Cool durch Zufall

Panik, Panik, Panik! Es ist 6.52 Uhr, eigentlich habe ich vor 2 Minuten das Haus verlassen. Stattdessen ergebe ich mich einer morgendlichen Panikattacke vor dem Kleiderschrank. Was anziehen!? Zu Hülfe, Wilma! Doch auch die treue Seele kann mir nicht helfen bei dem Problem, vor dem ich stehe: showtime, baby, it’s daddy-day.

Wie bereits an anderer Stelle angemerkt, betreten Väter die Grundschulbühne in der Regel erst dann, wenn ihnen keine andere Möglichkeit alle Aufmerksamkeit sicher ist. Das ist meist dann der Fall, wenn es brennt. (Assoziationen zum Auftritt der Feuerwehrmänner sind gerade rein zufällig, ehrlich!)

Manchmal aber tauchen sie auch unvermittelt auf, weil sie es so nett, bzw. überaus interessant bei uns finden. Wie mittlerweile unterrichtet wird. Das sieht man ja sonst nicht. Und wenn Sie so freundlich sind, Frau Weh, dass ich irgendwann mal vorbeischauen könnte? Vielleicht am Freitag…? Paulines Vater hat sich also für heute angesagt. Nicht nur meine reizende Kollegin Frau Sommer argwöhnt hier eine kleine Schwärmerei. (Ich finde ja, das gehört sich nicht so richtig, also das Schwärmen für die Lehrerin des eigenen Kindes. Irgendwie nicht. Aber gut, was soll man da machen? Und da es nun wirklich schrecklichere Papas gibt als eben den von Pauline, soll er doch vorbei kommen. Ein bisschen Puder fürs Ego schadet ja auch nicht! Und – eingedenk der neulich zitierten Altersdiskriminierung – wer weiß schon, wie lange sich die Papas noch für mich interessieren. Die Zeit bleibt schließlich nicht stehen und irgendwann könnten das alles meine Kinder sein. Punkt.)

Zumal mir heute noch ein weiteres Treffen mit einem Erzeuger bevorsteht. Und das hat definitiv das Zeug zum ausgewachsenen Daddy-Desaster. Da brennt tatsächlich die Hütte. Aber mal sowas von. Dieses Gespräch findet dann auch mit der Schulleitung statt. Schriftliche Einladung. Es steht eine Klage ins Haus, wenn Chefin nicht einwilligt und sich – Zentimeter nur! – von ihrem Standpunkt entfernt. Inklusion mal wieder. Kein leichtes Geschäft mit der Bildung aller. Einzelheiten würden hier den Rahmen sprengen. Nur so viel: der heutige Tag schreit nach einem ausgewachsenen Kompetenzoutfit. Ich habe so eins. Maßgeschneidert. Bleistiftrock, anthrazit. Dazu schwarze Pumps, zurückgelegte Haare, fester Blick – tadaaaaa, Frau Weh kann auch kompetent. Total überzeugt habe ich mir dieses Outfit am gestrigen Abend herausgelegt. Und eben angezogen. Und jetzt geht gar nichts mehr.

Dummerweise – und hier kommt nun der dritte Mann, der eigene nämlich, ins Spiel – findet Herr Weh den Frau Weh kann auch kompetent-Look ziemlich sexy.

Verdammt!

Ich meine, für das Daddy-Desaster-Gespräch stellt das natürlich kein Problem dar. Wenn man wirklich auf Krawall aus ist, dann verstellt das zuverlässig den Blick auf die wahrlich schönen Seiten des Lebens. (Sogar auf die wahrlich schönen Kehrseiten.) Aber da ist ja noch PapaPauline. Der womöglich denken könnte, die wehsche Rückansicht hätte sich extra für ihn in den (str)engen Lehrerinnenlook gezwängt. Und das gilt es tunlichst zu vermeiden! Also raus aus den Plünnen und die ganze Chose noch einmal von vorn. Leidlich gestresst entscheide ich mich für knisternde weiße Baumwolle, dunkelblaue Jeans und schwarze Pumps. Ist ok. Und wenn nicht, auch egal, jetzt MUSS ich los!

