Blau machen

Der Farbe Blau wird ja gemeinhin eine beruhigende Wirkung zugeschrieben. Ich kann mich dem nur bedingt anschließen, waren doch vor einiger Zeit die Kinderzimmer im Hause Weh blau gestrichen. Half auch nichts. Dennoch kann ich mich dem Zauber dieser Farbe nicht komplett entziehen, besonders dann nicht, wenn sie auf Muster trifft. Muster finde ich gut! Somit war ich hin und weg, als ich vor Kurzem auf einer französischen Seite einem Stempelset historischer Fliesenmuster begegnete. Nun ist mein Schulfranzösisch bereits ziemlich angestaubt, allerdigs werde ich wohl – den ausgiebigen Exercises im Lehrbuch sei Dank – auch in hundert Jahren noch ein Croque Monsieur bestellen können. PaketUnd so groß kann der Unterschied im Bestellvorgang zwischen belegten Brötchen und Bastelzubehör doch wohl nicht sein, ne c’est pas? Gesagt, getan. So drückte mir eine knappe Woche später unser Nachbar mit leicht verkniffenen Gesichtszügen ein Paket in die Hand, in dem der Arme ganz offensichtlich mangels entsprechender Sprachkenntnisse französische Damenhygiene vermutete. Und dann tat ich, was ihr mir in euren so wohltuenden Kommentaren geraten habt:

Ich habe blau gemacht.

Stempelset historische Fliesen

Stempelkarten

Stempelkarte

Dabei fiel mir auf, dass es alles andere als leicht ist, das Muster exakt aneinander zu reihen. Da habe ich noch Übungsbedarf. Aber da der Vorgang derart meditativ und entspannend ist, ist das genau das Richtige für mich. Es ist wohl klar, welcher Art die nächsten Geburtstagskarten aus dem Hause Weh sein werden?

Schneeflocken Fliesen

Guckt mal die reizende Schneeflocke, die (theoretisch zumindest) entsteht, wenn man einigermaßen akkurat arbeiten würde. Ich bin hin und weg! Vielleicht hilft eine Linealkonstruktion?

Stempel FliesenDas Schöne ist, dass man zunächst noch gar nicht weiß, welches Muster sich aus der Reihung der Abdrucke ergibt. Eins schöner als das andere! Sogar die späten Siebziger wurden nicht vergessen. Das rechte erinnert mich ganz stark an meine erste Kinderzimmertapete. Allerdings war die in Orangebraun gehalten. Tja, meine Eltern waren richtig modern!

Stempel MusterHergestellt werden die Stempel übrigens von total neurotischen Parisern, was sie gleich noch einmal so toll macht.

Ob ihr diesen wunderbaren Tag nun blau macht oder nicht, sei euch überlassen. ich schwelge noch ein bisschen in meiner neuen Errungenschaft und wünsche euch einen guten Start, wenn es denn wieder losgeht.

Bleibt blau! ;-)

 

 

 

 

Alles auf Anfang

Ich würde gerne schreiben, dass alles klappt.

Schreiben, dass alles kein Problem ist und Ramon in mir die verständnisvolle Lehrerpersönlichkeit gefunden hat, die er offensichtlich all die Zeit gesucht hat. Dass wir uns in die Augen geblickt haben voller gegenseitiger Wertschätzung und Wärme und wie durch Zauberhand ein ganz neues Kind unsrer Mitte entschlüpfte wie der bunte Schmetterling dem hässlichen Kokon. Aber der Schulalltag ist kein pädagogisches Wunschkonzert und grundlegende Metamorphosen daher eher selten. Tatsache ist: Ramon stört. Den Unterricht. Die Mitschüler. Mich.

Ich schrieb beim letzten Mal, dass ich mich nicht teilen kann. Jetzt weiß ich, dass ich das gar nicht muss, Ramon bündelt nämlich meine Aufmerksamkeit. Es ist ein wenig so, wie diese Szene im ersten Harry Potter Film: Hagrid ist mit dem kleinen Windelpuper Harry unterwegs durch die Lüfte und Professor Dumbledore trifft Vorbereitungen im Ligusterweg. Dazu zieht er so ein kleines Dings aus der Tasche, eine Art umgekehrtes Feuerzeug. Mit diesem Entleuchter zieht der Zaubermeister flupp flupp flupp das Licht aus den Straßenlaternen und hinterlässt nichts als nächtliches Dunkel. So geht es mir mit meinem schülerzentrierten Weitblick. Ramon schmeißt seine Sachen vom Tisch flupp! Ramon nennt Ole einen alten Wichserarschficker flupp! Ramon friemelt alle Tagestransparenzschilder von der Tafel uuuund … flupp!

