Mitten im Leben

Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.

Er hält sich nicht an Pläne, er trifft keine Absprachen. Er geschieht.

Betroffen steht die kleine Schar Erstklässler im Kreis um die tote Spitzmaus herum. Klein liegt sie da auf dem Schulhof, geradezu winzig und still, sehr still. Eigentlich wollten wir für eine Förderstunde nur kurz das Gebäude wechseln. Doch an Normalität ist nun nicht mehr zu denken. Zu plötzlich stört der Tod die Kindern so eigene Emsigkeit.

„Vielleicht schläft sie ja nur?“, macht Lyanne sich selber Mut.

„Aber sie hat die Augen auf und da an der Schnauze ist auch Blut!“ Theo ist von der vollzogenen Endlichkeit des Mäuselebens überzeugt. Fachmännisch weist er auf die Indizien hin.

„Die arme, arme Maus!“, meint Dilara kummervoll und macht ein trauriges Gesicht. Die anderen Erstklässler nicken betroffen. So ein kleines Mäuschen und so tot. Warum bloß?

Diese Frage stelle ich mir auch. Ich friere. Mittwochs habe ich einen Schultag ganz ohne Pausenaufsichten. Anlassgemäß feiere ich diesen Tag immer mit dünner Kleidung. Mir zieht eine Gänsehaut die bestrumpfhosten Beine hinauf und eigentlich wollte ich doch im Warmen sitzen und die Sache mit der Silbensynthese noch einmal gezielt angehen. Jetzt aber blicke ich auf die tote Maus und die ergriffenen Erstklässler und als erfahrene Lehrkraft weiß ich natürlich, dass daraus heute nichts mehr werden wird. Ich seufze und ziehe den Mantel enger. Es ist absehbar, was nun passieren wird.

„Wir müssen sie begraben!“, sind sich die Erstklässler da auch schon einig und geraten nach meinem Zustimmung signalisierenden Nicken, auch wenn es nur halbherzig war, in freudvolle Geschäftigkeit. Sie teilen die Zuständigkeiten ein und tun, was getan werden muss. Einige suchen ein schönes Plätzchen (geschützt unter Büschen, aber etwas sonnig, die kleine Maus liebte bestimmt die Sonne, alle Mäuse lieben Sonne!), andere sammeln Herbstblätter in leuchtenden Farben (denn bunte Farben, da ist man sich einig, sind sehr wichtig bei einem Begräbnis und in Mexico oder woanders, da feiert man, wenn einer tot ist, mit gelben und orangenen Blumen, das hat Can am Wochenende in der Vorschau im Kino gesehen. Da war so ein Hund, der hat einen Knochen fast gefressen und dann war das aber der Knochen von einem toten Skelett und der Hund ist in einen Kaktus gefallen. Oder in ganz viele. Aber die Blumen waren orange!) und Theo und Ebru holen Sandeimer und Schaufel, denn ein Loch muss auch noch ausgehoben werden. Weder die novemberschwere Erde noch die Tatsache, dass jedes Kind einmal an die Schaufel möchte, lassen das Unterfangen zu schnell enden und so vergeht eine fröstelnde Weile und noch eine.

„Wie kriegen wir die Maus da jetzt rein? Tote Tiere darf man nicht anfassen, die können Tollwut haben.“

Ein bisschen hin und her geht es nun, denn Dilara weiß nicht, was Tollwut ist und Can verwechselt Tollwut mit der Zombieapokalypse aus dem voll gruseligen, aber coolen PC-Spiel, das sein großer Bruder ihm gezeigt hat und wo alle immer voll soooo langgehen und Geräusche machen. Doch Theo weiß um die Würde des Anlasses, schickt nach einem Kehrblech und sorgt für Ruhe. In schweigender Übereinkunft teilt ihm die Gruppe die Rolle des Bestatters zu und mit einem kleinen Plopp landet das Mäuschen in seinem Grab. Gebettet auf Herbstlaub und etwas Butterkeks, denn Mäuse – und wir alle wissen doch darum! – lieben Butterkekse. Liebevoll zugedeckt von einem Papiertaschentuch, das sogar fast noch ganz sauber ist. Die Erstklässler werden still, denn nun – so wird ihnen bewusst – müssen Worte gesprochen werden. Wichtige Worte, die den Abschied fassbar machen sollen und doch erträglich. Große Worte voller Traurigkeit über verpasste Chancen und ein Mäuseleben, dass doch viel zu kurz war.

