Umsorgt

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“Und wie geht es dir?

Ich blicke von meinem Teller auf und streife kurz das Glas Grauburgunder, das vor mir steht, bevor ich meinem Freund Marten in die Augen sehe. Eben sind wir aus dem Kino gekommen, in dem wir uns Frau Müller muss weg angesehen haben. Es war ein kleines, gemütliches Kino. Eins von diesen mit roten Plüschsesseln und Bedienung. Nun sitzen wir – passend – in einer Bar mit Fifties-Ambiente und teilen uns einen Käseteller. Er den Camenbert, ich den Ziegenkäse. Mit der Besprechung von Frau Müller sind wir schnell durch. Kurzweilig war es, aber nicht überraschend. Gelacht haben wir, wenn auch nicht immer an den gleichen Stellen. So konnte Marten, seit zwanzig Jahren mit seinem Partner in kinderloser Beziehung liiert, sich nahezu ausschütten über die treffende Zeichnung der Helikoptereltern, wo ich mich doch manchesmal leicht ertappt sah. Bei den Sätzen der Titelheldin, die so gar keine war, oder eben doch, wie man es nimmt, hätten wir hingegen Lehrer-Bingo spielen können. So bekannt waren uns die herzlichen und blumigen Formulierungen. Gut recherchiert war der Film bis hin zu den Klassenregeln, keine Frage.

Marten und ich kennen uns lange. So lange, dass keine Fassade aufrecht erhalten, keine Falte versteckt werden muss. Auch keine Träne, die (kleines Mistding!) mir prompt ins Auge steigt. Er nickt und greift nach seinem Glas. “Erzähl.”

Ich ziehe unwillkürlich die Schultern nach oben und schüttle leicht den Kopf. “Es gibt nicht viel zu erzählen. Das Übliche halt. Riesenklasse, hohe Ansprüche, Familie, Kinder. Immer das Gefühl, niemandem wirklich gerecht zu werden.”

Bedächtig nimmt Marten einen Schluck. Er, der Weinkenner, hat deutlich länger die Karte studiert als ich, die ich den Wein grundsätzlich danach auswähle, ob die Beschreibung genügend synästhetische Adjektive enthält. Langsam setzt er das Glas ab, faltet die Hände und nimmt mich auseinander. Scheibchen für Scheibchen. Treffend genau und stellenweise schmerzhaft. Er ist ein hervorragender Beobachter und als Musiker ein Kenner von Zwischentönen. Es gibt nicht viele Menschen, denen ich es erlaube, mir derart nahe zu kommen, und denen ich zuhöre ohne mich zu rechtfertigen oder zu verteidigen.

Als er fertig ist, schweigen wir beide. Am Nebentisch wird gelacht. Der Barmann trägt Vollbart. Die Wandfarbe befindet sich irgendwo zwischen Dschungelgrün und Mint. Es ist ein gesättigtes Schweigen, eins, das Überlegungen und Gedanken zulässt, inmitten des fröhlichen Geplänkels um uns herum.

“Ich könnte das nicht. Diese ständige Präsenz. Schule am Morgen, Kinder am Nachmittag, Arbeiten am Abend. Dein Arbeitspensum am Wochenende. Kein Wunder, dass du müde bist.”, nimmt Marten den Faden wieder auf.

Wieder zucke ich mit den Schultern. Ich sehe nichts Heroisches dabei. “Was soll ich machen? Das ist der Alltag.”

Und dann reden wir über Lösungen. Darüber, den unmöglichen Einsatz für Schule zu senken ohne die Zügel schleifen zu lassen. “Schule ist immer auch eine gute Show. Und das kannst du ja!” er prostet mir zu und grinst. Ich erwidere sein Lächeln. Uns verbindet neben einer Freundschaft, die schon so lange hält, dass ein Ende nicht nur unwahrscheinlich, sondern in meinem Kosmos schlicht undenkbar ist, auch eine gemeinsame musikalische Beziehung. Eine gute Show können wir beide abliefern. Wir reden und formulieren Ziele, verwerfen Ideen und finden neue Ansätze. Wie so oft bin ich von der Wärme und der Höhe des Verständnisses angerührt. “Ich bin dir nicht zu nahe getreten?” Ich lache auf und winke mit der Hand ab. “Doch bist du. Geschenkt!”

