Viel Lärm um nichts

“Frau Weh, da liegt ein Embryo auf der Treppe!”

Süffisant ginsend steckt Benedikt aus der Vierten seinen Kopf in meine Klasse.

“Ist nicht meiner. Heb’ ihn auf und nimm ihn mit!”, antworte ich ohne mit der Wimper zu zucken. Die Hebamme ist zu Besuch im vierten Schuljahr und lädt gerade ihr Auto aus. Außerdem habe ich genug mit den zerknirschten Übeltätern zu tun, die vor mir stehen. Traf mich doch fast der Schlag, als ich am Morgen einen Blick auf die Tafel warf und dort acht Namen vorfand. Alles Erstklässler, die sich gestern in Englisch offenbar deutlich daneben benommen und infolgedessen bei mir eine Unterschrift abzuholen haben.

“Was denkt ihr euch denn eigentlich dabei?”, will ich wissen und frage nach dem Grund der Sanktion.

“Also ich hab eigentlich gar nichts gemacht!”, empört sich Nick. “Ich hab nur dem Ole den Kopf gestreichelt.”

“Ja und ich wollte das nicht!”, unterbricht ihn Ole augenblicklich.

“Und dann?”, hake ich nach.

“Dann ist der Nick vom Stuhl gefallen.”

“Ja, nachdem DU mich runtergeschubst hast!”

“Ok. Die nächsten.”

Filiz schaut arglos die Klassenzimmerdecke an. “Ich weiß gar nicht, warum die Frau Rimsky-Korsakov immer so laut ist. Ich hab ü-ber-haupt nichts gemacht. Ehrlich, Frau Weh!” Sie senkt den Blick aus kullerbraunen Augen von der Decke und sieht äußerst überzeugend drein. Verdächtig! Ich schaue auf den Zettel, den die Kollegin gestern in Rage auf meinem Schreibtisch hinterlassen hat.

“Da steht, du wärst auf Toilette gegangen und nicht wiedergekommen, weil du auf dem Flur Topmodel gespielt hast.”

“Ja, aber ich hab nicht gestört!”

“Du hattest das Relibuch dabei und hast laut gesungen. Warum denn überhaupt das Relibuch?”, frage ich irritiert. Es war doch Englisch dran.

Gott mag Kinder, das hab ich gesungen. Und das Relibuch geht viel besser auf dem Kopf, weil das Englischbuch ist so wabbelig.”

Filiz schüttelt sich bekräftigend.

“Und das Buch ist nicht runtergefallen von meinem Kopf. Ich kann das voll gut!”

“Die Filiz kann das echt voll gut”, mischt sich Leonie ein. “Ich hab das gesehen.”

“Stimmt”, antworte ich und lese auf dem Zettel nach, “du warst ja dabei und bist auch nicht mehr in die Klasse gegangen.”

“Ist aber auch langweilig in Reli!”

“Ich dachte, ihr hattet Englisch?”

“Ach ja, stimmt. Ist trotzdem langweilig.”

Alle nicken. Ich hebe ablehnend die Hand. “Danke, reicht.”

“Die Frau Rimsky-Korsakov ist immer so laut, das tut in den Ohren weh!”, mault Michelle.

“Und deswegen hast du was gemacht?”, frage ich. Diese Stelle auf dem Zettel kann ich nicht gut lesen.

“Ich habe mir nur den Kopfhörer vom Computer geholt und angezogen, als die so gebrüllt hat wegen dem Noah.”, entgegnet Michelle trotzig und schiebt die Unterlippe vor. Ich verzichte darauf, ihr zu erklären, warum ein solches Verhalten in bestimmten Situationen als frech eingestuft wird und wende mich Noah zu.

“Und was machst du eigentlich an der Tafel?”

