zurückgekehrt

Nein, nicht das Kranksein ist das Problem am Kranksein.

Auch nicht der morgendliche zerknirschte Anruf bei der Konrektorin am Tage des Ausbruchs. Nein, das wirklich Schlimme am Kranksein ist das Wiederkommen. Die ersten Schritte in den bis dato ordentlich strukturierten eigenen Klassenraum lassen jede gerade Genesende wanken. Trostlos schweift der Blick über die Ruinen struktureller Arbeit und landet am Ankerplatz pädagogischer Hoffnungen. Doch nirgendwo sonst kommt das Chaos, das jedes schulische Krisenmanagement unweigerlich mit sich bringt, schmerzhafter zum Vorschein als auf dem Schreibtisch. So gleicht die Rückgewinnung des liebgewonnenen Lehrerpultes der Wiedereroberung einer Stadt nach der feindlichen Übernahme barbarischer Volksstämme. Hier wurde aufs übelste geberserkert. Grundlegende Ordnungssysteme wurden von einem eilig durchgeführten Vertretungskonzept martialisch in Schutt und Asche gelegt. Einst heilige Flächen des Freiraumes zeigen sich geschändet und zerstört. Nun liegen sie da unter unordentlich zusammengefegten Notizen und Zetteln kryptischen Inhaltes. Ein kleiner Schokoladenkäfer – noch letzte Woche freudige Liebesgabe einer Zweitklässlerin – lugt traurig unter einem Papierstapel hervor, plattgedrückt vom Gewicht in Überzahl kopierter Arbeitsblätter.

Ähnlich den Anzeichen äußerlicher Zerrüttung stellt sich auch das Seelenleben der durch den Vertretungsunterricht der letzten Tage arg gebeutelten Zweitklässler dar. Es fehlt ihnen an vielem: An Hausaufgaben, Handschuhen und Herzlichkeit.

“Dass du endlich wieder da bist, Frau Weh!”, schnieft Nick in genau der richtigen Mischung aus Kummer und gelbgrünem Rotz und hinterlässt beides in einer ungestümen Umarmung auf meinem Pullover. “Dass du ENDLICH wieder da bist!”

(Als hätte ich Schiffbruch erlitten und wäre monatelang auf See verschollen und nicht ein paar Tage mit Wärmflasche im Bett gewesen.)

“Auch Lehrer werden manchmal krank”, sage ich entschuldigend und wische mit einem Papiertuch an meinem Pulli herum. Vergeblich übrigens, Kinderrotz hat die Konsistenz von industriellem Kraftkleber. Aber der Blick in Dutzende bekümmerter Welpenaugen zeigt mir, dass ich moralisch ganz daneben liege mit dieser Einschätzung, weil nicht ist, was nicht sein darf. In ihrer Unfehlbarkeit (sic!) liegt die durchschnittliche Grundschullehrerin schließlich nur knapp hinterm lieben Gott. Und hat man je gehört, dass der sich wegen eines Schnupfens von der Arbeit fernhielte? Na, eben!

Ganz eindeutig haben die Zweitklässler also nicht nur mehr gelitten als ich, sondern mich auch mehr vermisst als ich sie. Krakelige Genesungswünsche auf herzenumrankten Zetteln zeugen davon.

“Ich vermise dich so ser! Du bist einfach gut und schön und nett und schümpfst viel weniger als die Frau Dingens. Und obwol du nicht gar nicht schümpfst kannst du uns was beibringen und tust das ja auch. Das zeigt das du Herz hast und Köpfchen auch. Es ist würklich schreklich das du jetzt zu krank bist um zu uns zu kommen.”

lese ich auf einem von ihnen und fühle mich gleich ein wenig besser mit meiner roten Nase, den Ringen unter den Augen und der nach wie vor zu Hustenattacken neigenden Stimme. Wir sollten dringend was zur Lautunterscheidung I – Ü machen, denke ich, und daran merkt man ja auch, dass ich eigentlich schon wieder total gesund und unterrichtsreif bin.

