Aufmerksamkeitscatcher

Ich habs geschafft. Ich habe mein Arbeitszimmer aufgeräumt. Was für eine Freude!

Es waren nur vier, fünf Stunden und ein wenig musikalische Unterstützung von Viktoria Tolstoy (ja, genau, verwandt mit dem Tolstoi), Rebekka Bakken und Stacey Kent nötig. Ich mag easy listening zwischendurch wirklich gerne. Und bevor hier jetzt jemand spöttisch die Augenbraue hebt, die drei Damen haben durchaus Format. Und hübsche Stimmen. Und Swing! Das ist wesentlich mehr als man beispielsweise von den Kandidaten einschlägiger TV-Formate erwarten kann.

Außerdem kann man nicht immer Klassik hören. Das ist ja nicht nur reiner Genuss, sondern immer auch Hör-Arbeit. Und davon bekomme ich Hunger. Und in den Ferien nehme ich sowieso immer ein, zwei Kilo zu, weil ich Zeit zum Essen habe und mich dabei im Gegensatz zur Schulzeit sogar hinsetze. Da kann ich jetzt nicht auch noch ständig Klassik hören und dabei Pasta oder Süßkram inhalieren. Kinder sind nämlich sehr direkt. Wer möchte schon nach den Sommerferien mit einem fröhlichen “Du bist aber dick geworden, Frau Weh!” auf dem Schulhof begrüßt werden? Na also!

Überhaupt, die Optik! Das ist ja so wichtig. Manchmal macht ein gutes Outfit eine miese Stundenplanung wett. Ich besitze zum Beispiel ein bestimmtes Blümchenkleid. Es ist himmelblau mit einer überbordend großen Menge bunter Prilblumen drauf. Wenn man lange genug daraufstarrt, kann man Muster in 3D erkennen. Schaut man noch länger, beginnen sie zu tanzen. Dieses Kleid garantiert die Aufmerksamkeit der kompletten weiblichen Schülerschaft. (“Du bist heute aber hübsch, Frau Weh!”) Ich habe es getestet, es wirkt. Mathearbeiten werden mit weniger Genöle quittiert und Pausenaufsichten werden wesentlich ruhiger. Außerdem können mich die Kinder sofort orten, wenn etwas ist. Das Kleid flirrt nämlich unter Sonneneinstrahlung.

Bei den Jungs ist das schon schwieriger. Da braucht es etwas mehr, um Eindruck zu machen. Grundsätzlich mögen sie lange blonde Haare (hab ich nicht), lange Beine (hab ich auch nicht) und eine passable Oberweite (ach, was soll ich mich denn jetzt in meinem eigenen Blog zum Horst machen!?). Darin unterscheiden sich kleine Jungs von größeren nur unwesentlich. Ich habe gelesen, dass bereits in der Eiszeit Blondinen bevorzugt wurden. Wer zum Teufel untersucht sowas? Und wie?

Bei den Jungs greife ich daher lieber auf andere Aufmerksamkeitscatcher zurück. Lego Star Wars Fachwissen kommt gut. Ich empfehle das Buch Lego Star Wars- Alle Figuren, Raumschiffe und Droiden, die Nachschlagebibel von Episode I bis zu “The Clone Wars”. Nach der Lektüre bleiben keine Fragen offen. Wie viele Steine hat der Millenium Falcon? (659, zumindest beim alten Modell von 2000. Das neue ist gerade auf den Markt gekommen und verfügt über 1254 Teile.) Wie viele bespielbare Ebenen gibt es auf dem Todesstern? (4, wobei die unterste Ebene direkt unter der Müllpresse liegt und von Müllkraken – Dianogas – bewohnt wird.) Alles keine großen Unbekannten mehr. Mit Minifigur Luke Skywalker! Den im entscheidenden Moment aus der Tasche gezogen und alle Jungs sind auf deiner Seite.

Falls es einige wenige Exemplare geben sollte, die dem Star Wars Kult nicht verfallen sein sollten (ich benutze bewusst den Konjunktiv. Jeder, der eine Klasse 1-4 unterrichtet, weiß, warum) dann gibt es das Buch der Bücher auch passend für Potterfans Lego Harry Potter – das magische Lexikon. Auch hier mit exklusiver Minifigur (Harry im Ausgehanzug) und jeder Menge nötigem und unnötigem Wissen. Ob es die Pirates of the Carribean auch bis zum eigenen Lexikon schaffen werden, steht noch in den dänischen Sternen.