Die anderen Erstklässler nutzen das so entstandene schwarze Loch und treiben allerlei Schabernack. Was Erstklässler eben so tun, wenn sie sich herrlich unbeobachtet fühlen. Sie krakeln auf den Tischen herum, halten ein Schwätzchen mit dem besten Freund (auch wenn er auf der anderen Seite des Klassenraumes sitzt) oder beschäftigen sich mit dem wahrhaft wichtigen Dingen des Lebens. Frühstück, Klogang, ein Nickerchen. Einige wenige machen mit bei diesen so herrlich aufregenden Störmöglichkeiten, die ihnen der neue Schüler präsentiert. Obwohl nein … eigentlich haben sie es nur einmal gemacht. Dann habe ich Ramon mit einem dringenden Auftrag zum Chef geschickt und ein ernstes Gespräch mit den Erstklässlern geführt. So eines von Kuchen zu Krümeln. Danach war Ruhe.

Es ist nicht so, dass Ramon und wir nur schlechte Momente hätten. Nein, es gibt auch die guten. Wenn er während der Freiarbeit ehrfürchtig über das Star Wars Lexikon streicht und fragt, ob er das jetzt wirklich lesen dürfe. Wenn er fragt, ob er am nächsten Tag eine Stunde länger bei uns bleiben könne. Wenn er auf seiner Verhaltensliste den vierten lachenden Smiley eingetragen bekommt und staunend erzählt, dass er so viele noch nie hintereinander hatte. Dann denke ich, dass wir vielleicht doch eine winzigkleine Chance haben, wenigstens den Hauch einer winzigkleinen Chance, das Atom eines Hauchs einer winzigkleinen Chance. Und dann tritt er in der Pause einem Zweitklässler mit voller Wucht gegen die Brust. Weil der ihn so angeguckt hat.

Und wir sitzen zusammen auf der Büßerbank und reflektieren. Und schweigen. Und wissen eigentlich doch beide nicht weiter. Nicht Ramon, weil er eben ein Kind ist mit einem gnadenlos vollgepackten Rucksack voller größerer und kleinerer Probleme. Und nicht ich, weil ich eben nur Frau Weh mit einem gnadenlos vollgepackten ersten Schuljahr bin und keine Sonderschullehrerin. Und wir schweigen und schweigen und schweigen. Bis Ramon leise fragt, ob er trotzdem bei uns bleiben dürfe. Aber er guckt mich nicht an dabei, denn Blickkontakt halten, das kann er nicht. Und ich schiebe ihm meine Hand hin und er greift sie. Denn irgendwas zum Festhalten braucht man eben manchmal.

Aber die wahrhaft Großen im Moment, die, die verzeihen und verstehen können, das sind die Erstklässler. Das ist Lilly, die dem verweigernden Ramon im Matheunterricht mit Engelsgeduld erklärt, dass auch er nun arbeiten müsse, denn schließlich machen das alle. Das ist Marc, der im Kreis sitzt und erklärt, dass es für Ramon ja auch viel schwerer wäre als für alle anderen. Schließlich müsse er jetzt auf einmal alle Regeln behalten, für die die Erstklässler immerhin fast ein ganzes Jahr Zeit hatten. Das ist die ganze Klasse, die Ramon nach der ersten gemeinsamen Woche die gereckten Daumen als Zeichen der Rückmeldung entgegenhält, woraufhin dieser rot anlaufend unter der Bank verschwindet. Es sind diese kleinen Momente, die hoffen lassen.

Und dennoch …

Ramon

“Alleine essen macht dick!”

Mit einem Lächeln setzt sich unsere Schulsozialarbeiterin neben mich an den großen Tisch im Lehrerzimmer.

“Ich wünschte, ich hätte mehr in Kalorien investiert.”, antworte ich und schiebe ihr eine Dose mit Kohlrabi und Möhrenschnitzen zu. “Das hilft nicht.”

Sie nimmt sich eine Möhre. “Das ist eben nicht so gelaufen, wie du wolltest.”

