Trommeln mit Kids

5 Kommentare

Kinder verfügen ja per se über schlechtes Timing. Es ist ihnen angeboren. Zum Beispiel werden sie grundsätzlich dann krank, wenn es nicht passt, oder tauchen genau an dem einen, seltenen Abend im Wohnzimmer auf, an dem man sich ganz ausnahmsweise mal mit einer Flasche Rotwein verabredet hat, um die Schlechtigkeit der Welt zu betrachten. Schlechtes Timing, sag ich ja. Mit dem Taktgefühl ist es noch schlimmer. Das muss erst mühevoll erworben werden. Nie werde ich den Moment der Scham vergessen, als mich das damals noch recht kleine große Wehwehchen vor dem Kindergarten am Ärmel zupfte, auf eine kräftige Mutter deutete und mit lauter Stimme fassungslos fragte: “Mama, warum ist die Frau denn soooooo dick!?” Ja, der Boden könnte sich oft auftun, wenn man das Wachsen und Werden von Kindern begleitet.

Glücklicherweise besitzen die meisten Kinder wenigstens Rhythmusgefühl. Immerhin etwas! Bei manchen muss man es ein wenig hervorkitzeln und trainieren, aber den meisten liegt es im Blut. Ob es sich im Erwachsenenalter wieder verliert, vermag ich nicht zu sagen, aber aus zuverlässiger Quelle im Lehrerzimmer weiß ich, dass viele Kolleginnen dankbar sind über Tipps und Ideen, um Rhythmus spielerisch zu vermitteln.

Letztes Jahr habe ich an dieser Stelle bereits sehr angetan über die Waschmitteltonne unter den Trommeln berichtet. Seit einer ganzen Weile ist nun auch das passende Übungsbuch mit Klanggeschichten, Spielen und Trommelrhythmen erschienen. Es kostet 24,90 Euro und ist genau wie die Trommeln bei Rhythm One erhältlich.

Trommeln mit KidsJanice Höber und Richard Filz haben viel in das Buch hineingepackt. Unterteilt in die Kapitel

  • Einstimmen und Aufwärmen
  • Klang- und Trommelgeschichten
  • Pulsspiele
  • Trommelrhythmen
  • Trommelkreisspiele
  • Trommeln im Jahreskreis
  • Singen und Trommeln
  • Aufführungsstücke

findet sich eine Vielzahl von Möglichkeiten, die sich nicht nur mit der passenden Kartontrommel, sondern auch mit Orffinstrumentarium oder auf Tischplatten und Stühlen umsetzen lassen. Was das Buch so praktisch macht, ist der Verzicht auf traditionelle Notation zugunsten einer sprachlich unterlegten vereinfachten Darstellung. Viele Fotos und ausführliche Anleitungen unterstützen bei der Anleitung. Der Knaller – und hier kommt wieder mein Kollegium ins Spiel – ist die beigelegte DVD, auf der die Stücke in kurzen Sequenzen vorgetrommelt werden. Dies erleichtert fachfremden Kolleginnen die Umsetzung doch sehr und lässt keine Schwellenangst aufkommen. Außerdem steigert es die Laune der Familienmitglieder erheblich, wenn die eigene Mutter vor dem Fernseher hockt und inbrünstig folgenden Vers intoniert:

Ich habe das Buch in den vergangenen Monaten mit den Erstklässlern rauf und runter getrommelt. Dabei wurden nicht alle Stücke gleichermaßen geliebt, aber das montägliche Wochenend-Weg-Trommeln hat sich bezahlt gemacht. Die Kinder waren wach, fröhlich und immer dabei. Das Rhythmusgefühl aller Kinder hat sich gesteigert und gefestigt. Gegen Ende des 1. Halbjahres musste ich Stücke zufüttern, da ich die Klasse schon in erste Mehrrhythmigkeit entlassen konnte. Dennoch taugt das Buch, das sich an 5- bis 10-Jährige Kinder richtet, auch als mehrjähriger Begleiter, denn es muss ja nicht permanent getrommelt werden.

Wenn ihr mehr über das Team und Konzept von Rhythm One erfahren wollt, könnt ihr hier klicken. Ich danke derweil Janice und Richard für die Möglichkeit, das Buch auf Herz und Nieren testen zu dürfen. Es hat den Erstklässlern und mir viel Spaß gemacht!

