Der fast kopflose Yoda oder Frau Weh ist paranoid

Familie Weh befindet sich im Krieg.

(Ok, das ist reißerisch. Eigentlich ist die Schlacht schon geschlagen, im Grunde genommen finden nur noch kleine Scharmützel an Nebenschauplätzen statt. Aber der Reihe nach.)

Wir haben eine Katze. So eine typische Hof-Wald-und-Wiesenmischung namens Herr Schmidt. Herr Schmidt führt ein recht eigenständiges Leben mit Kommen und Gehen und Fressen und Schlafen. Wie es ihm halt so passt. Herr Schmidt ist kein bisschen erzogen, hält aber seit 11 Jahren das Wehsche Anwesen zuverlässig frei von Nagetieren. Nun hat Herr Schmidt immer mal wieder einen kleinen Schwarzfahrer an Bord. Meist torkelt dieser aber schon und fällt irgendwann sichtlich benommen vom Schmidtschen Pelz. Das liegt daran, dass wir die Katze (ja, Herr Schmidt ist eine Sie. Das wussten wir zum Zeitpunkt der Namensgebung aber noch nicht.) regelmäßig mit einer Chemiebombe im Nacken ausrüsten. Leider kommt es aber auch bei Insektiziden zu Immunität des Schädlings. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, dass mir letzte Woche ein adulter – und viel schlimmer: putzmunterer – Ctenocephalides felis entgegensprang.

Und entkam. Ich war nämlich viel zu verdutzt, um zu handeln.

Einen halben Tag später lachten Herrn Weh beim morgendlichen Gang ins Bad zwei Flöhe auf dem Flur aus. Er berichtete späte, er habe sie husten hören, was ich allerdings seinem Hang zur Situationskomik zuschreibe. Als Reaktion auf diese Nachricht begann sich Herr Schmidt demonstrativ hinter den Ohren zu kratzen. Beim Mittagessen klagte das mittelgroße Wehwechen über drei Mückenstiche. Mückenstiche? Ja, so kleine, heftig juckende Dinger, alle nebeneinander. Abends wurde ein Floh dabei gesichtet, wie er versuchte, die Treppe hinauf zu springen.

Vorbei mit lustig. Katzenflöhe hatten sich an meiner Familie vergriffen. An MEINER FAMILIE! Wir leben doch nicht im Mittelalter!?

Darauf steht die Todesstrafe. Die Waffen:

  • der Staubsauger nebst einer großen Anzahl Austauschbeutel. Was der Hexe von früher der Besen, ist mir der Staubsauger. Wenn mein Wahn weiter fortschreitet, kann ich nächste Woche damit zum Blocksberg reiten. Muhahahaha.
  • die Waschmaschine. Oh mein Gott, wir haben in den letzten Tagen ALLES gewaschen. Wirklich alles. Ich musste über die Klinge meiner ehernen mütterlichen Prinzipien springen und Schokolade vor dem Mittagessen verfüttern, damit der Tränenstrom über die geliebten, kreisedrehenden Kuscheltiere versiegte. Es gab Kollateralschäden beträchtlichen Ausmaßes. Es war mir egal. Ich bin zum eiskalten Kriegsherr mutiert.
  • eine Möbelrück- und verschiebeaktion, wie es sie im Hause Weh noch nicht gegeben hat. Das Miniweh, das jetzt von der Wickelkommode direkt ins Bett hüpfen kann, zeigte sofortige Begeisterung und lernte unmittelbar das wahrlich wichtige Wort „F(l)oh!“, das es nun bei jeder passenden und unpassenden Begegnung mit anderen Lebewesen (egal ob Zwei- oder Mehrbeiner) fröhlich krähend anbringt. „Na, du kleines Mäuschen, was hast du denn da?“ „FOH!!!“
  • gemeine nächtliche Wasser-Spülmittel-Lichtfallen. Insgesamt fand sich zwei Mal am nächsten Morgen überhaupt etwas darin. Eine Fruchtfliege, die ihre Neugier mit dem Leben bezahlen musste und eine kleine Nussschale mit Segel und Streichholzmast. Man sollte den Tieren wenigstens eine Chance lassen, meinte das mittelgroße Wehwehchen. In einem anderen Moment wäre ich stolz gewesen. So verengten sich meine Augen zu messerscharfen Schlitzen als ich das Bötchen mit dem spitzen Zeigefinder zum Kentern brachte.
  • natürliche Duftstoffe wie Zitrone, Lavendel, Teebaumöl – angeblich alle mit flohabweisender Wirkung. Naja. Aber ich bin bereit, an alles zu glauben.
  • eine Vielzahl an Sprühdosen mit unmissverständlichen Aufdrucken und Symbolen: bis hierhin und nicht weiter, du Tier!