Sie fragt nicht, sie stellt fest. Ich nicke. Eigentlich bin ich mit der festen Absicht in die Förderkonferenz gegangen, ordentlich Rabatz zu machen und deutlich mitzuteilen, dass ich dagegen bin, einen hochauffälligen Schüler aus dem zweiten Schuljahr in mein Rudel aufzunehmen. Von wegen Recht auf dreijährigen Verbleib in der Schuleingangsphase, das Kerlchen hat extremen Förderbedarf im Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Der sprengt mir den Unterricht. Genau wie er es die letzten zwei Jahre in der anderen Klasse gemacht hat. Der ist nicht Schüler Nummer 31, der ist Nummer 31 bis 38. Nicht, dass ich eine Wahl hätte. Bis ein eventuelles AO-SF durch ist, kommt er zu mir und den Erstklässlern, da ist nicht dran zu rütteln. Ich mache mir Sorgen. Sorgen um die Ruhe in der Klasse, um die Lernatmosphäre, um die Kinder. Um mich.

Und dann wurde ich Zeugin, wie seine Mutter schrumpfte. Nicht so richtig, eher so im übertragenden Sinn. Nach dem deutlichen Statement der Klassenlehrerin war sie noch einigermaßen gefasst. Auch nach dem niederschmetternden Bericht der Fachlehrer ging es noch. Als dann aber die Schulpsychologin, die Leiterin des Offenen Ganztags und der Fachmann von der Erziehungsberatung vom Leder ließen, war sie nur noch halb so groß. Höchstens. Sie hielt die Tischkante umklammert und presste die Lippen aufeinander, als sich unsere Blicke kreuzten und sie sofort den Blick niederschlug. Wie ein geprügelter Hund, ging es mir durch den Kopf. Scheiße.

Da kriegst du ein Kind und sofort beginnt die Maschinerie der Einordnung: Apgar-Werte, U1, U2 und so fort. Wenn alles gut läuft, prima. Und was, wenn nicht? Wie fühlst du dich, wenn das Wesen, das du geboren und schon geliebt hast, bevor es dir zum ersten Mal in die Arme gelegt wird, keine Spitzenwerte erzielt? Auffälligkeiten zeigt? Vielleicht sind es körperliche Defizite, dann arbeitest du dran, mit Ergo-, mit Logo- oder anderen Therapien. Du besuchst das SPZ, ernährst dein Kind glutenfrei oder führst die Beikost streng nach Plan ein. Du kannst handeln. Wie aber fühlst du dich, wenn dir vom ersten Besuch der Krabbelgruppe an gesagt und – schlimmer noch – direkt und indirekt gezeigt wird, dass dein Kind unsozial ist? Dass es aggressiv ist und – ganz sicher! – unerzogen. Dir wird mindestens eine Mitschuld gegeben und irgendwann kommt der Punkt, an dem du dich auch schuldig fühlst, denn all die anderen können sich ja nicht irren. Als Mutter versagt. Wie fühlt sich das an?

Der Chef blickt mich auffordernd an, ich bin dran. Meine Aufgabe ist definiert, ich soll der Mutter unmissverständlich klarmachen, dass ihr Sohn bei den Erstklässlern falsch aufgehoben ist. Weil es bereits zu viele so viele sind. Weil er nicht im Ansatz die Aufmerksamkeit von mir bekommen kann, die er benötigt, um lernen zu können. Weil ich mich verdammt nochmal nicht teilen, nicht aufspalten, nicht klonen kann. Weil er mehr Förderung braucht, als wir ihm an einer Regelschule angedeihen lassen können, Inklusion hin oder her. Sie muss einen Antrag auf Überprüfung sonderpädagogischen Förderbedarfs stellen. Denn als reiner Schulantrag ohne die Unterschrift der Eltern landet dieser beim Schulamt auf direktem Wege in Ablage P.

“Hat Ramon Ihnen erzählt, dass ich ihm einen Sondereinsatz aufgetragen habe?” Die Mutter hebt den Blick und schaut mich fragend an. “Er ist mein Pausenkaffeedienst. Wenn ich Aufsicht habe, schicke ich ihn mit einer Tasse auf Kaffeemission. Drei Treppen hoch und drei Treppen runter. Mit Milch und ohne Verschütten. Er macht das großartig!” Ich lache sie an. “Er ist total eifrig und schafft mittlerweile schon eine halbe Tasse zu mir zu bringen. Dann klatschen wir uns ab und verraten niemandem, woher die Pfützen auf der Treppe stammen. Tut mir leid”, sage ich zu meinem Chef gewandt, “aber das kommt jetzt bitte nicht ins Protokoll, das ist unser kleines, dunkles Geheimnis.”