„Auf Wiedersehen, kleine Maus. Wir haben uns gerade erst kennengelernt, aber du warst bestimmt ganz prima zu deinen vielen Mäusekindern! Und die sind jetzt sicher schon groß und passen auf sich selber auf. Du darfst jetzt hier ganz lange schlafen und du kommst bestimmt in den Mäusehimmel und der ist voller Käse!“

„Wir müssen auch etwas singen!“, weiß Theo. Alle nicken zustimmend. Sie entscheiden sich für das Martinslied, denn der Mantel, meint Leon, deckt ja den Bettler zu so wie die Herbstblätter die kleine Maus. Und ein anderes Lied wissen sie gerade auch nicht. Die hellen Kinderstimmen klingen durch die kalte Luft und ich weiß gar nicht, warum, aber plötzlich muss ich ein bisschen schlucken und ein bisschen hüsteln und vermutlich habe ich mir doch eine Erkältung oder so etwas in der Art eingefangen. Ist ja auch kein Wunder! Die Kinder nicken mir wissend zu und eine kleine Hand schiebt sich in meine. Weil der Gesang so schön ist auf dem leeren Schulhof und auch so viel Spaß macht, stimmen die Erstklässler gleich noch das Lied von der Weihnachtsbäckerei an. Mit in die Hände klatschen und laut „Du Schwein!“ rufen, denn das ist ja das Beste überhaupt an dem Lied. Dann wird gekichert und gelacht und „Tschüss, du Mäuschen!“ gerufen und noch ein bisschen mit Herbstlaub geworfen, wo wir schon hier draußen sind.

Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen.

Es hält sich nicht an Pläne, es trifft keine Absprachen. Es geschieht.

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Wochenende

Wochenende. Herbstferienbeginn. Durchatmen.

Erstaunt darüber sein, wie gut (und schnell) mir das mittlerweile gelingt.

Pilzfundstücke beim Waldspaziergang. Den Herbst finde ich super! Also bin ich viel draußen und nehme den Wandel auf, tanke Ruhe und verspüre tief drin eine Zufriedenheit, die mich aufatmen lässt.

Waffelessen bei der Familie ♥ Immer wieder bin ich beglückt darüber, dass wir so nette Menschen um uns herum haben! (Und bei denen es außerdem immer nach Schöner Wohnen aussieht!)

Langsame Einstimmung auf Sankt Martin. (Leise freue ich mich darüber, dass im Hause Weh noch kleine Menschen leben, die den Einsatz von Holzspielzeug und Jahreszeitentisch nicht nur rechtfertigen, sondern regelrecht einfordern.)

Harry Potter Lego. Eine ganze Menge davon. Hier sieht man das Ergebnis einiger Stunden mit dem Miniweh auf dem Dachboden. Und, nein, das ist nicht alles. Unter dem Bett des großen Wehwehchens lagert ein ganzes Imperium im Staube der Vergangenheit.

Blumen von Herrn Weh. Auch ganz herbstlich.

Ich tauche also langsam in die Ferien ein. Natürlich ist der Schreibtisch (der Arbeitszimmerboden, die Klavierbank, zwei-drei Regalflächen …) voll mit Mussicherledigen und Bloßnichtvergessen, aber das fügt sich schon. In den nächsten zwei Wochen möchte ich mir ein ansehnliches inneres Ruhepolster anlegen, bevor der Wahnsinn des nächsten Schulblocks losgeht. Und der wird wie immer knackig kurzweilig werden: Beratungsgespräche, Infoabende, Konzert, Basar, Fortbildungen*. Andererseits: Wie schön, dass wir nicht in Monotonie arbeiten und leben müssen! Nicht wahr?

* Apropos Fortbildungen: Fährt hier zufällig jemand hin?