(…)

PapaPauline war so aufgeregt, dass es schon fast wieder rührend war. Kurz vor dem wichtigen Termin musste ich mich auf der Lehrertoilette umziehen. Kleiner Zwischenfall mit Justin und seiner unbezwängbaren Apfelschorle. Ich bestritt das Gespräch in einem ausgewaschenen Fan-T-Shirt meines Lieblingsgitarristen Stoppok, das glücklicherweise tief unten in meinem Pult liegt. Für Notfälle. Es trägt die Aufschrift Cool durch Zufall. Die Gesprächsatmosphäre war gelassen, ruhig und nahezu harmonisch. Die Klage ist abgewendet und ich durfte mir ein Schulterklopfen von Chefin und einen festen Händedruck vom Desaster-Daddy abholen.

Danke, Stoppok!

4. Mai 2012. Schlagwörter: , , , . Der tägliche Wahnsinn, Erziehungsberechtigte und andere Katastrophen. 16 Kommentare.

Nicht nett, Frau Weh.

Nach den vielen Kommentaren der letzten Tage wollte ich heute ausschließlich nette Dinge über Eltern schreiben. Zum Beispiel, dass ich mich darüber gefreut habe, dass eine Mutter am Schulmorgen während einer Stillarbeitsphase hereinkam und sich ganz betreten für die Störung entschuldigt hat. Sie hätte gedacht, die Klasse sei leer. Oder darüber, dass sich die Mutter eines neuen Viertklässlers mit einer Mozartkugel dafür bedankt hat, dass ihrem Sohn der Musikunterricht jetzt so viel Spaß mache. Vielleicht auch über die positive E-Mail von Renés Mutter. Geplant war jedenfalls ein Beitrag voller Nettigkeiten.

Das nur vorneweg.

2.Stunde, Religion bei den Zweitklässlern. Arges Gewusel bis sich alle Schüler aus den verschiedenen Klassen bei uns einfinden. Religion wird klassenübergreifend unterrichtet, das ist nicht besonders schön, aber organisatorisch unumgänglich. Mitten ins Getümmel schiebt die Kollegin von nebenan ein Kind vor sich her. Gesichtsfarbe grün. Ich meine nicht etwa blässlich um die Nase, nein, das Kind ist pfefferminzgrün. “Sven ist es nicht gut, ich habe die Mutter angerufen. Das war wohl schon heute morgen so.” Die Kollegin rollt die Augen. Ich nicke und lasse den Eimer bringen. Vorsichtig setzt Sven sich nieder, kleine Schweißtröpfchen stehen ihm auf der Stirn. Die Klassentüre lasse ich vorsorglich auf.

Wir nehmen im Sitzkreis Platz und beginnen: Stille, Kerze, Gebet, das Übliche. Eine kleine Landschaft wird auf dem Boden aufgebaut. See, Ufer, ein Ruderboot. Thema der heutigen Einheit ist die Begegnung mit dem Auferstandenen am See. Ich knüpfe an die letzte Stunde an: “Die Freunde vermissen Jesus. Sie wissen nun gar nicht so genau, was sie tun sollen. Sie sind traurig und fühlen sich allein.” Die Kinder sind ruhig und abwartend. Einige haben die Augen geschlossen oder schauen auf das blaue Tuch, das den See Genezareth darstellen soll. Gute Atmosphäre, denke ich, als plötzlich KAWUMMS die bereits offene Klassentür in den Angeln erzittert.

“Mamaaaa!” mit einer Mischung aus Hoffnung und Elend springt Sven vom Stuhl. Die liebevoll am See drapierten Playmobilbäumchen fallen um. Petrus geht über Bord und verheddert sich im Netz. MamaSven durchbohrt mich mit ihren Blicken an und faucht “Ich bin angerufen worden!”

“Ja”, entgegne ich möglichst ruhig, im Augenwinkel zwei Kinder, die sich darum balgen, wer nun Petrus wieder ins Boot setzen darf. “Sven geht es nicht gut.”