“Doch”, antwortet die Mutter, “er hat von Ihnen erzählt, Frau Weh. Er mag sie.”

“Ich mag ihn auch.” Eine kleine Pause entsteht. “Sie machen sich Sorgen, oder? Die mache ich mir auch. Die große Klasse ist nicht gut für ihn. Und gerade deswegen müssen wir einen Weg finden. Egal, wie Sie sich weiter entscheiden. Mein Vorschlag ist, dass wir uns ganz kleine Schritte vornehmen. Jetzt ist erst einmal nur wichtig, dass wir Ramon integrieren und zu einem Teil der neuen Klasse machen. Alles andere besprechen wir, wenn es soweit ist. Und ohne Ihnen allen auf den Schlips zu treten”, ich blicke in die Richtung, in der die Inquisition Schulpsychologin und der Erziehungsberater hinter ihren Tassen sitzen, “aber wir machen das lieber im kleinen Kreis. Der Antrag auf dreijährigen Verbleib ist eingereicht, offiziell sind wir doch jetzt hier fertig, oder?” Als sich das Lehrerzimmer geleert hat, ist es still im Raum.

“Wie fühlen Sie sich jetzt?”, frage ich die Mutter. Sie zuckt mit den Schultern und weint leise.

“Hat Ramon bei Ihnen eine Chance?”

Ich überlege, hat er wirklich eine?

“Es ist ein Neuanfang. Wir müssen abwarten und aufmerksam bleiben.”

Wir besprechen die nächsten Tage, klären Material und Verstärkerplan ab. Ich bekomme die Nummer der Hausaufgabenhilfe zum baldigen Vorgehensabgleich und legen einen neuen Gesprächstermin fest.

“Raten Sie mir auch zum Antrag für die Förderschule?”

Alles in mir schreit ja.

“Was wünschen Sie sich für Ihren Sohn?”, frage ich zurück.

“Dass er eine richtige Chance hat und nicht alle immer sagen, ah, das war doch der Ramon! Immer ist es der Ramon!” Sie zerknüllt ihr Taschentuch in der Hand. “Ich weiß, dass mein Sohn nicht einfach ist. Das war er nie.” Sie weint wieder. “Aber er ist auch ein toller Kerl!”

Wieder wird mir bewusst, wie schwer es ist, die Stärken eines Kindes nicht aus den Augen zu verlieren, wenn die Schwächen so viel auffälliger sind, sich in den Vordergrund drängen und laut ihr Vorrecht herausbrüllen. Und doch können wir nicht immer das einzelne Kind im Blick haben. Mein Gott, ich habe Verantwortung für 30 Schüler! 30 Kinder, in all ihrer Individualität! Alle haben ein Recht auf Bildung und Erziehung, ja, auch auf Schutz vor den Ramons dieser Welt. Ich schlucke und versuche meine Ängste und Bedenken, die Gedanken an Sturm laufende Miteltern und eskalierende Gruppendynamik zu verdrängen und nicke Ramons Mutter zu. Die Entscheidung ist gefallen.

“Wir versuchen es.”

Als die Mutter gegangen ist, lege ich den Kopf auf die Tischplatte und schließe die Augen. Haben wir wirklich eine Chance?

Bloggerischer Müßiggang

Ich werde noch zum Quartalsblogger. Doch was soll ich sagen? Das Leben tobt um mich herum und die Tatsache, dass es nun knapp 7 Wochen bis zu den Sommerferien sind, trägt auch nicht gerade zur Tiefenentspannung bei. (Was allerdings definitiv entspannend gewirkt hat, waren die vier Staffeln The Good Wife, die ich mir in den letzten – hüstelhüstel –  zwei drei Wochen reingezogen habe wie die Tour de France Epo. Leider nicht ganz folgenlos, auf das gelbe Trikot muss ich wohl verzichten. An dieser Stelle daher eine ganz offizielle Stellungnahme: Lieber Herr Weh, es tut mir leid, dass ich in den letzten 80 Folgen nicht ansprechbar war und immer sofort auf Pause gedrückt habe, wenn du das Wohnzimmer betreten hast. Ich werde mich bestimmt bessern und die fünfte Staffel noch ein wenig herauszögern. Auch wenn es weh tut. Arghs!)

