Die grüne Wolke oder The Last Man Alive

Es ist Samstagmittag und außer dem Pfeifen der Heizung höre ich…nichts. Stille. Wunderbar. Herr Weh hilft bei einem Umzug, das mittelgroße Wehwehchen befindet sich außer Haus und das Miniweh schnorchelt zufrieden in seinem Bett, den Arm voller Kuscheltiere, das Herz voll mit Liebe. Zauber der Kindheit.

Zeit also, um in Erinnerungen zu kramen.

Meinen ersten Kontakt mit den Ideen Alexander Sutherland Neills verdanke ich meiner Kunstlehrerin im 8.Schuljahr, die uns während der Doppelstunden aus der grünen Wolke vorlas, dem Buch, das auf den Fortsetzungsgeschichten basiert, die Neill in den 1930er Jahren seinen Schülern erzählt hat. Und was jetzt hier so hübsch betulich klingt, war es nicht. Die grüne Wolke ist die Geschichte eines Endzeitszenarios, in dem lediglich eine Handvoll Menschen den Auftritt der gleichnamigen Wolke überlebt, und sich dann – Stück für Stück – gegenseitig abmurkst und überlebt. Ich war fasziniert. Später im Pädagogik-LK (nein, da schäme ich absolut nicht für, wir hatten einen großartigen Lehrer, außerdem hatte ich noch Mathe im Abi, ätsch.) erfuhr ich dann einiges mehr über den Reformpädagogen, der die selbstregulative Erziehung in seiner Schule in England propagierte. Übrigens lange vor den 60ern. Im Studium beschloss ich dann – dankenswerterweise von einer Studienstiftung finanziell gut unterstützt – mir selber ein Bild von Summerhill zu machen, ein wenig dort zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln, die mein pädagogisches Leitbild bis heute prägen.

„Muss Summerhill schließen?“ ist eine in englischen Zeitungen häufig zu lesende Schlagzeile gewesen. Boomte die Schule, in der es keine Schulpflicht gibt, aufgrund der gesellschaftspolitischen Entwicklungen der 60er und 70er Jahre, so stürzte der Ruf in den Folgejahren umso tiefer. Kein Geld, keine ausgebildeten Pädagogen, kein Unterricht hieß es häufig. Tatsächlich empfing mich ein recht heruntergekommenes Gebäude als ich nach 16stündiger Reise (damals gab es noch keine Billigflüge, die schnellste Verbindung war der Eurostar) in Leiston, Suffolk ankam. Auf dem Gelände umherrennde Kinder nahmen keinerlei Notiz von mir. Lediglich Churchill, das Hausschwein, äußerte ein geringes Interesse an meinen Schuhen. Das war schon anders als das gerade beendete Praktikum an einer renommierten Domsingschule, bei dem ich mit Pauken, Trompeten und – natürlich – glockenreinem Ständchen verabschiedet wurde. Ich war müde, hungrig und irgendwie auch de-romantisiert. Hatte ich mir nicht vorgestellt, hier auf lauter glückstrahlende Kinder zu treffen, die mich, den Gast aus Deutschland, freudig-neugierig in ihre Mitte nehmen würden? Neben dem Haus hockte ein ca. fünfjähriges Kind laut heulend auf einer Schaukel. Doch auch hier erntete ich auf meine mitfühlende Frage, ob ich helfen könne, nur ein geschnieftes „ah, shut up, you f* bitch!“

???

!!!

Tatsächlich hätte ich in dieser kurzen Anfangssequenz meiner Zeit auf Summerhill bereits bemerkenswert viel lernen können. Wäre ich nur objektiv, offen und einigermaßen wissenschaftlich an die Sache rangegangen. Stattdessen war ich vor allem jung, naiv und persönlich betroffen.

Lektion 1: Summerhill hat so viele Besucher, dass sie keinerlei Besonderheit darstellen. Das ist gut, hat man dadurch doch einen recht unverstellten Blick auf das Schulleben.

Lektion 2: Erwachsene und Kinder sind absolut gleichwertig und gleichberechtigt. Ein wichtiges Prinzip Neills.

Lektion 3: Schimpfworte sind allseits beliebt und nicht unbedingt persönlich zu nehmen. Tatsächlich konnte ich mein Repertoire in dieser Zeit beträchtlich aufstocken. (Es kann ja SO befreiend sein, einem Jugendlichen, der permanent den Unterricht stört, ein gut gesetztes „Verpiss dich aus meinem Raum, bis du dich wieder benehmen kannst, du Sausack!“ entgegenzurufen. Auch das ist mit Gleichwertigkeit gemeint: beiderseitiger Respekt. In meiner ganzen bisherigen Lehrtätigkeit habe ich nie wieder so störungsfreien Unterricht halten können wie in Summerhill. Wenn dort jemand im Kurs saß, dann, weil er es wirklich wollte.)