“Dann fangen wir mal an, Ihr Lieben!”, rufe ich, greife mir einen der zahlreichen unsortierten Blätterstapel vom Schreibtisch und angele mit dem Fuß nach der Papiertonne. “Holt alle losen Blätter aus eurem Ranzen, wir machen mal Klarschiff!”

Und das klingt jetzt doch wieder ein bisschen wie nach glücklich überstandenem Schiffbruch. Ahoi, Matrosen!

12 von 12

Bereits vor geraumer Zeit hat Embee dazu aufgerufen, mal zu schildern wie das so läuft mit Schule und Familie und der Zeiteinteilung derselben. Er selber hat das akribisch aufgeschrieben und ich wünschte so sehr, ich käme auch dazu. Aber wohl nicht mehr in diesem Leben. Also freue ich mich ungemein, dass ich seinem Aufruf wenigstens bildlich nachkommen kann. Ganz viele Bilder könnt ihr bei Draußen nur Kännchen sehen. Hier sind 12 von 12 aus dem Leben der Weh:

warme SockenUm 5.45 Uhr aus dem Bett auf die glücklicherweise mollig weiche Pilatesmatte geplumpst und unter Umgehung jeglicher Hirnaktivität ein paar Übungen ausgeführt. Dass die Wollsocken so wunderbar mit dem Teppich harmonieren, ist Zufall. Und, ja, auf meiner Pyjamahose befinden sich kleine Foxterrier. Ich finde, jeder sollte eine Hose mit Terriern drauf besitzen! Das Leben wird gleich viel schöner dadurch.

Kalenderweisheiten Nachdem Katze, Nachbarskatze und Kinder mit Essen, Zuwendung und/oder Kleidungsstücken, Mensageld, wichtigen Unterschriften versorgt sind, putze ich mir die Zähne und beschäftige mich dabei mit der heutigen Kalenderaufgabe. In zwei von drei Punkten liege ich daneben. Na toll. Um kurz vor 7.00 Uhr verlassen das Miniweh und ich geschnatzt und geschniegelt das Haus, verabschieden uns mit Küssen und Umarmung im Kindergarten und ich fahre für die nächsten Stunden in die Schule. Es wird ein guter Vormittag und die Zweitklässler und ich sind mit seinem Verlauf recht zufrieden.

AutoradioNach der Schule dann Radio. Kein Meilenstein der Popgeschichte, aber ein echt cooler Song. Crazy Town sind neben den Red Hot Chili Peppers eine meiner verflossenen Musiklieben. Es ist mir ein wenig peinlich, aber ich freue mich immer, wenn sie mir zufällig begegnen. Zart besaitetere Leser verzichten besser auf das Video. Die dort präsentierte Zurschaustellung wohlgeformter männlicher Bauchmuskeln kann nicht anders als lästerlich bezeichnet werden. Pfui aber auch! Immerhin kommen auch Schmetterlinge drin vor!

http://www.myvideo.de/musik/crazy-town/butterfly-video-m-5274439

KettlebellsDerart beflügelt komme ich kurz darauf im Sportstudio an und beschäftige mich mit inneren und äußeren Widerständen.

Mittagessen  Zuhause dann ein schnelles Resteessen bestehend aus Brokkolisalat und Nudeln mit Gemüse. Ganz selten sitze ich alleine am Tisch, aber dienstags hat das große Wehwehchen lange Schule und ich genieße 10 Minuten Ruhe, bevor ich zum Kindergarten gehe.

KindergartenDort hole ich das Miniweh um 14.00 Uhr ab. Auf dem Nachhauseweg gehen wir ein paar Dinge einkaufen. Der Ehesegen eignet sich das Handy an und kümmert sich um die nächsten 100 Bilder. Glücklicherweise finden wir neben einem Hundehaufen eine tote Hummel. Ich übernehme das Handy wieder und weigere mich, Hummel und Haufen zu fotografieren. Es gibt eine kurze Auseinandersetzung und amüsierte Blicke der Nachbarin.

TangramSpäter spielen wir Tangram und Piraten und Mausefalle und noch ein paar andere Dinge. Auf meine Spiele (Spülmaschine ausräumen, Katzenklo säubern, Staubsaugen) hat das Miniweh keine Lust. Gegen 15.00 Uhr kommt das große Wehwehchen nach Hause, hat keinen Hunger, keine Hausaufgaben auf und ein nur gering ausgeprägtes Kommunikationsbedürfnis. Aber Kekse gehen!