Das Leben der Anderen

Als ich heute von der Schule nach Hause komme, finde ich einen unerwarteten Brief vor. Der Absender, ein Herr Hans-Günther Schimmelpfennig aus Gelsenkirchen, ist mir unbekannt. Neben dem heute nicht mehr so geläufigen Vornamen lässt auch die sorgfältige und doch leicht knitterige Schrift auf einen älteren Verfasser schließen.

Neugierig öffne ich den Umschlag und lese folgende Zeilen:

„Sehr geehrte Frau Weh,

rein per Zufall bin ich auf eine Seite im Internet gestoßen, die mich neugierig gemacht hat. Ist das die Frau Weh, die ich kenne?

In einem Artikel vom 05.04.2007 ist dort zu lesen, dass ein „Kulturkreis geselligen Miteinanders und Austauschs“ sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Dazu ein Foto: Die 1. Vorsitzende, Frau Weh, inmitten weiterer Vereinsmitglieder. Die Dame könnte vom Aussehen her die Frau Weh sein, die ich kenne.

Verzeihen Sie mir, dass ich Ihre Adresse herausgesucht habe, aber sind Sie es vielleicht? Ich weiß, dass die Eheleute Weh damals einen Umzug angestrebt haben. Erinnern Sie sich an vielleicht an die Familien Schimmelpfennig-Werner aus Gelsenkirchen? Wenn dem so wäre, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie sich melden würden.

Mit freundlichen Grüßen

Hans-G. Schimmelpfennig“

Als ich das entsprechende Foto im Internet aufrufe, muss ich lächeln. Da sitzt in einer kleinen Gruppe Menschen, die sich um sie gruppiert haben, tatsächlich eine ältere Dame, schick frisiert und verschmitzt lächelnd. Klein und zierlich ist sie, das kann ich erkennen. Gekleidet ist sie stilvoll mit Strickjäckchen in keckem Pink zum adretten Rock, was sofort ein anerkennendes Lächeln bei mir aufziehen lässt. Die Dame scheint mit sich selbst und der Welt recht zufrieden zu sein. Ja, denke ich, das könnte ich in 35 Jahren tatsächlich sein. Beziehungsweise, berichtige ich mich, wäre es nicht schön, so zu werden?

In welcher Beziehung steht Hans-G. Schimmelpfennig, den ich im Kopf sofort noch um ein paar Jahre älter mache, wohl zu ihr? Er siezt sie, ein Paar können sie wohl nicht gewesen sein. Oder – Moment! – er spricht vom Ehepaar Weh, hat er sich vielleicht aus der Ferne nach ihr gesehnt? Waren Sie vielleicht Nachbarskinder und haben sich aus den Augen verloren? Den Artikel, den er zitiert, ist 10 Jahre alt. Wie lange mögen sich beide nicht mehr gesprochen haben? 20 Jahre? Oder 40? Ein ganzes halbes Leben mag vorbeigezogen sein. Möglicherweise ist dies seine Art der Rückschau, die Herrn Schimmelpfennig dazu bewogen hat, mir einen Brief zu schreiben, getragen von der Hoffnung, ich sei diejenige, welche. Ich stelle mir ihn vor, wie er auf Antwort wartet, vielleicht ist er aufgeregt, ungeduldig oder erwartungsvoll. Aber vielleicht mischt sich auch ein kleines bisschen Traurigkeit in sein Warten. 10 Jahre sind eine so lange Zeit. Ob die andere Frau Weh noch lebt? Wird Herr Schimmelpfennig sie finden? Wen werde ich am Ende meines Lebens vermissen, suchen, wessen Verlust vielleicht beweinen? Weder Frau Weh noch Herrn Schimmelpfennig kenne ich und trotzdem verspüre ich an diesem Mittag ganz unvermittelt Wehmut darüber, dass dieser Brief an mich nicht das Ende einer Suche ist, die so viel Zeit wohl nicht mehr erwarten kann. Es ist der Gedanke an die Vergänglichkeit, der mit diesen Zeilen zum Klingen gebracht wurde. Mir kommt die Aschermittwochsliturgie in den Sinn: Memento homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris. Die Zeit, die wir haben, ist ein Geschenk. Und sie ist endlich.

