Schriftverkehr

Der Zustand, der keiner ist, darf so nicht bleiben.So schön es ist, dass die Kinder sich untereinander akzeptieren, meine Akzeptanz reicht nicht so weit. Ich möchte, dass keiner meiner Schüler einer Gefahr ausgesetzt wird oder blaue Flecken in der Pause kassiert. Auch im 2. Schuljahr setze ich eine Lern- und Arbeitsatmosphäre voraus, die frei von Störungen ist. Und schlussendlich kann ich es nicht verantworten, dass meine Aufmerksamkeit in so hohem Maße nur auf ein Kind gerichtet ist. Eine Schulbegleitung für Ramon ist kein pädagogisches Zückerchen, das mir den Alltag versüßen würde, sondern eine notwendige Bedingung zur Regelbeschulung des Kindes.

Da das Schulamt auch weiterhin keinen Handlungsbedarf sieht, wende ich mich an das Jugendamt als kostentragende und letztendlich entscheidende Instanz. Parallel schalte ich die Schulpsychologin ein, die im Fall Ramon bereits die letzten zwei Jahre involviert war, und bitte um einen Unterrichtsbesuch. Ich telefoniere mit der Psychologin des Jungen und der Erziehungsberatungsstelle, die die Familie betreut. Morgen gehe ich erneut der Schulsekretärin der benachbarten Förderschule auf die Nerven, wann endlich eine Kollegin für das sonderpädagogische Gutachten vorbeikommt. Alle bitte ich um schriftliche Unterstützung bezüglich der so dringend benötigten Schulbegleitung und bereite mich anhand der Schriftstücke, meiner Unterlagen und einer Schülerakte, die so dick ist, dass sie nicht mehr in meine Tasche passt, akribisch auf das Gespräch mit dem Jugendamt vor. Es geht um alles. Oder nichts.

Der Ist-Stand:

  • Ramon ist offiziell seit diesem Schuljahr Schüler des 2. Schuljahres. Es ist sein 3. Schulbesuchsjahr. Der dreijährige Verbleib in der Schuleingangsphase ist Bedingung für die Eröffnung eines Verfahrens zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs im Bereich emotionale und soziale Entwicklung. Nach mehreren Gesprächen hat sich die Mutter überzeugen lassen, dass eine Förderschule der bessere Lernort für ihr Kind wäre.
  • Parallel zum AO-SF Verfahren läuft der Antrag zur Schulbegleitung. Seit einiger Zeit kann dieser nicht mehr direkt beim Jugendamt gestellt werden, sondern es muss der Dienstweg eingehalten werden.
  • Im Vergleich zum letzten Schuljahr hat sich Ramons Unterrichtsverhalten deutlich gebessert. Er verweigert nicht mehr komplett, sondern nimmt am Unterrichtsgeschehen teil. Dabei braucht er ständige Aufmerksamkeit, starke Lehrerpräsenz und konsequentes Handeln. Laut der behandelnden Psychologin ist eine Verhaltensänderung nur über eine funktionierende Beziehungsebene zu erreichen.
  • Die Einsatzbereiche, in denen eine Schulbegleitung meines Erachtens besonders notwendig sind, sind die Begleitung außerhalb des direkten Unterrichts (Raumwechsel, Lehrerwechsel, Pausen), sowie die Hilfestellung während der Lernzielkontrollen, die er im besten Fall in einem separaten Raum ableisten sollte, um die eigene, aber auch die Konzentrationsfähigkeit der anderen Schüler nicht zu beeinträchtigen.
  • Der erste Einsatzbereich dient unmittelbar dem Schutz vor Selbst- und Fremdgefährdung.

Nach meinem letzten Beitrag zu Ramon habe ich eine E-Mail erhalten, in der mich jemand fragt, wie ich es vor mir selber vertreten könnte, ein solches Kind nur aufgrund meines überzogenen Selbstbildes auf die anderen Kinder loszulassen. Ob ich so überzeugt von mir und meiner naiven Gutherzigkeit sei, dass ich die Verantwortung dafür tragen könnte, dass Ramons Mitschüler Aggressionen und Gewalt ausgesetzt wären. Mein Verhalten sei zutiefst unpädagogisch und unprofessionell. Und die Tatsache, dass ich geradezu danach geschrien hätte, Ramon in meiner Klasse aufzunehmen, jawohl der Gipfel allen unprofessionellen Handelns. Schön, wenn man sich selber so toll fände. Aber was könne man von einem Blog, der sich Kuschelpädagogik nenne, schon erwarten?