Noah ist ein wahres Herzchen und musste ein ganzes Schuljahr lang nicht an eine einzige Regel erinnert werden. Umso erstaunter war ich darüber, auch seinen Namen vorzufinden. Es ist ihm unangenehm und er zieht den Kopf tief zwischen die Schultern. Ein wenig sieht er nun aus wie eine kleine, verschreckte Schildkröte.

“Na, komm”, sage ich in sanfterem Ton, “ich möchte es einfach verstehen.”

“Ich habe meinen Strohhalm aus der Kakaoflasche gezogen. Das sollen wir ja machen …”

“Jaaaa?”, ermuntere ich ihn zum Weitersprechen.

Er atmet tief ein, um sich für den letzten Teil der Beichte zu wappnen.

“Aber ich hab das auf meinem Platz gemacht und dann ist der Kakao gespritzt. Auf die Paula. Und auf Paulas Heft.”

Die anderen Erstklässler ergänzen eifrig:

“Und auf den Ranzen!”

“Und auf den Boden!”

“Und auf Frau Rimsky-Korsakov!”

Auf Frau Rimsky-Korsakov? Was zum …?

“Wieso das denn?”

“Na die war grad bei mir, weil ich mich doch ganz aus Versehen mit meinen Schuhen am Stuhl festgehakt habe!”, ergänzt Paula missbilligend, weil ich die offensichtlichen Zusammenhänge einfach nicht verstehen will.

Ich seufze. Nahezu bildhaft kann ich mir den Ablauf der Stunde vorstellen und mein Verständnis für die Kollegin wächst und wächst. Fachunterricht bei den Erstklässlern so kurz vor den Ferien ist nicht unbedingt die reine Freude.

“Aber warum ist die Frau Rimsky-Korsakov auch immer so streng mit uns?”, wundert sich Ole. “Wir machen doch gar nix!”

Ich erkläre den Erstklässlern, dass Unterrichten anstrengend ist. Gerade, wenn man eine Klasse nur selten sieht. Dass man als Lehrerin manchmal das Gefühl hat platzen zu müssen, wenn wieder eine Störung kommt. Und noch eine und noch eine. Besonders so kurz vor den Ferien.

“Also mein Papa sagt ja, dass Lehrer viel zu viele Ferien haben!”, gibt Nick zu bedenken.

“Warum hast du so viele Ferien, Frau Weh?”

“Damit ich nicht platzen muss.”

Wider die Langeweile!

“Und wann gibt es mal richtigen Unterricht?”, fragt die Schülerpraktikantin mit nur mühsam unterdrückter Schwunglosigkeit.

Ich blicke von dem Stapel Mathehefte auf, den ich gerade durchsehe, und schaue mich in der Klasse um. Die Erstklässler ergießen sich über Stühle, Bänke und den Boden. Einige sitzen im Flur oder im Treppenhaus und schaffen ordentlich was weg. Wir sind bei Countdown 6 vor den Ferien angelangt und die Tatsache, dass ich zu meinen eigenen drölfzilliarden Schülern noch eine gelangweilte Sechzehnjährige auf’s Auge gedrückt bekommen habe, um die ich mich kümmern muss, erfüllt mich nicht unbedingt mit innerlichem Halleluja. Allerdings komme ich nicht umhin, dem benachbarten Gymnasium für die hervorragende Zeitplanung Respekt zu zollen. Was für eine geschickte Idee, die gesamte Stufe 11 in den letzten zwei Schuljahreswochen ins Praktikum zu schicken. Da läuft ja eh nix mehr, oder wie war die landläufige Meinung dazu?

Hier läuft allerdings noch eine ganze Menge. Allein, man sieht es nicht auf den ersten Blick. Die Erstklässler (zumindest die meisten) arbeiten nämlich selbstständig so vor sich hin. Mit unserem Stoff sind wir durch, jetzt wird nur noch vertieft und – ja, ich gebe es zu – weggearbeitet, was ich im Überschwang zu viel kopiert habe, derweil ich akribisch jedes Arbeitsheft noch einmal auf eventuelle Lücken durchgehe. Hier kommt nichts weg!