E-MailSpäter am Nachmittag darf das Miniweh etwas gucken und ich rufe schnell E-Mails ab. Meine liebe Bloggerfreundin Frau Hattifnatte ist krank, schickt mir aber die Buchungsbestätigung für unseren gemeinsamen Ausflug in die Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Ich freue mich so! Im Schnelldurchlauf packe ich meine Tasche für den nächsten Schultag (vorbereitet ist schon) und führe zwei kurze Telefonate.

WalnüsseNach der Medienzeit hilft das Miniweh bei den Vorbereitungen für’s Abendessen, das heute schon früh fertig sein muss, denn – trommelwirbel – ich habe am Abend Ausgang. Gegen 16.50 Uhr klatsche ich mich mit Herrn Weh ab, küsse die Kinder und gehe zur Bahn. 30 Minuten ganz in Ruhe lesen bis ich aussteigen muss. Was für ein Luxustag!

20160112_184946Während Familie Weh heute Linsensalat isst, bin ich mit meinem Freund Marten beim Italiener. Normalerweise treffen wir uns freitags, aber heute steht ein Konzertbesuch auf dem Programm. Ein wenig Kultur schadet ja nicht. Vorher trinken wir Weißwein und essen Dinge mit ziemlich vielen Saugnäpfen dran. Es schmeckt super, aber ich schaue lieber nicht so genau auf meinen Teller. Stattdessen lasse ich meinen Blick durch das Restaurant schweifen und bleibe an einem Kühlschrank hängen.

MozzarellaWas zum …!? Ist das … Büffelmozzarella? Die Saugnäpfe auf meinem Teller verlieren schlagartig ihren Schrecken.

20160112_195836Pünktlich um 20.00 Uhr sitzen wir auf unseren Plätzen in der 2. Reihe. Im Konzert gibt es Brahms und Schumann. Jede Pore meines Körpers entspannt sich und Marten lacht amüsiert über mein seliges Lächeln. Aber da kann ich nichts für, das ist klassische Konditionierung. Was will man auch von jemandem erwarten, dessen Musikwahl sogar im Kreißsaal auf Schuberts Winterreise fällt? Tief im Herzen bin ich einfach Romantiker. Um 23.00 Uhr bin ich wieder zu Hause und in allerbester Stimmung. Ich tippe den Blogeintrag, ärgere mich ein wenig darüber, dass ich un-be-dingt noch einen Espresso trinken musste und liege um 23.30 0.00 Uhr leicht angeschickert, aber glücklich im Bett. Herr Weh ist extra noch irgendwie wachgeblieben, damit wir erzählen können, hat mir eine Wärmflasche unter die Decke gelegt und lässt sich von Saugnäpfen und Schumann Fantasien berichten. (Danke!)

Schön, dass es solche Tage gibt, auch und gerade weil sie kein Alltag sind.

Clean Teaching

“Und wenn ich noch einmal neu anfangen würde?”

Dieser Satz, laut ausgesprochen, schwebt über allem. Über dem auf dem Boden ausgebreiteten Material, über den Ordnerrücken, die herablassend aus den Regalreihen blicken, und über meiner immer größer werdenden Verzweiflung. Jetzt gerade ist es mir zu viel. Zu viel Zeug, zu viel abgeheftete Ideen, zu viel papiergewordene Möglichkeiten der Wissensvermittlung. Ich will ja unterrichten, natürlich, aber ich will auch locker sein und frei sein von Themensammlungen, die mich schon jahrelang begleiten und immer fetter und feister werden von all den zusätzlich hineingeschobenen Blättern und kopierten Artikeln, den zwischendurch angeschafften Themenheften und dem das kannst du bestimmt einmal verwenden.