Als ich den Brief erneut zur Hand nehme, muss ich nicht überlegen, bevor ich zum Telefon greife und die sorgfältig notierte Nummer wähle. Nach dreimaligen Klingeln meldet sich eine warme, ältere Stimme.

„Guten Tag, Herr Schimmelpfennig. Mein Name ist Frau Weh, ich habe einen Brief von Ihnen erhalten …“

 

P.S. Vielen Dank für die vielen netten Worte zur Begrüßung in diesen Tagen! Ich habe mich über jedes einzelne gefreut!

Hummelflug

Noch zwei Wochen bis zu den Herbstferien und die Stimmung ist schon so tief gesunken, dass ich mich beim Betreten des Lehrerzimmers in einem dumpfgrundigen Unkenpfuhl wiederzufinden scheine. Es trieft von herbstlicher Melancholie und beginnendem Missmut. Vereinzelt tropft Verzweiflung von den Wänden wie der unvermeidliche Rotz aus der Nase eines Erstklässlers. Grund ist eine Terminimplosion mittelschweren Grades: Schulanmeldung trifft auf Schulzahnarzt trifft auf Erneuerung der Schalldämmung trifft auf politischbed.. krankheitsbedingten Personalmangel. Ehrlich, wir sind so knapp besetzt, dass ich mich zusammenreißen muss, den freundlichen Dackelbesitzer, dessen frühmorgendliche Hunderunde ihn auch am Lehrerparkplatz vorbeiführt, nicht einfach an der Funktionsjacke zu packen und stante pede ins Lehramt zu rekrutieren. Wer Teckel kann, kann doch wohl auch Kinder, ne?

Da heute mein kurzer Tag ist, den ich mir unter keinen – ich betone unter keinen Umständen! – vermiesen lasse, entscheide ich mich gegen ein Bad inmitten negativer Schwingungen und drehe ab. Achtsamkeit ist ja seit einiger Zeit so ein wichtiges Thema, das einem – recht unachtsam, wie ich finde – ständig um die Ohren gehauen wird; also bin ich achtsam, nehme meine Gefühlslage wahr und erkenne an, dass unter besonderen Umständen auch die fröhlichste Hummel besser in Einsamkeit als im Unkengrund aufgehoben ist.

Doch Fröhlichkeit hin oder her, leider bin ich auch eine Hummel ohne Heimat. Denn alle Räume, in die ich mich zum Frühstück zurückziehen könnte, sind besetzt (Zahnarzt, Schulanmeldung, Schallschutz …). Nicht einmal in meinen Klassenraum kann ich gehen, denn der muss stoßgelüftet werden. Die Viertklässler beginnen präpubertätsbedingt zu müffeln. (Das merkt man ja nie, wenn man mittenmang sitzt, aber wehe, man verlässt den Raum und kommt dann zurück. Pfüüüüühh! )

Etwas planlos brumme ich von Raum zu Raum (man stelle sich bitte das dazu passende Werk von Rimsky-Korsakov vor), von Tür zu Tür, um schlussendlich im Abstellraum zu landen. Der Abstellraum – ein Ort voller Möglichkeiten. Und voller Kram. Kram der Sorte, die in Grundschulen allüberall exponentiell wachsend anfällt: liegengebliebene Jacken und Turnbeutel, kaputte Bälle, Wandkarten (Europa politisch), unvollständige Palettischeiben, eine traurigbeige Decke auf brauner Santätsliege. In diesem Fall jedoch der Ort meiner Wünsche! Äußerst zufrieden mit meiner Wahl lasse ich mich auf der Liege nieder und beiße in ein belegtes Brötchen, als plötzlich die Tür aufgerissen wird und der Hausmeister mit einem Schwung alter Lappen auftaucht.

„Was machst du denn hier?“, will er irritiert wissen.

„Na, Pausenyoga!“, ich zucke mit den Schultern, „sieht man doch wohl!“

„Du und Yoga, is klar!“, lacht er dröhnend. „Welches Tier?“

Ich überlege kurz, flattere ein bisschen mit Brötchen und Armen und erkläre befriedigt: „Die nach Ruhe suchende Hummel!“

 

Sabbatical

Alles hat seine Zeit und nun gilt es ein bisschen Ruhe einkehren zu lassen.

