und … Ende!

Unter Zuhilfenahme des familieneigenen Glückspilzes hat sich ergeben, dass das Buch an Eva und ihre Feuerwehrgruppe geht. Herzlichen Glückwunsch und viel Spaß damit! Ich wünsche euch viele Bäng-Momente und wenn es ans Feuermachen geht, wisst ihr ja bestens Bescheid von wegen Löschdecke und so. Damit ihr euch auch überzeugen könnt, dass alles mit rechten Dingen ablief, ist hier das Beweisfoto:

HunderterfeldDas Miniweh hat ausgewählt.

Eva, ich schicke dir eine E-Mail. Euch allen vielen Dank für’s Mitmachen und einen guten Start in die Woche.

Verlosung: BÄNG!

Der Verbrauch und Verschleiß gewisser Dinge im Hause Weh ist hoch. Dazu gehören unter anderem Socken, Klobrillen und Bücher. Manchmal habe ich den Eindruck, die Wehwehchen inhalieren all diese Sachen, überprüfen sie auf ihren Abenteuerwert und geben sie in bisweilen absolut unbrauchbarem Zustand wieder. Na gut, bei Büchern achten wir auf die Einhaltung eines gewissen Verhaltenskodex. Aber was für ein Vorbild kann und will man seinen Kindern schon sein, wenn man selber Eselsohren, Markierungen und (nicht immer) sinnige Randbemerkungen in den eigenen Lesestoff einträgt? Für mich sind Bücher nichts Heiliges, sondern Verbrauchsmaterial, welches in ausreichender und anregender Menge zur Verfügung stehen sollte. Lesen macht schlau, also lest, Kinder! Das Miniweh will die Bilder im Samsbuch ausmalen?

Klar.

Das große Wehwehchen vervollständigt die Karte aus dem Herrn der Ringe?

Natürlich.

Schwierig gestaltet sich dabei nur manchmal die Versorgung mit Nachschub. Natürlich besitzt die Familie Büchereiausweise, aber manche Dinge wollen mit allen Sinnen erfahren und begriffen werden. Da ist es mit gewissen Büchern wie mit den Hosen ab Kindergartenalter – unbrauchbar für weitere Nutzung. Wie schön, dass der Verlag Beltz & Gelberg, der nicht nur Grüffelo kann, unsere Misere erkannt und den Wehwehchen dies hier vorbeigeschickt hat:

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Vorsicht! Dieses Buch hat Nebenwirkungen! Es kann seine Leser in Abenteurer und Querdenker verwandeln. 60 Gefahren und Mutproben machen Mädchen und Jungen fit für brenzlige Situationen, die einem täglich begegnen können.

Das Buch ist ein ausgesprochenes Mitmach- und Mutmachbuch. Es geht um 60 Bängs, die – mehr oder minder gefährlich – alle aus der Lebenswelt der Kinder stammen und wenn nicht Angst, so zumindest Respekt abverlangen.

  • Wie klettert man auf eine hohe Mauer?
  • Wie erkennt man, ob ein Hund gefährlich ist?
  • Wie gesteht man die Wahrheit?
  • Wie verhält man sich draußen bei einem Gewitter?

Diese und noch mehr Fragen sprechen die Leser an und fordern gleichermaßen heraus. Unterteilt in Echte Gefahren und Mutproben geben die Autorinnen Anke M. Leitzgen und Gesine Grotrian detaillierte Auskünfte über die Art der Gefahren und wie man mit ihnen umgehen und sie bewältigen kann. Dabei fungieren Sticker, die man unter die Bängs kleben kann, als Bewertungssystem für die ganze Familie. Denn während sich das Miniweh ohne mit der Wimper zu zucken eine dicke Spinne über die Hand laufen lässt, sucht manch anderes Familienmitglied bei dieser Aufgabe doch lieber das Weite.

tinkerbrain Bäng!

