Schrei vor Glück!

oder: Warum es schön ist, ein Postbote zu sein.

Wir haben einen wirklich netten Postboten. Einen, der nicht nur einen Zettel einschmeißt, wenn man ein Paket erwartet, sondern klingelt. Und dann sogar eine Weile wartet. Wenn man nicht da ist, kommt er später noch einmal vorbei und versucht eine erneute Zustellung. Oder er reicht einem die Post auf der Straße aus seinem knallgelben Minibus. Er motzt nicht, wenn man sich zu Schulanfang tonnenschwere Pakete mit Kunstmaterial nach Hause liefern lässt und wenn mal auf einem Paket ein Aufkleber zerbrechlich draufpappt, dann lässt er es auch nicht extra fallen. Also ich finde ihn jedenfalls ganz prima.

Es gab allerdings eine Phase, da fand unser Postbote sein Leben nicht sonderlich berauschend. Er war grummelig und sichtlich schlecht gelaunt. Auf Nachfrage brach es dann aus ihm heraus: dass er seinen Job gerade gar nicht gerne mache und es wirklich – ich habe extra nachgefragt! – nichts Schönes dabei gäbe.

Ich war ehrlich betroffen. (Das ist so ein Harmoniedings bei mir. Ich brauche es, dass alle um mich rum wenigstens im Ansatz glücklich sind. Zumindest gut gelaunt. Sind sie das nicht, dann macht mich das nervös und ich muss mir Sachen überlegen, damit sich die Stimmung wieder aufhellt. Der arme Herr Weh – ein Morgenmuffel vor dem Herrn – kann da ein Liedchen von singen. Es ist nicht immer einfach, mit einem notorischen Glückskeks verheiratet zu sein.)

Aber praktischerweise ist man ja in unserem unglaublich schönen Beruf nie lange allein mit irgendwas. Also habe ich meinem damaligen 2.Schuljahr von Postbotens Leid erzählt. Gut gebrieft kamen dann auch lauter „Oooooch!“s und „Ojeeee“s und „Ach, der arme Postbote!“s von den Kindern. Perfekte Einleitung für eine Einheit Kreatives Schreiben.

Hier die bemerkenswertesten Antworten zum Thema

Es ist schön ein Postbote zu sein, weil…

  • man auf der Straße Geld finden kann.
  • man so viel an der frischen Luft unterwegs ist.
  • man immer die schön bepflanzten Blumenkästen als Erster sieht.
  • man sehr sportlich dabei wird.
  • die Uniform cool aussieht.
  • man ein großes Auto fährt.
  • man dauernd Pakete bekommt.
  • man immer mit den Leuten quatschen kann.
  • man nur tagsüber arbeitet. Nachts ist es ja zu dunkel dafür.
  • man richtig viel Geld verdient.
  • man keine lauten Kinder um sich hat.
  • das Auto eine ziemlich schöne Farbe hat.
  • man nicht so viel dafür lernen muss.

Na, spricht da nicht die reine Empathie aus den Kindern? Also!

Beim nächsten Klingeln habe ich unserem Postboten die gesammelten Werke in die schwielige Hand gedrückt. Zwei Tage lang ward er nicht gesehen. Dann kam er und meinte, er hätte den ganzen Packen noch am selben Tag mehrfach gelesen. Im Dienst. Im Auto mit der ziemlich schönen Farbe. Und er hätte laut lachen müssen. Jetzt hingen die motivierenden Aussagen an seinem Garderobenspiegel und seine Laune sei auch schon wieder besser. Sein persönliches Highlight sei übrigens „weil man auf der Straße Geld finden kann“. Er würde jetzt immer sehr aufmerksam auf den Boden schauen. Offensichtlich habe er da die letzten Jahre etwas geschlampt.

Zum perfekten Abschluss kam die Unterrichtseinheit dann mit einem Brief für die Klasse.

Na klar, vom Postboten persönlich.

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21 Kommentare zu „Schrei vor Glück!

  1. Och, ist das schön… da wird einem gleich ganz warm um’s Herz. Prima, dass du immer so lebensnahe Ideen hast, mit denen du Alltag und Schule wunderbar verbinden und gegenseitig bereichern kannst. 🙂

    (Ich sag immer „Du“ – ist das überhaupt ok?)

    1. Irgendwo muss es ja her kommen. Und mal ehrlich, träumen wir nicht alle gelegentlich von genau so einem Job? Nicht wenige Menschen sind der Meinung, wir Lehrer hätten ihn… 😉

  2. Tolle Geschichte! Ich glaube mit sowas hat er nicht gerechnet – umso besser 🙂
    (ich hatte heute auch ganz unverhofft ne Pflanze vor meiner Tür stehen – meine Nachbarin wusste, dass ich die gern mag & hat mir einfach so eine mitgebracht… schön!)

  3. Sie sind ein guter Mensch, Frau Pini.
    Übrigens ich zum Beispiel träume an schlimmen Schultagen von meinen Ferien in Studentenzeiten. Da war ich nämlich Briefträger.
    Mir fällt noch viel mehr ein, was schön ist an diesem Beruf.
    Ich konnte meinen Rythmus leben, Schritt für Schritt, tapptapptapp.
    Alle freuen sich, wenn man kommt.Die Natur ist immer um einen. und man hat seine Ruhe, wenn man will.
    Ein schöner Beruf.

  4. Man merkt, dass die Kinder noch keinen Führerschein haben. Da denkt keiner dran, dass „schöne“ große Autos leider nicht so leicht in nicht ganz so schöne große Parklücken passen ^.^ Aber die Farbe vom Auto find ich auch toll.

  5. Ich schließe mich den vielen Kommentaren hier an – was für eine schöne Idee. Das Gesicht des Postboten hätte ich gerne gesehen, als Sie ihm diese aufmunternden Worte überreicht haben!
    Die Antwort „weil man dafür nicht so viel lernen muss“ erinnert mich daran, wie meine beste Freundin in der 5.Klasse unserem Busfahrer ganz ernst erzählt hat, dass sie niemals Busfahrerin werden will, weil man dafür ja nichts können müsse und es totlangweilig sei, hihi.

  6. Habe eben meiner Mutter den Artikel am Telefon vorgelesen. Sie ist Postbotin und wir hat sich köstlich amüsiert. 🙂

    (Aber beim letzten Punkt konnte sie nicht zustimmen.)

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