Weniger im wahren Leben, denn wie wollte und sollte dies auch gehen? Online hingegen lässt sich ein Stecker ziehen und genau dies werde ich aus Gründen für eine ganze Weile tun. (Nein, bitte, besorgt sollte niemand sein, allen Wehs geht es gut!)

Es war mir Freude und Herzensangelegenheit euch in den letzten sechs Jahren mit mir im Klassenraum oder Lehrerzimmer zu wissen. Ich danke sehr für die immer wohlwollende Teilnahme an meinen Schilderungen, für weggeblinzelte Tränchen oder Heiterkeitsstürme, für freundliche oder kritische Kommentare, für E-Mails oder verschickte Nettigkeiten. Je mehr Netzerfahrung ich vorweise, um so sicherer bin ich mir: Das hier war alles richtig gut! Es ist (leider) nicht selbstverständlich, dass der Umgangston auf einem Blog mit dieser Reichweite stets so freundlich, respektvoll und humorvoll bleibt. Auch dafür möchte ich gerne danke sagen.

Aber ich möchte mehr um andere Dinge kreisen, nicht immer um Schule. Vielleicht werde ich an anderer, privaterer Stelle weiterschreiben, wer weiß, vielleicht gebe ich dann Nachricht, zunächst aber mache ich Ferien! Große Ferien! 🙂

Euch allen wünsche ich eine gute Zeit, viel Freude und immer einen Schokokeks zur Hand, wenn ihr einen braucht.

Herzlichst

Frau Weh ♥

 

Jammer, jammer, jammer

Es ist Montag und ich überlege, ob nun der Moment gekommen ist, an dem mich das Schulleben so kleinkriegt, dass ich hinschmeißen möchte, um – beispielsweise – Museumspädagogin, Vollzeitmutter oder Straßenmusikerin zu werden.

Glücklicherweise frage ich mich das in einer so zuverlässigen Regelmäßigkeit, dass ich aufgrund überstandener, vergangener Zweifel mit Fug und Recht behaupten kann, dass dem nicht so ist. Stattdessen handelt es sich meist um eine Art zyklisch wiederkehrender Unausgeglichenheit zwischen Ansprüchen (extrinsisch) und Idealvorstellungen (intrinsisch). Meist werden diese bedingt durch Schwankungen in der weiteren Lehrumgebung: Dies kann z.B. ein Wasserschaden im Klassenraum, ein krankheitsbedingt fehlender Hausmeister, aber auch eine arg fordernde Schulleitung oder helikopterisierende Elternteile sein.

Dieses Mal sind es einige Kolleginnen.

Das so unverblümt zu schreiben, kostet mich bereits Überwindung und fühlt sich ein bisschen an wie Nestbeschmutzen. Aber sollte ein Kollegium nicht eine Niederlassung des Miteinanders sein? Das Lehrerzimmer ein Ort der offenen Tür und des offenen Ohrs? So ist es zumindest in meiner (zugegeben) idealisierten Vorstellung. Sehr gerne dürfen dort politisch inkorrekte Witze erzählt oder gelegentlich mit Kopf und Faust auf den Tisch gehauen werden. Wünschenswerterweise liegt Schokolade auf dem Tisch. Oder wenigstens etwas angeditschtes Obst. Es darf über überzogene Ansprüche und realitätsferne Schulpolitik hergezogen werden. Über fehlende Ausstattung, mangelnde Unterstützung oder marode Klassenräume. Was aber gar nicht geht, ist das ständige Gejammer über Schüler und Eltern. Nee, echt jetzt!

Man möge mich bitte nicht falsch verstehen, auch ich habe in dieser Semi-Öffentlichkeit Jason Jayden aus der 4b schon einen kleinen Seuchenvogel und MamaHelene aus der 1a ein elterliches Breitbanddesaster genannt. Meist verbunden mit theatralischem Augenaufschlag und raumgreifender Geste. Aber doch nicht immer! Täglich! In jeder Pause! Und doch ist es das Thema in unserem Lehrerzimmer. Der hat, die hat und dann wollen die Eltern auch noch einen Gesprächstermin! Einen GESPRÄCHSTERMIN! Mittendrin im Schuljahr! Hat man sowas schon gehört?

