Anthropogene Chaosgenese

Eigentlich bin ich sehr ordentlich.

Dennoch…

Im Hause Weh bilden sich wie durch Zauberhand Stapel. Wäschestapel, Briefestapel, Zeitungsstapel und natürlich Materialstapel. In meinem Arbeitszimmer zähle ich aktuell 9 solcher Stapel und vier geöffnete Ordner. Mein Arbeitszimmer ist nicht groß, aber lang. Das hat Vorteile. Ich kann auf den freien Flächen zwischen den Stapeln herumhüpfen und mich so vom einen Ende des Raumes zum anderen fortbewegen. Manche Stapel sind – zumindest in ihrer unteren Ebene – fachlich sortiert. Andere sind einfach nur… naja, Stapel halt. Der höchste misst exakt 68cm. Ich bin beeindruckt von seiner statischen Gelassenheit. Das muss am Thema liegen, zuunterst ruht der Stationsbetrieb mit dem Titel 2000 Jahre Christentum.

Im Lexikon finden sich 46 Synonyme für das Wort Schlampigkeit. Jedem einzelnen davon könnte ich ein Fallbeispiel aus meinem Arbeitszimmer zuordnen. Zu Beginn eines Schuljahres nehme ich mir immer fest vor alles sofort ganz ordentlich wegzuräumen. Also den passenden Ordner (z.B. RU I/1 oder MU II/3) aus dem Regal zu holen, die Materialien an der richtigen Stelle abzuheften und den Ordner wieder an die gleiche Stelle zu schieben. So bis zu den Herbstferien schaffe ich das meist. Dann beginnt Stufe 1 der Schlamperei, eine leichte Nachlässigkeit. Kopiervorlagen werden nicht mehr an die genaue Stelle im Ordner abgeheftet, sondern einfach vorne hineingeschoben. Farbiges Papier wird nicht mehr farbgenau zurücksortiert, sondern obenauf gelegt. Alles noch subtil und auf den ersten Blick nicht zu erkennen, aber ein erstes Zeichen des Verfalls.

In der Vorweihnachtszeit folgt Stufe 2, die Flüchtigkeit. Ordner werden nicht mehr ins Regal gestellt, sondern liegen offen aufgeschlagen auf dem Boden, erste Stapel wachsen aus dem Boden, weil Arbeitsmaterialien jetzt ab- aber nicht mehr weggelegt werden. Martinslieder gehen eine leichtfertige Symbiogenese mit Weihnachtsliedern ein, Schreibanlässe liegen saumselig neben zusammengesetzten Nomen zum Thema Winter herum, knapp hundert mit Liebe von den Kindern ausgeschnittene Schneeflocken aus Papier warten darauf endlich laminiert zu werden.

Kurze Ruhepause dann an Weihnachten. Eine friedvolle Stimmung legt sich auch im Arbeitszimmer nieder und verzögert kurzzeitig ein weiteres Wachstum der Materie.

Doch dann überrollt schon das nächste Schreckgespenst die organisierte Unterrichtsvorbereitung: Karneval! Hektisch werden Sketche, Witze, Lieder oder was auch immer für die nächste – so plötzliche! – Schulsitzung gesucht. CDs werden durchgesehen und achtlos aufeinander getürmt, die Schneeflocken (an die längst niemand mehr denkt, schließlich müssen jetzt bald Clowns an die Fensterfronten) werden begraben unter hastig vom Klassenfenster abgenommenen Weihnachtsengeln und Lichterketten. Der große Adventskalender  – eine mit Schneelandschaft bemalte Sperrholzplatte mit den Maßen 1m x 1,20m – wird achtlos an ein Regal gelehnt, rutscht ab und schlägt einem mit Liebe geschenkten Teelichthalter in Form eines pausbackigen Pinguins den Kopf ab. Stufe 3, Fahrlässigkeit.

Dann geht alles sehr schnell. Stufe 4, Missordnung, Anarchie und Chaos übernehmen das Ruder. Neue Stapel wachsen schwindelerregend in die Höhe, leere Schuhkartons (gesammelt als Fühlkisten für die Projektwoche zum Thema Sinne) türmen sich übereinander, obenauf thront ein Rudel Gummilöwen

(-> Religion 1. Klasse, Daniel in der Löwengrube. Die Anschaffung einer stattlichen Zahl Schleichtiere lohnt sich immer!),

denen der Weg zurück in die religionspädagogische Materialsammlung vom wiederaufgestellten Adventskalender versperrt wird. Die Weihnachtsengel bekommen Gesellschaft von einer Armee puschelschwänziger und dümmlich grinsender Osterhasen, allesamt mit Namen der Kinder versehen. Aber warum liegen sie bloß hier und nicht in den Sammelmappen in der Klasse? Egal, da habe ich jetzt keine Zeit zu, ich muss nämlich unbedingt den Ordner mit den letzten Zeugnisnoten finden. Wo war der denn nochmal?

Jetzt sitze ich am Schreibtisch, mir tut noch ein bisschen der Kopf weh von gestern Abend*. Sowohl Kopf als auch Schreibtisch gnadenlos überfüllt mit wichtigen und noch wichtigeren Dingen, und blicke ringsherum auf ein Konglomerat guter Ideen und in liebevoller Kleinarbeit hergestellter Materialien. Ich sollte wohl langsam damit beginnen abzubauen. (Nicht, dass ich das in den letzten Wochen nicht schon von alleine getan hätte…)

Aber die letzten 5 Tage wird es wohl auch noch so gehen.

Denke ich mir und hüpfe von Freifläche zu Freifläche Richtung Schuljahrsende.

* Das wirksamste Mittel gegen Holzwurmbefall soll übrigens Xylamon Holztod sein. Sagt Jochen, der Zimmermann.

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