Liebe mir unbekannte Schreiberin,

zunächst: ich konnte Ramon nicht ablehnen. Es ist mein Job Kinder zu unterrichten. Alle, wie sie da sind. Da kann ich nicht einfach sagen, ätsch, dich will ich nicht in meiner Klasse! Es. Ist. Mein. Job. Ramon musste die Klasse wiederholen, also wiederholt er. Natürlich hätte ich der Mutter damals sagen können, dass ich dagegen bin. In die Klasse wäre er mir dennoch gesetzt worden. Und was wäre das für ein Start geworden? So konnten wir eine Vertrauensbasis schaffen, aufgrund derer sich die Mutter davon überzeugen ließ, den AO-SF Antrag zu stellen. Der Rest ist Bürokratie, Durchhaltevermögen und ein langer Atem. Denn den braucht es, um Hilfe zu bekommen in so einer Situation. Also Ramon war alles andere als mein 31. Wunschkind.

Und zum Rest: Ich verbringe täglich mehrere Stunden mit unheimlich vielen Kindern in einem Raum. Und sie lernen noch etwas dabei! Klar finde ich mich da toll. Einer muss das doch tun! ;-)

 

Schulbegleitung selbstgemacht

Das neue Schuljahr begrüßt mich mit der Mitteilung, das Schulamt habe die beantragte Schulbegleitung für Ramon abgelehnt. Die Notwendigkeit sei nicht in der gebotenen Höhe vorhanden. Dies sieht der Vater von Lilly anders, hat Ramon seiner Tochter doch bereits am ersten Schultag nach den Ferien einen gezielten Tritt in den Genitalbereich verabreicht, der ein sichtbares Hämatom zur Folge hatte. Auch die am Folgetag eingeworfene Fensterscheibe scheint eine gewisse stumme Dringlichkeit auszustrahlen, aber die erneut kontaktierte Schulrätin rät mir zur Lehrerfortbildung zwecks Verbesserung des Umgangs mit auffälligen Schülern. Ich kann nur den Kopf schütteln. Ich weiß gar nicht, wie viele solcher Veranstaltungen ich in den letzten Jahren bereits besucht habe. Mich zum Klonen zu schicken wäre deutlich sinnvoller gewesen. (Für den Grundschulbereich gilt unbedingt und ganz ohne Frage: Klonen kann sich lohnen!)

So sitzen die Zweitklässler bereits nach nur einer Schulwoche in einer Krisensitzung beisammen. Unter ihnen der kopfhängenlassende Ramon, der – wider Erwarten, auch meines – ganz selbstverständlich einen Platz in der Klassenstruktur eingenommen hat und sein Störverhalten während des Unterrichts deutlich nach unten korrigiert hat, fast ganz ohne mein Zutun. Woraufhin die Zweitklässler genau das tun, was Kinder untereinander eben tun, sie rücken ein bisschen zusammen und machen Platz in der Klassengemeinschaft. Schließlich gehört Ramon jetzt dazu. Der ist echt seltsam. Aber na und, dann ist das eben so.

Ja, wir machen Abstriche. Die Hausaufgaben sind selten vollständig, die Geräusche, die Ramon während stiller Arbeitsphasen produziert, klingen eigentlich immer irgendwie unanständig und sein Vokabular … ach je. Noch fällt er jeden zweiten Tag vom Stuhl, aber jetzt landet er auf dem Boden und nicht mehr auf seinem Sitznachbarn. Wenn wir eine Lernzielkontrolle schreiben, geht er ab wie eine Rakete, rast durch den Klassenraum und schlägt mit dem Lineal auf sämtliche Möbel. “Wir ignorieren Störungen” ist zur neuen Kernregel der Zweitklässler geworden, mantramäßig bete ich es ihnen vor. Ob ich damit sie oder mich mehr beruhigen will? Wer weiß. Aber er hat Kontakte geknüpft, sogar positive. Immernoch ist er mein Kaffeedienst und lässt jetzt schon über die Hälfte im Becher. Emma, deren Eltern schon im Vorfeld der Versetzung die Chefetage in Aufruhr versetzten, reicht ihm dann mit freundlichem Gesicht den Wischlappen und zeigt auf die Pfützen. Ramon wischt auf und sagt “danke, Emma”. “Bitte schön, Ramon”, sagt Emma und ich sitze daneben und bin sprachlos ob der Sogwirkung eines funktionierenden Miteinanders.