Aber Madämchen würde gerne richtigen Unterricht sehen. Dass ich es überhaupt zulasse, mich darüber zu ärgern, zeigt, dass auch ich ganz langsam ferienreif werde. (Schon seit Tagen läuft in meinem Kopf übrigens I’m Going Slightly Mad in Endlosschleife. Muss ich mehr dazu sagen?) Dabei ist das nicht nur unreif von mir, sondern auch ungerecht. Man überlege kurz einmal, wie man selber so war mit 16 … ähm, genau. Das war das Alter, in welchem man bei morgendlichen Schwindel nicht dachte Uh, ist mir schwindlig!, sondern Hui, alles dreht sich um mich! Das muss so, das soll so sein, Beschwerden bitte ans Kleinhirn, Abteilung Entwicklung, danke. Also jetzt Unterricht. Na gut.

“So, ihr Lieben, alle mal in den Kreis kommen!”

Je nach Verfassung und Gemütszustand schlurfen oder stürzen sich die Erstklässler in die Raummitte, balgen sich kurz um die besten Plätze (direkt neben mir oder aber ganz weit weg) und harren erwartungsvoll der Dinge. Lediglich Ramon fällt fröhlich hintenüber von der Bank, was niemand weiter kommentiert und mit einem Kühlpack schnell behoben wird. Ich frage in die Runde, wer sich womit beschäftigt hat und ob jemand seine Arbeit an der Tafel vorstellen möchte. Dilara, Filiz und Merve melden sich als erste und dürfen nach vorne. Kurz bilden sie ein aufgeregt flüsterndes Grüppchen, nicken dann und schauen erwartungsvoll zu uns herüber.

“Wir haben was mit ganz schwierigen Wörtern gemacht”, erzählt Merve, “und das machen wir jetzt auch mit euch.”

Filiz hüpft ein wenig auf der Stelle – es ist so aufregend an der Tafel! – und zeichnet dann hochkonzentriert sechs Striche.

“Galgenmännchen!”

jubeln die Erstklässler und freuen sich des Lebens. Noch einmal so begeisterungsfähig sein wie mit sieben Jahren! Es wird gerätselt und geraten, ausprobiert und buchstabiert bis das korrekte Lösungswort endlich an der Tafel erscheint. (Es war übrigens Ananas. Ich wünsche mir auch bald mal wieder eine. Am liebsten in weißem Rum badend und mit Schirmchen.) Tosender Applaus kommt auf, verbunden mit dem unweigerlichen Geschrei, das immer dann ertönt, wenn es um die Auswahl einer Nachfolge geht. Doch Filiz lässt sich nicht erweichen und spricht mit unerschütterlicher Miene die einzig wahren Worte:

“Ich nehme das allerleiseste Kind dran!”

Wen wundert es da, dass die Wahl auf die phlegmatische Schülerpraktikantin fällt? Überrascht, aber erfreut, tritt diese auch sogleich zur Tafel, überlegt kurz und zieht ihre Striche. Es sind 20. Die Erstklässer staunen und ich bemerke, wie manch kleiner Kosmos ins Wanken gerät.

“Gibt es so lange Wörter?”, haucht Finja beeindruckt und ich sehe, wie die Praktikantin ein Stückchen größer wird.

“Oh ja!”, sagt sie, “Und noch viel längere. Aber die müsst ihr erst noch alle lernen.”

In den kommenden Minuten haben alle Spaß. Die Praktikantin, weil sie merkt, wie toll Nicht-Unterricht sein kann, die Erstklässler, weil sie sich für Kniffligkeiten begeistern können und ich, weil ich mich darüber freue, dass die Buchstabenkombination E-R-N-S-T-L auch 13 Jahre nach dem letzten Dreh des Glücksrads noch funktioniert.