Tatsache ist, dass sich mittlerweile niemand mehr kratzt, keine weiteren Parasiten gesichtet wurden, das Haus so aufgeräumt und sauber ist wie lange nicht, einzelne Familienmitglieder nicht besonders gut auf mich zu sprechen sind („du hast ihn geköpft!“ „Fast, mein Schatz, nur fast!“ „Mach ihn wieder ganz, sofort!“) und ich eine Paranoia entwickelt habe. Alles, was kleiner als 3mm ist, wird zwischen spuckebefeuchtetem Fingern zum nächsten Waschbecken befördert und ertränkt. Nach einem Familienfrühstück mit Mohnbrötchen kann das zur schweißtreibenden Aktion werden. Außerdem zähle ich die Tage bis zum – theoretischen – Ausschlupf eventuell noch versteckter Puppen. Man überlege: ein weibliches Tier legt in 24 Stunden ca. 30 Eier, die nach ungefähr einem Monat zu weiteren fortpflanzungsfähigen Tieren werden, das macht hochgerechnet auf – sagen wir mal – 13 Weibchen…aaaargh…

Sollten wir der Verflohung nicht Herr werden, weiß ich aber wenigstens schon, was ich nach den Ferien als Sachunterrichtsthema durchnehmen werde.

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18 Kommentare zu „Der fast kopflose Yoda oder Frau Weh ist paranoid

  1. Was ein Stress in den Ferien – nun gut, da vergisst man wenigstens alles andere;-) und die Bude glänzt schon Mal, falls Oma/Tante/ zu Besuch kommt. LG von Rana

  2. Wenn Du statt „Herr Schmidt“ den Namen „Mr. Ernie“ einsetzt und statt „Herbstferien 2011“ die Geschichte nach „Sommerferien 2010“ verlegst, dann, ja dann hätte die genau so auf meinem Blog stehen können 😉

  3. Ohoh, kann ich gut nachfühlen. Ich hatte auch schon eine Flohleiter , vor vielen Jahren. Der Kleine war ein Mitbringsel aus einer WG von Bekannten, die aus dem Studentenwohnheim ausgezogen waren.
    Nein, da bin ich nie wieder hin.

  4. Ich habe anscheinend mal einen Floh von der Schule mit nach Hause gebracht… Der hat mich auch mehrfach immer hübsch dreimal gestochen. Daraufhin habe ich auch alles auseinander genommen und die Waschmaschine hatte keine ruhige Minute mehr. Fiese Tierchen. Und armer Yoda.

  5. Achherje! Letzten Sommer hatte ich das gleiche 🙂 Nur habe ich diese Untermieter eingeschmuggelt – aus dem wunderen Urlaub den ich mit meiner Schwester in London verbracht habe! Man sollte es nicht denken – war aber so! Zum Glück bin ich 3 Wochen später sowieso umgezogen… ohne Untermieter 🙂

  6. Aber mal ehrlich, Frau Weh! Katzenflöhe halten sich doch nicht so richtig bei Menschen. Oder? Hätte es nicht gereicht, ein flohfreie Katz mal durchs Anwesen zu jagen, auf das sie den Floh auf sich nehme?

  7. „Sollten wir der Verflohung nicht Herr werden, weiß ich aber wenigstens schon, was ich nach den Ferien als Sachunterrichtsthema durchnehmen werde.“

    Nicht zu vergessen: fächerübergreifender Matheunterricht (Sachaufgaben mit Addition und Multiplikatione, Zeitspannen usw), Musikunterricht (ich erinnere mich gerade an ein etwas deftiges Lied, das meine Kinder im Kiga gelernt haben: „Oh, oh, oh du kleiner Flo, hast 6 Beine und ’nen Holzpopo…“ Wie es weiter ging, habe ich leider vergessen) und TW (welche Textilien kann ich wie waschen und woran erkenne ich das?)
    Ach, das Leben steckt doch voller Lehrplanbezüge, herrlich!

    Viele Grüße und noch weiterhin gute Nerven wünscht Frau Reiter (mich juckt es übrigens seit geraumer Zeit am ganzen Körper, woran kann das nur liegen?!?)

    1. Klasse Ideen… hier eine klassische (Goethe, Beethoven *und* Hermann Prey 😉 )

      Liebe Grüße
      Anne (die gerne Ihre 4.klässler nähme. Meine 5erles sind auch noch so knuffig 🙂 )

  8. Vor gaaaaanz vielen Jahren setzte sich mein damals zweijähriger Sohn in ein Hühnernest – keine Ahnung warum er so etwas tat – und hatte von diesem Moment einen wirklich treuen Floh. Nichts half, dieses Tier trotze allen Aktionen. Er beglückte aber weder Geschwister noch Eltern. Aber, zwei Tage später kamen Freunde mit einer kleinen Tochter zu Besuch ….
    Wir waren dann flohfrei.

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