Aber die Pausen, die sind schrecklich. Und der Weg zur Turnhalle. Lehrerwechsel. Die Toilettengänge und eigentlich alle Phasen zwischendurch. Ramon ist kein Kind, das zwischendurch gut verträgt. Zwischendurch, das ist Kontrollverlust, Chaos und Aggression. Da bin ich nicht da, um einen Blickkontakt herzustellen, eine Hand auf eine Schulter zu legen oder leise “Turbopower” zu flüstern, unser Codewort für superheldenmäßiges Wohlverhalten. Hier wäre der Raum für eine Schulbegleitung, die Präsenz zeigt, wenn ich es nicht schaffe, weil ich ungeklont eben nicht überall sein kann (was eigentlich verwunderlich ist, denn immerhin habe ich auch hinten Augen und megagute Ohren, die fast alles mitbekommen. Ich kann zwar keine Wände hochlaufen, aber angesichts einer zu Boden fallenden Kakaoflasche sind meine Reflexe legendär. So ganz will ich einen möglichen Spinnenbiss also nicht ausschließen. Grundschullehrerinnen sind irgendwie schließlich allesamt Wonder Women!)

“Ramon bittet euch um Hilfe”, dolmetsche ich die Körpersprache des neben mir hockenden Häufchen Elends. “Im Unterricht klappt es mittlerweile ganz gut, aber der Weg in die Pause und zurück, der ist noch sehr, sehr schwierig.” Die Zweitklässler nicken wissend. So viele haben schon Schläge, Anrempler oder Tritte kassiert. Dass bisher erst drei Familien bei mir vorstellig geworden sind, ist eigentlich überraschend. “Wer von euch könnte sich vorstellen, Ramon zur Seite zu stehen und ihm dabei zu helfen, unsere Regeln zu beachten?” Als sich über ein Drittel der Klasse meldet, stupse ich Ramon an und flüstere ihm zu, er solle mal aufsehen. Schnell sucht er sich Begleitung für die nächsten Tage aus und verschwindet wieder in seiner Schutzhaltung. Ich nicke den Zweitklässlern zu: “Wir schaffen das!”

“Wir schaffen alles!”, antwortet Can im Brustton der Überzeugung und ich möchte ihm am liebsten ein High five für das wir geben. Vor einem Jahr hätte er noch ich gesagt.

und … Ende!

Unter Zuhilfenahme des familieneigenen Glückspilzes hat sich ergeben, dass das Buch an Eva und ihre Feuerwehrgruppe geht. Herzlichen Glückwunsch und viel Spaß damit! Ich wünsche euch viele Bäng-Momente und wenn es ans Feuermachen geht, wisst ihr ja bestens Bescheid von wegen Löschdecke und so. Damit ihr euch auch überzeugen könnt, dass alles mit rechten Dingen ablief, ist hier das Beweisfoto:

HunderterfeldDas Miniweh hat ausgewählt.

Eva, ich schicke dir eine E-Mail. Euch allen vielen Dank für’s Mitmachen und einen guten Start in die Woche.

Verlosung: BÄNG!

Der Verbrauch und Verschleiß gewisser Dinge im Hause Weh ist hoch. Dazu gehören unter anderem Socken, Klobrillen und Bücher. Manchmal habe ich den Eindruck, die Wehwehchen inhalieren all diese Sachen, überprüfen sie auf ihren Abenteuerwert und geben sie in bisweilen absolut unbrauchbarem Zustand wieder. Na gut, bei Büchern achten wir auf die Einhaltung eines gewissen Verhaltenskodex. Aber was für ein Vorbild kann und will man seinen Kindern schon sein, wenn man selber Eselsohren, Markierungen und (nicht immer) sinnige Randbemerkungen in den eigenen Lesestoff einträgt? Für mich sind Bücher nichts Heiliges, sondern Verbrauchsmaterial, welches in ausreichender und anregender Menge zur Verfügung stehen sollte. Lesen macht schlau, also lest, Kinder! Das Miniweh will die Bilder im Samsbuch ausmalen?

Klar.

Das große Wehwehchen vervollständigt die Karte aus dem Herrn der Ringe?

Natürlich.

