Dörfliches Brauchtum

Heute kann ich nichts schreiben. Tut mir leid, aber ich habe keine Zeit. Hier wackeln nämlich bereits die Wände. Vor der Türe tobt das dörfliche Brauchtum und ich bin total damit beschäftigt mir Dinge in die Ohren zu stopfen, damit mein Gehirn nicht implodiert. Krach kann ich nämlich überhaupt nicht abhaben. Genauso wie schlechte Musik. Und davon läuft im Festzelt da draußen schon seit gestern mehr als genug. Jetzt muss ich gleich noch das Nötigste zusammenpacken und dann nichts wie weg! Ich kann euch nur noch ganz kurz erzählen, wie das war, als wir hier einzogen (und das nur am Rande: eigentlich ist es wirklich schön hier!). Es war im August. Umständliche Renovierungsarbeiten waren vonnöten. Einschließlich Schimmelblockerfarbe, die auf manche Wände aufgetragen werden musste. Ja, ich erinnere mich, es kommt mir vor wie gestern…

…ich hocke auf dem Boden im Wohnzimmer – oder zumindest in dem Raum, der einmal ein Wohnzimmer werden soll – und streiche großzügig extrem entflammbare Schimmel-Ex-Supergiftig-Farbe auf die Wand. Es ist warm und die Farbe greift laut Beipackzettel sämtliche Schleimhäute an, also habe ich die Fenster weit geöffnet. Draußen startet am Abend der jährliche Ausnahmezustand: Große Sommersause! Und der Stargast Jürgen D., irgendein alternder Schlagersänger, macht gerade Soundcheck. Es schreit und wummert:

DU BIST NICHT MEHR HERZDAME, DU BIST HÖCHSTENS NOCH PIK SIEBEN

Hoppla, mir fällt der Pinsel aus der Hand.

Jürgen D. (brüllend): „Ey Jungs, mehr Bass rein, mehr Bass rein!“

DU BIST NICHT MEHR HERZDAME, DU BIST HÖCHSTENS NOCH PIK SIEBEN

Arghs, Herzattacke! Tinnitus! Was machen die denn da? Klingt doch schon scheußlich genug.

Jürgen D. (aufgebracht): „MEHR BASS, VERDAMMT NOCHMAL!!!“

Boah, nee, da muss sicher kein Bass mehr rein, da muss ein anderer Sänger her!

DU BIST NICHT MEHR HERZDAME,

DU BIST HÖCHSTENS NOCH

PIK SIEBEN

Mir treten die Augen aus den Höhlen. Ballermannalarm! Mitten auf dem Land. Ich entscheide spontan, dass halluzinogene Farbe niemals so schlimm sein kann wie alternde Barden mit Basskomplex und schließe die Fenster. Die Dämpfe entfalten sich nach wenigen Minuten. Und ein paar Atemzüge später kann ich sogar über ein Bett im Kornfeld herzlich lachen. Ich sehe lustige rosafarbene Blümchen die Wand entlang tanzen und hätte Herr Weh mich nicht gefunden, würde ich vermutlich heute noch kichernd über den Boden kugeln. Stattdessen kaufe ich mir an der Tankstelle eine Supersoaker, lege mich hinter die Hecke im Vorgarten und schieße in der Nacht mit grimmigem Blick auf wildpinkelnde Schlagerfans.

Aber jetzt muss ich wirklich los, draußen hält schon so ein kleiner Tourbus, aus dem bärtige Männer steigen. Gruselig.  Leben ZZ Top noch? Wir lesen uns, wenn hier wieder der Normalzustand eingekehrt ist…

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8 Kommentare zu „Dörfliches Brauchtum

  1. Ojemine, Du wohnst aber nicht zufällig da, wo grad Winzerfeste sind. Frau äh Mutti hat gerade geklagt und ist für die Idee mit der Supersoaker sicher dankbar 🙂
    Mein Beileid und ein schönes, kuschelig-ruhiges Eckchen – vorzugsweise mit Herrn Weh – wünsche ich!

    1. Nee, hier wird mehr Bier getrunken. Aber Gründe zum gnadenlosen Besaufen gibt es offenbar überall genug. Aaaaaargh.

      Tipp an Frau Mutti: Immer etwas über die Köpfe zielen, so dass es quasi von oben runter regnet. Das macht die Ortung schwieriger.

  2. @Exilbayerin: wie lustig, das war auch mein erster Gedanke, als ich nach Frau…äh…Mutti bei diesem Blog weiterlas…

  3. :-))))) danke für das lachen am frühen sonntag morgen ( 11.43 uhr )….wir wohnen auch auf dem dorf, colbitz, mit dorfeigener brauerei. jeden september treffen sich dann auch hier sämtliche musiker welche dem ballermann alle ehre machen.. jürgen d. selbst hat es noch nicht zu uns geschafft aber dafür jede menge alternder oder leider auch immer jünger werdende „musiker“ die sich seiner musik verschrieben haben.
    letztens war ich in heidelberg….ooooh heidelberg…wie schön und intelligent.
    kerve….stadtfest…und siehe da, bierzelte und ballermannhits lockten selbst dort extremfälle der menschlichen existenz aus ihren löchern.
    da es mit meinem studium zur grundschllehrerin damals 86 nicht geklappt hat….ich begann dann auf lehramt oberstufe zu studieren….4 semester :-)))…apelliere ich an dich! rette die menschheit….nimm die kinder an die hand und führe sie auf den richtigen weg!!! .-)))

    viele grüße conny

  4. 😅
    Du schreibst wunderbar lustig 😂
    Ich liebe die Basssteigerung in der Schrift, lese den Text nun schon das dritte mal. Dankeschön!

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