Wir tauschen noch ein paar Unterrichtsideen aus, fachsimpeln über die Wandgemälde der Bar und die erotische Komponente gut ausgeprägter Bauchmuskeln. Die von Anke Engelke findet er ein wenig viehisch, ich erwähne, dass ich auch optisch viel Spaß bei Fack ju Göhte hatte. Am Ende des Abends nehme ich ein  Arbeitskonzept mit in die Bahn, das funktionieren könnte, und das Gefühl, ein ganzes Stück weiter gekommen zu sein. Die SMS, die zuverlässig einige Zeit später eintrifft, beantworte ich, die Zahnbürste schon im Mundwinkel.

Und? Gut angekommen?

Danke, alles gut!

N8 :-)

Sportunfall

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Zwischen der letzten Unterrichtsstunde und dem Kindergartenende fliege ich gerne im Fitnessstudio vorbei. Was für den Rücken tun. Und die Arme. Den Bauch! Ach, eine Rundumpackung. Es ist ein kleines Studio, sehr familiär geführt und nur für Damen. Ich bin – zumindest sportlich gesehen – jetzt bei den Damen angesiedelt. Im Gegensatz zu den jungen Hüpfern, die enge Sportkleidung und deutlich mehr BummBumm-Kurse bevorzugen, fühle ich mich in diesem etwas gediegeneren Etablissement sehr wohl. Das Training dauert immer 30 Minuten (oder bei akuter Zeitnot gar nur 20) und deckt alle Problemzonen Hauptmuskelgruppen ab. Außerdem gibt es immer frisches Wasser und den ein oder anderen netten Schwatz. Das mag ich. Es findet sich sogar eine Aufhübschstation in der Umkleide, die mit Tüchlein, Deo- und Haarspray und dem ein oder anderen Schnickschnack ausgestattet ist. Reicht die Zeit zwischen zwei Tagespunkten mal nicht, um zu duschen, kann man sich zumindest schnell duftigfrisch sprühen. Das ist total Rokoko (und ein bisschen pfui, ich weiß), aber ehrlich, ich mach das nur ganz selten so!

Sport ist ja enorm wichtig! Physisch wie psychisch. Und überhaupt lassen sich – ist der Widerstand nur groß genug – viele negative Schwingungen ganz einfach wegpressen. Oder wegrudern. Meinetwegen auch wegbutterflyen. Wobei das jetzt im geschriebenen Zustand doch komisch aussieht. Ihr wisst, was ich meine. So langsam komme ich in ein Alter, in dem die verspannten Nackenmuskeln nicht mehr als Zeichen von Tüchtigkeit durchgehen, sondern langfristig zum Problem werden können. Und in diesem Bereich bin ich ja Minimalist: Bitte kein Problem mehr als unbedingt nötig, wir sind bereits gut ausgestattet! Also rudere ich und presse, ziehe und drücke, um das Gesamtpaket Weh möglichst ohne Ach zu behalten.

Heute ist nun aber einer der Tage, an denen die Zeit tatsächlich knapp bemessen ist. Ich habe ein Luftloch zwischen einer Musikstunde bei den Viertklässlern und einem Elterngespräch, das gerade so einen kurzen Besuch des Fitnessstudios zulässt, aber nicht für einen Heimflug reicht. Natürlich könnte ich mich auch mit einer Packung Kekse ins Lehrerzimmer setzen, keine Frage. Aber … nein, da gibt es kein Aber, ich greife mir die Tasche, die allzeit bereit im Auto liegt, und jogge ins Studio. Ich kann dann ja nachher ausnahmsweise mal ordentlich drübersprühen, das passt schon. Allzu nah wollte ich den Eltern sowieso nicht kommen. Beschwingt absolviere ich meine Runden, drücke, presse, ziehe und fege wieder in die Umkleide. Raus aus den Plünnen, rein in die Plünnen … ach, vergessen, der Sprühnebel! Den Kopf schon im Pulli, greife ich blind nach der Flasche, schüttle selbige und …

ZISCHSCHSCHSCH … eiße!