Mir gefällt das Konzept des Familienbuches. Hier geht es nicht darum, die Kinder für ein paar Stunden ruhigzustellen, sondern gemeinsam Erfahrungen zu machen und Erinnerungen zu schaffen. Es ist ein Buch über gemeinsames Wachsen, über Freiraum und Zutrauen, Respekt und Bewältigung. Die Aufmachung hat das große Wehwehchen sofort angesprochen. Hier merkt man, dass die Autorinnen, die als tinkerbrain mit ihrer preisgekrönten Sachbuch-Experimentierreihe Forschen, Bauen, Staunen von A bis Z  bereits grafisch wie inhaltlich toll vorgelegt haben, wissen, was sie da tun. Das ganze Buch schreit einem förmlich ins Gesicht: Mach was! Beweg deinen … duweißtschonwas und streng deinen Kopf an, es lohnt sich!

Wir sind auf jeden Fall angefixt. Das Miniweh übt Streichholzanzünden, das große Wehwehchen gießt seit Kurzem professionell das Nudelwasser ab. Die Sache mit dem Sekundenkleber und den zusammengeklebten Fingern steht noch aus, ebenso die Übernachtung unter freiem Himmel. Aber wir hatten schon viel Spaß dabei, uns peinliche Geschichten zu erzählen oder richtig NEIN sagen zu üben. (Die Kinder sind sehr gut darin …)

Sekundenkleber

Damit aber nicht nur der wehsche Nachwuchs vom Buch profitiert, verlose ich ein Exemplar von BÄNG! an interessierte Leser. Sag mir, warum genau deine Familie (oder Jugendgruppe oder … ) ein bisschen mehr BÄNG! nötig hat und mit etwas Glück kannst du bald echten Gefahren ins Auge sehen.

Bäng!

Wie immer ist der Rechtsweg hierbei ausgeschlossen. Aber solltest du am Sonntagabend kein Gewinner sein, sei nicht traurig, für absolut angemessene 19,95 Euro lässt sich das Buch im örtlichen Buchhandel erwerben.

Vielen Dank an Beltz & Gelberg, dass wir testen durften. Das war Spaß, Spaß, Spaß!

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Guglst du schon?

Es mag ja Menschen geben, die behaupten, ein Gugelhupf sei bei diesen Temperaturen keine Option.

Natürlich haben sie Unrecht.

GugelhupfDen Napfkuchen gibt es schon deutlich länger als die gleichklingende Suchmaschine. Allerdings ist sie äußerst hilfreich, wenn man sich über die Entstehung desselben bemühen möchte. Ihr könnt diesen Schritt jetzt gerne auslassen, ich hab da schon was vorbereitet: Der Legende nach geht der Gugelhupf auf die Heiligen Drei Könige zurück, die auf dem Rückweg ihres christkindlichen Antrittsbesuchs so herzliche Aufnahme im Elsass fanden, dass sie ihren Gastgebern als Dank einen Hefekuchen in Turbanform buken. Mein Rezept kommt – und hier schlage ich dann wieder die Brücke zum Wetter – heute lieber ohne Hefe aus und hat daher mit dem klassischen Gugl nur noch die Form gemein. Kann man trotzdem gut essen. Schon der Teig ist so ungemein lecker, dass man Kinder und Ehemänner möglichst fernhalten sollte. Nicht auszudenken, würde einer seine Pfoten vor lauter unbeherrschter Gier in die Rührschüssel halten. Das wäre es dann mit der sonntäglichen Ruhe! Also, Familie aussperren und erst wieder Einlass gewähren, wenn der Kuchen im Ofen und die Schüssel bereit zum Ausschlecken ist. Besser ist das!

Ein guter Gugl (beachtet bitte wohlwollend die attraktive Alliteration gu Gu) braucht Zeit. Daher ist er  geradezu prädestiniert für einen Ferienkuchen. Er braucht lange im Ofen und mindestens noch einmal so viel Zeit zum Auskühlen, bis man ihn ganz zart und möglichst aus einem Stück aus der Form tätscheln darf. Aber ich kann nur sagen, der Aufwand lohnt.

Joghurt – Gugelhupf mit Apfelmus

180 g Margarine

320 g Zucker (Ich mische weißen und braunen. Warum auch immer.)

3 Eier

gemahlene Vanille

350 g Apfelmus

175 g Vanillejoghurt (Wenn ihr es weniger süß mögt, empfehle ich Naturjoghurt.)

