Advent, Advent, die Mutter rennt

Zugegeben verdrießt es mich außerordentlich, dass sich die Bildungsinstitutionen meiner Kinder mit der meinigen verbündet haben und uns drei Wochenenden in Folge mit Weihnachtsbasaren verbauen. Nichts gegen Wohltätigkeitsveranstaltungen! Natürlich backe ich Waffeln für Indien, bastle für Afrika und verziere Plätzchen für Kambodscha. Selbstverständlich spende ich auch 2 Gläser Kirschen, 3 Gläser Marmelade, 1 Trockenkuchen, 1 Packung Puderzucker und 50 Servietten. Von meiner Zeit ganz zu schweigen. Aber warum, warum, warum muss das alles gerade jetzt sein?

Ich liebe den Advent. Fast mehr noch als Weihnachten selber. Und da schon die Woche bei uns mehr als trubelig ist, sind die Wochenenden von unglaublicher Wichtigkeit. Die Wehwehchen schlumpfen in ihren Schlafanzügen umher; mal spielen sie, mal zanken sie. Es gibt laaaange Frühstück und ausgedehnte Sofaeinheiten. Es wird gekuschelt, gelesen und gesungen. Wir backen Kekse, gucken Weihnachtsfilme und trinken Kakao. Adventskalender werden auf ihre möglichen Inhalte hin befühlt und es wird gefachsimpelt, welche Geschenkkombinationen am Heiligen Abend wohl unterm Baum liegen könnten. Kurz: Das Heim ist Herzheimat. Zumindest in der Theorie. Praktisch schiebe ich ja (statt in Wonne und Wohlgefallen meine Kinder zu betrachten und Zimtsterne zu verdrücken) in irgendeiner Schule Doppelschichten am Waffeleisen. Könnte man denn nicht auch einmal, wenigstens ein einziges Mal Rücksicht auf wichtige Familientraditionen nehmen und die ganzen Basare ins Frühjahr legen? Waffeln gehen doch immer!

Ja, mir ist eine Laus über die Leber gelaufen. Eine vorgezogene Weihnachtslaus. Es ist nämlich so, dass der allerwichtigste Tag der kommenden Wochen für mich immer der Samstag vor dem 1. Advent ist. Ich krame dann die Weihnachts CDs heraus, balanciere die große Kiste aus dem Keller, brenne das erste von vielen noch folgenden Räucherkerzchen (Tanne! Bratapfel! Schwarzer Afghane Weihrauch!) ab und vorfreue mich. Und wie gerne ich mich vorfreue! Dieses Jahr fällt dieser immens wichtige Tag aber nun leider aus. Grund siehe oben. Und falls jetzt jemand der Meinung ist, ich könne diese ganzen Vorbereitungen doch auch unter der Woche machen – nein! Das fühlt sich nicht richtig an. Es braucht Zeit, die ich zwischen Kindergarten, Musikschule, Turnhalle und Schreibtisch eben nicht habe. Zack, bumm, Stimmung geht eben nicht.

Also habe ich das unerhörte und bisher noch nie dagewesene Experiment versucht und die Vorbereitungen bei strahlendem Herbstwetter auf den gestrigen Samstag gelegt. Hoho! Jetzt mal raus aus der Komfortzone und was Neues wagen. Zunächst fühlte es sich sonderbar an, gewann aber zunehmend an Substanz und spätestens bei Dean Martin konnte ich mit voller Kehle den ausstehenden Schnee besingen. Wie sagt Olle Hansen so passend? Glück muss man können!

FensterkranzSchweinelampeHexenhaus

Ans Lebkuchenhaus dran durften die verwirrten Wehwehchen trotzdem noch nicht. Sieht zwar aus wie Advent, ist aber noch keiner. Aber, hey, nur noch siebenmal schlafen!

November oder: Manchmal hast du nur die Wahl zwischen Schitte und Kacke!*

Es ist November. Trist, trübe, wahrlich die Trematode unter den Monaten. Tatsächlich habe ich auch dieses Jahr wieder das Gefühl, der Monat will mir eins reinwürgen. Das Auto kaputt, die Wohnzimmerwand nach wie vor durchlöchert, die Kinder krank. Noch halte ich mich wacker, aber ich spüre schon, es reicht eine winzigkleine Winzigkeit und ich habe genug. So wie von würgenden Erstklässlern, die mir ihr Frühstück entgegenspucken. Ach ja, ich muss nachher noch neues Katzenstreu besorgen! Milch übrigens auch, die fehlt nämlich im Kühlschrank und was ist ein Milchkaffee ohne Milch? Richtig, traurig. Ein Lichtblick ist da, dass mittlerweile alle bis auf zwei Kinder meiner Klasse lesen und dies gerne. Noch lieber bekommen sie natürlich vorgelesen und das sind auch für mich die wenigen Minuten des Tages, die in kontemplativer Stille ablaufen. Liebe Kolleginnen, Mütter und Blogleserinnen ganz anderer Fachrichtungen: Lest vor, es lohnt sich!