Oh Gott, diese Schmerzen! Völlig orientierungslos hüpfe ich jaulend durch den Raum, stoße mich an offenen Spindtüren und verstehe die Welt nicht mehr. Habt ihr euch schonmal Haarspray in frisch enthaarte Achseln gesprüht? Alles klebt, alles schmerzt. Das kann nicht gesund sein. Mit rotem Kopf und schmerzverzerrtem Blick tauche ich aus meinem Pullover auf und schaue auf das Etikett der Flasche. Extra strong. Für die Dauerwellendamenstudio-Fraktion, der ich mich eben noch so fröhlich anzuschließen bereit war. Wie doof darf man eigentlich sein, wenn man Kinder unterrichten will?

Reichlich derangiert sitze ich wenig später dem Vater von Mia gegenüber. “Ist Ihnen nicht gut?”, fragt er besorgt, als ich entschuldigend seine zur Begrüßung ausgestreckte Hand ablehne. “Ach”, sage ich und bemühe mich, nicht allzu leidend zu klingen, “kleiner Sportunfall.”

Sense and Sensibility

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“Fuck die Henne!”

Ein herzhafter Fluch zerreißt die kontemplative Stille meines Arbeitszimmers. Ich übe Gitarre. Doch eigentlich übt die Gitarre mich: In Demut und Durchhaltevermögen. Meine Geduld ist ähnlich gering ausgeprägt wie die Spanne meiner linken Hand, deren Fingerkuppen mittlerweile rissig und rauh, aber noch viel zu nah beieinander liegen. Seit 15 Minuten übe ich nichts weiter als den Wechsel zwischen a-Moll und d-Moll. Ein Klacks, wenn man über ausreichend große Hände verfügt. Eine Tortur für mich. Ich puzzle mir einen äußerst ungalanten Hilfsgriff zurecht, der den Einsatz des kleinen Fingers beinhaltet, und denke dabei, dass ein echter Gitarrist so etwas bestimmt nie tun würde. Aber da meine Ambitionen gerade ähnlich weit reichen wie meine Finger, kratzt mich dieser Gedanke nicht weiter. Verstandesmäßig weiß ich, es ist alles eine Frage der Übung. Gefühlsmäßig möchte ich eine Riesenportion Handcreme und ein Stück Schokolade.

Musik ist ganz wunderbar, aber wer annimmt, sie sei ein Quell ständiger Freude, der irrt. Disziplin, Übung, Frustration und kontinuierlichen Flirt mit den eigenen Grenzen gibt es gratis dazu. Irgendwie sportlich, wenn man es mal genauer betrachtet. Apropos sportlich: Ich trage jetzt Hornhaut an den Fingerkuppen. Allerdings nur links, rechts trage ich Nägel. In Türkis, ist ja Karneval.