S _ _ _ E R _ E R _ E N    S _ N _    T _ L L

Obwohl die Praktikantin am Ende gleich von mehreren Schülern dafür gerügt wird, dass das ja gar nicht ein Wort, sondern drei sind, strahlt sie noch am Ende des Vormittages und bedankt sich artig für den schönen Tag. Allerdings kann ich ihr gar nicht richtig antworten.

In mir singt es so laut.

I think I’m a banana tree
Oh dear, I’m going slightly mad
I’m going slightly mad
It finally happened, happened
It finally happened uh huh
It finally happened I’m slightly mad – oh dear!

Hallo, ihr Kellerkinder!

Dass meinen Lippen statt des in dieser Situation deutlich angemesseneren Fluchs lediglich ein sanftes Seufzen entweicht, als die Türe des Schulkellers mit einem satten Flopp! hinter mir ins Schloss fällt, mag dem vorausgegangenen Vormittag geschuldet sein. Dieser war imperativ-mies. Zweifelhaftem Lehrerverhalten ging zweifelhaftes Schülerverhalten voraus und umgekehrt. Ein Schultag voller in Befehlsform geäußerter Hoffnungslosigkeit meinerseits, die auf völlige Ignoranz bei den Erstklässlern stieß. Mittelschwere Unfälle zwischen Milchflasche und Mensch inbegriffen. Die kleinen Dramen des Grundschulalltags in voller Blüte. Würde man diesen Morgen in Reimform bringen, man müsste sich des Trochäus bedienen. Denn den mochte ich schon früher nicht.

Nun also noch die geschlossene Kellertür.

Man sollte meinen, dass das Vorkommen von Türen, die sich nur von einer Seite (seltsamerweise immer der anderen) öffnen lassen, dem Horrorfilmgenre vorbehalten sei. Aber nein, Überraschung, auch unsere Schule verfügt über eine solche. Deswegen liegt neben der Türe auch ein Keil. Vielleicht kann ich es den vergangenen Stunden in die Schuhe schieben, vielleicht auch dem nahenden Schuljahresende, jedenfalls habe ich mich selber eingesperrt und das zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Weit nach der 6. Stunde ist nämlich niemand mehr im Haus und die Reinigungskraft kommt erst am Abend. Freude, schöner Götterfunken! Da ist es ein Segen, dass ich zumindest mein Handy dabeihabe, um Hilfe kommen zu lassen. Es ehrt unseren Hausmeister, dass er nur kurz auflacht, als ich ihm meine Misere schildere. Unglücklicherweise befindet er sich auf dem städtischen Betriebshof und braucht wenigstens noch 40 Minuten, bevor er mich aus dem Keller herausholen kann.

Einigermaßen beruhigt schiebe ich das Handy in die Hosentasche und schaue zur Gewölbedecke, an der doch tatsächlich eine einsame Glühbirne hängt. Immerhin flackert sie nicht, doch die Spinnweben, die überall um mich herum hängen, lassen die Szene schon wieder so klischeehaft wirken, dass es in einem Film eindeutig schlechte Kritiken hageln würde. Ein kaltes Lüftchen zieht über meine Oberarme, was mir prompt eine Gänsehaut beschert. Ganz schön frisch hier! Ich wandere ein wenig zwischen großen Kartons voller Sanitärutensilien herum und staune darüber, dass sich im Regal 37 Klobürsten stapeln. Gibt es da Sammelbestellungen für? Im dahinter liegenden Raum befindet sich die Lehrmittelsammlung, wegen der ich mich überhaupt hier unten aufhalte. Ich suche nämlich die Box mit den Magneten. Selbstredend ist diese nicht vorhanden. Dafür finde ich eine ganze Schachtel Klebeband (eingesackt!), vier leere Holzkästchen in perfekter Größe (eingesackt!) und eine Hasenmaske aus Pappmaché (vorgemerkt für Ostern!). Außerdem tonnenweise Weihnachtsdekoration, Bierdeckel, leere Marmeladengläser, hoppla, noch mehr Bierdeckel und ausgeblichene Krepppapierblumen. Da liegen Feierlaune und Festtagsstimmung gleich neben Muff, Gilb und Grabbel. Und der Geruch erst! So eine Mischung aus klassischer Bildung und Moder. Ich nehme einen tiefen Atemzug. Hier kann man die Historie unseres Bildungswesens noch mit allen Sinnen erfahren.