340 g Mehl

50 g gemahlene Mandeln

2, 5 TL Backpulver

1 TL Natron

2 TL Zimt

eine Prise Salz

Den Backofen auf 180 ° C vorheizen. Eine Gugelhupfform (akribisch! Zu wenig Einsatz rächt sich später!) fetten und mehlen. Die trockenen Zutaten in einer Schüssel mischen. Butter, Zucker, Eier in einer zweiten Schüssel verrühren. Vanille, Apfelmus und Joghurt dazugeben. Die Mehlmischung einrühren und gut drei Minuten lang zu einem flüssigen Teig rühren. Alles in die Form gießen und dann für mindestens 60 Minuten (mein Ofen lässt sich rund 70 Minuten Zeit, Stäbchenprobe!) ab in die Wärme.

Der fertige Gugl kommt ganz bescheiden mit einer leichten Puderzuckerbestäubung aus, darf aber natürlich auch nach Belieben mit Vanilleeis oder Sahne gepimpt werden. Das wäre dann sozusagen ein Gugl-Upgrade. Lasst es euch schmecken!

 

Sommerlochgedanken

Ich übe mich in Ferien und nehme mit Erstaunen wahr, dass die erste Woche schon vorbeigeweht ist wie das laue Lüftchen, das Abkühlung verspricht, und doch nur minimale Erleichterung bringt. Dabei ist meine Planung gut, die ersten drei Wochen verbringe ich mit Nach- und Vorbereitung und dann lege ich – zack – den Schalter um und mache mich ganz frei von schulischen Belangen. (Ahahahahahahahahaha! Ha! HA!!!) Noch spielen auch alle mit. Herr Weh geht arbeiten und die Wehwehchen verbringen ihre Zeit in Kindergarten und Zeltlager. Auch die Schulleitung ist an effektiven Arbeitstreffen interessiert und versorgt die in ihrer unterrichtsfreien Zeit (so übrigens die offizielle Bezeichnung für unsere vielen, vielen Ferienwochen) anwesenden Kolleginnen wahlweise mit Kuchen, Brötchen und lobenden Worten, während Stundenplanentwürfe entworfen und Vertretungskonzepte konzipiert werden.

Jetzt ist es wirklich rum, das erste Jahr an der (gar nicht mehr) neuen Schule. Schnell ging es! Ich habe viel gearbeitet und mich an der Quadratur des Kreises versucht, immer wieder den Blick offen und die Lernbedürfnisse aller im Blick zu halten. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit bei so vielen Kindern. Dabei noch aufmerksam zu bleiben für die Dinge, die ihre Ursache außerhalb des Klassenzimmers haben, und zudem noch aus 31 Individuen eine Gruppe zu formen. Wellness!

“Ach, Sie haben es gut, Sie haben jetzt Ferien!”, seufzt mir eine Mutter am letzten Schultag entgegen. Ich lache laut und nicke. Recht hat sie, ich habe es wirklich gut. Ich habe eine feste, unbefristete Arbeit. Zwar keine mit andauernder Erfolgsgarantie, aber eine mit ständigen Chancen und voller Möglichkeiten. Eine, die mir zwar in regelmäßigen Abständen Ärger und gelegentlich auch Herzrasen und unschöne rote Flecken im Dekolleté beschert, aber auch ein schier unerschöpfliches Reservoir an Wohlwollen und Erfolgserlebnissen. Ich fühle mich als Gärtner und manches, was ich anlege, wird, wenn es aufgeht, noch Bestand haben lange nach meiner Zeit. Hey, wie schön ist das denn!?

“Ich vermisse dich vielleicht bestimmt!”, murmelt Ramon, als das letzte Lied gesungen und der letzte Schnipsel vom Boden geräumt ist. Ich tue das, was ich so häufig mache, ich öffne die Arme und er stiehlt sich hinein in eine Umarmung, die frei ist von all den Störungen, Ärgernissen und Enttäuschungen der letzten Wochen. Frei von Versagensängsten und Überforderung, die mir zuverlässige Begleiter sind. Wenn ich mich und mein Lehrersein betrachte, dann ist es diese Fähigkeit, auf die ich vertraue, und die mich neben allen Schwächen, die ich habe, und Fehlern, die ich begehe, befähigt eine gute Lehrerpersönlichkeit zu sein: Ich kann Kinder annehmen. Egal, was sie mitbringen. Irgendwo findet sich schon ein Plätzchen für sie.

(Und gelegentlich auch ein Keks.)

“Geht’s vielleicht auch eine Nummer bescheidener?”, zieht Marten mich auf, als ich von dieser Erkenntnis berichte.