Herr Weh trägt derweil eine neue Klobrille zur Tür hinein. Klobrillen und Wasserkocher stehen bei uns seit Geburt der Kinder auf der Abschussliste. Sie sind dem Dauereinsatz nicht gewachsen, das haben sie mit meinen Fingerkuppen gemeinsam. Bevor ich aber gänzlich an den Akkorden verzweifeln kann, stürmt das Miniweh mein Zimmer. “Mir ist so richtig gar nicht gut.”, ruft es kläglich. Der samstägliche Besuch des Baumarktes ist ihm anscheinend nicht gut bekommen. Ich nutze die Gunst des Augenblicks und packe die Gitarre weg. Das ist ja wohl höhere Gewalt, das steht fest. Nach weiterführenden Informationen von Herrn Weh stellt sich heraus, dass nicht der Kauf des Badaccessoires, vielmehr ein exzessiver Spielplatzbesuch Ursache der Übelkeit ist. “Das geht vorbei”, tröste ich das Miniweh und suche nach der Pflasterdose, die – für alle Fälle! – auf einem Regal neben meinem Schreibtisch steht. “Ich blute nicht, ich fühle mich schle-hecht!”, kräht das Miniweh empört. “Das ist gar nicht für dich, mein Schatz, sondern für mich.”, kläre ich es auf und klebe mir einen kleinen Fuchs um die Spitze des linken Ringfingers, den es bei der Überei am schlimmsten getroffen hat. “Möchtest du einen Tee?” “Nein, mein Gefühl möchte Schokolade!”, antwortet das Miniweh bestimmt. Ich küsse meinen kleinen Ehesegen auf den Scheitel. Ganz die Mama!

Humba Humba Täterä

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“Bah, da ist ja Alkohol drin!”

Angewidert verzieht Jonas das Gesicht und rennt zum Mülleimer, die angebissene Praline in der Hand. Ich möchte ihm zurufen, er möge mir unverzüglich die Packung zuwerfen, um sie alle, alle aufzuessen. Es ist nicht das erste fragwürdige Mitbringsel an diesem Karnevalstag und meine Stimmung wäre sicherlich besser, hätte ich mich an allem gütlich getan, was die Erstklässler zum Buffet beisteuern. Obgleich im Brauchtum großgeworden, tue ich mich ausgerechnet mit Karneval jedes Jahr aufs Neue schwer. Fröhlichsein auf Knopfdruck verursacht mir Kopfschmerzen, da ist das ausgelassene Verhalten der mir anvertrauten Schützlinge auch keine große Hilfe.

Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es nur noch eine knappe Stunde durchzuhalten gilt. Immerhin haben wir schon erfolgreich die Karnevalssitzung in der Turnhalle hinter uns gebracht, die einige lustige, aber auch diverse tragikomische Momente bot. So ließ mich der Anblick der knapp bekleideten Tanzgarde innerlich zusammenzucken. Temperatur und Figur ungeachtet wurden die strammen Schenkel geschwungen und geschmissen, was das Zeug hielt. Die örtlichen Honoratioren hats gefreut und die Erstklässlerinnen üben seit der Rückkehr in die Schule um die Wette Spagat.

“Wie ist eigentlich die Mehrzahl von Spagat?”, fragt sich Luisa.

“Spaghetti!” grölen die Jungs zur Antwort. Diesen Witz kennen sie schon.

Die Kinder kringeln und kugeln sich. Karneval ist einfach toll, wenn man sechs Jahre alt ist! Wir essen Schaumzuckerware, die nicht mehr so heißen darf wie früher und Berliner Ballen, die – darf ja wohl nicht wahr sein! – teilweise mit Eierlikör gefüllt sind. Was haben sich die Eltern bloß dabei gedacht? Ganz abgesehen vom Alkohol mag noch nicht einmal ich Eierlikör und Amelie spuckt ihren in hohem Bogen auf Merves Prinzessinnenkleid. Das gibt Ärger, Tränen und verlaufene Schminke. Den Tumult nutzt Yasin geschickt, um sich mit den übrigen Gebäckkugeln unter einem Tisch zu verstecken. Dass er zwecks schnelleren Aussaugens einen Strohhalm zu Hilfe nimmt, wird ihm zum Verhängnis: Er verschluckt sich fürchterlich. Ich lasse einen Brüll los, scheuche Yasin zum Waschbecken und entsorge alles, was auch nur annähernd alkohöllisch riecht, im Mülleimer. Die Uhr ist mir keine große Hilfe, es sind erst 5 Minuten vergangen.

