Neues aus dem Lehrerzimmer

Das Gemurre über die viele – oft unsinnig anmutende – Zusatzarbeit hat in der letzten Zeit kontinuierlich zugenommen. Die Chefin (Anfang des Jahres immer wie frisch aus dem Führungsseminar) erteilt uns daher den Auftrag, alle Termine, die uns schulisch belasten und ungebührlich Zeit kosten, zu notieren und in den großen Jahresplaner im Lehrerzimmer zu kleben. Mal sehen, ob es überhaupt so viel ist. Vielleicht stellen sich die Kolleginnen ja nur ein bisschen an. (Tun wir gelegentlich, zugegeben.)

Jetzt hängen da lauter bunte Zettelchen und flattern lustig im Durchzug. VERA steht auf einem oder auch BUNDESJUGENDSPIELE und DELFIN 4. Wenn ich die Augen zusammenkneife, kann ich WEIHNACHTSMARKT und 24 STUNDEN SCHWIMMEN lesen. Das da hinten könnte FÖRDERKONFERENZEN heißen. Insgesamt sind es 72 Zettel. Interessant, auf keinem steht UNTERRICHT. Jetzt sollen wir gewichten und Punkte auf die Aktivitäten kleben, über deren Notwendigkeit vielleicht dann doch mal geredet werden könnte. Um den exakten Auftrag zu definieren fragt eine Kollegin vorsichtshalber nach:

„Also wir sollen jetzt alle Dinge markern, die uns davon abhalten, frisch und fröhlich zu unterrichten?“

Darauf die Chefin: „Was uns davon abhält, frisch und fröhlich zu unterrichten, ist unser Beruf.“

Oha. So habe ich das ja noch nie gesehen.

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20 Kommentare zu „Neues aus dem Lehrerzimmer

  1. Dein Chefin erzeugt gerade ein Dejavu bezüglich meiner alten Chefin!

    Unterrichtet sie auch nur so wahnsinnig zeitaufwendige Fächer wie Sport (meine: von 10 Unterrichtsstunden 10 mal Sportunterricht, davon 4 mal Schwimmen im Tandem!)? Weiß sie auch immer so unglaublich tolle Ratschläge zu verteilen, obwohl sie selbst überhaupt keinen Ahnung hat? (meine versuchte immer Kollegen bei den Übergangsgesprächen in der 4. Klasse zu berate, obwohl sie selbst seit 30 Jahren keine 4. Klasse mehr als Klassenlehrerin hatte) Schleppt sie auch immer neue, tolle Aktionen an Land und drückt sie dann anderen aufs Auge (City-Lauf, Malwettbewerb, Hochbegabtenförderung)? Ist sie grundätzlich nie an ewtas schuld und machen immer nur andere die Fehler?

    Die Beiden könnten verwand sein! Oder ein Klon – erzeugt vom Bildungsministerium, um die Belastbarkeit von Lehrern zu testen!

    Trotz allem: Frisches und fröhliches Unterrichten wünscht Frau Reiter

  2. Immerhin ist es ein erster Schritt, Daten zu sammeln und zu schauen, wie viel Belastung wirklich da ist. Ich bin selber ein großer Murrer über alles mögliche und mir nie sicher, wie berechtigt das Murren jeweils ist. (Gefühlt: schon.)

    Formal hat die Chefin mit der schönen Schlussformulierung recht. Alles, was uns vom Kultusministerium angewiesen wird, ist unser Beruf. Das legt aber nahe, dass das alles auch zu unserem Beruf gehören sollte oder gar sinnvoll ist. Und beides leugne ich. (Und manchen Käse lassen wir uns ohne Ministerium auch ganz allein einfallen.)

    1. „Und manchen Käse lassen wir uns ohne Ministerium auch ganz allein einfallen.“

      Oh ja, darin sind wir auch gut. Aktuellstes Beispiel: die Ankreuzzeugnisse. Was für ein Umstand!

  3. Wir sind nach den Sommerferien genauso gestartet und es hat wirklich was gebracht. Es ist doch super, wenn die Schulleitung sich Gedanken um das Kollegium macht und versucht etwas zu ändern.

      1. Das ist wie mit den Kindern, die nachmittags zu viele Termine haben, aber zu allen sehr gerne gehen. Ihnen legen wir doch auch nahe, sich für zwei, drei Dinge zu entscheiden und zu gewichten, was sie am Liebsten tun würden. Ähnlich sollten wir das mit den Zusatzaufgaben machen.