Im Gegensatz zur Vernachlässigung im häuslichen Bereich (Küchenboden! Fenster! Eheleben! Kindererziehung!) bin ich immerhin mit den Erstklässlern gut im Zeitplan, sodass uns die anstehenden Brückenwochenenden hoffentlich nicht das Genick brechen. Nach wie vor kämpfen wir gegen Läuse und den Zehnerübergang. Wo gegen das eine der großzügige Einsatz von Jacutin wirkt, hilft beim anderen leider nur Üben, Üben, Üben. Vor einer Woche haben wir den ersten richtigen Ausflug gewagt und ich muss es wiederholen: 30 Kinder sind wirklich mehr als 20. Da zählt man sich dusselig bei. Überhaupt sehen spielende Erstklässler alle gleich aus, da muss man wirklich aufpassen, dass man am Schluss die richtigen einsammelt. Und komme mir jetzt niemand mit der Anfertigung spezieller Kappen, Warnwesten oder Armbändchen! Auf dem Laga-Gelände wuselten so dermaßen viele Neonfarben herum, dass es mir selbst mit Sonnenbrille bei längerer Betrachtung blümerant wurde. Es tut einfach weh bei Sonnenschein stundenlang auf reflektorbesetzte Warnwesten zu starren.

Ansonsten geht es mir tatsächlich ziemlich gut. (Was mich eigentlich so kurz vor den Zeugnissen stutzig machen sollte, aber damit beschäftige ich mich am nächsten Wochenende.) Ich könnte euch erzählen, dass es mich ganz kribbelig vor Glück macht, wenn ich das Miniweh glucksend und freiheitsjauchzend fahrradfahren sehe. Es trägt dabei so einen lustigen, knubbeligen Helm, der es aussehen lässt wie ein Osterei auf Beinchen und dreht unermüdlich Runde um Runde. Oder ich könnte darüber schreiben, dass ich in der vergangenen Woche in der Küche lauter Dinge zum ersten Mal zubereitet habe: Gemüsetörtchen, eine Riesenfrühlingsrolle, gefüllte Champignons und einen Schokokuchen mit roter Bete. (Nein, die Wehwehchen mochten nicht alles. Aber die wehsche Küche untersteht weniger didaktischen als diktatorischen Regeln, also friss oder stirb!)

Wir waren im Völkerkundemuseum. Hochspannend! Ich bin ja Fan von museumspädagogischen Ansätzen. Sobald es Schubladen zum Öffnen oder Dinge zum Auf- und Umklappen gibt, bin ich am Start. Manchmal erwische ich mich dabei, dass ich die Vermittlung weitaus spannender finde als die Inhalte. Didaktisch gesehen ist sowas ja pfui. Doppelpfui! Weitaus lehrreicher war da der Besuch im Tierpark. Oder wusstet ihr, wie ein Pfauenmännchen unter dem ganzen Putz und Pomp aussieht?

Pfau von vorneEin “Ich zeig euch jetzt mal, was ich habe” – Pfauenmännchen von vorne

Pfau von hinten… und von hinten. Merke: Alles hat eine Kehrseite.

Kinderhaben hat ja zum Glück keine fast keine kaum Kehrseiten. Das große Wehwehchen befindet sich mitten im pubertären Umbau, was uns Eltern manchmal völlig fassungslos danebenstehen lässt. Was passiert da bloß mit den ganzen Synapsen? Streiken die? Sind die überhaupt gewerkschaftlich organisiert? Und wo, bitte, können da noch ein paar Lateinvokabeln andocken? Vielleicht wünsche ich mir das morgen zum Muttertag: Vokabelüben ohne Gemotze. Oh, was wäre das schön! Muttertag finde ich übrigens blöd. Habe ich jeden Tag und Blumen kaufe ich mir selber. Ätsch. Trotzdem wünsche ich euch einen schönen, so ihr ihn denn feiert! Wir werden ins Grüne fahren  – ganz ohne kulinarische Experimente, dafür zur Freude der Kinder mit anschließendem Besuch eines Fastfoodriesen. Ohne Wehwehchen wäre schließlich kein Muttertag. Nicht wahr?