Auf jeden Fall sind das ein paar wirklich gute Möglichkeiten Jungs zum Lesen zu verlocken. Neben einem dicken Lexikon über verschiedene Automodelle sind die oben genannten Bücher die beliebtesten in meiner Klassenbibliothek. Als Farbkopie laminiert und in einzelne Artikel zerschnitten finden sie auch häufig Verwendung als Abschreibtexte. (Naja, auf jeden Fall häufiger als die Abschreibtexte von Sommer-Stumpenhorst.)

Mädchen haben es da ja soviel leichter. Pferde, Einhörner, Feen, Meerjungfrauen… die bibliophile Welt für weibliche Erstleser hält all dies in zuckerblumenrosa und mit viel Glitzer oder FakeFurPuschel auf dem Buchdeckel bereit. Nicht sehr fair, oder?

 

31. Juli 2011. Schlagwörter: , . Frau Weh hat Freizeit. 4 Kommentare.

Schweineblasen Teil II

Am nächsten Morgen habe ich einen gepflegten Kater. Also beschließe ich statt des Frühstück lieber eine Kopfschmerztablette und eine Ladung Magnesium zu mir zu nehmen. Vor der Badezimmertüre – ich erwähnte, dass es ein heißer, wirklich heißer Sommer war? – höre ich ein eigentümliches Summen. Seltsam. Ich öffne die Türe, das Summen schwillt an und…!

Wie soll ich ihn bloß beschreiben, den unermesslichen Ekel, den ich empfinde, angesichts der Millionen-, achwas, Milliardenschaft an Schmeißfliegen, die an jedem einzelnen Schweineblasenballon hängen? In Trauben kleben sie übereinander, bohren ihre vibrierenden Hinterleiber zur Eiablage in die weichen Hüllen. Ich kämpfe gegen den Drang mich auf der Stelle übergeben zu müssen, verlasse das Bad rückwärts, knalle die Türe zu und lasse mich kraftlos an der geschlossenen Türe herabsinken. Ich kann nicht mehr. Ich möchte heulen, mich übergeben, schreien. Alles gleichzeitig.

Lucilia sericata ist ein wirklich hübscher Name für ein solch mieses Geschöpf. Scheißschmeißfliegen! Haben die überhaupt eine Ahnung davon, was ich seit gestern erlebt habe? Sollte das alles umsonst gewesen sein? Heiße Tränen der Erschöpfung und Empörung rinnen meine Wangen herunter. So leicht lasse ich mich nicht unterkriegen. Nicht von einem Insekt!

Ich hole mir die rosafarbenen Gummihandschuhe aus der Schublade und binde mir ein Küchentuch (“Enjoy cooking!”) um den Mund. Im Schlafzimmerschrank finde ich eine alte Taucherbrille und eine noch fast volle Flasche Haarspray. Dann nehme ich mir ein Feuerzeug und mache mich auf den Weg. Ich bin ganz alleine auf mich gestellt. Eine neue Spezies hat die Menschheit ausgerottet und einzig ich habe überlebt. Aber ich bin nicht bereit kampflos in den Tod zu gehen. Oh nein! Ich nicht! Gedanken an Kafka und einen blut- und dreckverschmierten Bruce Willis schießen mir durch den Kopf als ich erneut ins Badezimmer trete. Auge in Facettenauge mit dem Feind. Dann eröffne ich das Feuer.

Das Inferno ist unbeschreiblich. Der Geruch vebrannter – ja was eigentlich? – ist eine olfaktorische Beleidigung und schlägt mir trotz Tuch grob in die Nase. Ob es an den eingeatmeten Dämpfen liegt, am Adrenalin oder der schieren Verzweiflung, die meine Sinne benebelt, ich habe das Gefühl die Milliardenschaft der Scheißfliegen explodiert, nur um sich dann mit aggressivem Brummen zu einem einzigen Organismus zusammenzufügen. Es geht um Leben oder Tod. Ich bin bereit zum Äußersten. Die Fliegen auch. Sie wollen mich im Kollektiv vernichten. Fliegen mir in die Ohren, in die Haare und ins T-Shirt. Ich brülle. Ich schreie. Ich werfe Flammen.

“Nehmt das! Und das! Und das auch noch, ihr Scheißbiester!”