Ansonsten gibt es viele Kämpfe zu bestehen: Kämpfe mit dem Eintragen der Hausaufgaben (nein, ich gebe auf gar keinen Fall auf!), mit dem Erledigen der Hausaufgaben (dito) und dem Sinn derselben. Tatsächlich stoße ich nun nach zufriedenen Wochen an Grenzen unserer Lehrwerke. Da hat man gerade – mühevoll – etwas Neues in Mathe eingeführt und anstelle dass nun eine ausreichende Übungsseite folgt, winkt auf der nächsten Seite bereits wieder ein ganz anderes Format. Wer denkt sich das aus? Warum? Ich als Nichtfachmathematiker schüttle meinen hübschen (und ganz sicher bald ergrauten) Kopf und verstehe es nicht so recht. Größer, kleiner, gleich ist nun wirklich nicht für alle Kinder Pipifax, warum wird dies nach nur einer Doppelseite von Tabellen abgelöst?

Nun gut, ich buttere zu. Der lange Atem, den wir bei den Strichlisten bewiesen haben (die mittlerweile übrigens tadellos funktionieren), ist also nach wie vor gefordert. Gut gefällt mir zur Zeit der Sachunterricht, wir experimentieren mit Fred, der Ameise. Wenn ich irgendwann etwas Luft habe, berichte ich darüber, die Kinder lieben es sehr. Mich übrigens auch noch, sogar mit Novemberlaune. “Hier schenke ich dir Trauben”, sagt Jenni und hält mir ihre tropfende Hand in der Frühstückspause entgegen. “Die schmecken immer noch!”

Die Natur hat das mit dem Kindchenschema echt gut hingekriegt. Manche Exemplare wirken selbst dann noch liebenswert, wenn man ihnen die Bröckchen vom Pullover wischt. Was man übrigens nicht von all ihren Erzeugerpaaren behaupten kann. “Sie sollen mehr auf den Leon und den Fakhim aufpassen, dass die mir nix tun, sagt mein Vater! Sonst kommt der und macht das dann.” Ich lächle milde und lasse mir das Hausaufgabenheft von Kai aushändigen. “Lieber Papa Kai”, schreibe ich in der Pause. “Wie schön, dass Sie sich bereiterklären, uns zu helfen! Ich trage Sie für Mittwoch und Freitag zum Lesedienst ein. Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung! Frau Weh”

Ätsch, November, ich lächle dich wech!

 

* P.S. Großartige Geschenkideen, auch für Lehrer, findet ihr im Atelier von Peter T. Schulz. Ich empfehle unbedingt den dicken Block mit den Olle Hansen Sprüchen. Wer schmunzelt nicht in Angesicht eines solch wahren Gedankens:

Schitte und Kacke

 

Liebe Frau Weh

Jetzt trudeln sie ein, die Briefe der Fünftklässler. Es ist eine nette Geste, dass die Deutschkollegen der weiterführenden Schulen zu Beginn des 5. Schuljahrs an die Grundschullehrerin schreiben lassen. Natürlich ist es reguläres Thema und selbstverständlich wissen sie um die hohe Schreibmotivation der meisten Kinder. Aber dies schmälert nicht im Geringsten die Freude, diese Briefe zu bekommen.

Liebe Frau Weh, lese ich da, es geht mir so gut in der neuen Schule. Ich lese von Neuorientierung, Stolz auf Leistungen, von neuen und alten Freunden. Manchmal lese ich auch noch ein wenig Ängstlicheit aus den Zeilen und oft Unmut über so viele Stunden, schwere Rucksäcke und lange Tage. Aber immer erkenne ich Entwicklung und Wachstum in dem, was die Kinder mir schreiben. Und eines noch: Erinnerung.

Wissen Sie noch, unsere Klassenfahrt?

Es war so schön im vierten Schuljahr.

