Besucher

Bei der CrazyFunkyChicken Probe drängeln sich die Zuhörer. Das benachbarte Gymnasium hat Zeugniskonferenz und ein ganzer Schwall ehemaliger Schüler ergießt sich in den Musikraum. Die meisten erkenne ich, bei manchen muss ich passen. Groß sind sie geworden. Und ruhiger. Und irgendwie erwachsen. Vor gar nicht langer Zeit haben sie hier im Chor gesungen, Inselmusik vorgestellt oder beim Warm Up abgerockt. Ich fühle mich innendrin ein bisschen sentimental angerührt.

„Ooooh, Frau Weh, Sie haben sich ja gar nicht verändert!“ strahlt mich Max-der-Fünftklässler an, der letztes Jahr noch selbst Mitglied im Schulorchester war und mich manche Schweißperle gekostet hat.

„Doch, Sie sind noch hübscher geworden!“ beteuert Marco, mittlerweile zwei Köpfe größer und reichlich verpickelt. Begehrlich schielt er auf das neue Keyboard, das einsatzbereit neben dem Cello wartet. Alte Schleimbacke.

Ich freue mich über den Besuch und will wissen, wie der Musikunterricht so sei. Schließlich habe ich jeden Einzelnen mit gutem Gewissen ziehen lassen können. Betretenes Schweigen.

„Naja, nicht so der Knaller. Die meisten haben den Dombrowski. Der schreit meistens rum. Wir müssen eigentlich nur schreiben und lernen und so.“ „Ja, der ist total doof.“ „Das ist eigentlich überhaupt kein Musikunterricht. Also wir machen jedenfalls keine.“

Ich interveniere – Kollegenschelte kommt bei mir nicht gut an – werde aber umgehend darüber informiert, dass von der 5 bis zur 9 eigentlich gar nicht musiziert wird. Stattdessen – so man ihnen denn glauben darf – schreiben sie einen Test nach dem anderen in Musiktheorie und dergleichen. Wenigstens ein bisschen singen zwischendurch? Nö.

„Ich habe jetzt Musik abgewählt“, gibt Sandra zu. Ich bin nicht nur überrascht, ich bin tatsächlich sprachlos. Sandra ist jetzt 16, hochmusikalisch, zwei Instrumente, die sie bereits im zweiten Schuljahr äußerst passabel spielen konnte, dazu eine Stimme, dass sich Herr Bohlen an der eigenen Spucke verschlucken würde, so sie denn diesen Weg wählen würde. Und jetzt das. Ich habe den Lehrplan der weiterführenden Schulen natürlich nicht im Kopf, würde aber jeden Eid schwören, dass Musik machen auch dort verankert ist.

Aber sie würde gerne nächstes Jahr zum Praktikum kommen, eigentlich interessiere sie sich fürs Theater, aber dass es ziemlich unrealistisch sei, dort unterzukommen, wisse sie natürlich. Und Lehrerin werden, das wäre auch so ein Traum. Musik natürlich, das wäre das Größte!

Ich genehmige mir im Stillen den Kollegen Dombrowski für den Moment auch doof zu finden und platziere die Besucher zur Jamsession zwischen die neugierigen Orchesterkinder, die mit großen Augen und noch größeren Ohren den Schilderungen der Großen folgen. Wir unterlegen „Puck, die Stubenfliege“ mit halsbrecherischen Sambarhythmen, lernen schnell etwas über Offbeat, den alten Schlingel, lachen viel und beschließen einen Gegenbesuch der CrazyFunkyChicken im Musikunterricht der Großen. Zum Marsch blasen*.

 

*(Marco schwört, dass er „zum in den Arsch blasen gehört habe“. Dies entbehrt natürlich jeder Grundlage!)

 

 

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13 Kommentare zu „Besucher

  1. Erstmal: wie schön, Besuch von ehemaligen Schülern zu bekommen. Ich gönn´s Dir sehr!
    Außerdem: Klar geht es gaaaaarnicht, keine Musik im Musikunterricht zu machen. Andererseits kenn ich praktischen Musikunterricht mit pubertierenden Klassen, die man einmal die Woche für 45 Minuten sieht. Das ist kein Ponyhof, bestimmt auch an der „Gympnas-Nasiewissenschon“-Schule nicht. Wenn der Kollege also den Mut verloren hat, kann ich das zwar nicht gut heißen, aber schon dann und wann verstehen…