“Das war heute morgen auch schon so”, erwidert MamaSven als wäre das keine Entschuldigung, die sie für diese Störung akzeptiere und winkt ihrem Sohnemann unwirsch zu er solle mal voranmachen.

“Vielleicht bleibt Sven dann beim nächsten Mal lieber direkt zu Hause”, schlage ich semi-freundlich vor und nehme Yannis das Playmobilbäumchen aus der Hand, mit dem er gerade auf seinen Sitznachbarn einzustechen beginnt.

Giftige Blicke treffen mich. “Wir wollten es aber probieren!” Ich schaue das grünlich-unglückliche Kerlchen an, denke, dass sicher nicht wir alle es versuchen wollten und frage mich, wen die umgehende Magen-Darm-Grippe jetzt wohl als nächstes ereilen wird. “Gute Besserung” wünsche ich – nun wieder ganz professionell – und wende mich erneut dem derangierten Bodenbild zu. Kaum haben Sven und Mutter den Klassenraum verlassen (RUMMS), fliegt die Türe auch schon wieder auf, MamaSven noch einmal. “Wer ist denn hier in der Betreuung?”, sie wedelt wild mit einem Zettel herum. Mehrere Kinder melden sich. MamaSven verteilt den Zettel während sie lautstark Anweisungen an verschiedene Kinder ausgibt (“Du, die Hausaufgaben! Du sagst beim Schwimmen Bescheid!”).

“Mama?”, tönt da ein dünnes Stimmchen vom Flur. “Gleich!” MamaSven dreht sich noch einmal zu mir, hebt den Zeigefinger, setzt an, unterbricht sich, dreht ohne weitere Erklärung um und stampft wütig aus dem Raum.

“Schön”, denke ich, “dann kann es ja mal weitergehen” und setze erneut zur Erzählung an. Diesmal lässt MamaSven die Türe offen, was praktisch ist, weil sie erneut zurückkehrt, um lautstark Ranzen und Turnbeutel einzufordern, die bereits seit Beginn der Stunde neben der Klassentüre bereitstehen. Bepackt poltert sie wieder aus der Klasse heraus. Die Zweitklässler, denen mittlerweile die biblische Szenerie nicht halb so spannend erscheint wie das Geschehen vor Ort, schauen MamaSven interessiert hinterher. Niemand zweifelt daran, dass da noch etwas kommt.

Und es kommt.

Unverkennbar ertönen Würgegeräusche vom Flur.

“Amelie”, sage ich zuckersüß, “würdest du bitte die Türe schließen?”

 

 

3. Mai 2012. Schlagwörter: , , , . Erziehungsberechtigte und andere Katastrophen, Religion. 28 Kommentare.

Mitmachaktion: 5 Dinge oder mehr*

Es gibt ja soviel, was man nicht weiß, wenn man zum ersten Mal Mutter wird. Niemand sagt einem zum Beispiel, dass es wahnsinnig anstrengend ist, wenn das Kind nicht durchschläft. Dass auch die Bäuerchen des eigenen Babys einfach nur fies stinken, wenn sie auf der Kleidung antrocknen. Oder dass der positive Schwangerschaftstest in der Hand bereits das erste Warnzeichen darstellt, dass man den Kampf gegen die Schwerkraft auf kurz oder lang verlieren wird. All dies weiß man nicht. Und noch so vieles mehr.

Ich hätte mir in verschiedenen Lebenslagen einen Kurzratgeber gewünscht. Zum Beispiel: Sie haben ein Spuckbaby? Lesen Sie hier, auf welche Stoffe Sie bei Ihrer Oberbekleidung jetzt besser verzichten! Oder – als Ratgeber für Herrn Weh – 10 überlebenswichtige Sätze, die Sie einer übermüdeten Mutter niemals sagen sollten. Auch für das Kindergartenalter wäre das nicht schlecht. Gerne hätte ich diesen hier gehabt: 10 Standartfloskeln, die man parat haben sollte, wenn man vor allen anderen Müttern von der Erzieherin angesprochen wird. Ohne Beleidigungen!