Schwierig gestaltet sich dabei nur manchmal die Versorgung mit Nachschub. Natürlich besitzt die Familie Büchereiausweise, aber manche Dinge wollen mit allen Sinnen erfahren und begriffen werden. Da ist es mit gewissen Büchern wie mit den Hosen ab Kindergartenalter – unbrauchbar für weitere Nutzung. Wie schön, dass der Verlag Beltz & Gelberg, der nicht nur Grüffelo kann, unsere Misere erkannt und den Wehwehchen dies hier vorbeigeschickt hat:

20150722_100251

Vorsicht! Dieses Buch hat Nebenwirkungen! Es kann seine Leser in Abenteurer und Querdenker verwandeln. 60 Gefahren und Mutproben machen Mädchen und Jungen fit für brenzlige Situationen, die einem täglich begegnen können.

Das Buch ist ein ausgesprochenes Mitmach- und Mutmachbuch. Es geht um 60 Bängs, die – mehr oder minder gefährlich – alle aus der Lebenswelt der Kinder stammen und wenn nicht Angst, so zumindest Respekt abverlangen.

  • Wie klettert man auf eine hohe Mauer?
  • Wie erkennt man, ob ein Hund gefährlich ist?
  • Wie gesteht man die Wahrheit?
  • Wie verhält man sich draußen bei einem Gewitter?

Diese und noch mehr Fragen sprechen die Leser an und fordern gleichermaßen heraus. Unterteilt in Echte Gefahren und Mutproben geben die Autorinnen Anke M. Leitzgen und Gesine Grotrian detaillierte Auskünfte über die Art der Gefahren und wie man mit ihnen umgehen und sie bewältigen kann. Dabei fungieren Sticker, die man unter die Bängs kleben kann, als Bewertungssystem für die ganze Familie. Denn während sich das Miniweh ohne mit der Wimper zu zucken eine dicke Spinne über die Hand laufen lässt, sucht manch anderes Familienmitglied bei dieser Aufgabe doch lieber das Weite.

tinkerbrain Bäng!

Mir gefällt das Konzept des Familienbuches. Hier geht es nicht darum, die Kinder für ein paar Stunden ruhigzustellen, sondern gemeinsam Erfahrungen zu machen und Erinnerungen zu schaffen. Es ist ein Buch über gemeinsames Wachsen, über Freiraum und Zutrauen, Respekt und Bewältigung. Die Aufmachung hat das große Wehwehchen sofort angesprochen. Hier merkt man, dass die Autorinnen, die als tinkerbrain mit ihrer preisgekrönten Sachbuch-Experimentierreihe Forschen, Bauen, Staunen von A bis Z  bereits grafisch wie inhaltlich toll vorgelegt haben, wissen, was sie da tun. Das ganze Buch schreit einem förmlich ins Gesicht: Mach was! Beweg deinen … duweißtschonwas und streng deinen Kopf an, es lohnt sich!

Wir sind auf jeden Fall angefixt. Das Miniweh übt Streichholzanzünden, das große Wehwehchen gießt seit Kurzem professionell das Nudelwasser ab. Die Sache mit dem Sekundenkleber und den zusammengeklebten Fingern steht noch aus, ebenso die Übernachtung unter freiem Himmel. Aber wir hatten schon viel Spaß dabei, uns peinliche Geschichten zu erzählen oder richtig NEIN sagen zu üben. (Die Kinder sind sehr gut darin …)

Sekundenkleber

Damit aber nicht nur der wehsche Nachwuchs vom Buch profitiert, verlose ich ein Exemplar von BÄNG! an interessierte Leser. Sag mir, warum genau deine Familie (oder Jugendgruppe oder … ) ein bisschen mehr BÄNG! nötig hat und mit etwas Glück kannst du bald echten Gefahren ins Auge sehen.

Bäng!

Wie immer ist der Rechtsweg hierbei ausgeschlossen. Aber solltest du am Sonntagabend kein Gewinner sein, sei nicht traurig, für absolut angemessene 19,95 Euro lässt sich das Buch im örtlichen Buchhandel erwerben.

Vielen Dank an Beltz & Gelberg, dass wir testen durften. Das war Spaß, Spaß, Spaß!

20150722_100410

Guglst du schon?

Es mag ja Menschen geben, die behaupten, ein Gugelhupf sei bei diesen Temperaturen keine Option.

Natürlich haben sie Unrecht.