Euch allen eine frühlingsblaue Woche mit Momenten zum Lächeln und Staunen!

-lichst Frau Weh

 

Begegnungen

Es fällt mir nicht leicht, das Gefühl einzuordnen, das mich überkommt, als ich den Schulhof meines eigenen alten Gymnasiums betrete, um an der Erprobungsstufenkonferenz für meine letzten Viertklässler teilzunehmen. Vieles ist wie früher, sogar der Geruch in der Aula des Hauptgebäudes. Ich sehe die Schaukästen mit den ausgestellten Ergebnissen der Kunstkurse und erinnere mich an eine meiner Collagen, die dort hing. War das im siebten Schuljahr oder im achten? Später kann es nicht gewesen sein, denn recht schnell musste ich mich damals zwischen Kunst und Musik entscheiden. Eine Entscheidung, die ich bis heute bedaure, hätte ich doch beides gerne fortgeführt.

Ich gehe an der Mensa vorbei, die es damals noch nicht gab. Ein Zugeständnis an das G8. Mir begegnen Schüler, die mich mehr oder weniger neugierig anschauen. Einer winkt in Richtung Nebengebäude, ich scheine nicht die erste Grundschullehrerin zu sein, die ihm heute begegnet ist. Dann treffe ich im Konferenzraum ein. Die Tische sind zusammengeschoben, neben den Namensschildchen stehen Blumen. Alles ist freundlich und offen. Grundschulkolleginnen, die ich von Fortbildungen kenne, winken mich zu sich an ihren Tisch. Es fühlt sich fremd an und dennoch vertraut. Es fällt mir schwer die Schülerin abzuschütteln, die ich hier neun Jahre lang war. Doch ich kann nicht lange darüber nachgrübeln, denn pünktlich geht es mit der Begrüßung der Unterstufenkoordinatorin los. Unter den Gymnasialkollegen, die nun den Raum betreten, befindet sich ein ehemaliger Lateinlehrer. Er erkennt mich auf der Stelle und ungeachtet der noch andauernden freundlichen Begrüßung, kommt er mit großen Schritten auf unseren Tisch zu und schließt mich in eine Umarmung, die überraschend wohl wirkt.

“Ist das schön, dich zu sehen!”, sagt er, “Und wir sind Kollegen? Das freut mich sehr, dann sind wir jetzt beim Du!”

Er rückt einen Stuhl neben meinen und es dauert keinen Moment bis wir in eine Unterhaltung finden, die sofort ebenbürtig ist, was mich ganz kurz nur überrascht. Meine Klasse gehörte zu seinen ersten, da setzen sich Erinnerungen leichter fest als im späteren Kommen und Gehen. Dennoch … es müssen fast 20 Jahre sein. Wir erzählen über das Lehrersein, über Ansprüche, Forderungen und Berufungen. Aber auch über Vergangenes, gemeinsame Momente. Wo waren wir damals auf Klassenfahrt? War das diese furchtbare Jugendherberge? Und wie war diese Zeit damals? Es sind wertschätzende Worte, die fallen. Und auf einmal kann ich mein Gefühl einordnen: Es ist bittersüß und dem Verrinnen der Zeit geschuldet. Wo ist sie hin? Ich hatte wohl Glück in meiner Schulzeit. Viele meiner Lehrer waren Persönlichkeiten, die ich respektieren konnte und deren Freude am Unterrichten ansteckend war. “Ja”, nickt der Kollege, “wir waren ein ganzer Schwung enthusiastischer Junglehrer.” Er lächelt ein klein wenig wehmütig. “Jetzt sind wir ein bisschen älter geworden. Es ist nicht mehr alles wie früher.”