Mit zwei Sätzen bin ich beim gekippten Fenster angekommen und reiße es auf. Es dauert eine ganze Weile bis die Überlebenden den rettenden Ausweg gefunden haben, noch länger dauert die Beseitigung der Abertausend Leichen an. Mir klebt der Schweiß auf der Stirn, aber ich habe gesiegt. Ich habe meine Schweineblasen unter Einsatz meines Lebens verteidigt gegen eine Übermacht gefräßiger eierlegender Gegner.

Mit gehetztem, irrem Blick tätschle ich liebevoll über die Ballons (“mein Schatzzzz, mein Liebesssss, mein Eigen!”)

Ich schließe das Fenster und verlasse ermattet das Badezimmer. Im Schlafzimmer falle ich aufs Bett und sinke fast augenblicklich in einen unruhigen Schlaf (schließlich ist da ja auch noch der Kater, der lautstark sein Recht auf Erholung einfordert). Als ich später am Tag aufwache, laufe ich sofort zur Badezimmertüre, ängstlich auf jedes Geräusch achtend. Aber nichts ist zu hören. Ich öffne die Türe. Dort hängen sie, meine Ballons, unversehrt!

Aber Halt, was ist das?

Ich trete näher und erkenne auf mehreren Ballons ein rosafarbenes Gewimmel. Die ersten Maden sind geschlüpft und fressen sich durch die Hüllen. Die Larven der Lucilia werden auch als Pinky Maden bezeichnet und sind sehr begehrte Angelköder. Keimfreie Maden werden schon lange erfolgreich in der Wundtherapie eingesetzt. Sind Schweineblasen, die im Hochsommer in einem Badezimmer aufgehängt werden, keimfrei? Wirre Gedanken schießen durch mein Hirn während ich fassungs- und tatenlos dem Gewimmel zusehe. Meine Kraft ist verbraucht.

Wie formuliert Jeff Goldblum als Chaostheoretiker Malcom in Jurassic Parc so treffend: “Das Leben findet einen Weg!” Ich kapituliere vor der Natur, hole ein Messer, lasse ganz ruhig die Luft aus den Schweineblasenballons und tüte alles in zwei blaue Müllsäcke ein. Bis zum Abend putze ich das Badezimmer. Immer und immer wieder. Bei Anbruch der Dunkelheit lade ich die Müllsäcke ins Auto, hole auch noch die gestrigen Überreste aus der Tonne und fahre kilometerweit bis auf einen dunklen Autobahnparkplatz. Dort entledige ich mich der tierischen Überreste und mache mich auf den Heimweg. Nachts träume ich vom Friedhof der Kuscheltiere.

Ich habe die Trommeln dann mit Butterbrotpapier und Kleister angefertigt. Der Klang war ganz passabel. Den Schlachthof habe ich nie wieder betreten.

29. Juli 2011. Schlagwörter: . Lange her, Musik, Unterrichtsvorbereitung und andere Zeitfresser. 18 Kommentare.

Schweineblasen Teil I

Heute bekam ich eine E-Mail einer ehemaligen Lehramtsanwärterin. Sie schrieb wie froh sie über die Ferien wäre und wie überraschend anstrengend der Übergang vom Referendariat in die erste richtige Stelle sei. “Früher hatte ich noch so richtig Zeit, um meine Stunden zu planen, das geht jetzt gar nicht mehr.”, klagte sie mir ihr Leid. Ja, so ist das. Bei 28 Stunden kann man sich nicht mehr den Luxus erlauben länger als nötig darüber nachzugrübeln, ob in der einen Stunde als Sozialform Partner- oder Gruppenarbeit vorzuziehen sei und in einer anderen auf ein Schmuckblatt mit einfacher oder lieber mit Kontrastlineatur geschrieben werden soll.

Das weckt Erinnerungen ans eigene Referendariat. Natürlich ist Musik das schönste aller Fächer. Selbstredend beinhaltet ein guter Musikunterricht viele Elemente. Und selbstverständlich reagiert man als LAA verschnupft auf die interessierten Fragen des Kollegiums, was man denn außer Singen noch so mache in den Stunden. Also überlegt man sich für das nächste Schulfest eine besondere Darbietung: wir trommeln! Und zwar richtig, nicht so ein Kokolores wie das fußballherrliche dam dam dadadam, dadadada da dammm, sondern richtige Rhythmen. Afrika! Südamerika! Samba!!! Natürlich auf selbstgebauten Trommeln, man weiß ja, authentische Erfahrungen, sinnliches Arbeiten, fächerübergreifend und handlungsorientiert. Alles so wichtig!