Und natürlich wäre so ein Ratgeber auch für die Grundschule sinnvoll. Ich schließe hiermit also eine Lücke. Frau Weh, die Botschafterin für ein friedliches Miteinander zwischen Lehrerinnen und anderen Menschen erklärt jetzt mal, wie das so ist:

  1. Kinder, die ihr Pausenbrot (oder das Actimel, die Milchschnitte, das Kinder Pingui) vergessen haben, sind nicht akut vom Hungertod bedroht. Es ist nicht notwendig in den Unterricht zu platzen, um die gut gefüllte Brotdose nachzubringen, das Kind mehrfach zu küssen und schnell noch ein paar Verabredungstermine mit anderen Kindern zu vereinbaren.
  2. Kinder, die ohne Sportzeug zum Sportuntericht kommen, kriegen einen Anraunzer und sitzen auf der Bank. Seelische Schäden resultieren hieraus nur sehr selten. Mit einem erbosten Anruf bei der Schulaufsicht erreicht man in der Regel nichts. Sich deswegen an die Presse zu wenden, ist… unnötig.
  3. Dreckige Kinder sind glückliche Kinder. Es gibt einen guten Grund, warum weiße Tüllröckchen niemals in die engere Auswahl für eine Schuluniform kämen. Auch Löcher in Kniehöhe und im Knie selber können während und nach einer Pause vorkommen, führen meistens in das Kämmerchen des Hausmeisters, aber nicht ins Grab.
  4. Einmalig vergessene oder nicht notierte Hausaufgaben sind niemals und unter keinen Umständen ein Grund bei der Klassenlehrerin anzurufen. Und wo man gerade schon mal am Telefon ist, …! Nein, das kommt nicht gut. Man könnte es stattdessen durchaus bei einem Klassenkameraden versuchen. Vielleicht hat der ja aufgepasst.
  5. Kinder – auch wenn sie unser elterlicher Augapfel, der Sinn unseres Seins und die Liebe unseres Lebens sind – sind manchmal Monster. Sie streiten. Sie stinken. Sie wären heiße Kandidaten für einen Flug ins All ohne Rückticket. Seien Sie entspannt, das ist normal. Und es geht auch wieder vorbei.

Was sind eure High Five der Dinge, die mal gesagt werden sollten? Was möchtet ihr Eltern vor, während oder auch nach der Einschulung so richtig gerne einmal rückmelden? Oder an die Eltern: was ist so typisch (Grund-)Schule, dass es schon weh tut? Wann würdet ihr die Grundschullehrerin eures Vertrauens gerne einmal fragen, ob sie das, was sie da tut, wirklich ernst meint?

Lasst mich teilhaben an euren Lieblingsszenarien schulischer Wonnen, ich freue mich auf Rückmeldungen… :-)

*wegen denen man niemals bei einer Lehrerin anrufen sollte

30. April 2012. Schlagwörter: , , , , . Erziehungsberechtigte und andere Katastrophen. 46 Kommentare.

Merkwürdigkeiten des Schulalltags

Warum sind es eigentlich immer die dicken Mädchen, die von ihren Müttern in weiße Leggings gesteckt werden?

 

25. April 2012. Schlagwörter: , , . Erziehungsberechtigte und andere Katastrophen. 44 Kommentare.

Ja, sind wir denn im Kindergarten!?

An unserer Schule herrscht Hausschuhgebot. Das dient der Reinlichkeit in den Klassen und beugt vorpubertären Schwitzfüßen entgegen. Ausgenommen von dieser Regelung ist lediglich der PC-Raum, denn dorthin muss man über den Hof laufen. Der Musikraum hingegen liegt im Keller des Hauptgebäudes und wird sowieso nur alle Jubeljahre mal feucht gefeudelt. Für die notdürftige Reinigung der 70qm ist die Musiklehrerin verantwortlich. Also ich. Freude, Freude. Von daher gilt das Hausschuhgebot hier in besonderem Maße.

Nicht allerdings für die Drittklässler, die heute zur 2.Stunde anschlurfen. In Straßenschuhen.

“Hausschuhe? Boah neeee, echt jetzt? Ähhhh, voll doof!”