Nach 20 Minuten des Herumstreunens wird es mir etwas langweilig.

Und hungrig.

Und kalt.

Ist aber auch blöd, das Ganze!

Da erscheint mir plötzlich die Schulpsychologin aus der Fortbildung: “Entspannen Sie sich im Alltag, wann immer sie können!”

Gut, denke ich, dann mach ich das jetzt mal. Ich lasse mich auf einen in die Jahre gekommenen Thron neben der Türe plumpsen, der offenbar einmal als Requisite in einer Märchenaufführung gedient haben muss, und lasse ganz entspannt den Blick schweifen, der unerwartet von einem Pferdekopf an der Wand gegenüber erwidert wird.

HUUUU!

Jetzt habe ich mich aber doch erschreckt! Leicht peinlich berührt hüpfe ich von meinem Sitz herunter, um mir den Kopf einmal genauer zu betrachten. Auch dieser ist aus Pappmaché hergestellt und innendrin hohl. Mir ist nicht ganz klar, warum die Maske grün angestrichen ist, aber die Herstellungsart zeugt von Qualität. Ich setze mir den Pferdekopf testweise auf und probe ein dumpfes Wiehern. Gar nicht mal schlecht, denke ich, als ich den Schlüssel im Schloss der Kellertüre höre. Noch mit dem grashüpfergrünen Pferdekopf angetan drehe ich mich um, höre einen Schrei und dann – Mistmistmist! – das altbekannte Flopp!

Ich ziehe mir die Maske ab und bin mindestens genau so überrascht wie die Kollegin, die mir gegenübersteht. (Allerdings bin ich nicht so blass und fasse mir auch nicht aufs Herz.) Ich entschuldige mich ganz zerknirscht vieltausendmal für den Schrecken, den ich ihr eingejagt habe und es ist sicher nicht sehr nett, dass ich sie dafür rüge, den Keil nicht unter die nun erneut zugefallene Kellertüre geschoben zu haben. Aber ich habe jetzt wirklich Hunger und es ist empfindlich kalt hier unten! Kälte und Hunger, das lässt das wahre Ich zum Vorschein kommen und meines ist – ich muss es zu meiner Schande gestehen – in diesem Falle nicht besonders leidlich. Die nächsten 30 Minuten vertreiben wir uns mit dem Austausch kollegialer Informationen (“Die Magnete befinden sich im Lehrerzimmer.” “Ja, Klebeband habe ich hier irgendwo gesehen.” “Guck mal, wie viele Klobürsten!”) und dem Bau eines Bierdeckelhauses. Ihres wird größer, wahrscheinlich ist die Kälte Schuld. Um nicht völlig zu erstarren, greifen wir uns eine Klobürste und geben eine Version von We are the champions zum Besten, die ihresgleichen sucht. Trotzdem sind wir beide sehr froh, als endlich der Hausmeister seinen Kopf durch den Türspalt schiebt und ein fröhliches “Hallo, ihr Kellerkinder!” herunterschickt.

Ich bedanke mich bei ihm mit einem herzlichen Niesen und einer frisch eingesungenen Klobürste.

Gegen Ende des Schuljahres werden wir eben alle ein bisschen gaga.

 

Lehrergesundheit

“Und woran glaubst du?”, fragt mich die Kollegin lustlos und tippt mit ihrem Kugelschreiber auf dem Block herum.