Gesagt, getan. Aus finanziellen Gründen suche ich notgedrungen nach alternativen Bauelementen. In einem großen Teppichhandel erstehe ich Teppichrollen, die – mühsam per Hand auf 30 Stück abgesägt – den Trommelkorpus bilden werden. Aber was nun als Bespannung nehmen? Felle scheiden aus, zu teuer. Aber Schweineblasen müssten gehen. Da reicht eine für zwei Trommeln. Die gibt es im Schlachthof umsonst. Man muss da nur anrufen und vorbeifahren. Klingt einfach, oder? Ist es aber nicht.

Ich komme im Schlachthof an. Es ist Sommer, Hitze wabert über dem Pflaster, ein eigentümlicher Geruch liegt in der Luft. Ich klingele und werde in eine Schleuse geführt, in der ich mir eine Ganzkörperplastiktüte überstülpen muss. Oh. Also eigentlich dachte ich, ich bekäme nur ein Paket in die Hand gedrückt…? Nein, ich muss da rein. Wer Schweineblasen will, muss sie sich selber abholen. Einsam stehe ich auf einem weiß gekachelten Flur. An einer Leine über mir sausen Schweinehälften vorbei. Von links nach rechts.

Ich (verzagt): “Ähm… hallo?”

Ssssst, wieder eine. Seltsame Gefühle steigen in mir auf. Mir ist ein wenig blümerant. Trotz der recht kühlen Temperatur verspüre ich einen leichten Schweißfilm auf meiner Stirn. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich hätte jetzt gerne das Gewünschte und dann raus! Da taucht jemand auf, der sich auszukennen scheint. Zumindest ist er ähnlich gekleidet wie ich, trägt das Outfit aber mit deutlich mehr Souveränität.

Ich: “Äh… hallo!? Moment mal, bitte!”

Vorsichtig, um nicht in eine Kollision mit einem halben Schwein verwickelt zu werden, setze ich Schritt vor Schritt in die Richtung des Mitarbeiters. Bemüht, nicht an eine ganz bestimmte Kurzgeschichte von Roald Dahl zu denken, in der interessierte Besucher einer Fleischerei schlussendlich selbst in der Wurst und später im Gasthaus auf dem Teller landen. Der Fleischer schaut mich interessiert an. Brust oder Keule? Was mag er denken? Mir ist nicht gut. Nein, gar nicht.

Irgendwie schaffe ich es und nuschle unter meinem Mundschutz, dass ich Schweineblasen abholen wolle. Der Schlächter nickt und verschwindet in Richtung der heranrollenden Schweinehälften. Ich schließe für einen Moment die Augen und wiederhole mantramäßig TrommelnTrommelnTrommelnTrommelnTrommelnTrommeln…Mit dem Fuß stoße ich gegen einen großen Behälter. Ich öffne die Augen: Schweinefüße.

Plötzlich steht ButcherBoy vor mir und drückt mir grinsend einen Plastiksack in die Hand: “Viel Spaß, junge Dame!” Der Sack fühlt sich warm an. Mich würgt es.

Irgendwie schaffe ich den Heimweg. Zu Hause leere ich den Sack in die Badewanne und erstarre! Ja, es sind Schweineblasen. Aber sie sind gefüllt und außerdem noch so… komplett mit alldem, was die Natur einem Eber an gutgemeinter Ausstattung mit gibt. Landen nur männliche Schweine in der Fleischproduktion? Hatte uns nicht ein Biolehrer vor Jahren erzählt, dass sich Mensch und Schwein nur geringfügig unterscheiden? Jetzt glaube ich es. Ich muss mich setzen. TROMMELN!TROMMELN!TROMMELN!

Da hilft auch kein Mantra mehr, die Dinger müssen ab.

Ich hole die Küchenschere und versuche mein gesamtes Wissen über Freud, die Psychoanalyse, Kastrationsangst und Penisneid zu vergessen. Mutig angesetzt und ZWITSCH das erste Gemächt ist abgetrennt. Fieses Gefühl. Ich kann nicht lange darüber nachdenken, denn der Inhalt der Blase ergießt sich gerade über meinen Arm. Wuäh. Also wirklich, das hatte ich mir so nicht vorgestellt!. Mir ist heiß und übel. Es riecht komisch und vor mir in der Badewanne ( in meiner Badewanne! Wie soll ich mich denn da jemals wieder reinlegen?) liegen 20 Schweinepenisse mit prallen Anhängseln und gut gefüllten Blasen. Ich schlucke, schalte mein Gehirn auf Standby und mache mich an die Arbeit.