Als ich an diesem Abend in mein geblümtes Bett in meinem geblümten Zimmer meines geblümten b&bs fiel, habe ich ein bisschen geheult. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass vermutlich viel Erschöpfung dabei war. Außerdem war es keine gute Idee gewesen, die Reise mit nagelneuen Doc’s anzutreten.

Ich fühlte mich wirklich wie der letzte Mensch auf Erden. Aber es sollte besser werden…

*to be continued*

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9 Kommentare zu „Die grüne Wolke oder The Last Man Alive

  1. Oh, sieh da!
    Da bin ich aber gespannt, wie diese Wunderschule von innen aussieht. Man hat ja so Berufsideale vom Typ, warum bin ich Lehrer geworden.

      1. Das was Sie im nächsten Eintrag beschreiben. Meine großes Kind nahm nämlich in einem Schuljahr ganze 3 oder 4 Mal am Unterricht teil. Das war mir einfach zu wenig. Dabei fand ich die Idee gut, war selber in der Eltern-Lehrerinitiative, die die Schule erst gegründet hat. Naja. Es kam dann auch vor, dass mein Kind nicht in der Schule war, wenn ich sie nachmittags abholen wollte und niemand wirklich wusste, wo sie steckt. Da bin ich etwas panisch geworden.
        Die Nachbarschaftsschule hatte einen ähnlichen Ansatz wie die Freie Schule, altersgemischte Klassen, Fächer übergreifenden Unterricht, Ganztagsschule, keine Noten, der Nachmittag gehörte ausschließlich sogenannten nebenschulischen Tätigkeiten mit über 40 Angeboten. Der wesentlich Unterschied war, dass es eine Anwesenheitspflicht im Unterricht gab. Zwar konnten die Kinder dort in ihrem eigenen Tempo lernen (innerhalb der drei Jahre, die sie in einer Altersmischung waren), konnten sich auch mal auf die Ruheinsel im Gruppenzimmer zurückziehen und abschalten, aber sie mussten immer anwesend sein. Wenn sie das Schulgelände verlassen haben, um sich in der Nachbarschaft Lerninhalte zu erarbeiten, dann war da zwar auch kein Erwachsener dabei, aber sie waren immer in Grüppchen von 2 bis 4 Schülern unterwegs. Das fand ich schon besser.
        Letztendlich war an der NaSCH alles strukturierter, trotzdem wurde der Kreativität viel Raum gelassen, soziales Lernen und Verhalten stand im Vordergrund.
        Die Freie Schule war mir da zu chaotisch. Das Große Kind gehörte ja zum ersten Jahrgang, mit dem der Unterricht dort begann. Da hatte noch niemand der beteiligten Lehrer und Eltern Erfahrungen mit so einer Schulform. Da wurde viel ausprobiert, für gut befunden und wieder verworfen. Die Lehrer selber mussten lernen. Später, als alles etwas aus dem Ruder lief, hat die Freie Schule übrigens die Lernzeiten von der NaSCH übernommen

        1. Danke, das ist interessant. Und offensichtlich stößt man wirklich bei diesen Konzepten immer an die gleichen Grenzen. Man muss es wohl einfach akzeptieren, es sind eben nicht alle Kinder heiß auf die Art von Bildung, die sich Erwachsene so ausdenken. Die Anwesenheitspflicht im Unterricht halte ich für einen elementar wichtigen Punkt!

  2. Das stimmt.
    An der NaSch meinten sie, dass mindestens 5% aller Kinder in dieser Art Schulform nicht unterrichtbar sei.
    Deshalb gab es fÜr jeden Anwärter auch ein 14 tägige Probezeit, die er, bevor er wirklich dort eingeschult wurde, in seiner zukünftigen Gruppe verbringen musste. So konnte schon eine gewisse Vorauswahl getroffen werden. Denn nur ein „Störenfried“ in so einem Klassenverband kann den ganzen Tag übern Haufen werfen. Deshalb gabs da übrigens auch sehr viele Regeln, von den Schülern in mühevollen Kreisen selbst erarbeitet und festgelegt.
    Ach ja, und jeder Lehrer hatte einen Erzieher an seiner Seite, der auch in den Lernzeiten anwesend war.
    Aber, die NaSch war das beste, was meine Kinder in der Grundschule erleben konnten. Die eine war 6, die andere 4 Jahre dort, bevor sie weiter auf sehr leistungsorientierte Gymnasien gingen. Die Kompetenzen, die sie dort erlernt haben, hätten sie an „Regelschulen“ nie erwerben können.
    Und die NaSch hat in Leipzig seit Jahren den höchsten Anteil von Schülern, die nach der 10. Klasse noch ein Gymnasium besuchen.
    Die Freie Schule kann da leider nicht mithalten.

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