Wir machen einen Modenschau, bei der wir viel Glitzer bestaunen und noch mehr schwarze Ninja-SEK-FBI-schlagmichtot-Kostüme. Ich verheddere mich mit meinem Schneckenhaus in der Wäscheleine, die quer durchs Klassenzimmer gespannt ist, und ernte Lachstürme. Die Kinder denken, die kleine Slapstickeinlage sei geplant. Mir steht Schweiß auf der Stirn. Da poltert es an der Türe und ein vergessener Karnevalsverein steht im Raum, ordentlich ausgestattet mit dicken Trommeln und reichlich Schokolade, die nun flugs unters Volk geworfen wird.

Was für eine blöde Idee.

Die Schokotafeln (Herbe Sahne, besonders unbeliebt bei Erst- bis Viertklässlern) waren vermutlich preiswert, hart sind sie aber auch und Noah weint herzzerreißend, als ihn ein Exemplar am Auge trifft. Er kann sich das Kühlpack mit Lynn und Ole teilen, sie sind im größten Tumult des Schokoschmeißens mit den Köpfen zusammengeknallt. Das dreistimmige Geheul sorgt sichtlich für leichtes Unbehagen bei den Karnevalsmenschen, aber der Zeitplan ist eng, also muss ich jetzt von mehreren mittelalten Männern geküsst und mit Blumen und Sektchen versorgt werden. “Komm ma her, du süßes Schneckchen!”

Der Zeitplan drängt, der Verein zieht mit humba, humba wieder ab und wir legen eine kleine Verschnaufpause ein. Noch 30 Minuten. Herrlich. Ich schiele heimlich nach den zuvor entsorgten Alkoholpralinen, als die Tür wiederum aufspringt und das 3. Schuljahr eine Polonäse durchs Haus veranstaltet. Wir hängen uns an, treppauf, treppab geht es und dreimal Helene Fischer später kommen wir tatsächlich atemlos wieder in der Klasse an. Alle trinken. Kurze Verschnaufpause.

Dem Seepferdchen ist bei der Fischerschen (Tor)tour auf den Schwanz getreten worden, eine der Prinzessinnen vermisst das Krönchen und Batman ist langweilig. Halleluja, nur noch 15 Minuten!

“Wir machen ein Extraspiel”, rufe ich fröhlich. “Es heißt Wer ist der beste Sauberman? und funktioniert wie Stopptanzen!” Nur, dass ich nicht vorhabe, die Musik anzuhalten, die ich nun starte, während die Erstklässler rührend bemüht den zertretenen Mischmasch aus Luftschlangen, Glitzerpailletten und Chipskrümeln aufzusammeln beginnen. Der Boden leert sich, die Mülleimer füllen sich und die Uhr verspricht baldige Erlösung. Doch, nein, es muss ja noch etwas passieren. Sophies Mama hat ein wirklich entzückendes Erdmännchenkostüm genäht. Aber es sind noch Nadeln drin, wie die arme Sophie feststellt, als sie sich nach einem Erdnussflip bückt. Wir ziehen die Nadeln raus, ich tröste, da ertönt ein Schrei: “Die Luisa kotzt!”

Nee, ne? Drei Minuten vor Schluss, verdammt!

Ich wutsche und wedle um Luisa herum. Nick zupft mich am Schneckenhaus. “Meine Mama hat mir einen Zettel für dich mitgegeben. Der war ganz wichtig. Jetzt find ich den nicht!”

“Muss ich zum Bus?”, will Emilia wissen. Die Panik steht ihr in den Augen.

“Haben wir morgen eigentlich Schule?”

“Die Michelle hat blöde Kuh zu mir gesagt!”

“Hier stinkt es!”

Ich möchte Eierlikör. Sofort. Und mich drin ertränken. Oder die Erstklässler. Überzuckert sind sie ja schon. Ich schaue erneut auf die Uhr: Erlösung!