40 elende Minuten später habe ich alles entmannt, die Überbleibsel in zwei Mülltüten und – damit man nichts sieht – eine Discountereinkaufstüte verpackt in die Mülltonne geworfen, die Blasen gespült und – Ekelfaktor unendlich – aufgepustet. An einer quer durchs Badezimmer gespannten Leine habe ich die Schweineblasenballons zum Trocknen aufgehängt. Badezimmer und ich selber sind geschrubbt und in Wolken von Sagrotan gehüllt.

Ich gehe in die Küche und betrinke mich.

28. Juli 2011. Schlagwörter: . Lange her, Musik, Unterrichtsvorbereitung und andere Zeitfresser. 23 Kommentare.

Schöner Wohnen

Heute bleibt es kurz. Nachdem ich morgens erfolgreich gegen den Schmerz geatmet habe (nochmal danke für den Tipp!), dachte ich, ein bisschen Streichen könnte nicht schaden. So als Gegenbewegung, ich bin ja Rechtshänder. Dabei Rhapsody in Blue gehört und Barbers Adagio for Strings (und nur ein ganz kleines bisschen dabei vor Rührung geweint*). Eben habe ich das letzte Stück Abklebeband entfernt und jetzt ist es schon dunkel draußen. Und weg ist der Tag. Da muss jetzt also jeder Verständnis fürs Nicht-Schreiben haben, ich hab ja nichts erlebt. Außer, dass ich drei phänomenale Farbtöne auf mehreren Wänden verteilt habe. Onionskin, Talas und Seagull. Letzteres sieht allerdings mehr nach Möwenkacke aus als nach Möwe. Muss ich morgen mal bei Licht gucken.

Als ich frisch im Lehramt war habe ich ungelogen in  j e d e n  Ferien gestrichen. Therapeutisches Streichen. Farbpsychologie und so. Lichtblau für mehr Ruhe und Ausgeglichenheit im Schlafzimmer, kräftiges Gelborange für Vitalität und Lebensfreude in der Küche, frisches Grün für Schaffenskraft und Tatendrang im Arbeitszimmer. In den folgenden Ferien dann mal andersrum. Insgesamt hatte ich damals eine wirklich aufregende Lebensphase.

Mittlerweile weiß ich: Alles Blödsinn.

Heute streiche ich Grau. Zwiebelgrau, kirgisisches Grau und Möwenkackengrau. Wer will schon Aufregung in den Ferien?!

* (ja, das ist irgendwie peinlich, ich weiß. Aber ich kann nicht anders. Immerhin habe ich der Versuchung widerstanden im Anschluss den Schwanengesang aufzulegen. Oder Brahms. Dann wäre ich nämlich nie fertig geworden.)

26. Juli 2011. Schlagwörter: , . Frau Weh hat Freizeit. 2 Kommentare.

Ferienschmerz

Da ist er. Der Ferienschmerz. Ich habe schon drauf gewartet. Ein guter Lehrer wird ja in den Ferien krank und natürlich bin ich ein guter Lehrer… also ich will das wenigstens sein. Und beim Krankwerden klappt das meistens schon ganz gut.

Nachdem ich letzte Woche ja bereits geschwächelt habe, hätte ich eigentlich auf eine Erkältung getippt. Stattdessen kann ich meinen Kopf nicht mehr nach links drehen. Wenn ich es versuche, entflammt sofort ein Schmerz übers Schulterblatt ins Hirn: Bewegung verboten! Nach rechts geht ein bisschen besser. Insgesamt bin ich aber deutlich in meinem Radius eingeschränkt. Hat sich das mit dem Sport auch erstmal erledigt. Heute Nacht bin ich bei jeder Drehung aufgewacht und habe leise gejammert. Nach ein paar Stunden auch ein bisschen lauter. Das Internet gibt keine allgemeine Antwort auf die Frage, wie oft man sich im Schlaf dreht. Das ist nämlich individuell verschieden. Ich weiß jetzt aber wie oft ich mich umdrehe. Exakt 37 Mal. Das ist wesentlich mehr als nötig wäre. Da sollte ich dran arbeiten. Das passiert mir oft, dass ich mehr mache als nötig. Lehrerangewohnheit. Mein Freund Marten sagt, dass man sich das mit ein bisschen Übung abtrainieren könnte. Mal sehen.

