Willkommen To Sin

Früher war ja manches einfacher. Als es noch kein youtube gab und kein Englisch in der Grundschule. Da konnte man richtig tollen Musikunterricht machen. Wenn wir im 4.Schuljahr mit Rap begonnen haben, dann habe ich die Kinder per Vocassion oder Bodypercussion einen Grundbeat schlagen lassen und dazu Oldschoollegende Kool Moe Dees Go See The Doctor performed. Ein absoluter Klassiker der rap language. Und so verdammt cool. Da wussten die Kinder sofort und auf der Stelle Bescheid. In den folgenden Einheiten konnte man dann leicht DJing, B-Boying und Graffiti einfließen lassen und – ta daa! – das Gefühl für HipHop war wachgeküsst. Natürlich wollten die Kinder auch vor ein paar Jahren immer gerne wissen, worum es eigentlich geht. Und auch wenn ich generell dafür bin, Kindern grundsätzlich keine Sachverhalte zu verschleiern, ist es bei diesem Stück (wie  bei vielen Raps) nun etwas… prekär. Also beließ ich es bei der allgemeinen Feststellung, dass ein Arztbesuch dann und wann nicht schaden könne und gut war.

Heute hat mans schwer. Da steckt man mitten in der Notenlehre und kommt beim Radiohören während der Autofahrt auf die geniale Idee, den Kindern den G-Dur-Akkord mit dem Glockenspielpattern im bekanntesten Song der Bananafishbones zu vermitteln:

Come To Sin

da fällt einem auf, dass der Text nicht gerade das ist, was Eltern gerne im Musikheft ihres Viertklässlers lesen.

Kleine Bemerkung am Rande:

Glockenspiele sind wohl noch das in den meisten Grundschulen am häufigsten vorhandene Instrument. Also nutzen wir sie doch. Es muss ja nicht immer Orff sein. Interessanterweise gibt es noch einige weitere Popsongs, in denen das Glockenspiel eingesetzt wird. Z.B. in Radioheads No Surprises (Vorsicht, Stimmung ist anders) oder Cheryl Coles Fight For This Love. Der Einsatz von Come To Sin eignet sich in meinen Augen besonders gut zum Klassenmusizieren, da das Pattern einfach ist, sich wiederholt und schrittweise ergänzt werden kann. Schlussendlich lässt sich eine recht nette Performance einüben mit Glockenspielen, wenigen Metallophonen, Boomwhackers, Cajon oder anderem Schlagwerk. Und das Allerwichtigste: Die Motivation der Kinder ist bei diesem Stück unglaublich hoch. Selbst der letzte Muffelkopf verlässt die Stunden mit heißen Öhrchen, weil es so toll war. Versprochen!

Aber das muss nun im Sinne der Kunst einfach ignoriert werden, denn dass das Stück ein wahrer Knaller ist, hört ja nun jeder. Am Tag nach der ersten Bananafishbone-Stunde können mir alle Kinder den G-Dur-Akkord nennen und vorsingen, drei Kinder kommen mit dem ausgedruckten und über google übersetzten Text (ha ha), fünf Kinder haben sich das Stück bereits auf legale oder andere Weise heruntergeladen, ein Kind bringt ein eigenes Glockenspiel mit und ein weiteres einen Brief seiner Mutter, in dem steht, dass sie auf eine Erklärung wartet, was „so ein Schund“ im Musikunterricht der Grundschule zu suchen hat. So macht Unterricht Spaß!

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