GugelhupfDen Napfkuchen gibt es schon deutlich länger als die gleichklingende Suchmaschine. Allerdings ist sie äußerst hilfreich, wenn man sich über die Entstehung desselben bemühen möchte. Ihr könnt diesen Schritt jetzt gerne auslassen, ich hab da schon was vorbereitet: Der Legende nach geht der Gugelhupf auf die Heiligen Drei Könige zurück, die auf dem Rückweg ihres christkindlichen Antrittsbesuchs so herzliche Aufnahme im Elsass fanden, dass sie ihren Gastgebern als Dank einen Hefekuchen in Turbanform buken. Mein Rezept kommt – und hier schlage ich dann wieder die Brücke zum Wetter – heute lieber ohne Hefe aus und hat daher mit dem klassischen Gugl nur noch die Form gemein. Kann man trotzdem gut essen. Schon der Teig ist so ungemein lecker, dass man Kinder und Ehemänner möglichst fernhalten sollte. Nicht auszudenken, würde einer seine Pfoten vor lauter unbeherrschter Gier in die Rührschüssel halten. Das wäre es dann mit der sonntäglichen Ruhe! Also, Familie aussperren und erst wieder Einlass gewähren, wenn der Kuchen im Ofen und die Schüssel bereit zum Ausschlecken ist. Besser ist das!

Ein guter Gugl (beachtet bitte wohlwollend die attraktive Alliteration gu Gu) braucht Zeit. Daher ist er  geradezu prädestiniert für einen Ferienkuchen. Er braucht lange im Ofen und mindestens noch einmal so viel Zeit zum Auskühlen, bis man ihn ganz zart und möglichst aus einem Stück aus der Form tätscheln darf. Aber ich kann nur sagen, der Aufwand lohnt.

Joghurt – Gugelhupf mit Apfelmus

180 g Margarine

320 g Zucker (Ich mische weißen und braunen. Warum auch immer.)

3 Eier

gemahlene Vanille

350 g Apfelmus

175 g Vanillejoghurt (Wenn ihr es weniger süß mögt, empfehle ich Naturjoghurt.)

340 g Mehl

50 g gemahlene Mandeln

2, 5 TL Backpulver

1 TL Natron

2 TL Zimt

eine Prise Salz

Den Backofen auf 180 ° C vorheizen. Eine Gugelhupfform (akribisch! Zu wenig Einsatz rächt sich später!) fetten und mehlen. Die trockenen Zutaten in einer Schüssel mischen. Butter, Zucker, Eier in einer zweiten Schüssel verrühren. Vanille, Apfelmus und Joghurt dazugeben. Die Mehlmischung einrühren und gut drei Minuten lang zu einem flüssigen Teig rühren. Alles in die Form gießen und dann für mindestens 60 Minuten (mein Ofen lässt sich rund 70 Minuten Zeit, Stäbchenprobe!) ab in die Wärme.

Der fertige Gugl kommt ganz bescheiden mit einer leichten Puderzuckerbestäubung aus, darf aber natürlich auch nach Belieben mit Vanilleeis oder Sahne gepimpt werden. Das wäre dann sozusagen ein Gugl-Upgrade. Lasst es euch schmecken!

 

Sommerlochgedanken

Ich übe mich in Ferien und nehme mit Erstaunen wahr, dass die erste Woche schon vorbeigeweht ist wie das laue Lüftchen, das Abkühlung verspricht, und doch nur minimale Erleichterung bringt. Dabei ist meine Planung gut, die ersten drei Wochen verbringe ich mit Nach- und Vorbereitung und dann lege ich – zack – den Schalter um und mache mich ganz frei von schulischen Belangen. (Ahahahahahahahahaha! Ha! HA!!!) Noch spielen auch alle mit. Herr Weh geht arbeiten und die Wehwehchen verbringen ihre Zeit in Kindergarten und Zeltlager. Auch die Schulleitung ist an effektiven Arbeitstreffen interessiert und versorgt die in ihrer unterrichtsfreien Zeit (so übrigens die offizielle Bezeichnung für unsere vielen, vielen Ferienwochen) anwesenden Kolleginnen wahlweise mit Kuchen, Brötchen und lobenden Worten, während Stundenplanentwürfe entworfen und Vertretungskonzepte konzipiert werden.

Jetzt ist es wirklich rum, das erste Jahr an der (gar nicht mehr) neuen Schule. Schnell ging es! Ich habe viel gearbeitet und mich an der Quadratur des Kreises versucht, immer wieder den Blick offen und die Lernbedürfnisse aller im Blick zu halten. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit bei so vielen Kindern. Dabei noch aufmerksam zu bleiben für die Dinge, die ihre Ursache außerhalb des Klassenzimmers haben, und zudem noch aus 31 Individuen eine Gruppe zu formen. Wellness!