Ich möchte den Kolleginnen zurufen, sie mögen auf der Stelle das Jammern sein lassen und ihr Augenmerk auf all die schönen Momente und die Privilegien dieses Berufs werfen. Auf die vielfältigen Möglichkeiten zu gestalten und Einfluss zu nehmen. Auf die Sicherheit unserer Arbeit und die Freiräume, die wir vielfach so füllen können, wie wir es selber für richtig halten. Aber ich lasse es sein, denn ich kenne ja auch die Gegenseite: die Einschränkungen, den schier unendlichen Papierkram, die Anspannung, die Überforderung. Manchmal werden diese eben zu groß, um noch objektiv argumentieren zu können. Stattdessen erwische ich mich dabei, dass ich freiwillig zusätzliche Aufsichten für angeschlagene Kolleginnen übernehme. Nicht, dass der Schulhof eine konfliktärmere Zone wäre, nein …

… aber da kann ich so flauschige Ohrenschützer tragen.

 

 

Im Rückblick betrachtet

Während die Wintersonne vor dem Fenster für Tauwetter sorgt, herrscht am Schreibtisch Eiszeit: Die Zeugnisse müssen geschrieben werden. Und obgleich ich einen guten Zeitplan habe, mangelt es mir dennoch an Einstiegsmotivation. Da kommt mir der Jahresrückblick meiner lieben Freundin Frau Hattifnatte sehr gelegen, den ich umgehend kopieren und ausfüllen werde, um Finger und Denkvermögen wieder ans Laufen zu bringen nach den vergangenen Ferien- und Feiertagen.

Zugenommen oder abgenommen?

Ich bin sehr für Ausgewogenheit, daher habe ich im vergangenen Jahr beides einmal ausprobiert. Unterm Strich starte ich dieses Jahr mit einem Kilo weniger als das letzte. Was bedeutet, dass ich in … Moment … 10 Jahren an Untergewicht leiden werde. Auf den Schreck pflücke ich mir einen Schokokringel vom Baum.

Haare länger oder kürzer?

Kürzer. Das minimiert nicht nur den morgendlichen Aufwand um einiges, sondern lenkt den Fokus so schön auf die Lachfältchen um die Augen. Ich mag ja sowas.

Mehr ausgegeben oder weniger?

Mal so, mal so. Mehr ausgegeben für die Wehwehchen (Kinder sind wirklich ein teures Hobby!), dafür im Rahmen meines Clean teaching-Versuchs deutlich weniger für Unterrichtskram.

Mehr bewegt oder weniger?

Mich persönlich hat einiges bewegt. Ich mich selber allerdings ein bisschen zu wenig, was mir mein Rücken übel genommen hat. Daraufhin habe ich eine mehrwöchige Beziehung zu einem Physiotherapeuten aufgenommen, in der viel geflucht (still) und gelitten (lautstark) wurde. Jetzt ist alles gut und ich beginne und beende den Tag wieder diszipliniert auf einer Turnmatte. Selbstverständlich würde ich jetzt gerne schreiben, dass es sich um eine Yogamatte handelt und ich selber gelassen und gutaussehend darauf das Kamasutra ABC nachturne, dem ist aber nicht so. Ich zeigte es ja bereits an anderer Stelle:

warme SockenDer hirnrissigste Plan?

Knappe vier Wochen nach dem Erlernen eines neuen Instruments einen öffentlichen Auftritt der Drittklässler mit selbigem zu begleiten. Aber sagen wir so, alle hatten ihren Spaß.

Die gefährlichste Unternehmung?

Definitiv der Mutter-Sohn-Tanz auf dem Abschlussball des großen Wehwehchens. Da war Adrenalin im Spiel!

Die teuerste Anschaffung?

Ein … hüstelhüstel … Küchengerät der oberen Preisliga.

Das leckerste Essen?

Oh, ich mochte viel in diesem Jahr. Die große Neuentdeckung ist selbstgemachtes Kimchi nach diesem Rezept. Das klappt super! Ansonsten bleibe ich unserer unaufgeregten Alltagsküche treu, die sich zwischen dem saisonalen Angebot unseres Gemüseabos und Rezepten wie diesen eingependelt hat. Fleisch und Fisch gibt es auch hin und wieder und am Wochenende kommt nach wie vor Kuchen auf den Tisch.