“Nein”, antworte ich entschieden, “das ist meine persönliche Kernkompetenz, da stehe ich zu! Es ist wichtig, dass auch und gerade Lehrer ein positives Selbstbewusstsein ausstrahlen.” Ich nippe an meinem Glas und grinse. “Und was kannst du überhaupt?”

Marten, der sich geduldig meine schulischen Schilderungen angehört hat und die nächsten Wochen durchs Périgord wandern wird, setzt eine gewichtige Miene auf und antwortet mit salbungsvoller Stimme:

Ich kann Ferien!”

Touché.

Viel Lärm um nichts

“Frau Weh, da liegt ein Embryo auf der Treppe!”

Süffisant ginsend steckt Benedikt aus der Vierten seinen Kopf in meine Klasse.

“Ist nicht meiner. Heb’ ihn auf und nimm ihn mit!”, antworte ich ohne mit der Wimper zu zucken. Die Hebamme ist zu Besuch im vierten Schuljahr und lädt gerade ihr Auto aus. Außerdem habe ich genug mit den zerknirschten Übeltätern zu tun, die vor mir stehen. Traf mich doch fast der Schlag, als ich am Morgen einen Blick auf die Tafel warf und dort acht Namen vorfand. Alles Erstklässler, die sich gestern in Englisch offenbar deutlich daneben benommen und infolgedessen bei mir eine Unterschrift abzuholen haben.

“Was denkt ihr euch denn eigentlich dabei?”, will ich wissen und frage nach dem Grund der Sanktion.

“Also ich hab eigentlich gar nichts gemacht!”, empört sich Nick. “Ich hab nur dem Ole den Kopf gestreichelt.”

“Ja und ich wollte das nicht!”, unterbricht ihn Ole augenblicklich.

“Und dann?”, hake ich nach.

“Dann ist der Nick vom Stuhl gefallen.”

“Ja, nachdem DU mich runtergeschubst hast!”

“Ok. Die nächsten.”

Filiz schaut arglos die Klassenzimmerdecke an. “Ich weiß gar nicht, warum die Frau Rimsky-Korsakov immer so laut ist. Ich hab ü-ber-haupt nichts gemacht. Ehrlich, Frau Weh!” Sie senkt den Blick aus kullerbraunen Augen von der Decke und sieht äußerst überzeugend drein. Verdächtig! Ich schaue auf den Zettel, den die Kollegin gestern in Rage auf meinem Schreibtisch hinterlassen hat.

“Da steht, du wärst auf Toilette gegangen und nicht wiedergekommen, weil du auf dem Flur Topmodel gespielt hast.”

“Ja, aber ich hab nicht gestört!”

“Du hattest das Relibuch dabei und hast laut gesungen. Warum denn überhaupt das Relibuch?”, frage ich irritiert. Es war doch Englisch dran.

Gott mag Kinder, das hab ich gesungen. Und das Relibuch geht viel besser auf dem Kopf, weil das Englischbuch ist so wabbelig.”

Filiz schüttelt sich bekräftigend.

“Und das Buch ist nicht runtergefallen von meinem Kopf. Ich kann das voll gut!”

“Die Filiz kann das echt voll gut”, mischt sich Leonie ein. “Ich hab das gesehen.”

“Stimmt”, antworte ich und lese auf dem Zettel nach, “du warst ja dabei und bist auch nicht mehr in die Klasse gegangen.”

“Ist aber auch langweilig in Reli!”

“Ich dachte, ihr hattet Englisch?”

“Ach ja, stimmt. Ist trotzdem langweilig.”

Alle nicken. Ich hebe ablehnend die Hand. “Danke, reicht.”

“Die Frau Rimsky-Korsakov ist immer so laut, das tut in den Ohren weh!”, mault Michelle.

“Und deswegen hast du was gemacht?”, frage ich. Diese Stelle auf dem Zettel kann ich nicht gut lesen.

“Ich habe mir nur den Kopfhörer vom Computer geholt und angezogen, als die so gebrüllt hat wegen dem Noah.”, entgegnet Michelle trotzig und schiebt die Unterlippe vor. Ich verzichte darauf, ihr zu erklären, warum ein solches Verhalten in bestimmten Situationen als frech eingestuft wird und wende mich Noah zu.