“Ach, Sie haben es gut, Sie haben jetzt Ferien!”, seufzt mir eine Mutter am letzten Schultag entgegen. Ich lache laut und nicke. Recht hat sie, ich habe es wirklich gut. Ich habe eine feste, unbefristete Arbeit. Zwar keine mit andauernder Erfolgsgarantie, aber eine mit ständigen Chancen und voller Möglichkeiten. Eine, die mir zwar in regelmäßigen Abständen Ärger und gelegentlich auch Herzrasen und unschöne rote Flecken im Dekolleté beschert, aber auch ein schier unerschöpfliches Reservoir an Wohlwollen und Erfolgserlebnissen. Ich fühle mich als Gärtner und manches, was ich anlege, wird, wenn es aufgeht, noch Bestand haben lange nach meiner Zeit. Hey, wie schön ist das denn!?

“Ich vermisse dich vielleicht bestimmt!”, murmelt Ramon, als das letzte Lied gesungen und der letzte Schnipsel vom Boden geräumt ist. Ich tue das, was ich so häufig mache, ich öffne die Arme und er stiehlt sich hinein in eine Umarmung, die frei ist von all den Störungen, Ärgernissen und Enttäuschungen der letzten Wochen. Frei von Versagensängsten und Überforderung, die mir zuverlässige Begleiter sind. Wenn ich mich und mein Lehrersein betrachte, dann ist es diese Fähigkeit, auf die ich vertraue, und die mich neben allen Schwächen, die ich habe, und Fehlern, die ich begehe, befähigt eine gute Lehrerpersönlichkeit zu sein: Ich kann Kinder annehmen. Egal, was sie mitbringen. Irgendwo findet sich schon ein Plätzchen für sie.

(Und gelegentlich auch ein Keks.)

“Geht’s vielleicht auch eine Nummer bescheidener?”, zieht Marten mich auf, als ich von dieser Erkenntnis berichte.

“Nein”, antworte ich entschieden, “das ist meine persönliche Kernkompetenz, da stehe ich zu! Es ist wichtig, dass auch und gerade Lehrer ein positives Selbstbewusstsein ausstrahlen.” Ich nippe an meinem Glas und grinse. “Und was kannst du überhaupt?”

Marten, der sich geduldig meine schulischen Schilderungen angehört hat und die nächsten Wochen durchs Périgord wandern wird, setzt eine gewichtige Miene auf und antwortet mit salbungsvoller Stimme:

Ich kann Ferien!”

Touché.

Viel Lärm um nichts

“Frau Weh, da liegt ein Embryo auf der Treppe!”

Süffisant ginsend steckt Benedikt aus der Vierten seinen Kopf in meine Klasse.

“Ist nicht meiner. Heb’ ihn auf und nimm ihn mit!”, antworte ich ohne mit der Wimper zu zucken. Die Hebamme ist zu Besuch im vierten Schuljahr und lädt gerade ihr Auto aus. Außerdem habe ich genug mit den zerknirschten Übeltätern zu tun, die vor mir stehen. Traf mich doch fast der Schlag, als ich am Morgen einen Blick auf die Tafel warf und dort acht Namen vorfand. Alles Erstklässler, die sich gestern in Englisch offenbar deutlich daneben benommen und infolgedessen bei mir eine Unterschrift abzuholen haben.

“Was denkt ihr euch denn eigentlich dabei?”, will ich wissen und frage nach dem Grund der Sanktion.

“Also ich hab eigentlich gar nichts gemacht!”, empört sich Nick. “Ich hab nur dem Ole den Kopf gestreichelt.”

“Ja und ich wollte das nicht!”, unterbricht ihn Ole augenblicklich.

“Und dann?”, hake ich nach.

“Dann ist der Nick vom Stuhl gefallen.”

“Ja, nachdem DU mich runtergeschubst hast!”

“Ok. Die nächsten.”

Filiz schaut arglos die Klassenzimmerdecke an. “Ich weiß gar nicht, warum die Frau Rimsky-Korsakov immer so laut ist. Ich hab ü-ber-haupt nichts gemacht. Ehrlich, Frau Weh!” Sie senkt den Blick aus kullerbraunen Augen von der Decke und sieht äußerst überzeugend drein. Verdächtig! Ich schaue auf den Zettel, den die Kollegin gestern in Rage auf meinem Schreibtisch hinterlassen hat.