Zu Ferienbeginn hatte ich schon alles außer Langeweile und Schweißfüßen (dazu neige ich trotz familiärer Vorbelastung glücklicherweise nicht!). Klassiker sind natürlich grippale Geschichten, wahlweise in den Atem- oder den Verdauungswegen angesiedelt. Im Sommer 2004 war es besonders heftig, da habe ich mir das Kopfkissen vors Klo gelegt und bin drei Tage nicht aus dem Bad gekommen. Aber im Nachhinein vermute ich stark, dass das mehr mit dem aufgetauten Fisch als mit meiner damaligen Klasse zu tun hatte.

Insgesamt geht es mir aber noch gut. Die weltbeste Schulsekretärin bekommt immer Herpes, wenn sie sich ekelt. Und sie muss sich recht oft ekeln, die Arme. Vor drei Wochen kam ein Kind zu ihr ins Büro und noch ehe das kleine Kerlchen “mir ist nicht gut” sagen konnte, verteilte es bereits den Mageninhalt auf Schreibtisch, Tastatur und weltbester Sekretärin. Unter Schütteln teilte sie mir dies später auf der Lehrertoilette mit, wo sie sich – notdürftig gereinigt – mit Blick in den Spiegel die ersten Herpespflaster prophylaktisch auf die Lippen klebte. Ich habe seit einem ähnlichen Erlebnis während einer Busfahrt am Ende eines Ausflugs immer eine Ladung Klamotten im Klassenschrank deponiert. Gleich neben den Wechselsachen für undichte Schüler.

25. Juli 2011. Schlagwörter: , . Frau Weh hat Freizeit. 2 Kommentare.

Entspannung

Ja, ich realisiere es langsam. Heute hat es sich schon gar nicht mehr nur nach Sonntag angefühlt. Ich hatte sogar die Muße mir die Milch für den Kaffee aufzuschäumen. (In der Schulzeit schütte ich mir immer nur einen Schuss Milch direkt aus dem Kühlschrank in die Tasse und ärgere mich über das lauwarme Gebräu.) Morgen schüttel ich dann noch so ein nettes Bildchen aus dem Kakaostreuer auf den Milchschaum. So schmeckt Urlaub. Nur die Sonne fehlt. Wo bleibt die bloß? Hoffentlich wird das nicht wie vor ein paar Jahren. Sechs Wochen Regen und dann pünktlich zum Schulbeginn – zack! – 30 °C. Das war wirklich keine Freude.

Ich bin aber weit davon entfernt mich vom Wetter deprimieren zu lassen! Mein Arbeitszimmer liegt nämlich im Dachboden und das

Pling plingpling Pling PLONG ploing

hat durchaus etwas Meditatives. Da räumt es sich schön bei auf. (Nicht, dass ich damit schon ernsthaft begonnen hätte. Eigentlich habe ich nur meine Schreibtischplatte abgeräumt und einen weiteren Stapel auf dem Boden gebildet. Dabei habe ich eine schon ziemlich betagte Rechnung zu Tage befördert. Nebst einer auch nicht mehr so frischen Mahnung. Schrei vor Glück und so. Der Schreibtisch sieht dafür jetzt wieder aus wie neu!)

Aber alle, die jetzt im Souterrain hocken müssen, und nicht meditieren können, seid mal nicht traurig, ich hab da was für:

Tropftropf

24. Juli 2011. Schlagwörter: , . Frau Weh hat Freizeit. 2 Kommentare.

Guten Morgen

Tag 1

Also eigentlich ja noch nur Wochenende. So läuft der Tag auch erstmal an. Ich habe einigermaßen ausgeschlafen und dann einen Kuchen gebacken, dessen Konsistenz allerdings irgendwie gummiartig wirkt. Man kann ihn in der Mitte eindrücken und dann schnellt er mit – ich schwöre! – einem boooooiing zurück. Genauso fühle ich mich, gummiartig. Ein Teil von mir hängt noch in der Schule fest, ein anderer schmiedet Pläne für die nächsten Wochen und dazwischen ist – ja, genau – Spannung. Herr Weh kennt das schon. Ein falsches Wort und ich gehe ab wie eine Rakete. Er hält dezent Abstand. Es ist dieses noch nicht ganz weg und noch nicht ganz hier-Gefühl, das mich in diesen Zustand befördert.