Das beeindruckendste Buch?

Viel Freude bereitete mir der Leitfaden für faule Eltern von Tom Hodgkinson. Ich habe bereits andere Bücher von ihm gelesen und muss sagen, sie gefallen mir ausgesprochen gut, auch oder gerade weil ich so oft anderer Meinung bin. Irgendetwas finde ich immer darin.

Der ergreifendste Film?

Dieses Jahr war ein Serienjahr. Mit Herrn Weh (und nur mit ihm, ganz bestimmt niemals alleine!) bin ich bei The Walking Dead unterwegs. Als Ausgleich schaue ich allein (und nur allein, ganz bestimmt niemals mit Herrn Weh!) Call The Midwife, eine ans Herz gehende Serie über Hebammen im Londoner East End der ausgehenden 50er Jahre. Sehr viel Spaß hatte ich bei Miss Fishers mysteriösen Mordfällen und Life in Pieces. Außerdem habe ich mich mit der sechsten Staffel von Downton Abbey verabschiedet und mir das Netflix-Revival der Gilmore Girls zu Gemüte geführt. Ersteres war stimmig, letzteres nicht so.

Die beste CD?

Ich schwanke. Ganz wunderbar finde ich Herrn Wehs Weihnachtsgeschenk, den ersten Soundtrack zu Miss Fishers mysteriösen Mordfällen. Hier einmal zum Reinschnuppern:

Aber auch Götz Alsmann hat mich in den letzten Wochen ziemlich erfreut:

Ich höre sowas ja furchtbar gerne und bekomme sofort gute Laune. Ansonsten habe ich in diesem Jahr wenig Musik gekauft, aber erfreulicherweise sehr viel selber musiziert. War gut!

Die meiste Zeit verbracht mit …?

Arbeit und Familie. So wie die letzten Jahre und vermutlich auch die kommenden.

Die schönste Zeit verbracht mit …?

Klingt es sehr schlimm, wenn ich „mit mir selber“ schreibe? Ich habe mir dieses Jahr bewusst kleine Ruheinseln eingebaut, um mal wieder in mich hineinzuhören, ob noch alles übereinander passt oder ob da Dinge sind, die geändert werden sollten. Das war anfangs befremdlich, wurde aber immer einfacher. Tatsächlich kann ich mich immer noch ziemlich gut leiden.

Vorherrschendes Gefühl 2016?

Alles fließt.

2016 zum ersten Mal getan?

Sauerkraut hergestellt. Eine Whatsapp geschickt. Mit meinem großen Sohn getanzt. Physiotherapie gehabt. In Weimar gewesen*. Auf einer Slackline balanciert.

*Das stimmt eigentlich nicht. Aber ich kann mich kaum ans erste Mal erinnern.

2016 nach langer Zeit wieder getan?

Delfine gesehen.

Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Die Rückengeschichte. Langwierig und schmerzhaft.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Briefe an meine Eltern zu Weihnachten. Das tat gut.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Unerwartet warmherzige und wertschätzende Rückmeldungen von Seiten der Drittklässlereltern in einer schweren Situation.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„Du bist als Mutter schon ziemlich gut.“

2016 war mit einem Wort …?

lehrreich

So, wunderbar, jetzt kann ich ganz unbeschwert an die Zeugnisse gehen! Oder mir zumindest schon einmal einen Tee kochen. Möglicherweise sauge ich aber auch noch ganz fix mein Arbeitszimmer und lüfte anschließend gut durch. Man weiß ja, wie wichtig das mit dem Sauerstoff ist! Eventuell sollte ich aber doch noch ein paar Vorsätze für das neue Jahr verschriftlichen. Nicht viele, nur so ein, zwei Dinge? Tu ich das jetzt nicht, dann tu ich es nie, ich kenne mich doch! Und ganz sicher findet sich jemand, der sich viel lieber mit meinen Vorsätzen als mit den eigenen Zeugnissen beschäftigen würde. Oder?