Luftpumpen zum Zweiten
Heute ging es schon ein bisschen besser. Möglicherweise lag es daran, dass ich zwei Kindern die Luftpumpe um die Ohren unter Höchststrafe das Dazwischenspielen verboten habe. Oder auch weil ich an die Ohrstöpsel gedacht habe. Ja, die hatte ich beim letzten Mal nicht drin. Schön blöd. Jedenfalls glaube ich, dass aus der Luftpumpenidee doch noch etwas werden kann.
Sollte sich nun der ein oder andere Leser bemüßigt fühlen, ebenfalls zur Pumpe zu greifen, möge er folgende Punkte beachten:
- Gespielt wird einzig und allein nach Dirigat! Dazu ist es hilfreich, wenn alle Schüler nach vorne schauen. Nicht nach hinten. Auch nicht zur Seite, unter den Tisch, aus dem Fenster, zu den Sitznachbarn oder in den Mülleimer.
- Das ausgewählte Stück sollte piano- und forte-Stellen beinhalten. Diese lassen sich effektvoll mit Klein- und Großbesetzungen umsetzen. Es darf auch gerne mit Pausen gearbeitet werden. Synchrones headbangen oder grooven der Schüler stellt einen wünschenswerten optischen Reiz dar und sorgt für gelöste Stimmung.
- Das Gummi muss schwingen können. Sonst verhält es sich wie ein Luftballon, der… ja, genau.
- Auf gar keinen Fall sollte das Stück länger als 3 Minuten sein! Akustische Folter.
- Die Übungseinheiten so legen, dass die nächste Klasse mit Stillarbeit beschäftigt werden kann.
- Eine Doppelhubpumpe kann einen gängigen Einmalhandschuh in wenigen Sekunden zum Platzen bringen. Der hierbei entstehende Knall kommt einer mittleren Explosion gleich. Fahrradpumpen sind also zu bevorzugen.
- Unter gar einen Umständen sollte man gepuderte Latexhandschuhe zulassen. Nein, denkt nicht mal dran!
- Das ausgewählte Stück mehrmals nur mit entsprechenden Pumpbewegungen in der Luft üben lassen.
- Dabei unbedingt vorher die Vorhänge zuziehen.
- Ein geflitschtes Gummi macht ein lustiges Geräusch. Und eine lustige Verletzung fast überall am Körper.
- Kühlpacks bereithalten.
- Der aufgebrachten Reinigungskraft erklären, dass der heutige Aufklärungsunterricht keineswegs mit Präservativen in Kindergröße durchgeführt wird, sondern dass es sich bei den gefundenen Artefakten um wichtige Schwingungsmembranen handelt, die sich gelegentlich mit einem pffffffffffhhhhhhhTTT! verselbstständigen.
- Sich damit trösten, dass Beuys mit seiner Fettecke auch nicht überall auf Verständnis stieß. Dies ist eben eine akustische Fettecke.
Und der Dienstag kommt…
Es gibt da diese neue Zigarettenwerbung Don’t be a Maybe. Ich fahre auf dem Schulweg mehrmals dran vorbei. Trotzdem hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich sie verstanden und für blöd befunden habe. Sei mutig, wage dich ins Leben, don’t be a maybe. Rauchen ist blöd, weiß ja jeder und ein MAYBE will ja auch keiner sein. Oder vielleicht doch?
Ich bin kein Maybe. Ich bin ein Gefahrensucher. Oder – prägnant und kurz – eine dumme Nuss. Zumindest was den Musikunterricht bei den Drittklässlern derzeit anbelangt. Ich habe mir nämlich was für ihr Sommerfest überlegt. Vielmehr bin ich bei youtube drüber gestolpert:
Intellektuell und vom Bewegungsdrang her kommt das den Drittklässlern sehr entgegen. Viel falsch machen können sie dabei auch nicht. Man nimmt eine Pumpe, spannt einen Gummihandschuhfinger drüber und macht halt so ffftt-phhhhh-ffftt-phhhh. Das Ganze im der Musik angemessenen Tempo. Wird wohl nicht so schwer sein.
Hahaha, ganz doofe Idee, Frau Weh!
Tatsächlich war die erste Probe heute so fatal, dass ich den heutigen Abend am liebsten in einem dunklen, schallisolierten Raum verbringen würde. Und den morgigen auch.