Wir befinden uns mitten in einer lehrergesundheitsfördernden Fortbildung mit einer angegrauten Schulpsychologin, die zwar für alles Verständnis, aber für nichts eine Lösung hat. Sie spiegelt und bestärkt uns, nickt wissend und gütig ob der vielzähligen Ansprüche, die auf uns herabregnen, kann uns aber nichts bieten außer Allgemeinplätzen und Tipps, die in jeder Frisörzeitschrift zu finden sind. Und jetzt auch noch Partnerarbeit. Gemeinsam sollen wir nach dem suchen, was uns hält. Ganz toll.

Gesprächsfetzen dringen an mein Ohr. Die Kolleginnen um uns herum glauben wahlweise an das Gute im Menschen oder den Lernwillen jedes Kindes. Erwartungsgemäß mustergültig. Ich will nach Hause.

“Und?”, dringt die Stimme meiner Kollegin an mein Ohr.

“Ich glaube an guten Sex”, antworte ich im Brustton der Überzeugung.

“An guten Sex und an Schokolade. Beides finde ich gleichermaßen wichtig, wobei ich ehrlicherweise anmerken muss, dass ich von einem der beiden etwas zu viel und vom anderen etwas zu wenig habe.”

Die Kollegin reißt ungläubig die Augen auf. Offensichtlich hatte sie mich auch dem mustergültigen Antwortstyp zugerechnet.

“Tatsächlich ist es so, dass ich das eine deutlich besser in meinen Alltag integrieren kann. Während beim anderen … tja, das ist echt manchmal schwierig mit der Zeitplanung! Ich hab Familie, weißt du? Abends bin ich SO müde, das kann sich kein Mensch vorstellen! Und jetzt, in der Heuschnupfenzeit ist das noch viel schlimmer. Die Allergietabletten mähen mich regelrecht nieder. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich in Konferenzen mit offenen Augen geistig irgendwo im Nirwana spaziere. Und morgens? Pfff! Mein Wecker reißt mich um 5.30 Uhr aus dem Tiefschlaf, das ist schon genug Interruptus. Schokolade hingegen steht ständig zur Verfügung und bewegen muss man sich auch nicht dabei.”

Mit einer Mischung aus Grunzen und Schnauben prustet die Kollegin ihre Erheiterung lautstark in den Raum. Sofort wenden sich uns neugierige Augenpaare zu. Leider nimmt auch die umherwandelnde Schulpsychologin unmittelbar Kurs auf unser fröhliches Stelldichein.

“Und?”, fragt sie in dieser großmüttelichen Gütigkeit, die mir schon seit 85 Minuten auf die Nerven geht. “Sie kommen gut voran, wie ich höre. Was haben Sie gefunden, das sie hält?”

Eine leichte Röte zieht mir die Wangen hinauf. Wann lerne ich dummes Huhn eigentlich endlich, mich in Gesellschaft angemessen zu verhalten? Ich möchte sofort im Boden versinken. Da kommt mir meine Kollegin zu Hilfe und stammelt unter Glucksen eine Antwort: “Bei der Stange. Toblerone. Also Stange. Frau Weh braucht regelmäßig … Schokolade und so.”

Die Kollegin japst kläglich nach der Luft, die ich gerade anhalte. Doch die Schulpsychologin ist begeistert und klatscht in die Hände: “Hören Sie zu, meine Damen, wir haben hier einen ganz wichtigen Aspekt: Die Sorge um sich selber! Seien Sie gut zu sich! Genießen Sie!”

Sich selber mitreißend wallt die Psychologin vor unseren Augen auf und ab, wirft die Arme in großer Geste und bestärkt uns wortgewaltig in unserem kläglichen Bemühen gut zu uns selber zu sein. Sie scheint sich zu vergrößern, zu verdoppeln, nein – sie bläst sich nahezu übermenschlich auf vor Überschwang. Schokolade, Yoga, Relaxen in der heißen Badewanne! Ein wahres Potpourri der Möglichkeiten schwirrt im Raum. Alles scheint ein erwägenswerter Weg zur Erleuchtung zu sein.