Neu anfangen. Die Papiertonne bis zum Anschlag füllen und nur noch das abheften – oder besser noch in digitalisierter Form speichern – was wirklich zielführend ist. Dinge einfach loslassen und sich wieder mehr auf Intuition und Spontaneität verlassen statt auf immer größer werdende Stapel von Fachliteratur, die ich irgendwann einmal in Ruhe lesen möchte. Denn, wenn ich ehrlich bin, dieses irgendwann wird es wohl nie geben. Und wenn es doch einmal so weit sein wird, dass die Nachmittage wieder ruhiger und die Abende frei von Vokabelabfragen oder Abholterminen der Wehwehchen sind, werden die ganzen vermeintlich wichtigen Dinge möglicherweise nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich Staub angesetzt haben. Aktuelle didaktische Diskussionen verfolge ich im Internet sowie durch Lehrerzimmerlektüre. Und beileibe nicht alles, was Trend ist, muss mein sein.

Ein Spaziergang durch unseren Schulkeller bestätigt mein Unbehagen. Dort befindet sich tonnenweise Material, eingetütet, abgeheftet, in Kisten verpackt. Möglich, dass dort wahre Schätze lagern! Doch welche Kollegin hat die Zeit und das Interesse daran, sich durch die langsam vor sich hingilbenden Hinterlassenschaften längst in Ruhestand versetzter Lehrerinnen und Lehrer zu arbeiten? Es spukt der jeweilige Zeitgeist durch zugige Flure. Und so stapelt sich die Wissensvermittlung der letzten Jahrzehnte und modert vor sich hin. Wieviel Arbeitszeit darin stecken mag? Wie viel Hektar Wald, wie viel Liter Erdöl?

Ich wünsche mir nicht die Zeit der Schiefertafel zurück (obgleich ich gegen dieselbe keinerlei Einwände habe, ist sie doch so ungleich ressourcenschonender als jeder gedruckte Schreiblehrgang), aber ich wünsche mir eine Wissensvermittlung, die mit ein bisschen weniger buntem Schnickschnack auskommt. Natürlich bin ich an dem Dilemma, in dem ich gerade stecke, gänzlich selber schuld! Schließlich bin ich diejenige, die in den letzten Jahren gekauft, gewerkelt, kopiert und für die Ewigkeit laminiert hat. Weil es schön ist, auch ein Eichhörnchenpuzzle zu haben, oder 30 Somawürfel. Weil es auf Eventualitäten vorbereitet und Differenzierung leichter scheinen lässt. Aber bin ich dadurch in meinem Unterrichten besser geworden? Wenigstens ein leichter Zweifel scheint mir angebracht.

Wie praktisch, dass gerade Januar ist. Da verkündet sowieso alle Welt, was man in diesem Jahr aber wirklich einmal richtig anpacken will. Sparen und verzichten befinden sich bekanntermaßen immer in der Top Five der guten Vorsätze. Da betrete ich zumindest kein Neuland, wenn ich mich aufmache an Material zu sparen und auf Neuanschaffungen weitmöglichst zu verzichten, Dinge aus meinem Fundus zu gebrauchen oder weiterzugeben, wenn sie sich als nicht (mehr) zweckmäßig entpuppen. Weniger Zeug in der Klasse – ist ja sowieso schon voll genug dort. Je mehr ich darüber nachdenke, desto fröhlicher werde ich. Aufräumen und entrümpeln kann ich wirklich gut und mache ich extrem gerne (Familie Weh kann ein Lied davon singen …). Also verschlanke ich dieses Jahr mein Arbeitszimmer, unterziehe mein Material einer didaktischen Detoxkur und specke künstlich aufgeblasene Unterrichtsreihen ab. Oooh, es wird so wunderbar! Und ich weiß auch schon, wie ich es nenne:

Clean Teaching statt Clean Eating!

YES! :-)

Anarchie im Adventskalender

21.12.2015

Liebe Zweitklässler,

heute dürft ihr euch eine Aufgabe für eure Lehrerin überlegen.

Es ist gerade 8:15 Uhr, als mich der Hausmeister im Flur vor meinem Klassenraum sitzend antrifft.

“Was machst du denn hier? Solltest du nicht eigentlich da drin sein?”, nickt er in Richtung verschlossener Klassentür.

“Ich bin rausgeflogen”, antworte ich schulterzuckend.

“Ist mir auch schon passiert”, sagt er tröstend, murmelt irgendetwas von verstopftem Abfluss und geht seines Weges.

