Disziplinarmaßnahmen

„Können Sie mir das erklären?“

Hilfesuchend wendet sich Renés Mutter an mich. Sie hält einen gelben Zettel in der Hand. Ich muss kurz meine Synapsen aktivieren. Die sechste Stunde ist gerade vorbei und ich suche in meinem Gehirn nach einer Stelle, an der die Information René-Mutter-Problem andocken könnte. War da was? Was war denn da? Aaaaahja… ich musste mal wieder zwei Stunden zum Sprachtest in den Kindergarten währenddessen meine Klasse verteilt war. Kollegin Müller, die unter anderem René und Tom1 zugeschoben bekam, beschwerte sich in der kleinen Pause bei mir über das Verhalten der beiden.

„Gar nicht stillsitzen konnten die. Keinen Moment. Da waren meine Erstklässler ja weniger wuselig! Ich habe den beiden einen Regelzettel mitgegeben.“

Ja nun, wir wissen alle, dass das stumpfe Abschreiben von Regeln nur ein Ausdruck pädagogischer Hilflosigkeit ist. Eine Verhaltensänderung zieht das jedenfalls nicht nach sich. Dennoch gebe ich auch wennsdenngarnichtandersgeht als Sofortmaßnahme schonmal den Auftrag, über das soeben gezeigte Verhalten zu reflektieren. (Schriftlich. Mit Unterschrift der Eltern. Ich werde ja als Mutter auch ganz gerne darüber informiert, wenn der Nachwuchs sich daneben benimmt.) Und manchen Schülern gelingt sogar zum Thema „Was sind die Auswirkungen andauernden Pfeifens während des Religionsunterrichtes?“ ein literarisches Kleinod. Und überhaupt schreiben die Kinder heute zu wenig. Training tut also Not. Immerhin – und da sind wir uns im Kollegium ja auch alle einig – lassen wir keine stupiden Sätze abschreiben, sondern bauen auf die drei Stützpfeiler moralischen Handelns Erkenntnis, Einsicht und Verhaltensänderung.

Ich erkläre der Mutter, die ich übrigens für ihren realistischen Blick auf die eigene Brut sehr schätze, also die Situation. Sie sei, sagt sie, erleichtert darüber, dass die Versetzung nicht gefährdert sei. René habe so geweint als er nach Hause kam. Ich bin irritiert, blicke auf den verwarngelben Zettel und lese 20x

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen! Ich bleibe sitzen!

 

Oha…

 

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25 Kommentare zu „Disziplinarmaßnahmen

  1. Wer hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, Schule hätte was mit Pädagogik zu tun.

    Wenn meine Schüler sich über eine (vermeindliche) Ungrechtigkeit meinerseits beschweren, antworte ich schon mal: „Ich quäle einfach gerne kleine Kinder, lass mir doch das bisschen Spass!“ (Ich fürchte, einige glauben das wirklich, aber Eltern haben sich noch keine beschwert!)

    Viele Grüße zum Wochenende schickt Frau Reiter

  2. Aus meinen Interviews mit Schülerinnen und Schülern zum Thema: Strafschreibübungen.
    Ein 13jähriger erklärt dazu: Ich bin kein Braver im Unterricht, weshalb meine Lehrerinnen und Lehrer mich immer wieder mit Schreibübungen bestrafen. Da ich weiß, dass ich ohnehin wieder Schreibübungen bekommen werde, verwende ich die langweiligen Mathe-Stunden, um zu schreiben. Das sammle ich dann zu Hause und bringe es, wenn ich wieder mal eine Strafe bekomme.

    1. Das ist der Moment, wo die Lehrer aufrüsten müssen und nicht jeweils nur die Schulordnung abschreiben lassen dürfen. Wenn der „nicht Brave“ nicht weiß, was er als nächstes schreiben wird müssen, kann er fürderhin in den langweiligen Mathe-Stunden auch aufpassen.

      1. Herr Weh erinnert sich gerne an eine unvergessene Strafarbeit aus seiner Schulzeit: Ein Aufsatz über die Herstellung von Papierfliegern sowie das Falten von 50 UNTERSCHIEDLICHEN Fliegern (kreativ durch unterschiedliche Bemalung gelöst) bis zur nächsten Stunde.

        Diese wurden dann nach Schluschluss von der Klasse gemeinsam fliegen gelassen. Und danach Aufsammeln durfte sie … richtig, Herr Weh.