Meine ehemaligen Schüler haben einen anderen Klassenlehrer, daher trennen wir uns nach einer Weile. Die Verabschiedung ist herzlich und ich habe noch ein Lächeln im Gesicht, als ich mich an den Tisch der neuen Klassenlehrerin setze. Sie ist sehr jung, wir kennen uns noch nicht, sind uns aber schnell einig. Sie bedankt sich für die gute Arbeit. Wieder bin ich überrascht. Hatte ich es anders erwartet? Vermutlich. Doch hier ist nichts zu spüren von Standesdünkel. Die Gespräche zeugen von Interesse und gemeinsamer Verantwortung. Die ganze Veranstaltung ist liebevoll geplant und verdient die Bezeichnung Konferenz nicht. Es gibt einen kleinen Imbiss und eine Vielzahl zwangloser Zusammenkünfte. Mittendrin kommt die Direktorin vorbei und dankt für unser Kommen. “Bitte haben Sie keine Scheu sich an uns zu wenden mit Ihren Fragen oder Anregungen. Wir wissen um Ihren Einsatz. Danke, dass Sie hier sind!”

Nach zwei Stunden verlasse ich die Schule. Im Gepäck eine große Portion beidseitiger Anerkennung und die Einladung auf ein Bier beim nächsten Ehemaligentreffen. Von meinem Lateinlehrer. Also hätte mir das einer vor 20 Jahren gesagt …!

Omnia tempus habent.

Ich ziehe das Tor hinter mir zu. Es quietscht. Aha, denke ich, wie früher.

Pulleralarm

“Pipimann!”

“Schniedelwutz!”

“Gürkchen!”

“Pillermännchen!”

“Hähnchen!”

“Piepmatz!”

Den Erstklässlern fallen beeindruckend viele Bezeichnungen für genau jenes Körperteil ein, das auch im noch so kleinen Zustand einen gewaltigen Unterschied macht. Bei manchen bin ich mir nicht sicher, ob sie noch als Synonym durchgehen oder eher euphemistisch gebraucht werden, aber allen Wörtern gemein ist der Zwang zur Verniedlichung, der manche Erziehungsberechtigten überkommt, wenn es um nackte Tatsachen geht. Genau diese habe ich gerade an die Tafel gezeichnet. Natürlich nicht als Alleinstellungsmerkmal, Sexualunterricht folgt in den nächsten Jahren, sondern inmitten zweier ob ihrer Pudelnackigkeit grinsenden Strichmännchen. Mein Körper ist das Sachunterrichtsthema, das uns in den nächsten Wochen beschäftigen wird und die Kenntnis verschiedener Körperteile gehört zwingend dazu. Ebenso wie eine genaue Begrifflichkeit und so möchte ich mich mit den giggelnden Erstklässlern darauf einigen, die Dinge beim Namen zu nennen. Aber ich habe nicht mit dem Einfallsreichtum der Elternschaft und der Hartnäckigkeit der jungen Padawane gerechnet.

“Das ist der Penis.”, sage ich und ernte ungläubiges bis fassungsloses Kopfschütteln. Wie kann sie dieses Wort benutzen …!?

Zur Ehrenrettung mancher Elternhäuser möchte ich nicht verschweigen, dass es durchaus Kinder gibt, die im gleichen Moment ohne jegliche Probleme die korrekten Bezeichnungen in ihre Sachunterrichtshefte notieren und ebenfalls die Köpfe schütteln. Allerdings über die ausgelassenen Mitschüler, die – übrigens alle männlich – sich nach wie vor auf genante Weise echauffieren.

“Gut”, lenke ich nach einer Weile und einem schnellen Blick auf die Uhr ein, “wir machen das anders. Ihr besteht auf Niedlichkeit, dann machen wir es aber richtig.” Mit schnellen Strichen male ich ein zweites Strichmännchenpaar auf die Tafelseite und ziehe flugs ein paar Striche an die strategisch wichtigen Stellen.

“Die Gürkchenfraktion schreibt bitte diese Wörter ab!”

Ich notiere Lauscherchen, Guckknöpfchen, Schnabbelschnute, Greiferchen, Pillermännlein, Läuferchen und noch manch anderen putzigen Blödsinn auf der Tafel.

“Denkt aber bitte auch bei diesen Wörtern an die Aufpass-Stellen!”

Mit einem Stück gelber Kreide überschreibe ich doppelte Konsonanten, Umlaute, Diphtonge, all die Dinge, um die sich der durchschittliche Erstklässler noch nicht sorgen muss, es sei denn, er besteht ausdrücklich auf verniedlichte Termini der primären Geschlechtsmerkmale. Als ich fertig bin, ist das Schaubild mit gelben Aufpass-Stellen übersät und in der Klasse ist es deutlich stiller geworden. Die Blicke der Kinder wandern von einem Schaubild zum anderen. In manchen Köpfen sehe ich es rattern.