“Ich möchte auf der Stelle sterben!”, raunt mir die Kollegin zu, über deren Wangen nun Tränen fließen im verzweifelten Bemühen, das Lachen zu unterdrücken. Ich nicke stumm, während ich staunend Zeugin einer verbalen Erruption allererster Güte werde. Was für ein Geschwafel!

Noch völlig ergriffen von der Gewalt der eigenen Worte blickt die Schulpsychologin auf ihre Uhr und verkündet eine kleine Pause. Es war nun doch ein wenig anstrengend, nicht wahr?

“Lust auf einen Kaffee in Freiheit?”, fragt mich die Kollegin.

Wenig später sitzen wir in einem kleinen Café und schütteln gemeinsam die Köpfe über die unsinnige Veranstaltung. Eine von so vielen unsinnigen Veranstaltungen! Wir reden über den Job, die Familie und die Unmöglichkeit allem gerecht zu werden. Über Schokolade reden wir übrigens nicht. Die essen wir.

P.S. Ich weiß, dass Schokolade keine Probleme löst.

Aber das tut ein Apfel ja auch nicht.

 

Blau machen, Teil 2

Es wurde der Wunsch nach einem neuen pädagogischen Outfit laut. Tatsächlich ist das letzte Posting erschreckenderweise schon ewig her, also komme ich der Bitte gerne nach. Wenn du nachlesen möchtest, warum das Thema so un-glaub-lich wichtig ist, dann kannst du das hier tun.

blaues Kleid

 

Die Trägersubstanz stellt heute ein blau gemustertes Kleid dar. Durchaus schon solo tragbar, leicht maritim angehaucht, guter Schnitt für mein propperes Sanduhrfigürchen. Das gute Stück darf gebügelt werden, dank des wirbeligen Musters muss es das aber nicht. Heißa, 8 Minuten Lebenszeit für schönere Dinge eingespart! Ich sag es ja, Muster sind was feines. Da das Wetter derzeit gerne einen auf launigen April macht, muss gezwiebelt werden. Kein Problem, ein bisschen Puzzleleidenschaft steckt doch in jedem gut sortierten Kleiderschrank, oder?

 

 

 

maritimer Look

 

Bleiben wir maritim, indem wir Ringel für die gute Laune und ein rotes Jäckchen für den Morgenfrost zufügen. Ich bin nicht sonderlich experimentierfreudig, was meine Garderobe anbelangt. Diese Kombination ist also für mich schon nahezu spektakulär aufregend obgleich nach Durchschnittskriterien eher spießig. Aber neulich habe ich in einer Wohnzeitschrift den oh, so wahren Satz gelesen Die Wandfarbe sollte nicht witziger sein als der Bewohner. Das gilt ja wohl noch tausenmal mehr für ein pädagogisches Outfit. Wer verfügt in diesem Beruf schon über Witz?

 

 

 

Ringelshirt

 

Sollten die roten Streifen mal alle sein, könnte man gut auf weiße ausweichen. Aber nicht ohne eine neue Musterkombination auszuprobieren. Diesmal Sterne! Oh, ich bin heute extrem wagemutig. Das muss der friedvolle Samstagmorgen sein. Es ist so inspirierend still um mich herum.

 

 

 

 

 

Ringelshirt

 

Tatsächlich stemmen Streifenshirts einen Großteil meines Kleiderschranks. Tralala, ich find die richtig gut! Ähnlich wie bei Zahnpasta symbolisieren die Streifen Frische, Energie und Kraft. Das weiß ich daher so genau, weil ich während meines Studiums mal Teilnehmer bei einer Marktforschungssitzung war, bei der es eben darum ging: Streifen in Zahnpasta. Für die Teilnahme gab es belegte Brötchen und 50 DM auf die Hand. Lebensweisheiten inklusive. Fühlst du dich also müde oder abgeschlagen, greife zum Streifenshirt oder putz dir wenigstens mal die Zähne!

