon erzählt, dass es in Boston sogar Bohnen tun! Gab es je eine hübschere Umschreibung von Sex? Denn man lasse sich nicht täuschen – auch wenn hier ganz untadelig davon gesungen wird, sich zu verlieben, geht es in diesem reizenden Cole Porter Song doch um das Eine. Und das tun neben romantischen Schwämmen, faulen Quallen und wohlerzogenen Flöhen eben alle. Also sollten wir es dann nicht einfach auch tun? Das hat Klasse. Da kann sich Lady Gaga gerne noch ein paar Pfund Gehacktes um die Hüfte werfen. Geh heim, Mädchen, und lerne von den großen Diven!

Ich habe mit dem Soundtrack von “Stadtgespräch” die erste April-CD im CD-Player und freue mich die ganze Fahrt über den Zufallstreffer. Da hört man Hüften zur Rumba schwingen und es wird fleißig ge-cha-cha-chat. Dean Martin und Della Reese raunen mir an der Ampel ins Ohr, woraufhin ich dem Fahrer im Lieferwagen neben mir neckisch zuzwinkere. Zwar ignoriert er dies beflissentlich, aber das trübt meine Laune kein Stück. Auch nach fast 20 Jahren (holla!) begeistert mich die Zusammenstellung der Stücke auf dem Soundtrack und ich singe fleißig mit, wohingegen ich den Inhalt des Filmes nicht mehr ganz so präsent habe. Es war eine der in den 90ern wie am Fließband produzierten deutschen Beziehungskomödien und mit Katja Riemann, Kai Wiesinger, Martina Gedeck und Moritz Bleibtreu topp besetzt. Ich weiß, ich hatte Spaß an dem Film und tatsächlich erinnere ich an der nächsten Ampel sogar noch ein Zitat. Der von Moritz Bleibtreu gespielte tumbe, aber gut gebaute Bodybuilder wird gefragt, warum auf seiner Brust keine Haare wären. Seine trockene Antwort: “Weil auf Stahl keine wachsen!” Wir Mädels haben gebrüllt im Kino. Ach ja… wir waren jung! Es war mein letztes Schuljahr, man durfte endlich Auto fahren und Kinobesuche waren montags abends mit 5,- DM Eintritt und einem im Preis inbegriffenen Bacardi Breezer Pflichprogramm.

Schöne Zeit, schöne CD.

Ballettschuhe

Als sich die Ladentür hinter mir schließt, ist es, als beträte ich mit dem Klingeln des Glöckchens eine andere Welt. In dem winzigen, nur schummrig erleuchteten Raum lässt sich keine freie Wandfläche ausmachen. Überall hängen Bühnenkostüme und Bilderrahmen mit Fotos und vergilbten Zeitungsausschnitten. An der linken Wand befindet sich ein Regal, angefüllt mit kleinen Schachteln, daneben eine Kleiderstange voller Tüllträume. Rechterhand steht ein kleiner Tresen, auf dem eine Registrierkasse prangt, die entweder aus dem Museum stammt, oder aber ihren Weg dorthin zweifelsohne bald antreten wird. Hinter dem Tresen ein Stühlchen, von dem nun eilfertig ein kleines, verhutzeltes Männlein aufspringt und mich nach meinen Wünschen fragt. Seine Stimme knistert wie das Seidenpapier, in das die Spitzenschuhe auf der Ladentheke eingewickelt sind.

Wie ich im Laufe unserer seltsamen Unterhaltung erfahre, ist der ganze Laden eine Hommage an seine Ehefrau, die vor vielen Jahren auf den Bühnen, den großen, getanzt hat und nach dem Rückzug aus der Öffentlichkeit eine Ballettschule betreibt. Bei genauerem Hinsehen erkenne ich nun auch, dass auf allen Fotos immer die selbe Frau abgebildet ist. Der alte Mann spricht ehrfurchtsvoll von ihr, der Ballerina, und vom Tanz, der großen Kunst.

Nach meiner Frage nach Ballettschuhen drängt er mich auf einen Stuhl und bedeutet mir, Schuhe und Strümpfe auszuziehen. Dann begutachtet der Alte meine Füße. Ich meine zu erkennen, dass er die Stirn leicht runzelt, sicher kann ich allerdings nicht sein, da alles an ihm in Altersfalten gelegt scheint. Wie alt er wohl sein mag? Seine aufrechte Haltung und der makellose Anzug können nicht darüber hinwegtäuschen, dass er die 70 wohl schon lange hinter sich gelassen hat. Vielleicht auch die 80.

