Schule wie sie sein sollte

Golden fließt die Septembersonne durch die Klassenfenster und bescheint eine Szenerie voller Frieden und Lernfreude:

Amelie und Mia-Sophie sitzen mit Justin in der Leseecke und lesen sich abwechselnd aus dem Buch „Eichhörnchen auf Besuch“ vor. Sie lesen ruhig und betont. Zwischendurch lachen sie leise, was aber niemanden stört. Nebenan am Matheregal erklärt Leon Lotte noch einmal anschaulich die Pluminos. Dabei benutzen sie das Anschauungsmaterial zur Verdeutlichung, aber keinesfalls, um sich gegenseitig mit den Plättchen abzuflitschen. Victoria, René und Tom2 sitzen auf den Teppichen rund um den Herbsttisch, sortieren die verschiedenen Nuss- und Kernarten und schreiben eine Speisekarte für das Eichhörnchen. (Es gibt herbstliche Haselnusstorte, Bucheckerbrötchen und wabelhafte Walnüsse. Ich lächle milde über diese entzückend-kreative Alliteration.) Tom1 arbeitet selbstständig und ohne Hilfe im Schreibschriftlehrgang. Nadine, Nathalie und Benjamin bauen einen Kobel aus zuvor gesammelten kleinen Ästen, Rindenstücken und Gräsern. Er ist fast rund und besitzt natürlich zwei Aus- und Eingänge. An den PCs werden herzerwärmende Herbst-Elfchen formuliert. Die Zweitklässler arbeiten konzentriert in der Herbstwerkstatt, die doch wieder mit mehr als 10 gut geplanten und durchstrukturierten Stationen plus Zusatzmaterial aufwartet. Nick streichelt das Stoffeichhörnchen und flüstert ihm Geheimnisse ins Ohr. Über allem liegt himmlische Ruhe.

Ich sitze – ganz Lernbeobachter – glücklich im Hintergrund und fühle, dass ich jetzt und hier genau die Lehrerin bin, die ich immer anstrebte zu sein. Ich bin entspannt und befinde mich im Gleichgewicht zwischen absolutem Wohlwollen und professionellem pädagogischen Abstand zu diesen mir anvertrauten Kinder. Alles fühlt sich gut an und so unendlich richtig.

Da tritt Lennox, dem über Nacht alle vier Schneidezähne gewachsen sind, vor mich hin und sagt – perfekt in Phonetik und Syntax:

„Frau Weeeeheeee? Frau Weeeeheee! Der Leon hat mein Tisss umgesupzt. Jetz iss das Kakao in mein Ransssen! Un die Pauline, die heult jetz, weil is hab sie aus Versehn getretn. Was sags du jetz?“

Widerstrebend öffne ich ein Auge und kehre aus meinem Tagtraum zurück. Das Verlustgefühl trifft mich stark und geradezu schmerzhaft.

Ich schaue Lennox an, der bar jedes oberen Schneidezahns vor mir steht. Ein Blick durch die Klasse offenbart nicht gerade das, was man ein ungetrübtes Bild der Liebe nennen würde. Mein Auge schweift zum Fenster. Dreckig, natürlich, da kommt heute kein güldener Strahl mehr durch.

Ich seufze. So innerlich.

„Habe ich euch eigentlich schon den Witz mit den Giftschlangen erzählt?“

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7 Kommentare zu „Schule wie sie sein sollte

    1. Du scheinst auf Lehrerblogs zu stehen. 😉

      Ein Traum – meist wird er jedoch schneller zerstört wie man die Tür des Klassenzimmers schließen kann *lach*

  1. Seit wir beim Förstina Schulprojekt mitmachen gibt es weder Kakao noch Apfelschorle in den Schulranzen – seeeeehr zu empfehlen. 😀 (0,5l Flasche Wasser für 10 ct)

  2. Ach, so ein Unterricht wäre nicht nur für Lehrer schön. In Klassen mit jahrgangsübergreifendem Unterricht aber m. M. n. utopisch, zumindest wenn – wie bei uns – ein/e Lehrer/in sich in einem Klassenzimmer mit 12 „alten“ und 11 „neuen“ Schülern befassen muss und nur in 4 Wochenstunden von Sozialpädagogen unterstützt wird. Die Realität ist leider schmerzlich anders.

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