“Und was machst du eigentlich an der Tafel?”

Noah ist ein wahres Herzchen und musste ein ganzes Schuljahr lang nicht an eine einzige Regel erinnert werden. Umso erstaunter war ich darüber, auch seinen Namen vorzufinden. Es ist ihm unangenehm und er zieht den Kopf tief zwischen die Schultern. Ein wenig sieht er nun aus wie eine kleine, verschreckte Schildkröte.

“Na, komm”, sage ich in sanfterem Ton, “ich möchte es einfach verstehen.”

“Ich habe meinen Strohhalm aus der Kakaoflasche gezogen. Das sollen wir ja machen …”

“Jaaaa?”, ermuntere ich ihn zum Weitersprechen.

Er atmet tief ein, um sich für den letzten Teil der Beichte zu wappnen.

“Aber ich hab das auf meinem Platz gemacht und dann ist der Kakao gespritzt. Auf die Paula. Und auf Paulas Heft.”

Die anderen Erstklässler ergänzen eifrig:

“Und auf den Ranzen!”

“Und auf den Boden!”

“Und auf Frau Rimsky-Korsakov!”

Auf Frau Rimsky-Korsakov? Was zum …?

“Wieso das denn?”

“Na die war grad bei mir, weil ich mich doch ganz aus Versehen mit meinen Schuhen am Stuhl festgehakt habe!”, ergänzt Paula missbilligend, weil ich die offensichtlichen Zusammenhänge einfach nicht verstehen will.

Ich seufze. Nahezu bildhaft kann ich mir den Ablauf der Stunde vorstellen und mein Verständnis für die Kollegin wächst und wächst. Fachunterricht bei den Erstklässlern so kurz vor den Ferien ist nicht unbedingt die reine Freude.

“Aber warum ist die Frau Rimsky-Korsakov auch immer so streng mit uns?”, wundert sich Ole. “Wir machen doch gar nix!”

Ich erkläre den Erstklässlern, dass Unterrichten anstrengend ist. Gerade, wenn man eine Klasse nur selten sieht. Dass man als Lehrerin manchmal das Gefühl hat platzen zu müssen, wenn wieder eine Störung kommt. Und noch eine und noch eine. Besonders so kurz vor den Ferien.

“Also mein Papa sagt ja, dass Lehrer viel zu viele Ferien haben!”, gibt Nick zu bedenken.

“Warum hast du so viele Ferien, Frau Weh?”

“Damit ich nicht platzen muss.”

Wider die Langeweile!

“Und wann gibt es mal richtigen Unterricht?”, fragt die Schülerpraktikantin mit nur mühsam unterdrückter Schwunglosigkeit.

Ich blicke von dem Stapel Mathehefte auf, den ich gerade durchsehe, und schaue mich in der Klasse um. Die Erstklässler ergießen sich über Stühle, Bänke und den Boden. Einige sitzen im Flur oder im Treppenhaus und schaffen ordentlich was weg. Wir sind bei Countdown 6 vor den Ferien angelangt und die Tatsache, dass ich zu meinen eigenen drölfzilliarden Schülern noch eine gelangweilte Sechzehnjährige auf’s Auge gedrückt bekommen habe, um die ich mich kümmern muss, erfüllt mich nicht unbedingt mit innerlichem Halleluja. Allerdings komme ich nicht umhin, dem benachbarten Gymnasium für die hervorragende Zeitplanung Respekt zu zollen. Was für eine geschickte Idee, die gesamte Stufe 11 in den letzten zwei Schuljahreswochen ins Praktikum zu schicken. Da läuft ja eh nix mehr, oder wie war die landläufige Meinung dazu?

Hier läuft allerdings noch eine ganze Menge. Allein, man sieht es nicht auf den ersten Blick. Die Erstklässler (zumindest die meisten) arbeiten nämlich selbstständig so vor sich hin. Mit unserem Stoff sind wir durch, jetzt wird nur noch vertieft und – ja, ich gebe es zu – weggearbeitet, was ich im Überschwang zu viel kopiert habe, derweil ich akribisch jedes Arbeitsheft noch einmal auf eventuelle Lücken durchgehe. Hier kommt nichts weg!