Weiß hier eigentlich jemand, wie viel Lärm Luftpumpen machen können?
Und wie weh flitschende Gummihandschuhe tun?
Und auf was für un-sag-ba-ren Internetseiten man landet, wenn man Luftpumpe, Gummihandschuhe und Instrument bei google eingibt?
Also das alles zusammen genommen war jetzt WIRKLICH zu viel für mich. Cheerio, Miss Sophie!
Wenn der Postmann zweimal klingelt
…dann ist das ein Grund zur Freude. So auch heute. Weil ja Fastenzeit ist und ich mich daher in anderen Bereichen stark zügele, musste ich meiner Konsumfreudigkeit ein Schlupfloch bieten bevor ich gänzlich irre werde. Ein Schlupfloch, das nichts, aber auch gar nichts mit mir lieben (und Herrn Weh teuren) Labels bekannter dänischer, schwedischer oder norwegischer Modemarken zu tun hat. Also kauf ich Schulmaterial. Shoppingmethadon sozusagen. Das ist auch so ein typisches Grund- und Förderschulding, oder? Im Freundeskreis ernte ich auch nach all den Jahren immer noch gelegentlich Irritationen, wenn ich hingerissen erzähle, was für tolle Dinge – natürlich vom eigenen Geld – ich für die Schule angeschafft habe. Ich glaube, mein Bruder würde nie sein eigenes OP-Besteck kaufen. Andererseits haben Köche auch ihre eigenen Messer, oder?
Na, wie dem auch sei, der (überschaubare! Ich konnte mich zurückhalten) Inhalt des Pakets stieß sofort auf breite Zustimmung im Hause Weh. Ich bedaure, dass ich noch kein aufnahmefähiges Gerät zur Hand habe, das getrötete Konzert wäre eines breiten Publikums würdig gewesen. Selbst Herr Weh konnte nicht anders* und erlag dem zugegeben hohen Aufforderungscharakter der quietschbunten und quietschlauten Kazoos:
Die Chicken Shakes waren bei den Wehwehchen ebenfalls hoch im Kurs. Sie wurden geschüttelt, gekullert, in Eierkartons einsortiert und in Socken gestopft. Ich bin mir nicht sicher, ob ich am Montag noch alle beisammen habe. (Andererseits bin ich mir das montags nie so richtig. Kleiner Scherz.)
Dieses Foto war das einzige, was nicht völlig verwackelt war. Den Grund erahnt man rechts unten im Bilde. Was hier so friedlich und zart aussieht, wie es eben nur Kleinkinderhände können, ist in Wahrheit das allzeit bereite, legendäre Monsterhändchen des Miniwehs (“Meeeeiiins! Meeeeeiiiiins!”). Immer auf der Suche nach verbotenen Früchten und Glitzerkram, den es dann mit klebrigem Überzug versieht, wie es eben auch nur Kleinkinderhände können. Ich könnte nie, wirklich nie in einer Kita arbeiten. ErzieherInnen haben meinen grenzenlosen Respekt. Als ich während meines Studiums in einem Cafe gekellnert habe, habe ich am Ende des Tages auch immer irgendwie zuckrig geklebt. Brrr. Ha ha, ich bin voll die Mimose.
*Nachdem wir ihn eine geraume Weile vergeblich mit dicken Backen hineinpusten ließen. Tatsächlich funktioniert das Kazoo als Membranophon nämlich nur durch Hineinsingen. Die Wehwehchen hattens schneller raus
Ich packe meine Sachen und bin raus, mein Kind…
Heute hab ich ja mal gar keine Zeit zum Schreiben. Morgen geht es ins schöne Münsterland zur dreitätigen Musikfortbildung, die der nette Herr Dorok mit anderen fleißigen Lieschen auf die Beine gestellt hat. Das Programm klingt vielversprechend. Noch vielversprechender finde ich allerdings die Aussicht, drei Tage mit lauter Musikern auf einer Wasserburg zu verbringen. Der Musiker an und für sich hat ja öfters einen leichten Sockenschuss… es wird also bestimmt herrlich!