Heute Nacht habe ich lauter wirres Zeug geträumt, Schuljahrsverarbeitungsphase. Das dauert jetzt noch ein paar Tage. Aber ich lese gerade einen fiesen Thriller über eine Neuropsychiaterin, die von einem Patienten aufgesucht wird, der sie von früher zu kennen scheint. Sie kann sich allerdings nicht an ihn erinnern und gerät sehr bald in… usw. usw. Insofern werde ich vermutlich schon bald nachts an andere Dinge denken. (Huh, da kann sich der Herr Weh schonmal drauf freuen, wenn ich mitten in der Nacht ein eiskaltes Händchen zu ihm schiebe, um zu fühlen, ob er noch atmet :-) )

Heute Abend geht es zu den ZweimeinerLieblinskollegen, die ihre Sommerferienbeginn-Party feiern. Bis dahin muss ich den Kuchen noch pimpen, so kann man den ja niemandem anbieten. Voll der Psychokuchen. Vielleicht sollte ich Glückskekse mitbringen, so einen ganzen Sack voll. Mit lauter fröhlichen Botschaften:

Du wirst endlich Zeit zum Lesen haben.

oder

Sechs Wochen Sport und gesunde Ernährung warten auf dich!

oder vielleicht auch

Keine fremden Kinder werden deinen Weg kreuzen.

Ok, das klingt jetzt nicht nett. Aber wenn ich die Wahl hätte, dann hätte ich gerne genau diese Glückskeksbotschaft. Zwei meiner Schülerinnen fahren nämlich zeitgleich an den selben Urlaubsort wie ich. Wieviel Pech kann man haben!?

Ich sollte definitiv die Glückskekse mitnehmen.

23. Juli 2011. Schlagwörter: . Frau Weh hat Freizeit. Hinterlasse einen Kommentar.

and we say goodbye-bye-bye-bye-bye

Das wars. Vorbei. Geschafft. Erledigt. So erledigt!

Aber es war schön. Gänsehäutigrührungstränigschön. Das Schulorchester hat gespielt wie noch nie. Da saßen jeder Ton und jede Pause. Glockenspiel und Djembe haben sich nicht gezankt und das Cajon hat den Rhythmus gehalten als wären die synkopischen Verirrungen der letzten Proben einzig meinem überarbeiteten Geist entsprungen. Kein Ton ging verloren, wohl aber eine Wäscheklammer, die – zur Befestigung der Noten auf dem Ständer gedacht – ins Lüftungsgitter neben dem Taufbecken rutschte. Möge sie in Frieden ruhen. Ich kann das jetzt auch wieder.

Kollegin ZudemFeld, deren Klasse ungünstigerweise über dem Musikraum liegt, war völlig überrascht vom Wohlklang. Hatte sie doch bisher immer nur deckengefilterte Fetzen von verirrten Basstönen vernommen. Selbst Chefin hat sich dreimal (!) bedankt! Nein, wirklich, es war sehr schön. Jetzt ist es tatsächlich geschafft, Abschiedsgottesdienst und Feriensingen. Die letzten Tränen von Kindern, Eltern und der ein oder anderen Kollegin sind getrocknet, die letzten liegengebliebenen Radiergummis und Kapuzenjacken eingesammelt. Die Klasse ist so aufgeräumt wie sie das nur am letzten und am ersten Schultag ist. Blümchen, Briefe und SchöneFerienFrauWeh!-Bilder sind verstaut. Es wurde umarmt, gelacht und verabschiedet. Und nun fällt sie ganz langsam ab, die Anspannung der letzten Tage und Wochen, die Anstrengung des immer wieder an die Grenze und darüber hinaus Gehens. Ich bin so gerne Lehrerin, aber ich bin so froh über die regelmäßigen Ferien. Ohne die könnte ich meine Arbeit nicht auf diesem Level und mit diesem Einsatz erledigen.

Macht es gut, ihr Viertklässler, es war anstrengend und schön mit euch!

Allen Kolleginnen und Kollegen aus NRW, die nun endlich in die ersehnten und verdienten Ferien starten, wünsche ich gute Erholung und – in ein paar Wochen… – wieder viel Lust auf den schönsten Job der Welt!

