Schweineblasen Teil I

Heute bekam ich eine E-Mail einer ehemaligen Lehramtsanwärterin. Sie schrieb wie froh sie über die Ferien wäre und wie überraschend anstrengend der Übergang vom Referendariat in die erste richtige Stelle sei. „Früher hatte ich noch so richtig Zeit, um meine Stunden zu planen, das geht jetzt gar nicht mehr.“, klagte sie mir ihr Leid. Ja, so ist das. Bei 28 Stunden kann man sich nicht mehr den Luxus erlauben länger als nötig darüber nachzugrübeln, ob in der einen Stunde als Sozialform Partner- oder Gruppenarbeit vorzuziehen sei und in einer anderen auf ein Schmuckblatt mit einfacher oder lieber mit Kontrastlineatur geschrieben werden soll.

Das weckt Erinnerungen ans eigene Referendariat. Natürlich ist Musik das schönste aller Fächer. Selbstredend beinhaltet ein guter Musikunterricht viele Elemente. Und selbstverständlich reagiert man als LAA verschnupft auf die interessierten Fragen des Kollegiums, was man denn außer Singen noch so mache in den Stunden. Also überlegt man sich für das nächste Schulfest eine besondere Darbietung: wir trommeln! Und zwar richtig, nicht so ein Kokolores wie das fußballherrliche dam dam dadadam, dadadada da dammm, sondern richtige Rhythmen. Afrika! Südamerika! Samba!!! Natürlich auf selbstgebauten Trommeln, man weiß ja, authentische Erfahrungen, sinnliches Arbeiten, fächerübergreifend und handlungsorientiert. Alles so wichtig!

Gesagt, getan. Aus finanziellen Gründen suche ich notgedrungen nach alternativen Bauelementen. In einem großen Teppichhandel erstehe ich Teppichrollen, die – mühsam per Hand auf 30 Stück abgesägt – den Trommelkorpus bilden werden. Aber was nun als Bespannung nehmen? Felle scheiden aus, zu teuer. Aber Schweineblasen müssten gehen. Da reicht eine für zwei Trommeln. Die gibt es im Schlachthof umsonst. Man muss da nur anrufen und vorbeifahren. Klingt einfach, oder? Ist es aber nicht.

Ich komme im Schlachthof an. Es ist Sommer, Hitze wabert über dem Pflaster, ein eigentümlicher Geruch liegt in der Luft. Ich klingele und werde in eine Schleuse geführt, in der ich mir eine Ganzkörperplastiktüte überstülpen muss. Oh. Also eigentlich dachte ich, ich bekäme nur ein Paket in die Hand gedrückt…? Nein, ich muss da rein. Wer Schweineblasen will, muss sie sich selber abholen. Einsam stehe ich auf einem weiß gekachelten Flur. An einer Leine über mir sausen Schweinehälften vorbei. Von links nach rechts.

Ich (verzagt): „Ähm… hallo?“

Ssssst, wieder eine. Seltsame Gefühle steigen in mir auf. Mir ist ein wenig blümerant. Trotz der recht kühlen Temperatur verspüre ich einen leichten Schweißfilm auf meiner Stirn. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich hätte jetzt gerne das Gewünschte und dann raus! Da taucht jemand auf, der sich auszukennen scheint. Zumindest ist er ähnlich gekleidet wie ich, trägt das Outfit aber mit deutlich mehr Souveränität.

Ich: „Äh… hallo!? Moment mal, bitte!“

Vorsichtig, um nicht in eine Kollision mit einem halben Schwein verwickelt zu werden, setze ich Schritt vor Schritt in die Richtung des Mitarbeiters. Bemüht, nicht an eine ganz bestimmte Kurzgeschichte von Roald Dahl zu denken, in der interessierte Besucher einer Fleischerei schlussendlich selbst in der Wurst und später im Gasthaus auf dem Teller landen. Der Fleischer schaut mich interessiert an. Brust oder Keule? Was mag er denken? Mir ist nicht gut. Nein, gar nicht.

Irgendwie schaffe ich es und nuschle unter meinem Mundschutz, dass ich Schweineblasen abholen wolle. Der Schlächter nickt und verschwindet in Richtung der heranrollenden Schweinehälften. Ich schließe für einen Moment die Augen und wiederhole mantramäßig TrommelnTrommelnTrommelnTrommelnTrommelnTrommeln…Mit dem Fuß stoße ich gegen einen großen Behälter. Ich öffne die Augen: Schweinefüße.

Plötzlich steht ButcherBoy vor mir und drückt mir grinsend einen Plastiksack in die Hand: „Viel Spaß, junge Dame!“ Der Sack fühlt sich warm an. Mich würgt es.