Die Zeit verstreicht. Schon 8:20 Uhr. Was die Zweitklässler jetzt wohl machen? Ob ich mal klopfen soll? Nein, das ist würdelos. Aber vielleicht mal kurz das Ohr an die Tür …? Nur ganz kurz! Ganz schön leise da drin. Sie können ja schon, wenn sie wollen. (Sie wollen nur so selten.) Und wenn sie mich jetzt die ganze Stunde vor der Türe sitzen lassen, die kleinen Seuchenvögel? Ha, dann hole ich mir einen Kaffee und das neue Lehrerheftchen vom VBE aus dem Lehrerzimmer! Da komme ich ja sonst nie zu.

Eigentlich ganz schön so … Darf ich das überhaupt? Die ganze Zeit so vor der Türe rumsitzen? Ob die sich da drinnen jetzt gerade beaufsichtigt fühlen? Hmm … die kichern doch!? Vielleicht klettern die Zweitklässler gerade alle hintenrum aus dem Fenster und lachen sich halb tot. Und ich sitze hier mit Kaffee und Schule heute und kriege nix mit. Das ist unprofessionell.

Ich hasse unprofessionell.

Doch! Die kichern! Also sind sie noch drin, das ist gut! Worüber reden die denn so lange? Meine Güte, nächstes Jahr bekommt die Klasse einen stinknormalen Adventskalender mit Süßkram, statt einen mit gruppendynamischen Aufgaben. Mir doch egal, wenn die alle überzuckern. Sind sie ja sowieso im Advent, überzuckert und überdreht! Gut, wenn ich die jetzt mal zwei Wochen nicht sehe! Da drehen einige echt hochtourig. Ganz schön anstrengend, diese Tage vor Weihnachten. Wenn die Eltern das mal wüssten … Alle überzuckert!

Ich glaube, ich bin gerade ein bisschen unterzuckert. Sind eigentlich noch Kekse im Lehrerzimmer? Aber wenn ich da jetzt noch einmal vorbeigehe, dann kriegt bestimmt der Chef mit, dass ich Unterricht schwänze. Hmm …

Aber eigentlich mache ich das gar nicht. Also schwänzen. Ich bin ja herausgebeten worden. Das ist was anderes. Der Kaffee? Ja, gut, da könnte man jetzt drüber streiten. Aber immerhin rauche ich nicht! Das wäre daneben! Aber rauchen fand ich schon immer unattraktiv. Mein erster Freund hat geraucht. Damals war das ja noch schick. Aber damals fuhr man ja auch noch Mofa. Also, die anderen fuhren Mofa. Ich hatte ein Fahrrad. Und Blockflötenunterricht. Nix mit Rauchen und so.

Gleich halb neun! Ich geh da jetzt rein! Mir doch egal, wenn die Zweitklässler noch nicht fertig sind! Die sollten sich schließlich nur eine Aufgabe ausdenken, keine neue Regierungsform initiieren.

Ah, Schritte! Ich höre Schritte!

“Frau Wehee, Sie können jetzt wieder reinkommen!”, Sophie guckt mich mit ernstem Gesicht an und deutet in den Raum.

Neugierig betrete ich den Raum und setze ich mich auf meinen Platz im Kreis. Einige Zweitklässler schauen betont streng, andere unterdrücken mühsam ein Grinsen.

“Danke, Sophie!”, sagt Nick hoheitsvoll und wendet sich mir zu. “Wir haben uns entschieden, was Ihre Aufgabe ist, Frau Weh.”

Kunstpause.

“Wir haben beschlossen, dass wir einfach mal machen dürfen, was wir wollen.”

“Hah, das macht ihr doch sowieso! Außerdem ist das keine Aufgabe für mich. Das ist eine Aufgabe für euch!”, entgegne ich spitzfindig. Und dafür saß ich jetzt ewig im kalten Flur? Wenn das mal keinen Blasenpips gibt!

Großes Gelächter erfüllt die Klasse.

“Haha, Frau Weh, witzig!”

“Der war gut, Frau Weh!”

“Haben Sie nicht verstanden, stimmt’s?”