Hoffentlich sind Ihre neuen Schüler so toll wie wir!

Ich denke gerne an Sie zurück.

Es ist schön, solche Briefe zu bekommen und sie einzuordnen in den Lauf unserer Arbeit, der von Ankunft bis Abschied reicht. Ich wünschte mir mehr davon. Einen zum Schulabschluss, egal welchem. Einem bei Berufsantritt. Vielleicht auch zu Hochzeit, Geburt und hoffentlich niemals eine Todesanzeige. Die Gedanken an die Grundschulzeit werden verblassen. Erinnerungen an so viele gemeinsame Stunden werden verdrängt von neueren Eindrücken. Das ist richtig so! Dennoch wünsche ich mir, dass ein Stück dieser umsorgten Zeit sich tief ins Lebensbild meiner Schüler legt und sie irgendwann rückblickend lächeln lässt.

Weißt du noch, damals?

go fishing

Ich wollte doch noch die ZEIT-Geschichte auflösen. Dabei weiß doch jeder, dass nichts so alt ist wie die Zeitung von (vorvor-)gestern! Obwohl … gilt das eigentlich auch für Wochenzeitungen oder ist da die Halbwertzeit höher? Herr Weh liest immer noch am Stapel des letzten Jahres. Da hatte er nämlich ein Probeabo. Und noch eins. Und wieder eins. Irgendjemand hat da offensichtlich nicht ganz richtig aufgepasst. Egal.

Hier könnt ihr sehen, was ein wirklich begabter Grafiker aus meiner Fischlaterne gemacht hat:

Fischlaterne Zeit

Hier zum Vergleich noch einmal das Original:

Fischlaterne

Das ist ganz witzig geworden, oder? Vielleicht sollte ich meine Kunstvorbereitung demnächst professionell als Schritt für Schritt – Anleitung zeichnen lassen. Der Text unter der gefälligen Grafik passt mir auch ganz gut. Mein Lieblingssatz ist dieser:

“Frau Weh empfiehlt, mit dem Kleister sparsam umzugehen. Sonst sieht die Schwanzflosse am Ende wie eine exzentrische Dauerwelle aus.”

So ist es! Ich fühle mich verstanden und bin auch bereits wieder versöhnt mit meinem journalistischen Nischendasein. Das geht bei mir aber auch immer schnell, ich tauge nicht zum Nachtragendsein. Wäre ja auch ganz schön blöd bei rund 500.000 Exemplaren. Und, hey, Print! Da kann man sogar noch Fisch drin einwickeln!

Demokratie mit Füßen getreten

Die Tatsache, dass ihre Klassenlehrerin seit dem heutigen Tag ebenfalls Hausschuhe im Klassenraum trägt, haut den ein oder anderen Erstklässler völlig aus den Socken.

“Du bist doch gar kein Kind mehr, Frau Weh! Warum hast du denn Hausschuhe an?”

Als ob Schwitzfüße eine Frage des Alters wären! Glücklicherweise neige ich dazu nicht, finde es aber konsequent, dass in diesem Bereich auch für mich keine Sonderregelung gilt. Schließlich sind meine Schuhe noch die größten und bei dem Wetter auch nicht immer bar jeden Makels. Ich verweise auf den blitzeblanken Boden des Klassenzimmers und auf meine extra zu diesem Zweck angeschafften Schuhe. Die unumgängliche Rückmeldung lässt nicht auf sich warten:

“Deine Hausschuhe sind schön, Frau Weh!”, lässt mich Lynn mit einem Nicken wissen.

“Finde ich nicht.”, murrt hingegen Marc, der alte Knöterich.

“Sind sie wohl.”

“Nö!”

“Wohl!”

Marc und Lynn werden sich nicht einig. Ehe es zum handfesten Streit zwischen den beiden kommt, habe ich flugs eine Tabelle an die Tafel gezeichnet. Nun darf die Meinung abgegeben werden, ob mein Schuhwerk (ich persönlich finde es für Hausschuhe durchaus in Ordnung) dem Geschmack der Klasse zusagt. Abgegeben werden – oh Wunder! – exakt 29 Stimmen. Auf schön entfallen 25. Vier mutige Erstklässler entscheiden sich gegen die Hauptmeinung. Auf meine eindringliche Frage, wer mit schön geantwortet hat, nur weil er mich nett findet und nicht verletzen möchte, melden sich tatsächlich noch sieben weitere Kinder. Ich bin begeistert! Klarer Fall von Volkssouveränität! Die Erstklässler sind so entzückt von der Abfragemöglichkeit, dass wir im Laufe des Tages noch ganze dreimal mein Schuhwerk auf den Prüfstand stellen müssen. Um 11.10 Uhr findet niemand mehr Gefallen an meinen Schuhen, aber umso mehr an Meinungsumfragen.