“Ich habe keine Hausschuhe. Meine Mutter sagt, das interessiert uns nicht.”

“Meine Schuhe sind neu, die darf ich nicht vor der Türe liegenlassen.”

“Voll Kindergarten, Frau Weh!”

“Ich habe da so einen Knubbel am Fuß, wenn ich da den Reißverschluss von meinem Stiefel drüber mache, dann passt der Knubbel nachher da nicht mehr rein.”

“Ich kann keine Schleife binden.”

Pffft. Früher wären die alle nicht eingeschult worden. Und wer ist schuld? Ganz klar die Medien. Früher konnte man sowas wenigstens noch aus dem Fernsehen lernen, wenn Mama und Papa keinen Sinn darin sahen.

 

18. April 2012. Schlagwörter: , , , . Erziehungsberechtigte und andere Katastrophen. 7 Kommentare.

Dinge, auf die ich gut verzichten kann:

Konferenzen, die länger als zwei Stunden dauern zum Beispiel. Oder auch Magen-Darm-Grippe, ja, ohne die geht es mir viel besser. Ein kaputtes Auto ist ebenfalls so eine unschöne Sache oder Viertklässler, die sich während meiner Aufsicht die Nasen blutig hauen.

Heute richtig blöd (und fast ein Grund, dass auch ich mal jemandem kräftig auf die Nase hauen wollte) ist die Mutter, die ihren Sohn seit mittlerweile drei Jahren jeden Tag an der Klassentüre abholt, um ihm den Ranzen ins Auto zu tragen und die mir JEDESMAL wenn sie mich sieht einen SCHÖNEN FEIERABEND wünscht.

Ja, was denkt die sich denn? Dass ich tatsächlich um 13.30 Uhr fertig bin*?

Na toll!

*(Also nicht nur mit den Nerven… sondern so komplett.)

31. Januar 2012. Schlagwörter: , , . Erziehungsberechtigte und andere Katastrophen. 16 Kommentare.

Wenn du ein totes Pferd reitest…

…dann spring ab.

Dieses Sprichwort ging mir heute durch den Kopf, als ich mich – plötzlich, eigentlich kam ich gerade nach Schulschluss von meiner Busaufsicht zurück – im Gespräch mit einer Mutter wiederfand, die im herrischen Tonfall von mir Auskunft über die Leistung ihres Sohnes im Fach Musik verlangte. Es ist nicht so, dass ich mich einem Gespräch verweigern würde. Allerdings haben wir uns bereits vor vier Wochen unterhalten. Und vor zwei Wochen ebenfalls. De facto ändert sich nicht viel.

Sohnemann mag musikalisch sein. Möglicherweise interessiert ihn auch, was er so im Unterricht mitbekommt. Leider lässt er mich an seiner Freude nicht teilhaben. Stattdessen schlägt er mit leeren Getränkeflaschen nach seinen Nachbarn, redet – grundsätzlich ohne vorherige Meldung – in jedes Gespräch rein, und antwortet auf Fragen gerne mit “hähhhh?”. Er macht nur nach mehrmaliger Aufforderung mit und auch dann nur irgendwas und irgendwie. Als Sahnehäubchen kommt hinzu, dass er – zwar durchaus theoretisch einer normalen Sprechlage mächtig – ständig spricht wie Miss Piggy auf Speed.

Ein “befriedigend” als letzte Zeugnisnote schien mir angemessen. Ja, fast noch ein wenig geschönt.