Übersprungshandlung

8 Kommentare

BOMPF

Mit einem dumpfen Knall streckt die aufgeklappte Tafel den kleinen Zóltan nieder, der, ganz in Gedanken vertieft, weder auf seinen Weg, noch auf die herausragende Ecke geachtet hat, die seinen Gang so abrupt stoppt. “Bitte kein Blut!”, beschwöre ich in einem Stoßgebet den Gott der kleinen Köpfe und eile zu dem lang auf dem Boden ausgestreckten Schüler.

Die räumliche Enge ist unser täglicher Feind, mehr noch als der ständige Geräuschpegel, den die 30 arbeitenden Erstklässler verursachen, und der dem emsigen Gesumm eines voll funktionsfähigen Bienenstocks wohl recht nahe kommt. Ich bange fortwährend im Anblick der geschäftigen Choreographie, die die Kinder immer wieder aufs Neue improvisieren, um sich aus dem Weg zu gehen oder sich – im Gegenteil – auf jeden Fall zu begegnen, während sie Material holen oder bringen, auf dem Boden liegend lesen oder ganz versunken unter einem Tisch komplexe Berechnungen des Lebens anstellen. Der Raum, der uns bleibt, ist so knapp, dass ich mir selber ein beginnendes Oskar Matzerath-Syndrom diagnostiziere. Nur, dass nicht ich es bin, der ich ein Weiterwachsen untersage, sondern den mir Anbefohlenen. Nicht auszudenken, wie beengt unser Arbeiten sein wird, wenn im 3. Schuljahr auf die größeren Möbel gewechselt wird. “Kinder, hört auf zu wachsen!”, will ich ihnen zurufen, wenn sie sich gegenseitig stolz an der Messleiste vorführen, dass wieder ein Zentimeter, wieder ein ganzes Stück Großwerden errungen wurde. Es wird mir eng und die Geschwindigkeit, mit der die zu dieser Zeit so unvermeidlichen Kopfläuse ihr Lager ausbreiten, gibt mir recht. Es muss ein wahres Fest sein für die kleinen Krabbler! Obgleich vermutlich niemals in einem Psychologieseminar anwesend, wissen sie doch ganz intuitiv, was eine Übersprungshandlung ist, und teilen sich wonnevoll mit mir (und der Tafelecke) den Anspruch auf die kleinen Köpfe.

“Es geht schon wieder.”, meint Zóltan tapfer, als ich ihm aufhelfe. “Mein Kopf ist so hart!” Und wie um es mir zu beweisen, haut sich der Junge mehrmals die flache Hand vor die Stirn. Klatsch. Klatsch. Klatsch. Gibt man bei Google Hospitalismus durch Enge ein, bekommt man 14.500 Ergebnisse geliefert. Ich habe sie noch nicht alle durch, vermute aber stark, dass einer der links auf unsere Schulhomepage verweist.

Die Beengtheit setzt uns zu und die Kinder sind extrem gefordert im Rücksichtnehmen und Achtgeben, im Ordnunghalten und Erlernen weiterer Tugenden, die – zugegeben – gar nicht so verkehrt sind. Aber gäbe es da nicht andere Mittel als Massenkindhaltung? Ich kaufe ja auch keine Eier aus Käfighaltung. Dies raune ich auch dem vor Kurzem zu Besuch im 1. Schuljahr weilenden Bürgermeister zu, als wir uns vor Vertretern der örtlichen Presse zum Foto aufreihen. Lauter glückliche, zahnlücketragende Kinder, die stolz ein Buchgeschenk an die Brust pressen und so der Lokalpolitik ein gutes Zeugnis ausstellen. “Ihr habt es aber schön hier!”, begrüßt der erste Bürger uns.

“Es könnte aber etwas mehr Platz sein”, gebe ich zu verstehen und lächle dabei so entwaffnend wie ein Zahnarzt, der den Bohrer schon einmal probelaufen lässt.

“Ach, Sie haben es doch sehr gut gelöst!”, kommt prompt die joviale Antwort mit passender raumumgreifender Geste, die für sich genommen, das Problem eigentlich recht gut umfasst.

“Die Nachbarschule hat eine Durchschnittsklassenstärke von 22 Kindern.”, zwitschere ich streitlustig zurück.

“Bitte lächeln!”, sagt da der Fotograf und schaut mich mit strenger Falte über den Augenbrauen an. Wahrscheinlich müsste er längst beim Taubenzüchterverein oder dem lokalen Aktionstag für Seniorenmobilität sein. Ich fletsche die Zähne und nehme die Schultern zurück, als ich einen spitzen Ellbogen in die Rippen bekomme. Unruhe entsteht in der zuvor so hübsch aufgereihten Kinderschar.