“So, ihr Lieben, schöne Karnevalstage, habt viel Spaß, wir sehen uns nächste Woche!”, brülle ich über das allgemeine Chaos hinweg. Die Erstklässler schreien beglückt auf und rasen aus der Klasse. Sie machen einen Bogen um die unglückliche Luisa und den Fleck auf dem Boden. Manche umarmen mich noch schnell oder drücken mir eine angebissene Tafel Herbe Sahne in die Hand. Wer mag die eigentlich? Ich wische noch ein bisschen an Luisa herum und freue mich, dass sie von der Oma abgeholt wird, deren Lächeln ein wenig zu gefrieren scheint, als sie das säuerlich riechende Kind in Empfang nimmt.

Alle raus, aufatmen.

Ich lege die Red Hot Chili Peppers in den CD-Player und versetze den Klassenraum innerhalb kurzer Zeit in den Normalzustand. Aufräumen können sie, das muss man den Erstklässlern lassen. Kein Fitzelchen liegt mehr auf dem Boden.

“Gehst du noch mit feiern?”, ruft da eine Kollegin in den Raum hinein, kaum hörbar neben Anthony Kiedis.

“Nee, ich muss jetzt das Miniweh abholen.” Mein Bedauern hält sich in Grenzen, schließlich muss zu Hause noch gefeiert werden. Ich gönne mir noch ein paar Sekunden Easily, dann stelle ich die Musik aus, rücke mein Schneckenhaus zurecht und starte in den zweiten Teil des Tages. Wir sind Helden!

Kreisspiele

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Ich muss es loswerden: Ich kann keine Kreisspiele.

Also ich kann sie natürlich spielen. Aber ich kann sie mir nicht merken. Es ist wie mit Witzen, da behalte ich auch immer nur die, die ganz besonders pfui sind und die man keinem Menschen erzählen kann. (Nein, ich möchte wirklich nicht wissen, was das über mich aussagt, und ein Beispiel gebe ich hier auch ganz bestimmt nicht.) Das einzige Spiel, das mir immer einfällt, ist Galgenmännchen. Und das ist noch nicht einmal ein Kreisspiel und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist die Zeichnung desselbigen nicht mehr politisch korrekt. (Egal, die Erstklässler und ich lieben es dennoch. Mit Stinkefahne! Und Fliege!) Doch zum Glück für mich und die zahlreich anwesenden kleinen Menschen um mich herum ist uns Hilfe beschieden! Ich habe nämlich im Elementarbereich fremdgeangelt und etwas ganz Entzückendes an Land gezogen.

LieblingsspieleDie Lieblingsspiele-Schatztruhe

In dieser Spielebox befinden sich die Anleitungen von 25 beliebten Klassikern, die wahrscheinlich bei den mitlesenden Erzieherinnen nur ein müdes Lächeln hervorrufen, den Erstklässlern und mir hingegen schon so manches Stundenende versüßt haben. Da gibt es

  • Bello, dein Knochen ist weg
  • Guckt die Maus aus dem Haus
  • Pferderennen
  • Auge, sei wachsam!
  • Schmetterling, du kleines Ding
  • Ich sehe was, was du nicht siehst
  • In den Brunnen gefallen

Lieblingsspiele-Schatztruheund viele, viele mehr. Alle Karten so liebevoll und klar illustriert, dass die Kinder selber in kürzester Zeit den Überblick über die Spielekartei gewinnen und selber aussuchen können. (Ich gestehe, ich liebe diese seltenen Momente, in denen ich mich rausziehen und einfach in Ruhe beobachten kann, sehr.)