Jetzt muss noch gepackt und die Wehwehchen geherzt und geküsst werden, drei Tage sind schließlich eine lange Zeit! Damit der blog nicht so brach liegt während ich mich vermutlich feist vergnüge, hat sich Herr Weh zum morgigen Gastbeitrag bereit erklärt. Wenn die reizende Frau H., auf die ich mich neben meinem Freund Marten natürlich ganz besonders freue, Wort hält und ihr iPad mitbringt, schaue ich vielleicht mal ganz incognito vorbei.
Euch allen ein wunderbares Wochenende, ich packe jetzt Schokolade, Bongos und die Ohrenstöpsel in eine ganz schön strapazierte Papiertüte und bin dann mal weg…
Herzlichst, Frau Weh
(hoppla, von den Tattoos wusste ich nichts, ehrlich!)
Was bin ich?
Musik, drittes Schuljahr, Thema: Die Violine. Medien: OHP (ja, das ginge auch auf dem Whiteboard…), Geigenpuzzlefolie, ratlose aber motivierte Kinder, eine Tasse Kaffee und eine Geige in natura. Für später dann.
Was bin ich?
Mit dieser Frage startet das Spiel am OHP. Die Regeln: alle dürfen dran, aber nacheinander. Jedes Kind darf beliebig viele Teile legen oder auch korrigieren. Danach kommt per Meldekette der Nächste zum Zuge. Der Musiklehrer – in diesem Falle ich – übt vornehme Zurückhaltung in der letzten Reihe, trinkt den ersten ruhigen Kaffee der Woche und darf sich einfach mal am Tun der SuS erfreuen. Dass es sich um eine Geige (oder ein Cello? Eine Gitarre?) handelt, haben sie schnell raus. Man kann ihnen natürlich vorher eine Geige zeigen. Aber meistens gibt es in jeder Klasse mindestens zwei, drei Herzchen, die laut verkünden, dass das alles ja gar kein Problem darstelle. Diese dürfen dann auch anfangen
Zwischenstände:
Irgendwann hole ich dann die Geige aus dem Kasten und lasse schnell das Puzzle berichtigen. Zum Lohn für die Fleißarbeit darf dann natürlich ausprobiert werden:
Am Ende der Stunde hatten alle Spaß (ich auch), manche haben sogar etwas gelernt und David Garrett finden alle ganz toll. Wie viele Kinder bereits den Fluch der Karibik gesehen haben, habe ich geflissentlich überhört und die Anlage noch etwas lauter gedreht.
Nuppelalarm
“Der Nuppel ist weg!”
Panisch blickt sich die kleine Cellistin um. Synchron springen alle CrazyFunkyChicken auf und helfen bei der Suche. Ich seufze und pule mir die Ohrenstöpsel heraus während ich der Hilfsbereitschaft in ihrer perfekt aufeinander abgestimmten Choreographie zusehe. Während das Saxophon tröstet, rutscht die Percussiongruppe kniend den dreckigen Boden ab. Zentimeter um Zentimeter. Die Blockflöten suchen im Nebenraum. Typisch, da waren wir gar nicht drin. Die Trompete bietet als Ersatz ein Ventil an (“mit dem spiele ich ja noch nicht.”) und der allseits praktisch veranlagte Frank (ein bestimmtes Instrument kann ich noch nicht zuordnen, wir probieren noch durch, wo der musikalische Kollateralschaden am geringsten ausfällt) überlegt, ob man vielleicht eins aus Kaugummi…? Die ganze Truppe brummt wie ein gut geölter Hummelschwarm. Ob Rimsky-Korsakov auch ein Schulorchester hatte?
“Da ist er ja!”
Triumphierend hält eine der atemlosen Querflötistinnen den wiedergefundenen Gumminuppel in die Höhe. Szenenapplaus. Glücklich lassen sich alle wieder auf ihre Hocker plumpsen.
“Hach”, meint einer der Klavier-Cajon-malsehenwasnoch-Spieler, “wir sind schon ein richtig gutes Team!” Allgemeine fröhliche Zustimmung brandet auf.
Wie, frage ich mich später – wieder wohltuend verstöpselt – , wie kriege ich diese Harmonie nur ins Spiel?