Seine Frage, ob ich schon lange tanze, reißt mich aus meinen Überlegungen. Mir ist klar, dass es sich nach seinem Blick auf meine ungeschundenen Füße lediglich um eine rhetorische Frage handelt und so beantworte ich sie ehrlich und lasse ihn wissen, dass ich gerade erst am Anfang stünde.

“In Tanz, Sie müssen wissen, man befindet sich immer an Anfang!”, nickt er mir zu. “Es ist gut, dass Sie beginnen. Tanz ist Arbeit an Körper und Seele!” Er reicht mir ein Paar schwarzer Schläppchen, die ich über die bloßen Füße ziehen muss. Ich versuche alle Gedanken an Fußpilz zu verdrängen. “Die ersten Ballettschuhe”, sinniert er, “bleiben immer in Erinnerung.”

Ich zweifle etwas. “Die sitzen sehr eng.”, wage ich zu äußern. “Haben Sie die vielleicht noch eine Nummer größer?” Er schüttelt den Kopf milden Tadel im Blick. “Nein, die müssen sitzen so, damit Sie, wenn Sie machen Sprünge und Pirouettes, den Boden wieder spüren.” Bei all den Weisheiten, derer ich teilhaft werde, werde ich das Gefühl nicht los, in einer Parallelwelt gelandet zu sein. Fast habe ich etwas Angst, ich könne beim Verlassen des Ladens feststellen, dass 100 Jahre ins Land gezogen seien. Man weiß ja, ein Moment im Feenland entspricht Jahrzehnten in der realen Welt. Ich nicke verstehend und möchte die Schuhe wieder ausziehen, als der Mann erneut den Kopf schüttelt. “Kommen Sie, kommen Sie an Stange und probieren Sie Tendus und Pliés!” Er drängt mich mit väterlicher Strenge an einen Spiegel, vor dem eine kleine Ballettstange befestigt ist. “Kommen Sie, machen Sie!”

Schüchtern folge ich seiner Anweisung und beuge die Knie. “Ahhh, Sie müssen gehen tiefer. Noch tiefer! Arbeiten Sie an Körper, übertreten Sie Grenzen, Rücken gerade!” Ich bin für den Augnblick sprachlos, strecke aber augenblicklich den Rücken und wiederhole die Übung. “Besser!”, lobt mich das Männlein. Dennoch muss ich noch einige Tendus durchführen, bevor ich mich wieder setzen darf, um die Schuhe, die wirklich sehr eng sitzen, wieder auszuziehen. Auf meinem Spann prangen rote Striemen, wo das Gummi straff auf dem Fleisch saß. Der Alte nickt befriedigt: “Muss so!”

Wie in die Jahre gekommen Laden, Inventar und Besitzer sein müssen, zeigt sich, als er die Schuhe in die Plastiktüte einer längst insolventen Drogeriemarktkette steckt, die ich noch aus meiner Kindheit kenne. Der alte Mann verabschiedet mich freundlich und geleitet mich noch zur Türe. Fast klopft mir etwas das Herz, als ich die Klinke drücke. Erleichtert und ein wenig über mich selber lächelnd trete ich in den hellen Sonnenschein hinaus. Ein kleines Hochgefühl lässt mich den Blick heben, ich habe meine ersten Ballettschuhe gekauft.

 

April: Alles swingt!

Jetzt ist der März auch schon wieder fast rum und mit ihm das erste Vierteljahr. Ich staune wie so oft über die Geschwindigkeit, mit der die Zeit vorbeizieht. In meinem Jahresvorhaben komme ich gut weiter. Nicht ganz ohne Stolz kann ich sagen, dass der Sport mittlerweile ein völlig unspektakulärer, weil alltäglicher Bestandteil meines Lebens geworden ist. Einfach so, als hätte ich wirklich nur mal eben den Hebel umlegen müssen. Unglaublich!

Auch mit dem Vorhaben mehr zu schlafen komme ich gut voran. Natürlich klappt das nicht immer, aber insgesamt akzeptiere ich meinen Körper und seine Bedürfnisse deutlich mehr als noch im letzten Jahr, was sich insgesamt positiv auf Physis und Psyche auswirkt.