Desweiteren gebe ich gerne zu, dass ich seit einiger Zeit Fan der Illustratoren vom Verlag an der Ruhr bin. So bunt, so fröhlich und mit so geringem Kitschfaktor zu zeichnen, finde ich großartig. Fast noch großartiger (und somit Grund genug für diesen Tipp) sind die eigentlichen Spielanleitungen, die sich in der Innenseite der Karten befinden. Die meisten sind nämlich tatsächlich so kindgerecht verfasst, dass man sie direkt vorlesen kann und … tadaa … die Erstklässler sie sogar auf der Stelle verstehen! Wenn das mal keine Leistung ist. Was habe ich schon beim vergeblichen Studium mancher Spielanleitung an Lebenszeit eingebüßt. Hier haben wir also Simplify your Grundschulalltag, ganz klar. Vielleicht sollte ich mich viel öfter bei den Kita-Materialien umsehen? Taler, Taler

Gemeinsames Spiel ist etwas, das leider auch bei mir oft von anderen, vermeintlich wichtigeren Inhalten verdrängt wird. Dabei ist der pädagogische Wert ja unumstritten. Aber häufig denke ich einfach nicht daran oder vertröste die Erstklässler auf später. Später ist dann häufig gar nicht mehr. Jetzt steht aber die Box auf meinem Tisch und raunt mir in besonders passenden Momenten Öffne mich! zu. Da muss das Galgenmännchen dann ein bisschen warten. (Wird ja nicht schlecht. Hö hö.) Das Ganze hat auch so ein bisschen Retrocharme. Taler, Taler, du musst wandern habe ich zum Beispiel schon in meiner eigenen Kindergartenzeit voller Inbrunst geschmettert.

Übrigens schmecken diese unglaublich harten Karamelltaler, die noch von Nikolaus übriggeblieben sind, auch viel besser, wenn sie vorher durch viele, viele warme Kinderhände gegangen sind. Wenn das mal keine Aufforderung zum gemeinsamen Spiel darstellt …!

 

 

Shortie George! Boogie Down! Trucking!

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Das Leben als Musiklehrerin in der Grundschule stellen sich viele Menschen ja gerne als harmonisches Konglomerat freudvoller Momente inmitten lieblich singender Kinder vor. Nun, ohne dem ein oder anderen Leser zu nahe treten zu wollen, aber dies trifft nicht ganz die Realität. Wir singen nämlich nicht nur, wir tanzen auch noch. Und das völlig ungeachtet unserer körperlichen Eignung. Ein echter Pädagoge ist hart im Nehmen und ich möchte kurz ein Beispiel dafür anbringen:

Heute morgen traf mich während der Freiarbeitsphase bei den Erstklässlern ein Stuhl am linken Fußknöchel. (Nein, er wurde nicht geworfen, er wurde zurückgeschoben. Ich möchte dies dringend klarstellen!) Im ersten Moment war das nicht weiter schlimm. Auch nicht im zweiten, jedenfalls nicht Grund genug, um die versprochene Tanzstunde mit den Großen ausfallen zu lassen. Wir üben Hip Hop Moves und ich kann von Glück reden, dass die Viertklässler noch nicht raushaben, dass das, was ich ihnen als Dougie, Susie Q oder Smurf vorturne, für den kundigen Zuschauer wohl eher ein gepflegtes Training der Lachmuskeln darstellt als ein ernstzunehmender Workout. Ich hingegen bin am Ende dieser Stunden immer restlos erschöpft, da fließt ehrlich erworbener Schweiß. Immerhin mein Chest Pop ist mittlerweile ganz annehmbar. Aber zurück zu meinem angeschlagenen Knöchel, dieser ist nämlich mittlerweile dick und blau gesmurft und gejerkt. Ganz klarer Fall von Arbeitsunfall. Jeder vernünftige Mensch würde sich nun mit einem Eisbeutel aufs Sofa legen und die nächsten drei Tage nicht mehr aufstehen. Nicht so aber die durch und durch bekloppte motivierte Grundschullehrerin, die den Schülern für morgen etwas ganz Besonderes versprochen hat! Ist aber kein Problem, ich hab da schon was vorbereitet. Schnappt euch schnell zwei Pappteller und dann alle im Chor:

Shortie George! Boogie Down! Trucking!