Ice Ice Baby

Björks unverwechselbare Stimme dringt aus den Boxen. Sie perlt über eisklare Höhen, um anschließend in gletschertiefe Spalten zu stürzen. Sie stöhnt, wimmert und schreit. Sie säuselt, schmeichelt sich ein und liebkost ihre Zuhörer. Frau Gudmundsdóttir macht es den Viertklässlern nicht leicht. Sie sitzen wir erstarrt auf ihren Stühlen, bei manchen malt sich unverhohlenes Entsetzen auf den Gesichtern ab. Aber sie sind vorsichtig in ihren Äußerungen. Bläue ich ihnen doch seit jeher ein, dem Hörverhalten anderer mit Respekt zu begegnen. Es ist nicht alles Pop, was glänzt.

Ich lasse sie die Musik inhalieren und abschmecken wie einen besonders intensiven Rotwein beim Degustierseminar. (Mancher im Raum würde sie wohl auch gerne ohne Umwege in einen Blechnapf spucken.) Den landschaftlichen Besonderheiten der rauen Schönheit Islands versuchen wir uns durch Bilder von Fjorden, Geysiren und atemlos weitem Land zu nähern. In Erzählungen von Elfen und Trollen und dem Klang isländischen Folks (mit Eivor Pálsdóttir mute ich ihnen zugegebenermaßen extrem viel zu) suchen wir die einzelnen Einflüsse, aus denen Björk ihr Tongeflecht spinnt.  In Gruppenarbeit sollen die Kinder zu den Klängen Texte schreiben. Ich lese die Worte Einsamkeit, Traurigkeit und Angst, aber auch Stärke, Schönheit und gewaltige Natur. Manche bedienen sich des Elfchens als einfachem dichterischem Format:

Einsam

So stark

singt sie dort

Wind und stürmisches Meer

Verbunden

Sie haben es. Ich bin stolz auf die Viertklässler. (Und auch ein kleines bisschen auf mich.) Ich verzeihe all die rotzreifen Pietros, schnuckelpuppigen Mileys und milchgesichtigen Justins. Die Viertklässler sind soweit, dass sie anfangen, hinter die Klänge zu forschen, zu erkennen, dass Musik nicht nur alleine für sich steht, sondern ein Produkt vieler Faktoren darstellt. Dass man nicht alles schön finden muss, aber in allem etwas finden kann. Und sei es die Erkenntnis, dass man dieses Stück nun wirklich nicht noch einmal hören möchte.

Am Ende sind alle erschöpft. Ich frage, ob wir zum Abschluss noch ein bisschen ans Klavier zum Singen wollen.

Ins zustimmende Geschrei mischt sich eine große Portion Erleichterung 😉

 

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12 Kommentare zu „Ice Ice Baby

  1. Seit einiger Zeit lese ich als stille Leserin mit, doch heute möchte ich Ihnen liebe Frau Weh sagen, wie sehr ich die Kinder um Ihren Musikunterricht beneide. Ich bin begeisterte Grundschullehrerin und unterrichte auch sehr gerne Musik (dieses Jahr in vier Klassen). Da ich das leider fachfremd mache, fühle ich mich oft sehr unzulänglich und eingeschränkt (obwohl die Kinder sich immer auf den Unterricht freuen ). Das ist so schade! Deshalb staune ich über Ihre Ideen (Björk im Grundschulunterricht wäre mir nie eingefallen…).
    Außerdem werde ich mich zu einer Musikfortbildung für fachfremd Unterrichtende anmelden.
    Viele Grüße, Kathrin

    1. Danke für die nette Rückmeldung! Und ich kann es Ihnen nachfühlen, ich musste mal Sport unterrichten, das war eine ganz neue Erfahrung für mich und ich war sehr froh, als ich an eine Fachkollegin abgeben konnte. Es gibt natürlich auch für Musik Werke, die das Unterrichten erleichtern, aber ganz viele Ideen wachsen durch das eigene Tun. Zur Fortbildung kann ich Sie daher nur beglückwünschen und Ihnen viel, viel Spaß wünschen. Musik ist ein so tolles Unerrichtsfach, eben weil die Kinder ganz offen sind und sich gerne auch von Dingen begeistern lassen, die ihnen unbekannt sind. Wichtig finde ich immer eine gute Mischung aus klassischen und popularmusikalischen Inhalten und eigenem Tun.

  2. Oh, wie ich Ihre Kinderlein beneide. Björk im Musikunterricht. Ein Traum.
    Gab es bei uns doch nur Pop und schrille Kinderlieder. Egal ob zur Grundschul- oder Gesamtschulzeit. Ich erinnere mich ganz schlimm an eine My heart Will go On Phase in der 5. Klasse. Schrökelich!

    Eine wunderbare Idee, Kinder auch mal diese Seiten der Musik näher zu bringen. Klasse 🙂

    P.S.: Toller Blog, verfolge ihn schon ewig, wäre ich nicht so kommentierfaul 🙂

  3. Engagierten, abwechslungs- und einfallsreichen Unterricht kann man nicht hoch genug loben! Allerdings erinnere ich mich deutlich daran, wie mir als Schüler Musiklehrer auf den Magen schlugen, die uns ihren Musikgeschmack aufdrä…. äh, näherbringen wollten. 🙂

  4. In einem wunderbaren Sommer sind wir mit Björk durch Island gebrettert. Naja, mit ihrer Musik und der anderer isländischer Gruppen. Es war unglaublich, diese wilde Musik auf den Geröllfeldern, den den nach Schwefel stinkenden Höllentümpeln und an denn kalbenden Gletschern zu hören. Es war ein Sommer aus Musik, Fels, Eis und Wasser.

    Mein Mann, ein sehr musikalischer Mensch, hört sich bei jeder Reise zuerst ein. Und dann fragt er rum, von wem nun das oder das sei. Dann beginnt die Suche nach dieser Musik, die wir dann, wenn gefunden, die ganze Fahrt über hören. Was er noch nicht herausbekommen hat, ist das, was sie im Karlspalast in der Alhambra gepielt haben. Keiner wusste es dort. Es war eine Aufnahme von einem Konzert, das in den Räumen statt gefunden hatte. Die CD war da, doch hatte niemand Musiker oder Komponist aufgeschrieben.
    Es hätten im Übrigen schon viele Leute danach gefragt.

  5. Nein, leider nicht. Sie haben sie nicht rausgerückt, weil sie nur eine CD hatten. Aber es hätten schon so viele Leute danach gefragt.
    Wir haben dann eine Arabische Musik auf mittelalterlichen Instrumenten gekauft. Auch schön.
    Aber die andere Musik, die wäre es gewesen.
    ( wir haben aus der Gegend von Altamira eine Musik, die nur auf Instrumenten gespielt wurde, die man in Höhlen gefunden hat. Eine Flöte aus Schwanenknochen, Rassel, Schwirrholz usw.)

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