Die andere Seite

Familie Weh beim Samstagsfrühstück.

Das Miniweh klettert mit einem laut vernehmlichen „Mama, Arm!“ aus seinem Stuhl. Dabei kippt es seinen Becher (glücklicherweise mit Minerwalwasser und Strohhalm gefüllt. Die Unsitte, Wasser zum Frühstück zu trinken, bekomme ich den Wehwehchen nicht abgewöhnt.) um. Herr Weh wischt routiniert mit dem bereitliegenden Tuch auf. Eine undefinierbare Mischung aus Krümeln, Klebematsch und Wasser verteilt sich über der Tischplatte. „Oh, Wassa da!“ empört sich das Miniweh und stapft mit den Füßen durch die Lache, die sich am Boden gebildet hat. Herr Weh schimpft, woraufhin das Miniweh fröhlich und Fußtapsen hinterlassend seinen Weg um den Tisch herum aufnimmt. Ich trinke Kaffee, streiche ein Honigbrot und denke laut über die Wochenendeinkäufe nach. Die Frage, ob wir Huhn oder Fisch zum Salat nehmen, ist noch nicht geklärt. Das mittelgroße Wehwehchen liest derweil hinterm Adventskranz versteckt die tägliche Kalendergeschichte vor und bedient sich der ihm und mir aus der täglichen Praxis gut bekannten Möglichkeit, im allgemeinen Aufruhr noch zu Beachtung zu gelangen: es erhebt die Stimme:

„Die kleine Elsbeth war ein glückliches Mädchen!“

Ich wäre ja für Hühnchen. Der Fischwagen ist schließlich freitags da und nicht samstag. Allerdings gab es gestern auch schon Geflügel. Das spräche mehr für Fisch.

„Sie lebte in einer großen Wohnung und hatte ein kleines Zimmer ganz für sich allein!!“

Das Miniweh erklettert meinen Schoß, patscht mir glucksend seine Marmeladenfingerchen ins Gesicht „Mama, Mini, Kuss!“ und presst sein Gesichtchen in das Honigbrot, das ich gerade zum Mund führen wollte. Hühnchen, wir bleiben bei Hühnchen. Mit einem beleidigten määääauhi springt die Familienkatze (flohfrei!) auf Herrn Wehs Schoß, der sie mit einem lauten „Verdammt, Herr Schmidt!“ herunterwirft. Dabei stößt er an den Tisch. Die Kerzen auf dem Adventskranz flackern.

„Außerdem hatte sie ein kleines Fräulein, das sich nur um sie kümmerte!!!“

So ein kleines Fräulein wäre schon nett. Wir hatten mal eine Putzfrau. Das waren goldene Zeiten. Zumindest bis die ganze Bande dann wieder zu Hause eintrudelte und alles in den Ursprungszustand versetzte.

Herr Weh seufzt. „Wie hältst du das eigentlich aus?“

„Wieso?“, ich wische gerade Grabbel und Honig vom Miniweh und denke an den Wahnsinn, der manchmal die Zweiklässlerbande erfasst, „ist doch alles ganz entspannt hier.“

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15 Kommentare zu „Die andere Seite

  1. Bei deinen Schilderungen erfasst mich fast ein bisschen Wehmut. Unsere drei sind inzwischen aus dem Haus und unser Frühstück verbringen wir ruhig mit der Zeitung. Velleicht schaffst du (schafft ihr) es, innezuhalten und einfach zu genießen. Einen schönen Samstag!

    1. Oh, ich empfinde die Wochenenden wirklich als Entspannung. Nur das mit dem Zeitungslesen, das probieren wir dann in ein paar Jahren wieder.
      Aber die netten Wochenendwünsche gebe ich gerne zurück 🙂

  2. Aber Sie müssen sich keine Sorgen machen. Meine tranken auch am liebsten Wasser, und zwar nicht mal mit Blubber, sondern das aus der Leitung. Sie sind trotzdem groß und lebenstüchtig geworden. Das eine verdient schon sein eigenes Geld und das andere macht grad Abitur. Nette Mädels sind es auch.
    Also, Wasser schadet nicht

  3. weia, weia, wir sind eine schlechte Familie…
    Gute Mütter (Menschen) akzeptieren, dass es Andere gibt, die keine Milch und keinen Tee mögen und trösten sich mit dem Gedanken, dass Milch an sich kein Getränk ist, sondern Nahrungsmittel und Tee auch nur Wasser mit Farbe…

    Außerdem kann man nur mit Blubberwasser und Strohhalm „Ein Jäger aus Kurzpfalz“ intonieren; das sollte doch in ihrem Interesse sein 😉

  4. Hahaha, das hätte auch bei uns spielen können (die Konversation).

    (und wieso ist es eine wegzukriegende Unsitte, Wasser zum Frühstück zu trinken? Wasser ist doch gut. Meine trinken das auch zum Frühstück)

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