Jetzt ist aber langsam gut. Entrüstet ziehe ich eine Augenbraue hoch und fast sofort wird es wieder ruhig in der Klasse.

“Wir haben das gerade schon gemacht. Also, was wir wollten. Und Ihre Aufgabe war mal gar nix zu machen. Das wünschen Sie sich doch. Haben Sie am Freitag noch gesagt, das Sie mal nix machen wollen. Und das”, jetzt muss sogar der so gefasste Nick glucksen, “haben Sie auch schon gerade gemacht. Also nix! Wir sind gut, ne?”

Schreib flink mit Schreib-Fink

Meine letzte Klasse war nicht sehr schreibbegeistert. Für mich eine mittelgroße Katastrophe, ist das Schreiben doch nicht nur Kulturgut, sondern in hohem Maße Ausdrucksmöglichkeit der eigenen Befindlich- und Persönlichkeit. (Natürlich ist nicht jedes in höchstem Herzeleid geschriebene Tagebuch wert, post mortem veröffentlicht zu werden, aber allein die Tatsache, dass man sich den großen Seelenschmerz ungefiltert von der Seele schreiben konnte, hat dem ein oder anderen doch recht gut über die Pubertät geholfen. Oder?) Aber zurück ins aktuelle Klassenzimmer: Die Zweitklässler LIEBEN schreiben. Sie schreiben und schreiben, als hätten sie nie etwas anderes getan. Ist das nicht großartig?

SchreibfinkJetzt würde ich natürlich gerne sagen, dass dies wahrscheinlich an meinem motivierenden Deutschunterricht liegt, aber tatsächlich hielten mir die Kinder schon in der ersten Schulwoche ihre Schreibmotivation in Form klitzekleiner Briefchen und einzelner Wörter unter die Nase.

DU SIS SöN AuS

Wann können wir endlich schreiben, Frau Weh?, war der dritthäufigste Satz des zweiten Schultages. Gleich nach Wann ist Frühstück? und nur ganz knapp hinter Ich muss mal! (Ich auch! Ich auch!)

SchreibfinkGlücklicherweise haben die Fragen nach Frühstück und Pinkelpäuschen mittlerweile etwas abgenommen. Geblieben ist die Schreibmotivation und der Hunger nach Ideen. Während es manchen Kindern nur so aus dem Bleistift zu fließen scheint, tun sich andere etwas schwerer damit, eine Idee zu finden, über die es sich zu schreiben lohnt. Also habe ich über die Jahre gesammelt: Zeitungsartikel und Fotos, Bilder und kleine Geschichten.

Dazu Lehrermaterial zum Kreativen Schreiben und viele, viele Gegenstände. Da gibt es eine Schreibtruhe, ein geheimnisvolles Säckchen, einen mysteriösen Schlüssel (wo passt er nur?), Wörterkommoden, seltsame Gegenstände und fantastische Zaubersprüche. Lehrer und ihr Material. Ihr kennt das ja. Trotzdem habe ich laut “JA!” gerufen, als der Finken Verlag angefragt hat, ob ich den Schreib-Fink testen möchte.

20151019_14032779 Bildkarten mit Illustrationen, Wimmelbildern, Gemälden und weiteren Abbildungen warten darauf, erkundet und be-schrieben zu werden. Farblich gekennzeichnet lassen sich die stabilen Karten 1o unterschiedlichen Themenbereichen zuordnen. Ich war zugegeben überrascht, dass die Zweitklässler das Ordnungssystem übernommen haben. Aber tatsächlich stecken die Bilder (meistens) ordentlich sortiert im Kasten.

Dazu gibt es ein Handbuch, in dem ausgewählte Bilder noch einmal als Kopiervorlagen abgebildet sind, mehrere Bilder auf Farbfolien (praktisch für Schreibimpulse zu einem gemeinsamen Thema oder sehr zu empfehlen als Gesprächsanlass) und ein bisschen Killefitz wie Anlauttabellen, Fingerpuppen und kleine Papplupen. Während ich Tabellen und Fingerpuppen noch nie benutzt habe, waren die kleinen Lupen ein echter Gewinn. Kopiert, in der Mitte ausgeschnitten und dann – der Clou! – laminiert dienen sie nun fächerübergreifend als motivierendes Bonbönchen immer dann, wenn es gilt, besondere Details zu erkunden. Sei es als Korrekturinstrument im Heft des Nachbarn, als Lesehilfe oder am Projektor. Fehler finden sich gleich viel schneller mit einer Spitzenlupe in der Hand. Ein pädagogischer Knaller! Das hat der Finken Verlag vermutlich nicht einmal selber geahnt. Da kann Finki, die Fingerpuppe echt einpacken!