  4. Man sollte schlicht mehr Termine ohne Unterrichtsbezug in die unterrichtsfreie Arbeitszeit („Ferien“) legen, das könnte deutlich zur Entlastung beitragen… 🙂

  5. Manchmal möchte ich Mäuschen sein bei den Rektorenkonferenzen. Die lästern über uns, denke ich mir.
    Und dann versuchen sie sich das alles zu merken, was die Ministerin erzählt was sie wieder ihrem Kollegium weitergeben sollen. Insgeheim sind sie froh, dass sie nur die Übermittler der Nachricht sind.
    Und insgeheim befürchten sie, dass wir all das nicht tun, was sie sagen.
    So dieses “ der Kaiser ist doch nackig“ Gefühl. Hoffentlich sagt keiner was.
    Und wenn doch, dann sagen wir ihnen, dass genau das Zusatzgedöns ihr Beruf ist. So!

  6. Da bin ich aber froh, das zu den zeitfressenden Terminen anscheinend nicht Elternabend, Elterngespräche und Elternsprechtage zählen.
    Aber viele dieser Zusatztermine machen doch erst das lebens- und liebenswerte, individuelle einer Schule aus. Oder, wie ich immer sage, Pflicht kann jeder, die Kür ist wichtiger!

    1. Absolut richtig.
      Aber manchmal machen wir so viel Kür, dass für die Pflicht die Kraft nicht mehr reicht. Wir schwimmen, wir laufen, wir spielen Basket- und Handball, wir machen Triathlon, singen, spielen Theater, machen tolle Gottesdienste, Lesenächte, Büchereibesuche, bieten einen 10-Finger-Computerkurs, schmücken die Weihnachtsbäume der Bankinstitute, machen zweimal jährlich Zahnprophylaxe, bieten Anti-Gewalt-Training an, sammeln Müll, fahren ins Theater und in die Oper, machen Projektwochen und Schulfeste, Tag der offenen Tür, einen Weihnachtsmarkt und Bastelnachmittage…

      Ich könnte die Liste nahezu endlos weiterführen. Die Kinder haben bestimmt eine tolle Grundschulzeit. Aber ich möchte – überspitzt formuliert – auch gerne, dass sie hier trotzdem die Basisqualifikationen erlernen können und fit für die weiterführenden Schulen werden.

      Eltern (und manche Schulleiter) schauen immer gerne auf das Profil einer Schule, was wird geboten? Aber unterm Strich nützt das alles gar nichts, wenn meine Zweitklässler in ein paar Monaten nicht die Wortarten unterscheiden können, weil wir vor lauter Events keine Ruhe reinkriegen.

      1. Wo ist bitte der *Like*-Button für diesen Kommentar? 🙂

        An der Schule meiner Tochter wird auch alles Mögliche im und neben dem Unterricht veranstaltet. Und wenn ich ehrlich bin: Ich als vollzeitberufstätige Alleinerziehende mit noch einem weiteren Kind, das schließlich ebenfalls noch ein eigenes Leben haben soll, empfinde diese ganzen Sondertermine auch nicht selten als Belastung.

        Vor allem die Weihnachtszeit war derart vollgeknallt mit Zwangsgefeier und -gebastel und -gebacke in Schule und Kindergarten, daß mir Weihnachten schon weit vor Heiligabend zum Hals raushing.

      2. Danke. Danke. Danke. Ich (als Mutter) empfinde das auch so. Ich habe auch den Eindruck, dass viel für die Eltern (und die anzuwerbenden potentiellen Eltern) veranstaltet wird. Die Kinder nehmen das mit… würden aber viel auch nicht vermissen. Und spätestens, wenn das Kind in der Bücherei, im Zoo, beim Theaterprojekt und dann noch ein paar Tage bei diesem supersupertollen Museumsworkshop war, ich dann aber in den Schulferien mit ihm Rechtschreibregeln und Einmaleins pauken muss, weil das leider nicht in die verbliebene Unterrichtszeit gepasst hat („Mama?! Du bist aber viel strenger als unsere Lehrerin! Bei der müssen wir das gar nicht richtig machen, die findet das auch mit Fehlern toll!“) – dann komme ich mir ein wenig veräppelt vor.

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