        1. Das mittelgroße Wehwehchen profitiert von den damals gesammelten Erfahrungen in diesem Bereich jedenfalls ungemein.
          Aber was fangen wir damit an, dass du so oft während der Pause unter der Schuluhr stehen musstest? 😉

  3. naja – alles situationsbezogen.
    Hier eine kleine Auswahl:
    Den Kies aus dem Kiesbett unter dem Klettergerüst werfen? Oder sich gar darin wälzen?
    Sieht nach Fegezeit ums Kiesbett am Ende der Pause für die nächsten paar Tage aus.
    Rempeleien auf dem Fußballfeld? DIe nächsten Pausen (fairer!) Schiedsrichter sein müssen – die anderen beschweren sich sonst.
    Beim Mützen klauen erwischt werden? Die Klamottenfundsachen durch alle Klassen tragen und fragen, wem’s gehört.
    Dazu gibt es noch Teich reinigen helfen, Rosen schneiden, die Beschriftung am Aquarium erneuern (ohne Schreibfehler – dafür selbst laminieren dürfen), nachmittags beim Aufräumen der Fachräume helfen,
    stupide Bibliotheksarbeit (z.B. Antolin-Aufkleber auf vorhandenen Altbeständen anbringen, verlorene Leihkarten in die Bücher zurücksortieren, Bücher wieder in der richtigen Reihenfolge aufstellen )… Mein persönlicher Favorit für die großen Jungs ab Klasse 7 ist die händische Software-Aktualisierung der Offline-Computer.
    Klar – das geht nur mit Lehrerbeteiligung, aber wir müssten es sowieso machen, da können wir uns auch Hilfe „besorgen“.

    Das alles für die Grundschule. Nichts gegen einen ordentlichen verhaltens-reflektierenden Aufsatz für die oberen Klassen der Sekundarstufe! Daran kann man als Lehrer manchmal wirklich seine Freude haben :)) Manchmal…. meistens nicht….

  4. Ich muss gleich sagen: Ich selbst bin kein Lehrer und kann daher auch nichts darüber sagen, wie Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht gestalten sollen. Ich habe lange Zeit mit sogeannten verhaltensauffälligen (oder schwererziehbaren, oder durchgeknallten, oder …) Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Eine Erfahrung hat sich dabei durchgezogen: Weder Bestrafungen noch Belohnungen bringen irgendwelche Veränderungen. Ich selbst habe auch nie ein Kind bestraft – und vermutlich gerade deshalb Erfolg gehabt, weil es mir nicht um die Einhaltung von Regeln und Normen ging, sondern um das Nähren eines verletzten Kindes. Eine geballte Faust öffnet man nicht mit Gewalt oder der Androhung von Bestrafung. Ein verletztes Kind erreicht man nicht mit Belohnungen und noch weniger mit Bestrafungen. Mein Zugang war einer, in dem ich die Burschen und Mädchen ernst nahm und sie gerade nicht verändern wollte. Erst daraus waren sie zur Veränderung fähig, und zwar zu einer Veränderung, die aus ihnen selbst gekommen ist.

    1. Ich begrüße es immer, wenn auch andere feststellen, dass Belohnungen keinesfalls das Allheilmittel bei auffälligem Verhalten darstellen. Mein Highlight war einmal ein Schulpsychologe, der uns in einer Fortbildung zum Thema Umgang mit aggressiven Schülern eine „Lolli-Leck-Vorrichtung“ als Nonplusultra seiner Belobigungsstrategie präsentierte. Ich kam mir selten so fehl am Platz vor.

      Der Unterschied zwischen Lehrern und Therapeuten, Psychologen, etc, ist doch, dass wir die Kinder nicht in einer Einzelsituation vor uns sitzen haben. Regeln und Normen machen Sinn, wenn eine Gruppe zusammentrifft. Ich kann nicht bei auffälligen Kindern darauf verzichten, gewisse Dinge einzufordern, weil ich dann sofort eine Handvoll anderer Kandidaten habe, die sich ausprobieren und den Aufstand proben. Der Schutz der Lerngruppe geht im Zweifelsfall vor.

  5. Das ist wohl richtig! Es gibt gravierende Unterschiede zwischen Einzelsetting und Gruppe. Ich habe auch mit Gruppen gearbeitet und weiß um die Mühen dabei – und nicht zuletzt deshalb habe ich die größte Hochachtung vor Menschen, die sich das tagtäglich antun (und das auch noch gerne). Keinesfalls würde ich auf klare Regeln verzichten und bei sogenannten auffälligen Kindern schon gar nicht. Selbstredend brauchen die klare Grenzen und Strukturen.
    Was sie nicht brauchen ist: Belohnungen und Bestrafungen.
    Was sie brauchen: Menschen, die sie mit ihrem Verhalten in Wertschätzung konfrontieren – das ist zwar auch kein Aus-Knopf, führt aber wenigstens langfristig zu einer Form der Eigenverantwortung.
    Aber ich kann verstehen, dass Schulen und die dort tätigen Menschen schlicht und einfach an ihre Grenzen kommen, wenn Schülerinnen und Schüler einfach sich an keine Regeln halten. Und oft reicht ganz einfach auch die Schulzeit gar nicht aus, um diesen Kindern adäquat zu begegnen. Und dennoch: Aus der Resilienzforschung weiß man, dass ein einziger Mensch, der diesen Kindern in Achtsamkeit, mit einem Vorschuss an Anerkennung und einer guten Portion Zuwendung und Respekt begegnet, einen Unterschied macht, der echte Veränderung bewirken kann. Das heißt nicht, dass dies ein Lehrer/eine Lehrerin sein muss, aber es besteht immerhin die Chance dazu – auch wenn der Erfolg all dieser Mühen im Regelfall nicht zu sehen sein wird, sondern sich erst im späteren Leben auswirkt.

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