Die Unterrichtshinweise, die ebenfalls im Zusatzmaterial enthalten sind, habe ich zugegeben noch nie benutzt. Ein interessiertes Durchblättern hat allerdings ergeben, dass sie nicht verkehrt sind und durchaus zu Rate gezogen werden könnten. Mehr (und etwas neutralere) Informationen gibt es direkt auf der Schreib-Fink-Seite. Dort kann man auch ein paar Musterseiten begutachten und ein Filmchen schauen. Ich kann abschließend sagen, dass die Box hier super ankommt. Danke, dass wir testen durften!

 

 

advenire

Frau Weh unter'm Weihnachtsbaum

“Hier, hab ich für dich gemalt”, nuschelt Ramon und schiebt mir einen Zettel auf den Schreibtisch.

Ramon hasst malen. Jedes Bild, das es während des Unterrichts oder als Hausaufgabe auszumalen gilt, führt unweigerlich zu einer mittelgroßen Katastrophe mit fliegenden Stiften und fliehenden Worten. Kunst ist das Fach, das er am wenigsten mag. Gleich neben Mathe und Deutsch. Und Religion. Uuh, und Englisch, da wird ja auch immer so viel geschnibbelt und geklebt. Aber jetzt ist Advent und die Zweitklässler sind Weihnachtswichtel in besonderer Mission: Sie bringen Freude (und Kekse und Weihnachts-CDs und zuckerbunte Klitzekleinigkeiten) und verteilen sie freigiebig. Ramon malt also. Das erste Mal in diesem Schuljahr.

Ich streiche ihm über den asymmetrisch geschnittenen Rambohaarschnitt. “Lass mich mal sehen.”

Die kleine Frau Weh hat nur drei Finger an jeder Hand und keine Nase. Dass sie keine Füße hat, ist nur gut, denn dann kann sie nicht weglaufen, so wie der Papa. Aber was für ein warmes Lächeln in ihrem Gesicht! Sie schwebt ein wenig über den Dingen, das hat er gut beobachtet, und auch der lange Hals, der ihr ermöglicht über alles einen wachen Blick zu haben, sagt mir zu. Die Haare sind etwas in Unordnung und könnten mal wieder einen ordentlichen Schnitt vertragen, aber vor Weihnachten kommt ja auch alles immer so geballt, wann soll man es da noch zum Friseur schaffen? Die Augen sind groß und blicken deutlich wacher als in echt, dafür ist der orange Jumpsuit etwas übertrieben. Im Original trage ich lieber was über’m Popo.

Der Weihnachtsbaum ist festlich geschmückt mit Kugeln und Lichtern und obendrauf sitzt noch ein Stern mit richtigen Zacken, obwohl die so schwer zu malen sind. Die Tannenspitzen zeigen alle nach oben, was für ein optimistischer Zug! Der Baumstamm – breit, stabil und erdverbunden – bringt Stabilität und Beständigkeit in das Bild. Auf die Frage, ob die kleine Frau Weh ein Laserschwert in der Hand halte, lacht Ramon auf und schüttelt energisch den Kopf. Das sei doch die Verbindung zum Himmel. Die trage doch jeder in sich, habe die Religionslehrerin gesagt. Und rot muss die sein wegen der Liebe. Liebe ist viel auf dem Bild, das kann ich schon erkennen.

“Schönes Bild!”, meint Marc anerkennend, als er vorbeikommt, um sich mein Klebeband auszuleihen.

“Ja, superschönes Bild!”, bestätige ich und lächle Ramon zu. Blickkontakt. Ganze 5 Sekunden. Ankommen hat viele Gesichter.