Besucher
Bei der CrazyFunkyChicken Probe drängeln sich die Zuhörer. Das benachbarte Gymnasium hat Zeugniskonferenz und ein ganzer Schwall ehemaliger Schüler ergießt sich in den Musikraum. Die meisten erkenne ich, bei manchen muss ich passen. Groß sind sie geworden. Und ruhiger. Und irgendwie erwachsen. Vor gar nicht langer Zeit haben sie hier im Chor gesungen, Inselmusik vorgestellt oder beim Warm Up abgerockt. Ich fühle mich innendrin ein bisschen sentimental angerührt.
“Ooooh, Frau Weh, Sie haben sich ja gar nicht verändert!” strahlt mich Max-der-Fünftklässler an, der letztes Jahr noch selbst Mitglied im Schulorchester war und mich manche Schweißperle gekostet hat.
“Doch, Sie sind noch hübscher geworden!” beteuert Marco, mittlerweile zwei Köpfe größer und reichlich verpickelt. Begehrlich schielt er auf das neue Keyboard, das einsatzbereit neben dem Cello wartet. Alte Schleimbacke.
Ich freue mich über den Besuch und will wissen, wie der Musikunterricht so sei. Schließlich habe ich jeden Einzelnen mit gutem Gewissen ziehen lassen können. Betretenes Schweigen.
“Naja, nicht so der Knaller. Die meisten haben den Dombrowski. Der schreit meistens rum. Wir müssen eigentlich nur schreiben und lernen und so.” “Ja, der ist total doof.” “Das ist eigentlich überhaupt kein Musikunterricht. Also wir machen jedenfalls keine.”
Ich interveniere – Kollegenschelte kommt bei mir nicht gut an – werde aber umgehend darüber informiert, dass von der 5 bis zur 9 eigentlich gar nicht musiziert wird. Stattdessen – so man ihnen denn glauben darf – schreiben sie einen Test nach dem anderen in Musiktheorie und dergleichen. Wenigstens ein bisschen singen zwischendurch? Nö.
“Ich habe jetzt Musik abgewählt”, gibt Sandra zu. Ich bin nicht nur überrascht, ich bin tatsächlich sprachlos. Sandra ist jetzt 16, hochmusikalisch, zwei Instrumente, die sie bereits im zweiten Schuljahr äußerst passabel spielen konnte, dazu eine Stimme, dass sich Herr Bohlen an der eigenen Spucke verschlucken würde, so sie denn diesen Weg wählen würde. Und jetzt das. Ich habe den Lehrplan der weiterführenden Schulen natürlich nicht im Kopf, würde aber jeden Eid schwören, dass Musik machen auch dort verankert ist.
Aber sie würde gerne nächstes Jahr zum Praktikum kommen, eigentlich interessiere sie sich fürs Theater, aber dass es ziemlich unrealistisch sei, dort unterzukommen, wisse sie natürlich. Und Lehrerin werden, das wäre auch so ein Traum. Musik natürlich, das wäre das Größte!
Ich genehmige mir im Stillen den Kollegen Dombrowski für den Moment auch doof zu finden und platziere die Besucher zur Jamsession zwischen die neugierigen Orchesterkinder, die mit großen Augen und noch größeren Ohren den Schilderungen der Großen folgen. Wir unterlegen “Puck, die Stubenfliege” mit halsbrecherischen Sambarhythmen, lernen schnell etwas über Offbeat, den alten Schlingel, lachen viel und beschließen einen Gegenbesuch der CrazyFunkyChicken im Musikunterricht der Großen. Zum Marsch blasen*.
*(Marco schwört, dass er “zum in den Arsch blasen gehört habe”. Dies entbehrt natürlich jeder Grundlage!)
requiescat in pace
Die Ohrstöpsel sind eine Offenbarung.
Ich hatte noch nie eine derart entspannende Konferenz.
(Im Musikunterricht machen sie sich übrigens auch ganz gut
)
Luxuslärm
Individueller Gehörschutz, gerade abgeholt.
Der Mittelwert der Schalldämmung beträgt je nach Frequenzbereich zwischen 15 und 20 Dezibel. Haupteinsatzgebiet wird das Klassenmusizieren, dort vor allem der Drum Circle sein. Versprochen wurde mir klanggetreues Hören bei deutlich angenehmerer Lautstärke. Ich bin gespannt und werde berichten.