“Der Marc hat mich geschubst!”, beschwert sich Luisa lautstark und reibt sich den Ellbogen.

“Gar nicht wahr, das war die Ronja!”, schnappt der Gescholtene zurück.

Ronja sagt nichts, Ronja heult.

“So wird das nix!”, stöhnt der Fotograf.

Ganz Politiker fühlt sich der Bürgermeister bemüßigt einzugreifen: “Na, na, so schlimm ist das doch nicht. Es ist ein bisschen eng hier, aber doch nur für einen Moment.”

“Ha!”, raune ich, “schön wär’s!”

Umsorgt

22 Kommentare

“Und wie geht es dir?

Ich blicke von meinem Teller auf und streife kurz das Glas Grauburgunder, das vor mir steht, bevor ich meinem Freund Marten in die Augen sehe. Eben sind wir aus dem Kino gekommen, in dem wir uns Frau Müller muss weg angesehen haben. Es war ein kleines, gemütliches Kino. Eins von diesen mit roten Plüschsesseln und Bedienung. Nun sitzen wir – passend – in einer Bar mit Fifties-Ambiente und teilen uns einen Käseteller. Er den Camenbert, ich den Ziegenkäse. Mit der Besprechung von Frau Müller sind wir schnell durch. Kurzweilig war es, aber nicht überraschend. Gelacht haben wir, wenn auch nicht immer an den gleichen Stellen. So konnte Marten, seit zwanzig Jahren mit seinem Partner in kinderloser Beziehung liiert, sich nahezu ausschütten über die treffende Zeichnung der Helikoptereltern, wo ich mich doch manchesmal leicht ertappt sah. Bei den Sätzen der Titelheldin, die so gar keine war, oder eben doch, wie man es nimmt, hätten wir hingegen Lehrer-Bingo spielen können. So bekannt waren uns die herzlichen und blumigen Formulierungen. Gut recherchiert war der Film bis hin zu den Klassenregeln, keine Frage.

Marten und ich kennen uns lange. So lange, dass keine Fassade aufrecht erhalten, keine Falte versteckt werden muss. Auch keine Träne, die (kleines Mistding!) mir prompt ins Auge steigt. Er nickt und greift nach seinem Glas. “Erzähl.”

Ich ziehe unwillkürlich die Schultern nach oben und schüttle leicht den Kopf. “Es gibt nicht viel zu erzählen. Das Übliche halt. Riesenklasse, hohe Ansprüche, Familie, Kinder. Immer das Gefühl, niemandem wirklich gerecht zu werden.”

Bedächtig nimmt Marten einen Schluck. Er, der Weinkenner, hat deutlich länger die Karte studiert als ich, die ich den Wein grundsätzlich danach auswähle, ob die Beschreibung genügend synästhetische Adjektive enthält. Langsam setzt er das Glas ab, faltet die Hände und nimmt mich auseinander. Scheibchen für Scheibchen. Treffend genau und stellenweise schmerzhaft. Er ist ein hervorragender Beobachter und als Musiker ein Kenner von Zwischentönen. Es gibt nicht viele Menschen, denen ich es erlaube, mir derart nahe zu kommen, und denen ich zuhöre ohne mich zu rechtfertigen oder zu verteidigen.

Als er fertig ist, schweigen wir beide. Am Nebentisch wird gelacht. Der Barmann trägt Vollbart. Die Wandfarbe befindet sich irgendwo zwischen Dschungelgrün und Mint. Es ist ein gesättigtes Schweigen, eins, das Überlegungen und Gedanken zulässt, inmitten des fröhlichen Geplänkels um uns herum.

“Ich könnte das nicht. Diese ständige Präsenz. Schule am Morgen, Kinder am Nachmittag, Arbeiten am Abend. Dein Arbeitspensum am Wochenende. Kein Wunder, dass du müde bist.”, nimmt Marten den Faden wieder auf.

Wieder zucke ich mit den Schultern. Ich sehe nichts Heroisches dabei. “Was soll ich machen? Das ist der Alltag.”