“Ähm, Frau Weh?”

Ich streife mir nonchalant die Kreide an der Jeans ab und nehme Finn mit einem beiläufigen Nicken dran.

“Können wir doch lieber die einfachen Wörter abschreiben?”

Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

“Naja … Penis ist echt viel einfacher!”, schaltet sich Can ein.

“Can, du hast Penis gesagt.”, stelle ich fest.

“Oh”, sagt Can, “ist mir so rausgerutscht!”, er legt die Stirn in Falten, “war aber gar nicht schlimm.”

Am Ende der Stunde stehen in allen Sachunterrichtsheften die korrekten Begrifflichkeiten. Ob aus Faulheit oder Einsicht? Ach, wer vermag das schon mit Gewissheit zu sagen …?

 

 

 

 

einer noch

Vogelzwitschern vor dem Fenster, entfernt ist das Plätschern der Dusche zu hören, ansonsten … Stille. Es ist der letzte Ferienmorgen, ich sitze am Schreibtisch und lasse Blick und Gedanken schweifen. Das waren wirklich, wirklich schöne Ferien. Was mir schwerfällt, das Ruhenlassen der Arbeit, das Abschalten und Abstandgewinnen, habe ich dieses Mal gut umsetzen können, was sich im gesamten Familiengefüge bemerkbar gemacht hat. Wir haben viel unternommen, aber auch ganze Tage im Schlafanzug verschlumpft und es war sooooo gut. Nebenbei hat das größere Wehwehchen ein Referat und eine Quartalsarbeit schreiben müssen, doch im direkten Vergleich immer noch mehr Zeit mit Minecraft und Eisessen verbracht. Was für ein Glück! Vokabeln hätten wir etwas intensiver üben können und ein Blick auf die letzten Lateinhausaufgaben hat mich schaudern lassen. 11 Wochen noch. Das wird schon.

Heute also noch ein letzter Tag im Schwimmbad ohne Blick auf die Uhr. Und dann, am Abend,  die Alltagsroutinen: Butterbrotdosen vorbereiten, Dinge parat legen, Mensageld für das große Wehwehchen nicht vergessen, neue Turnschuhe in Miniwehs Kindergartenrucksack packen. Meine Schulsachen liegen bereits gestapelt und abfahrbereit. Drei Tage habe ich intensiv an der Planung bis zu den Sommerferien gearbeitet und mir so einen Entspannungsvorschuss aufgebaut. Was in den nächsten, erfahrungsgemäß extrem anstrengenden Wochen folgt, ist Terminarbeit: Vorbereitung der Elterngespräche, letzte Diagnosen, Zeugnisse. Nebenbei Fahrradtraining, Ausflug, Sportfest, ein bisschen singen hier, ein bisschen feiern dort. 11 Wochen. Klingt nach viel Zeit, ist es aber nicht. Die vielen Feiertage zerpflücken den Arbeitsfluss und lassen anstrengend werden, was eigentlich normalen und längst bekannten Ablauf darstellt.

Für die Erstklässler bedeuten diese letzten Wochen eine Phase des Umbruchs und der Umstrukturierung. Die Freiarbeitsphasen werden kürzer, das Arbeitstempo wird angezogen. Neu sind Logicals, kleine Diktate und eine wöchentliche Rätselaufgabe. Die Schreibzeiten werden ausgedehnt und die erste kleine Lektüre gelesen. Viel Stoff, doch auch viel Spaß.

Aber heute … Familie. Noch einmal im wahrsten Sinne des Wortes eintauchen und treiben lassen. Schwimmbadpommes essen und nach Chlor riechen, genervt mit den Augen rollen, wenn die Wehwehchen streiten (und das tun sie …), Herrn Weh an der Badehose zupfen und in der Rutsche auf einen familienproduzierten Stau auffahren. Schimpfen, lachen, abtrocknen (auch zwischen den Zehen!), nasses Zeug einpacken, irgendwas vergessen, Waschmaschine anwerfen, Wehwehchen vor dem Fernseher parken, Essen machen, küssen und kichern, die Brut ins Bett bringen (“Ich will morgen aber nicht in den Kindergarten!”), einen letzten ruhigen Moment auf dem Sofa sitzen und die Ferien Revue passieren lassen. Schön war’s.