Irgendwie schaffe ich den Heimweg. Zu Hause leere ich den Sack in die Badewanne und erstarre! Ja, es sind Schweineblasen. Aber sie sind gefüllt und außerdem noch so… komplett mit alldem, was die Natur einem Eber an gutgemeinter Ausstattung mit gibt. Landen nur männliche Schweine in der Fleischproduktion? Hatte uns nicht ein Biolehrer vor Jahren erzählt, dass sich Mensch und Schwein nur geringfügig unterscheiden? Jetzt glaube ich es. Ich muss mich setzen. TROMMELN!TROMMELN!TROMMELN!

Da hilft auch kein Mantra mehr, die Dinger müssen ab.

Ich hole die Küchenschere und versuche mein gesamtes Wissen über Freud, die Psychoanalyse, Kastrationsangst und Penisneid zu vergessen. Mutig angesetzt und ZWITSCH das erste Gemächt ist abgetrennt. Fieses Gefühl. Ich kann nicht lange darüber nachdenken, denn der Inhalt der Blase ergießt sich gerade über meinen Arm. Wuäh. Also wirklich, das hatte ich mir so nicht vorgestellt!. Mir ist heiß und übel. Es riecht komisch und vor mir in der Badewanne ( in meiner Badewanne! Wie soll ich mich denn da jemals wieder reinlegen?) liegen 20 Schweinepenisse mit prallen Anhängseln und gut gefüllten Blasen. Ich schlucke, schalte mein Gehirn auf Standby und mache mich an die Arbeit.

40 elende Minuten später habe ich alles entmannt, die Überbleibsel in zwei Mülltüten und – damit man nichts sieht – eine Discountereinkaufstüte verpackt in die Mülltonne geworfen, die Blasen gespült und – Ekelfaktor unendlich – aufgepustet. An einer quer durchs Badezimmer gespannten Leine habe ich die Schweineblasenballons zum Trocknen aufgehängt. Badezimmer und ich selber sind geschrubbt und in Wolken von Sagrotan gehüllt.

Ich gehe in die Küche und betrinke mich.

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23 Kommentare zu „Schweineblasen Teil I

  1. Wahnsinn! Das ist mit Abstand die beste Ref-Geschichte, die ich bisher gehört habe (und ich kenne einige wirklich gute!): Schweineblasen mit Anhang toppt wirklich alles!

    Wir habe heute auch endlich den ersten Ferientag, an dem ich mich aber irgendwie noch ganz verloren fühle.

    Liebe Grüße von Frau Reiter – zur Zeit weder Fisch noch Fleisch

    1. Willkommen in den Ferien und gute Erholung! Ich habe ja jetzt schon fast eine Woche hinter mir. Vielleicht liegt es am Wetter, aber richtig angekommen bin ich auch noch nicht. Ich hoffe auf nächste Woche, da soll es ja wieder schöner werden.

  2. Erstmal: Großartiger Blog
    Bin nach diesem Eintrag sehr froh, dass ich im Ref auf übereinander gekleistertes Butterbrotpapier als Trommelfell zurück gegriffen habe 🙂

  3. Wirklich eine tolle Geschichte – und spitze geschrieben. Wenn ich mir denke, dass ich damals meinen selbstgedrehten Lehrfilm schon aufwendig gefunden habe…. Aber Schweineblasen… Donnerwetter!

  4. Ich bin ja sonst stiller Mitleser, aber jetzt musste ich einfach mal kommentieren.
    Der Blog ist einfach nur super, und diese Geschichte hier toppt wirklich alles, was ich bisher über LAA wusste.

    Bitte weiter so! (Ich gehe davon aus, es folgt noch eine Fortsetzung der Story, wenn in der Überschrift eine I vorkommt?!)

  5. Respekt vor soviel Einsatz! Die Schweinepriester (!) vom Schlachthof haben sich wahrscheinlich beömmelt bei der Vorstellung, wie die junge Frau diese Schweineblasen präpariert. Den Kindern haben Sie das wahrscheinlich nicht en Détail erläutert, um was es sich dabei handelt, ich stelle mir schon den Aufstand der einen oder anderen Supermom oder der muslimischen Familien vor…
    Bin gespannt auf die Fortsetzung.
    Herzliche Feriengrüße!

  6. Ganz schön heftig, und auch mutig für eine Kollegin mit Musik.
    Als Biologin muss man da auch durch, allerdings ohne Penisse. Dafür eher Herz, Lunge und dann erst die Augen. Beschaffung von Rinderaugen, das wäre noch ein Blogthema 🙂

    1. An den Rinderaugen, – herzen etc. komme ich ja vorbei. Das gehört in die Sek I. Wir schauen uns dann lieber Regenwürmer und Schnecken im Sachunterricht an.

  7. Es tut mir ja (gar nicht 🙂 ) leid, aber bei diesem Blogeintrag habe ich vor Lachen fast hyperventiliert.
    Respekt fürs Durchhalten und Danke fürs Mitteilen!

    Hergefunden habe ich über Frl Krise/Frau Freitag.

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