Aber Madämchen würde gerne richtigen Unterricht sehen. Dass ich es überhaupt zulasse, mich darüber zu ärgern, zeigt, dass auch ich ganz langsam ferienreif werde. (Schon seit Tagen läuft in meinem Kopf übrigens I’m Going Slightly Mad in Endlosschleife. Muss ich mehr dazu sagen?) Dabei ist das nicht nur unreif von mir, sondern auch ungerecht. Man überlege kurz einmal, wie man selber so war mit 16 … ähm, genau. Das war das Alter, in welchem man bei morgendlichen Schwindel nicht dachte Uh, ist mir schwindlig!, sondern Hui, alles dreht sich um mich! Das muss so, das soll so sein, Beschwerden bitte ans Kleinhirn, Abteilung Entwicklung, danke. Also jetzt Unterricht. Na gut.

“So, ihr Lieben, alle mal in den Kreis kommen!”

Je nach Verfassung und Gemütszustand schlurfen oder stürzen sich die Erstklässler in die Raummitte, balgen sich kurz um die besten Plätze (direkt neben mir oder aber ganz weit weg) und harren erwartungsvoll der Dinge. Lediglich Ramon fällt fröhlich hintenüber von der Bank, was niemand weiter kommentiert und mit einem Kühlpack schnell behoben wird. Ich frage in die Runde, wer sich womit beschäftigt hat und ob jemand seine Arbeit an der Tafel vorstellen möchte. Dilara, Filiz und Merve melden sich als erste und dürfen nach vorne. Kurz bilden sie ein aufgeregt flüsterndes Grüppchen, nicken dann und schauen erwartungsvoll zu uns herüber.

“Wir haben was mit ganz schwierigen Wörtern gemacht”, erzählt Merve, “und das machen wir jetzt auch mit euch.”

Filiz hüpft ein wenig auf der Stelle – es ist so aufregend an der Tafel! – und zeichnet dann hochkonzentriert sechs Striche.

“Galgenmännchen!”

jubeln die Erstklässler und freuen sich des Lebens. Noch einmal so begeisterungsfähig sein wie mit sieben Jahren! Es wird gerätselt und geraten, ausprobiert und buchstabiert bis das korrekte Lösungswort endlich an der Tafel erscheint. (Es war übrigens Ananas. Ich wünsche mir auch bald mal wieder eine. Am liebsten in weißem Rum badend und mit Schirmchen.) Tosender Applaus kommt auf, verbunden mit dem unweigerlichen Geschrei, das immer dann ertönt, wenn es um die Auswahl einer Nachfolge geht. Doch Filiz lässt sich nicht erweichen und spricht mit unerschütterlicher Miene die einzig wahren Worte:

“Ich nehme das allerleiseste Kind dran!”

Wen wundert es da, dass die Wahl auf die phlegmatische Schülerpraktikantin fällt? Überrascht, aber erfreut, tritt diese auch sogleich zur Tafel, überlegt kurz und zieht ihre Striche. Es sind 20. Die Erstklässer staunen und ich bemerke, wie manch kleiner Kosmos ins Wanken gerät.

“Gibt es so lange Wörter?”, haucht Finja beeindruckt und ich sehe, wie die Praktikantin ein Stückchen größer wird.

“Oh ja!”, sagt sie, “Und noch viel längere. Aber die müsst ihr erst noch alle lernen.”

In den kommenden Minuten haben alle Spaß. Die Praktikantin, weil sie merkt, wie toll Nicht-Unterricht sein kann, die Erstklässler, weil sie sich für Kniffligkeiten begeistern können und ich, weil ich mich darüber freue, dass die Buchstabenkombination E-R-N-S-T-L auch 13 Jahre nach dem letzten Dreh des Glücksrads noch funktioniert.

S _ _ _ E R _ E R _ E N    S _ N _    T _ L L

Obwohl die Praktikantin am Ende gleich von mehreren Schülern dafür gerügt wird, dass das ja gar nicht ein Wort, sondern drei sind, strahlt sie noch am Ende des Vormittages und bedankt sich artig für den schönen Tag. Allerdings kann ich ihr gar nicht richtig antworten.

In mir singt es so laut.

I think I’m a banana tree
Oh dear, I’m going slightly mad
I’m going slightly mad
It finally happened, happened
It finally happened uh huh
It finally happened I’m slightly mad – oh dear!