Frau Weh

P.S. Nein, das hier ist nicht das Ende des Blogs, nur das Ende des Schuljahres! Bleibt mal bloß alle hier :-)

P.P.S. Welches Kind hat als einziges das für den Zoo ausgeliehene Schul-T-Shirt nicht wieder zurückgegeben? Jawohl, Mia-Sophie. Klasse, kann ich gleich eine E-Mail schreiben…

SCHULKRAM

alles erledigt

22. Juli 2011. Schlagwörter: , . Frau Weh hat Freizeit, Musik. 6 Kommentare.

Ferien minus 1

Die Kinder sind alle furchtbar aufgeregt und hibbelig. Die Viertklässler sind am schlimmsten, haben sie ja schließlich ihre Zeugnisse noch nicht. Und fragen tatsächlich, ob sie sich noch in dem und dem Fach verbessern können, wenn sie jetzt alle Stühle hochstellen/die Tafel wischen/sich nicht in der Pause prügeln. Manche verdrücken schon ein paar Tränchen beim Proben für das Feriensingen. Natürlich ist ihnen dann etwas ins Auge geflogen.

Ich werte das als gutes Zeichen. Genauso wie Aykuts freundliches Angebot, doch mal im Autohaus seines Vaters vorbeizuschauen. Er habe ihm schon von seiner Lieblingsmusiklehrerin erzählt, da gäbe es dicke Prozente und ich könne doch wirklich ein neues Auto gebrauchen! (Ich fahre mein Auto seit einem Jahr und bin äußerst zufrieden.)

Weil die Viertklässler heute ihre letzte Musikstunde hatten, gab es zur Feier des Tages dann doch endlich einen Film. Ich habe die DVD mit den Pixar Kurzfilmen eingelegt, auf stumm geschaltet, einen ganzen Haufen Alltagsgegenstände ausgebreitet und die Kinder vertonen lassen. Das ist ihnen ausgesprochen gut gelungen und Spaß hat es auch gemacht.

Kleiner Tipp am Rande

(Pixar hat einige wirklich wunderbare Shorts produziert, die sich inhaltlich und von ihrer Dauer her hervorragend für Vertonungen eignen. Falls hier also der ein oder andere Musikreferendar mitliest – super für einen Unterrichtsbesuch im Rahmen einer Reihe zum Thema Filmmusik. Am besten dann noch aufnehmen, zeitgleich zum Film abspielen und das Ergebnis von den Kindern nach zuvor erarbeiteten Kriterien bewerten lassen. Zum Abschluss den Film mit Ton ansehen und mit der eigenen Version vergleichen. Wunderbar.)

Ich gehe heute früh schlafen. Zumindest versuche ich es. Für mich ist der letzte Schultag immer knackig. In der 1.Stunde Abschlussgottesdienst – genau, großer Auftritt des Schulorchesters – dann flott Keyboard und Anlage in der Kirche abgebaut und auf dem Schulhof wieder aufgebaut fürs Feriensingen in der 3.Stunde. Zwischendurch schnell mal in die eigene Klasse flitzen*, die morgen komplett von einer Kollegin betreut wird. Es ist überall so, alle sind schon geistig im Urlaub, einzig die Musiklehrerin ist schweißgebadet, weil die Klarinette ihre Noten und das Schlagzeug jedwedes Rhythmusgefühl verloren hat. Mein Job ist es dann, beides in möglichst kurzer Zeit wiederzubeschaffen. Aber irgendwann löst sich Anspannung in Entspannung und dann habe auch ich Ferien. Naja, also wenn ich dann meine Klasse leergeräumt habe… :-)

*SCHULKRAM

  • unbedingt an die 40 Brötchen fürs Klassenfrühstück denken!
  • Abschiedsgeschenk für Shanice mitnehmen, Karte?
  • 5 Umzugskartons -> Klasse
  • Kirchenschlüssel!!!
  • Mikroständer (Hausmeisterbüro) Flur
  • Wäscheklammern für Notenständer (falls es windig ist)
  • Müllsack für Keyboard (falls es regnet)
  • 250 Taschentücher austeilen für Abschiedslied
  • Make Up gegen hektische rote Flecken benutzen!

21. Juli 2011. Schlagwörter: . Der tägliche Wahnsinn, Musik. 3 Kommentare.

Nachtrag

Eine Nachricht von Leon. Gerade in meiner Tasche gefunden.

Muss er da nach der PC-Stunde reingeschmuggelt haben, ist nämlich gedruckt:

Liebe Frau Weh,

du hast biestimt gute somerferijn
Liebe grüse fon Leon

20. Juli 2011. Schlagwörter: . Sternstunden und Glückskekse. Hinterlasse einen Kommentar.

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