 

 

Kapuzenshirt

 

Wenn es aber nun definitiv zu kalt für sommerliche Ringel ist, hat das Kleid auch nichts gegen ein ordentlich bodenständiges Kapuzenshirt in dunkelblau einzuwenden. Wer keins hat, schaut mal flugs im Schrank des Mannes, Freundes oder Bruders nach, die haben eigentlich immer so etwas. Allerdings ist das in der Regel nicht sonderlich fotogen.

So, nun bleibt mir nichts anderes mehr zu tun, als irgendwo ein paar Baguettes zu besorgen (oder backt die gute Mutter die selber?) und liebevoll unseren nicht vorhandenen Picknickkorb für den kleinen familiären Wochenendsegeltörn zu packen. Hat jemand eine Jolle für uns? Bitte melden!

 

Es grüßt ringelfrisch (und mit geputzten Zähnen)

die Frau Weh ♥

 

Blau machen

Der Farbe Blau wird ja gemeinhin eine beruhigende Wirkung zugeschrieben. Ich kann mich dem nur bedingt anschließen, waren doch vor einiger Zeit die Kinderzimmer im Hause Weh blau gestrichen. Half auch nichts. Dennoch kann ich mich dem Zauber dieser Farbe nicht komplett entziehen, besonders dann nicht, wenn sie auf Muster trifft. Muster finde ich gut! Somit war ich hin und weg, als ich vor Kurzem auf einer französischen Seite einem Stempelset historischer Fliesenmuster begegnete. Nun ist mein Schulfranzösisch bereits ziemlich angestaubt, allerdigs werde ich wohl – den ausgiebigen Exercises im Lehrbuch sei Dank – auch in hundert Jahren noch ein Croque Monsieur bestellen können. PaketUnd so groß kann der Unterschied im Bestellvorgang zwischen belegten Brötchen und Bastelzubehör doch wohl nicht sein, ne c’est pas? Gesagt, getan. So drückte mir eine knappe Woche später unser Nachbar mit leicht verkniffenen Gesichtszügen ein Paket in die Hand, in dem der Arme ganz offensichtlich mangels entsprechender Sprachkenntnisse französische Damenhygiene vermutete. Und dann tat ich, was ihr mir in euren so wohltuenden Kommentaren geraten habt:

Ich habe blau gemacht.

Stempelset historische Fliesen

Stempelkarten

Stempelkarte

Dabei fiel mir auf, dass es alles andere als leicht ist, das Muster exakt aneinander zu reihen. Da habe ich noch Übungsbedarf. Aber da der Vorgang derart meditativ und entspannend ist, ist das genau das Richtige für mich. Es ist wohl klar, welcher Art die nächsten Geburtstagskarten aus dem Hause Weh sein werden?

Schneeflocken Fliesen

Guckt mal die reizende Schneeflocke, die (theoretisch zumindest) entsteht, wenn man einigermaßen akkurat arbeiten würde. Ich bin hin und weg! Vielleicht hilft eine Linealkonstruktion?

Stempel FliesenDas Schöne ist, dass man zunächst noch gar nicht weiß, welches Muster sich aus der Reihung der Abdrucke ergibt. Eins schöner als das andere! Sogar die späten Siebziger wurden nicht vergessen. Das rechte erinnert mich ganz stark an meine erste Kinderzimmertapete. Allerdings war die in Orangebraun gehalten. Tja, meine Eltern waren richtig modern!

Stempel MusterHergestellt werden die Stempel übrigens von total neurotischen Parisern, was sie gleich noch einmal so toll macht.

Ob ihr diesen wunderbaren Tag nun blau macht oder nicht, sei euch überlassen. ich schwelge noch ein bisschen in meiner neuen Errungenschaft und wünsche euch einen guten Start, wenn es denn wieder losgeht.

Bleibt blau! ;-)