Was gerade so gar nicht klappt, ist nur dann zu essen, wenn ich wirklich Hunger verspüre. Vielleicht bin ich mit Familie und Beruf zu eingebunden, vielleicht (wahrscheinlicher) mangelt es mir aber auch nur an Durchhaltevermögen, aber schon in dem Moment, in dem ich das Lehrerzimmer betrete, scannt mein Blick automatisch den Tisch nach Kleinigkeiten ab. Und ich beweise dabei wirklich ein erstaunliches Gespür für Details! Mir entgeht nichts, nicht mal die kleinste gesalzene Erdnuss. Muss ich noch erwähnen, dass ich gesalzene Erdnüsse eigentlich nicht sonderlich schätze? Nun gut, ich habe mir ja auch vorgenommen, gnädiger mit mir zu sein und zu akzeptieren, dass auch ich letztendlich ein Produkt vielerlei Faktoren bin und Verhaltensänderungen eben ihre Zeit benötigen. Peanuts, Frau Weh, Peanuts!

Dank durchaus interessanter Kochexperimente konnte ich in diesem Monat unseren üppig bestückten Vorratsschrank um eine nicht unbeträchtliche Menge Dinge erleichtern. Ich weiß nun, dass ein Kilogramm Kichererbsenmehl eine ganze Menge Falafel ergibt, und sich rote Linsen nicht mal eben durch Tellerlinsen ersetzen lassen. Nur für die Hefeflocken habe ich so gar keine Verwendung. Kann die jemand gebrauchen?

Auch im Kleiderschrank ist optische Ruhe eingekehrt, ich bin überrascht, mit wie wenig Kleidungsstücken ich problemlos und ohne Langeweile über den Monat gekommen bin. Es waren – Unterwäsche und Sportklamotten ausgenommen – exakt 17. Das erstaunt und beschämt mich gleichermaßen.

Weiterhin arbeite ich an meinem Zeitmanagement und an meiner Resilienz – letzteres ist gerade jetzt wieder sehr nötig, die Schule, nein, die Schicksale mancher Kinder begleiten mich von morgens bis abends. Manche auch nachts.

Und wie geht es nun weiter? Der APRIL wird schön, ich habe ich mir folgendes vorgenommen:

  • Aus meiner schier unerschöpflichen Menge an CDs ziehe ich jeden Tag wahllos eine heraus und höre sie auf dem Schulweg. Dabei möchte ich mir ein paar Fragen stellen und beantworten: Passt die Musik noch zu mir und meinem Leben? Warum habe ich die CD gekauft, was waren meine Gefühle damals, in welchem Kontext habe ich mich befunden? Bedeutet sie mir noch etwas oder kann ich sie weggeben? Das wird mit Sicherheit spannend, tut sich doch der ein oder andere musikalische Abgrund auf.
  • In der Schule werde ich mit meinen Musikklassen ganz gezielt einige Volkslieder einüben. Die wenigsten Kinder haben noch einen Bezug dazu, bei den wenigsten wird zu Hause gesungen, und ich bin mir sicher, sie für Melodien und auch Inhalte begeistern zu können. Tradition ist Weitergabe des Feuers, nicht Anbetung der Asche. Außerdem höre ich mir bei der Inselmusik ja auch ständig Popmusik an, das ist schon fair so.
  • Hirnaufgabe: Am Ende des Monats will ich wenigstens ein Lied rückwärts singen können. Das stelle ich mir äußerst spaßig, aber auch ganz schön schwer vor. Nur welches nehme ich?
  • Herr Weh darf ein Konzert, eine Theateraufführung oder ein anderes kulturelles Event aussuchen, auf das ich ihn ohne Murren begleiten werde. Programmkino ist in Ausnahmen ebenfalls gestattet. Ich fürchte Schlimmes!
  • Ich versuche den Kontakt zu einem Musiker herzustellen, von dem ich eine CD besitze, und im großartigsten, besten Falle Klaviernoten von ihm zu bekommen. Ich würde ehrlich gerne mal wieder etwas anderes spielen als Stups, der kleine Osterhase. Ob es klappt? Ich werde berichten.
  • Ich kaufe meine ersten Ballettschuhe und benutze sie. YES!

Alles swingt!

Herzlichst, Frau Weh

Edit: Gerade gesehen, das ist mein 500. Beitrag. Wow. :-)