Jetzt ist es aber so, dass ein “befriedigend” im Musikunterricht der Grundschule grundsätzlich auf das Konto des betreffenden Lehrers geht. Und wenn das Kind nicht mindestens eine Zwei bekommt, dann macht der Lehrer seinen Job falsch. Das jedenfalls erklärte mir heute die betreffende Frau Mama im hektischen Staccato derer, die immer Recht haben. Niemand beschwere sich sonst über sein Verhalten. Überhaupt sei er nun einmal ein aufgewecktes Kind. Und so außerordentlich musikalisch! Er habe ihr gestern erst ein Lied vorgesungen. Aus dem Musikunterricht! Da muss er ja wohl aufgepasst haben! Solle sie also ihrem Sohn erklären, bei Frau Weh habe er immer still zu sitzen, sich nicht zu rühren, sonst könne er eine bessere Note vergessen!? Das könne doch nicht angehen. Und warum müsse ihr Sohn überhaupt ruhig sein in den Arbeitsphasen? Das liegt doch wohl am Lehrer, sich durchzusetzen. Er wäre eben kein langweiliges, phlegmatisches Kind. Und der ältere Bruder sei auch auf dem Gymnasium! Und die Klavierlehrerin beschwere sich schließlich auch nie. Und die Nachbarin der Schwägerin ihres Mannes sei schließlich auch studierte Grundschullehrerin (jetzt allerdings wegen der Kinder zu Hause und der Mann verdient ja auch so gut!) und die sagte auch, dass der Sohn doch ungemein begabt sei. Vielleicht sogar un-ter-for-dert! JA!!! UNTERFORDERT!!!

Ich hätte ihr gerne so viele Dinge mitgeteilt*. Von gutem Musikunterricht. Von der Notwendigkeit, sich in einer Gruppe so zu verhalten, dass auch der Lernerfolg der anderen Kinder gewährleistet ist. Von der durchaus voraussetzbaren Befähigung eines Drittklässlers, einfach mal keine permanenten Störgeräusche von sich zu geben. Von der Unart eine eventuelle oder tatsächliche Hochbegabung als Entschuldigung für jegliches Fehlverhalten zu missbrauchen. Von der vielen Unterrichtszeit, die für alle verloren geht, weil manchen Kindern bereits von zu Hause aus vorgelebt wird, dass Respekt etwas ist, was ausschließlich die anderen zeigen müssen. Von Müttern, die mich unendlich ermüden mit ihrer blasierten, rechthaberischen Attitüde.

Stattdessen kroch in mir – irgendwo tief unten – Verständnis für die Kolleginnen hoch, die in solchen Fällen einfach die bessere Note geben.

Wuah, also manchmal…

* (so wie die letzten beiden Male)

18. Oktober 2011. Schlagwörter: , , , , . Erziehungsberechtigte und andere Katastrophen. 20 Kommentare.

Klassenpflegschaftssitzung

Heute Abend habe ich es gut. Da gehe ich nämlich zum Elternabend. Aber nicht zu dem meiner Klasse, sondern zum mittelgroßen Wehwehchen. Toll, da setze ich mich dann ganz entspannt auf einen Stuhl und höre mir mal an, wie es anderswo so läuft. (Ich musste Herrn Weh allerdings hoch und heilig versprechen, mich nicht in ein Amt wählen zu lassen. Auf gar keinen Fall! Im Hause Weh ist Schule nämlich sowieso schon das allumfassende Thema. Mehr geht nicht, sagt der Gatte.)

Wenn ich auf fremden Elternabenden bin, dann betreibe ich immer ein bisschen Betriebsspionage: wie ist die Stimmung? Wie lange dauert es? Wird auch mal gelacht? Kriegt die Kollegin rote Flecken am Hals? Wie sieht die Klasse aus? Was wurde in Kunst gemacht? Und so weiter. Manchmal spinkse ich in unbeobachteten Momenten auch unter den Tisch und gucke, was da so rumliegt. Oder staube ein interessantes Arbeitsblatt ab.

Reden lasse ich da übrigens lieber die anderen Mütter. Die machen das gerne. Und viel. Halleluja, sind da Schlachtjungfern engagierte Damen bei! Manchmal, wenn es seit 30 Minuten darum geht, ob beim gesunden Frühstück nun Scheibenkäse erlaubt sei oder nicht, dann zwinkere ich Wehwehchens Lehrerin mitfühlend zu und nehme im Geiste diesen Tagesordnungspunkt schonmal vorsorglich von meiner eigenen Liste.

Bandura. Lernen am Modell.

21. September 2011. Schlagwörter: , . Erziehungsberechtigte und andere Katastrophen. 19 Kommentare.

Ärger… Teil 2

Da sich die Kommentare angehäuft haben, mal in Ruhe zum Thema.