“Da steht, du wärst auf Toilette gegangen und nicht wiedergekommen, weil du auf dem Flur Topmodel gespielt hast.”

“Ja, aber ich hab nicht gestört!”

“Du hattest das Relibuch dabei und hast laut gesungen. Warum denn überhaupt das Relibuch?”, frage ich irritiert. Es war doch Englisch dran.

Gott mag Kinder, das hab ich gesungen. Und das Relibuch geht viel besser auf dem Kopf, weil das Englischbuch ist so wabbelig.”

Filiz schüttelt sich bekräftigend.

“Und das Buch ist nicht runtergefallen von meinem Kopf. Ich kann das voll gut!”

“Die Filiz kann das echt voll gut”, mischt sich Leonie ein. “Ich hab das gesehen.”

“Stimmt”, antworte ich und lese auf dem Zettel nach, “du warst ja dabei und bist auch nicht mehr in die Klasse gegangen.”

“Ist aber auch langweilig in Reli!”

“Ich dachte, ihr hattet Englisch?”

“Ach ja, stimmt. Ist trotzdem langweilig.”

Alle nicken. Ich hebe ablehnend die Hand. “Danke, reicht.”

“Die Frau Rimsky-Korsakov ist immer so laut, das tut in den Ohren weh!”, mault Michelle.

“Und deswegen hast du was gemacht?”, frage ich. Diese Stelle auf dem Zettel kann ich nicht gut lesen.

“Ich habe mir nur den Kopfhörer vom Computer geholt und angezogen, als die so gebrüllt hat wegen dem Noah.”, entgegnet Michelle trotzig und schiebt die Unterlippe vor. Ich verzichte darauf, ihr zu erklären, warum ein solches Verhalten in bestimmten Situationen als frech eingestuft wird und wende mich Noah zu.

“Und was machst du eigentlich an der Tafel?”

Noah ist ein wahres Herzchen und musste ein ganzes Schuljahr lang nicht an eine einzige Regel erinnert werden. Umso erstaunter war ich darüber, auch seinen Namen vorzufinden. Es ist ihm unangenehm und er zieht den Kopf tief zwischen die Schultern. Ein wenig sieht er nun aus wie eine kleine, verschreckte Schildkröte.

“Na, komm”, sage ich in sanfterem Ton, “ich möchte es einfach verstehen.”

“Ich habe meinen Strohhalm aus der Kakaoflasche gezogen. Das sollen wir ja machen …”

“Jaaaa?”, ermuntere ich ihn zum Weitersprechen.

Er atmet tief ein, um sich für den letzten Teil der Beichte zu wappnen.

“Aber ich hab das auf meinem Platz gemacht und dann ist der Kakao gespritzt. Auf die Paula. Und auf Paulas Heft.”

Die anderen Erstklässler ergänzen eifrig:

“Und auf den Ranzen!”

“Und auf den Boden!”

“Und auf Frau Rimsky-Korsakov!”

Auf Frau Rimsky-Korsakov? Was zum …?

“Wieso das denn?”

“Na die war grad bei mir, weil ich mich doch ganz aus Versehen mit meinen Schuhen am Stuhl festgehakt habe!”, ergänzt Paula missbilligend, weil ich die offensichtlichen Zusammenhänge einfach nicht verstehen will.

Ich seufze. Nahezu bildhaft kann ich mir den Ablauf der Stunde vorstellen und mein Verständnis für die Kollegin wächst und wächst. Fachunterricht bei den Erstklässlern so kurz vor den Ferien ist nicht unbedingt die reine Freude.

“Aber warum ist die Frau Rimsky-Korsakov auch immer so streng mit uns?”, wundert sich Ole. “Wir machen doch gar nix!”

Ich erkläre den Erstklässlern, dass Unterrichten anstrengend ist. Gerade, wenn man eine Klasse nur selten sieht. Dass man als Lehrerin manchmal das Gefühl hat platzen zu müssen, wenn wieder eine Störung kommt. Und noch eine und noch eine. Besonders so kurz vor den Ferien.

“Also mein Papa sagt ja, dass Lehrer viel zu viele Ferien haben!”, gibt Nick zu bedenken.

“Warum hast du so viele Ferien, Frau Weh?”

“Damit ich nicht platzen muss.”