“Wer ist dafür, dass sich Frau Weh neue Hausschuhe kaufen muss?”, kräht Finn mitten in der Stillarbeitsphase plötzlich begeistert heraus. Die Reaktion ist unglaublich. Ekstatisch tobende Massen. Tumultartige Zustände. Meuterei! Ich überdenke rasendschnell meine Möglichkeiten. Eile ist geboten, sonst droht die Situation gänzlich aus dem Ruder zu laufen. Eignet sich ein Pflanzensprüher als Wasserwerfer und wie sieht der exekutive Einsatz eines solchen gegenüber Schutzbefohlenen eigentlich rechtlich aus? Ok, es ist Zeit für die absolute Notbremse. Unter majestätischem Einsatz des Klangstabes (“Piiiing!”) führe ich die absolute Monarchie ein.

11.13 Uhr: Ruhe. Ist DAS schön!

 

 

Klassenfrequenzrichtwerte

Ich danke euch für die regen Kommentare des gestrigen Tages. Wohltuend zu lesen, dass ein solcher Ausblick nicht nur bei mir Empörung hervorruft. Interessant an den vielen Kommentaren finde ich aber auch, dass eigentlich niemand so richtig Bescheid weiß, was den Klassenteiler an Grundschulen anbelangt. Mit gutem Grund übrigens, denn DEN Klassenteiler – ich spreche hier für NRW – gibt es gar nicht. Wohl aber einen Klassenfrequenzrichtwert, der munter variiert.

Ich versuche mal die Fakten aufzuführen:

  • Die Landesregierung möchte bis zum Jahr 2015/16 den Klassenfrequenzrichtwert von 24 auf 22,5 Kinder absenken.
  • Die Bildung von Klassen mit weniger als 15 und mehr als 29 Kindern ist zukünftig unzulässig. Wohlgemerkt die Bildung, nicht die Aufstockung im laufenden Jahr.
  • Für die Bildung der Eingangsklassen ist der Schulträger zuständig. Er verteilt die zu bildenden Eingangsklassen auf die Schulen, indem er die Gesamtzahl der Kinder durch 23 teilt. Das Ergebnis ist die Zahl der neu zu bildenden Eingangsklassen. Dabei gibt es durchaus Handlungsspielraum. Ein Kriterium hierfür ist beispielsweise der Einzugsbereich. Der Schulträger entscheidet über Aufnahmekapazität und Klassengröße der einzelnen Grundschulen in der Kommune.
  • Mit der Größe einer Grundschule nimmt die maximale Größe ihrer Klassen ab. Richtet eine Grundschule drei Eingangsklassen ein, so sitzen dort maximal 27 Kinder, sind es gar fünf erste Schuljahre, so lernen höchstens 25 Kinder miteinander. Einzügigkeit bedeutet in diesem Fall den Jackpot mit maximal 29 Kindern. 29 bedeutet die Startzahl, es können durch Zuzug durchaus noch Kinder dazugewonnen werden.
  • Die Kinder haben ein Recht auf dreijährigen Verbleib in der Schuleingangsphase, also dem 1. und 2. Schuljahr. Stellt sich heraus, dass die Kinder verbleiben sollen, so dürfen sie das tun. Egal, wie groß die aufnehmende Klasse ist.
  • Einen absoluten Höchstrichtwert für die Klassengröße gibt es nicht.

Ich beziehe mich auf unsere Bildungsministerin Frau Löhrmann. Nachlesen könnt ihr bei Interesse an dieser Stelle. Das neue Grundschulkonzept für unser Bundesland liest sich fluffig und sinnvoll. Allerdings darf man nicht zwischen den Zeilen lesen. Das ist nämlich deutlich ernüchternder.

Nichtsdestotrotz wünsche ich uns allen ein wunderschönes Spätherbstwochenende. Ich gehe auf jeden Fall Sonne tanken, Vitamin D kann man ja nie genug haben. Das ist doch für die gute Laune zuständig, oder?

Herzlichst, Frau Weh (superherowonderteacher to be)