 

Alles wird gut

Es liegt an mir den Kindern Ruhe zu geben in dieser Zeit.

Ruhe, Zuversicht, Sicherheit. So ungleich wichtiger als die Vermittlung von Kompetenzen oder die Arbeit an Schulprogramm und Leistungskonzept. Viel geredet wird von den Zweitklässlern nicht über das aktuelle Zeitgeschehen. Es ist schwer, das Unbehagen der eigenen Eltern in Worte zu fassen, wenn man sieben Jahre alt ist. Aber dass in manchen Familien Thema ist, was uns als Thema aufgezwungen wurde, weil es so unfassbar und nah ist, das spüre ich daran, dass in diesen Tagen mehr Kontakt gesucht wird. Da sitzen Michelle und Samira ganz eng auf einem der kleinen Arbeitsteppiche über einem Buch. Marc begrüßt mich mit einer wortlosen Umarmung. Merve und Nick streiten über Religion und stolpern dabei über die abwertenden Verallgemeinerungen der Eltern. Ich höre zu und rücke sanft zurecht, wo Ängste in falsche Worte gekleidet werden.
Wir malen Kerzen. Für unsere Fenster, aber auch für die, in denen es dunkel ist. “Kerzen helfen”, sagt Sophie und erzählt, dass ihre Oma immer in der Kirche eine anzündet und sie das dann auch darf, mit dem langen Docht, der dort liegt, unter der Maria mit ihrem Baby.
“Warum helfen Kerzen denn?”, fragt Yasin und verharrt, den Pinsel in der Luft.
“Na, weil die doch Licht bringen und das brauchen ja alle.”, antwortet Ole und zählt an seiner Hand Pflanzen, Tiere und Menschen auf.
“Haha, das sind ja alles Nomen!”, lacht Leonie und freut sich über ihre Feststellung.
“Ist doch klar, dass das alles Nomen sind”, ärgert sich Ole. “die brauchen ja auch alle einen Namen, um zu existieren. So wie wir eben auch das Licht brauchen. Alles braucht einen Namen.”
Wie so oft staune ich über die schlichte Wahrheit, die einige Kinder zu äußern imstande sind, und argwöhne, dass so mancher Philosoph heimlich auf Schulhöfen gelauscht haben muss. Vor unserer Klassentüre mögen Kolleginnen krank sein, Elterngespräche für Unruhe sorgen oder die Welt hart auf die Bremse treten. In unserem Raum bereitet die Ruhe den Boden für Gedanken. Mir kommt das Zitat von Etty Hillesum in den Kopf, das über meinem Schreibtisch hängt:
„Das ist eigentlich unsere einzige moralische Aufgabe: sich selbst große Flächen urbar zu machen für die Ruhe, für immer mehr Ruhe, sodass man diese Ruhe wieder auf andere ausstrahlen kann. Und je mehr Ruhe in den Menschen ist, desto ruhiger wird es auch in dieser aufgeregten Welt sein.“
Diese Worte möchte ich so sehr verinnerlichen wie kaum etwas anderes. Die darin enthaltene Wahrheit verinnerlichen und weitergeben an die Menschen, die um mich herum sind. Gerade, weil sie sieben Jahre alt sind. Sieben Jahre sind ein gutes Alter für Ruhe und große Gedanken.
Ein bisschen, weil es Spaß macht, aber auch ein bisschen, weil es hilft, dem seltsamen Gefühl im Bauch zu begegnen, geben die Zweitklässlern ihren Kerzen Namen. Kraftvolle und schöne. Da gibt es die Kerze Traum und die Kerze Frieden, die Kerze Wünsche und die Kerze Wir alle. Meine Kerze heißt Alles wird gut und die Kinder nicken zufrieden, als sie es hören. “Das glaubst du immer, Frau Weh, oder? Dass alles gut wird, meine ich. Du sagst das oft!”
“Klar”, lautet meine Antwort und die lächelnde Zuversicht, die ich in meine Stimme lege, bringt die Kinder in Bewegung wie das Licht einer Straßenlaterne Nachtfalter zum Tanzen bringt. “Daran glaube ich ganz fest. Alles wird gut!”