Und dann reden wir über Lösungen. Darüber, den unmöglichen Einsatz für Schule zu senken ohne die Zügel schleifen zu lassen. “Schule ist immer auch eine gute Show. Und das kannst du ja!” er prostet mir zu und grinst. Ich erwidere sein Lächeln. Uns verbindet neben einer Freundschaft, die schon so lange hält, dass ein Ende nicht nur unwahrscheinlich, sondern in meinem Kosmos schlicht undenkbar ist, auch eine gemeinsame musikalische Beziehung. Eine gute Show können wir beide abliefern. Wir reden und formulieren Ziele, verwerfen Ideen und finden neue Ansätze. Wie so oft bin ich von der Wärme und der Höhe des Verständnisses angerührt. “Ich bin dir nicht zu nahe getreten?” Ich lache auf und winke mit der Hand ab. “Doch bist du. Geschenkt!”

Wir tauschen noch ein paar Unterrichtsideen aus, fachsimpeln über die Wandgemälde der Bar und die erotische Komponente gut ausgeprägter Bauchmuskeln. Die von Anke Engelke findet er ein wenig viehisch, ich erwähne, dass ich auch optisch viel Spaß bei Fack ju Göhte hatte. Am Ende des Abends nehme ich ein  Arbeitskonzept mit in die Bahn, das funktionieren könnte, und das Gefühl, ein ganzes Stück weiter gekommen zu sein. Die SMS, die zuverlässig einige Zeit später eintrifft, beantworte ich, die Zahnbürste schon im Mundwinkel.

Und? Gut angekommen?

Danke, alles gut!

N8 :-)

Sportunfall

13 Kommentare

Zwischen der letzten Unterrichtsstunde und dem Kindergartenende fliege ich gerne im Fitnessstudio vorbei. Was für den Rücken tun. Und die Arme. Den Bauch! Ach, eine Rundumpackung. Es ist ein kleines Studio, sehr familiär geführt und nur für Damen. Ich bin – zumindest sportlich gesehen – jetzt bei den Damen angesiedelt. Im Gegensatz zu den jungen Hüpfern, die enge Sportkleidung und deutlich mehr BummBumm-Kurse bevorzugen, fühle ich mich in diesem etwas gediegeneren Etablissement sehr wohl. Das Training dauert immer 30 Minuten (oder bei akuter Zeitnot gar nur 20) und deckt alle Problemzonen Hauptmuskelgruppen ab. Außerdem gibt es immer frisches Wasser und den ein oder anderen netten Schwatz. Das mag ich. Es findet sich sogar eine Aufhübschstation in der Umkleide, die mit Tüchlein, Deo- und Haarspray und dem ein oder anderen Schnickschnack ausgestattet ist. Reicht die Zeit zwischen zwei Tagespunkten mal nicht, um zu duschen, kann man sich zumindest schnell duftigfrisch sprühen. Das ist total Rokoko (und ein bisschen pfui, ich weiß), aber ehrlich, ich mach das nur ganz selten so!

Sport ist ja enorm wichtig! Physisch wie psychisch. Und überhaupt lassen sich – ist der Widerstand nur groß genug – viele negative Schwingungen ganz einfach wegpressen. Oder wegrudern. Meinetwegen auch wegbutterflyen. Wobei das jetzt im geschriebenen Zustand doch komisch aussieht. Ihr wisst, was ich meine. So langsam komme ich in ein Alter, in dem die verspannten Nackenmuskeln nicht mehr als Zeichen von Tüchtigkeit durchgehen, sondern langfristig zum Problem werden können. Und in diesem Bereich bin ich ja Minimalist: Bitte kein Problem mehr als unbedingt nötig, wir sind bereits gut ausgestattet! Also rudere ich und presse, ziehe und drücke, um das Gesamtpaket Weh möglichst ohne Ach zu behalten.

Heute ist nun aber einer der Tage, an denen die Zeit tatsächlich knapp bemessen ist. Ich habe ein Luftloch zwischen einer Musikstunde bei den Viertklässlern und einem Elterngespräch, das gerade so einen kurzen Besuch des Fitnessstudios zulässt, aber nicht für einen Heimflug reicht. Natürlich könnte ich mich auch mit einer Packung Kekse ins Lehrerzimmer setzen, keine Frage. Aber … nein, da gibt es kein Aber, ich greife mir die Tasche, die allzeit bereit im Auto liegt, und jogge ins Studio. Ich kann dann ja nachher ausnahmsweise mal ordentlich drübersprühen, das passt schon. Allzu nah wollte ich den Eltern sowieso nicht kommen. Beschwingt absolviere ich meine Runden, drücke, presse, ziehe und fege wieder in die Umkleide. Raus aus den Plünnen, rein in die Plünnen … ach, vergessen, der Sprühnebel! Den Kopf schon im Pulli, greife ich blind nach der Flasche, schüttle selbige und …

ZISCHSCHSCHSCH … eiße!