Eins vorneweg: ja, Schule ist für Eltern nicht einfach, da stimme ich zu. Und Hausaufgaben sind da noch einmal eine besondere Problemzone. Es gibt keine Hausaufgabe, die für alle Kinder einer Klasse gleichermaßen passt. Da müsste man sich schon totdifferenzieren in der Aufgabenstellung, was wir in der Grundschule ja oft genug auch tun. Dazu kommt dann die Schwierigkeit, dass man als Eltern oft nicht weiß, in welchem Maße Hilfe ok ist.

Aber auch in der Hilfs-Bereitschaft der Eltern gibt es eine enorme Bandbreite. In meiner Klasse reicht sie von MamaLennox, die ihrem Sohn auch eine Woche nach Schulbeginn kein einziges Heft besorgt hat und der Meinung ist, Hausaufgaben wären genau wie der schulische Rest völlig unwichtig, über die gestern erwähnte MamaTom1, die – so ihr Sohn heute – die Seiten für ihn geschrieben habe, “damit es schneller ginge”, bis hin zu MamaLaura, deren Tochter die Hausaufgaben grundsätzlich zweimal anfertigen muss. Ein Vorschreibexemplar und eine korrigierte Fassung, die dann den Weg in die Schule nimmt.

Ich ärgere mich über eine Aktion wie die gestrige, weil ich den Eltern von Anfang an deutlich sage, dass sie sich bei Hausaufgabenproblemen jeglicher Art (zu viel, zu wenig, zu schwierig, zu leicht, Kind heult/trödelt/bekommt Tobsuchtsanfälle/rennt ständig aufs Klo…) an mich wenden können und sollen, damit wir das gemeinsam angehen. In den meisten Fällen hat das Wort der Klassenlehrerin für ein Kind wesentlich mehr Gewicht als das der Mutter. Und oft könnte man sich die nachmittäglichen Kämpfe ersparen, wenn man sich nur überwinden und die Lehrerin mit ins Boot nehmen würde. Warum das manche Eltern nicht machen? Keine Ahnung.

Mir will nicht in den Kopf, dass es MamaTom1 so überhaupt nicht bewusst sein soll, dass sie ihrem Sohn kurz- und langfristig mit solchen Aktionen schadet. Und dass sie ihn durch ihre Handlung zum Lügen zwingt. Die gleiche Mutter, die während des Elternsprechtags schon in Tränen aufgelöst vor mir saß, weil ihr Sohn ihr zu Hause so oft die Unwahrheit sagt. Ja, wen wundert das? Wo und wie soll ein Siebenjähriger differenzieren, dass die eine Lüge in Ordnung ist und die andere nicht?

Würde man jetzt die Zeit aufrechnen, die mich Korrektur, schriftliche Reaktion und das vermutlich morgen anstehende Gespräch kosten, dann würde man schnell und zweifelsohne  feststellen, dass diese Zeit wohl anderweitig besser investiert wäre.

Vielleicht in der Vorbereitung des anstehenden Elternabends…

14. September 2011. Schlagwörter: , , . Erziehungsberechtigte und andere Katastrophen. Hinterlasse einen Kommentar.

Ärger, du kannst mich nicht anschmier’n

Boah! Echt jetzt!

Ich korrigiere Schreibschriftlehrgänge. Und, ja, ich mache das gründlich. Gerade habe ich wütend das Exemplar von Tom1 in meine Tasche geknallt. Bei der ersten Seite, die eindeutig nicht von ihm geschrieben wurde, habe ich noch ausradiert und “jetzt mal Tom!” an die Seite geschrieben. Bei der mittlerweile fünften Seite, die offensichtlich von seiner Mutter angefertigt wurde, fühle ich mich nur noch verarscht.

Was soll das?

Liebe MamaTom1, wenn Sie schon die Hausaufgaben für Ihr siebenjähriges Kind erledigen,

dann benutzen Sie doch wenigstens

die gleiche Schreibschrift!

13. September 2011. Schlagwörter: , , , . Erziehungsberechtigte und andere Katastrophen. 29 Kommentare.

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