Oh Gott, diese Schmerzen! Völlig orientierungslos hüpfe ich jaulend durch den Raum, stoße mich an offenen Spindtüren und verstehe die Welt nicht mehr. Habt ihr euch schonmal Haarspray in frisch enthaarte Achseln gesprüht? Alles klebt, alles schmerzt. Das kann nicht gesund sein. Mit rotem Kopf und schmerzverzerrtem Blick tauche ich aus meinem Pullover auf und schaue auf das Etikett der Flasche. Extra strong. Für die Dauerwellendamenstudio-Fraktion, der ich mich eben noch so fröhlich anzuschließen bereit war. Wie doof darf man eigentlich sein, wenn man Kinder unterrichten will?

Reichlich derangiert sitze ich wenig später dem Vater von Mia gegenüber. “Ist Ihnen nicht gut?”, fragt er besorgt, als ich entschuldigend seine zur Begrüßung ausgestreckte Hand ablehne. “Ach”, sage ich und bemühe mich, nicht allzu leidend zu klingen, “kleiner Sportunfall.”

Sense and Sensibility

4 Kommentare

“Fuck die Henne!”

Ein herzhafter Fluch zerreißt die kontemplative Stille meines Arbeitszimmers. Ich übe Gitarre. Doch eigentlich übt die Gitarre mich: In Demut und Durchhaltevermögen. Meine Geduld ist ähnlich gering ausgeprägt wie die Spanne meiner linken Hand, deren Fingerkuppen mittlerweile rissig und rauh, aber noch viel zu nah beieinander liegen. Seit 15 Minuten übe ich nichts weiter als den Wechsel zwischen a-Moll und d-Moll. Ein Klacks, wenn man über ausreichend große Hände verfügt. Eine Tortur für mich. Ich puzzle mir einen äußerst ungalanten Hilfsgriff zurecht, der den Einsatz des kleinen Fingers beinhaltet, und denke dabei, dass ein echter Gitarrist so etwas bestimmt nie tun würde. Aber da meine Ambitionen gerade ähnlich weit reichen wie meine Finger, kratzt mich dieser Gedanke nicht weiter. Verstandesmäßig weiß ich, es ist alles eine Frage der Übung. Gefühlsmäßig möchte ich eine Riesenportion Handcreme und ein Stück Schokolade.

Musik ist ganz wunderbar, aber wer annimmt, sie sei ein Quell ständiger Freude, der irrt. Disziplin, Übung, Frustration und kontinuierlichen Flirt mit den eigenen Grenzen gibt es gratis dazu. Irgendwie sportlich, wenn man es mal genauer betrachtet. Apropos sportlich: Ich trage jetzt Hornhaut an den Fingerkuppen. Allerdings nur links, rechts trage ich Nägel. In Türkis, ist ja Karneval.

Herr Weh trägt derweil eine neue Klobrille zur Tür hinein. Klobrillen und Wasserkocher stehen bei uns seit Geburt der Kinder auf der Abschussliste. Sie sind dem Dauereinsatz nicht gewachsen, das haben sie mit meinen Fingerkuppen gemeinsam. Bevor ich aber gänzlich an den Akkorden verzweifeln kann, stürmt das Miniweh mein Zimmer. “Mir ist so richtig gar nicht gut.”, ruft es kläglich. Der samstägliche Besuch des Baumarktes ist ihm anscheinend nicht gut bekommen. Ich nutze die Gunst des Augenblicks und packe die Gitarre weg. Das ist ja wohl höhere Gewalt, das steht fest. Nach weiterführenden Informationen von Herrn Weh stellt sich heraus, dass nicht der Kauf des Badaccessoires, vielmehr ein exzessiver Spielplatzbesuch Ursache der Übelkeit ist. “Das geht vorbei”, tröste ich das Miniweh und suche nach der Pflasterdose, die – für alle Fälle! – auf einem Regal neben meinem Schreibtisch steht. “Ich blute nicht, ich fühle mich schle-hecht!”, kräht das Miniweh empört. “Das ist gar nicht für dich, mein Schatz, sondern für mich.”, kläre ich es auf und klebe mir einen kleinen Fuchs um die Spitze des linken Ringfingers, den es bei der Überei am schlimmsten getroffen hat. “Möchtest du einen Tee?” “Nein, mein Gefühl möchte Schokolade!”, antwortet das Miniweh bestimmt. Ich küsse meinen kleinen Ehesegen auf den Scheitel. Ganz die Mama!