    1. Ja, dass das nicht Spaß pur ist, glaube ich sofort. Aber im Gegensatz zu unserer Schulform muss der Kollege ja definitiv ein Fachmusiker sein, ergo über ein gewisses Können verfügen. Wäre es da nicht ein Leichtes, sich kurz über den Tellerrand zu beugen, wenigstens mal in die Charts zu hören und dann irgendwas auf die Beine zu stellen? Wer keine Lust zum Mitsingen/-musizieren hat (ich kann mich auch noch gut erinnern, wie peinlich mir damals mancher Lehrer nebst Musikgeschmack war), übernimmt die Technik. Mit dem Aufbau der großen Anlage konnte man bei uns noch den (sorry) letzten Deppen in der Klasse ködern. Als letzte Möglichkeit bliebe dann noch der große Bruder der Inselmusik, das Referat über die bevorzugte Gruppe, die heißeste Solokünstlerin.
      Und das soll alles nicht gehen? Kann ich nicht glauben. Will ich auch irgendwie nicht.

      Es ist natürlich einfacher, leiser und lange nicht so anstrengend, sich hauptsächlich theoretisch über Musik auszulassen. Vielleicht lehne ich mich weit aus dem Fenster, aber ist Musik nicht der Bereich, mit dem annähernd alle Jugendlichen irgendetwas anfangen und verbinden können? Hat es also ein Musiklehrer nicht theoretisch viel leichter als beispielsweise ein Chemie- oder Physikkollege? Und vertut er da nicht unweigerlich Chancen, wenn er diesen Vorteil ungenutzt lässt?

      Ich finde es einfach so ärgerlich und vertan, wenn so vieles, was in der GS angelegt wird, in der weiterführenden Schule nicht genutzt wird. Angefangen bei diversen Sozial- und Arbeitsformen, über Methodik und auch Inhalte. Dann können wir uns das ja auch alles sparen und mehr Zeit in andere Sachen investieren. Förderschulen nehme ich jetzt mal raus, ich bin mir sicher, da hat man dann je nach Schwerpunkt definitiv andere Dinge zu leisten. Trotzdem stemmen die Musiker, die ich aus Förderschulen kenne, allesamt tolle Sachen.
      Hmm. Klingt jetzt viel negativer als es gemeint war. Und dich sollte das ja mal gar nicht treffen 😉

  2. Hach ja, der Musikunterricht an der weiterführenden Schule … Gesungen haben wir allerdings, sogar sehr viel. Dazwischen ein bisschen Musiktheorie.
    Für alles andere gabs das Orchester oder den Chor … Im Orchester musste man angeblich vorspielen (für mich uninteressant, da ich kein Orchesterinstrument spiele) und der Chor war erst sehr schlecht und dann gabs keinen mehr.

    In der Oberstufe war ich dann im Eltern/Lehrer-/Oberstufenchor – das hat großen Spaß gemacht. 😉

  3. Bei uns wird zumindest bei einer Lehrkraft verpflichtend gesungen… als Nichtsinger hätte mir das damals gar nicht gefallen. (Aber damals war Singen üblich.) Vielleicht tatsächlich auch, weil wir langweilige Sachen gesungen haben.
    Was ich mich bei Marco und Herrn Dombrowski gefragt habe… weil die doch bestimmt nicht so heißen: Frau Weh, hast du ein System bei der Namensgebung? Heißt der Herr Dombrowski wirklich so, oder wenigstens mit Dom- oder mit -ski? Ist aber vielleicht auch Geheimwissen, das du nicht aus der Hand geben willst.

    1. Und jetzt stell dir doch einmal vor, du hättest anregenden Musikunterricht gehabt. Spannend, mitreißend, interesseweckend. Vielleicht hätte dich die Ukulele schon früher gefunden oder ein anderes Instrument. Vielleicht wärst du passionierter Sänger geworden. So viele Möglichkeiten. Stattdessen langweilige Lieder und Auswendiglernen von Geburts- und Sterbedaten großer Komponisten. Ist das nicht eine vertane Chance?

      (Mensch, ich weiß gar nicht, warum ich mich heut so aufrege 😀 )

      Übrigens heißt natürlich weder Marco Marco noch der Kollege so wie er im Beitrag steht. Und ja, da gibt es ein ausgeklügeltes System. Wäre ich Informatiker, würde ich dir das jetzt auch so hinreißend aufzeichen, wie du das gelegentlich bloggst. Kann ich aber leider nicht. Ich könnte es vorsingen 😉

  4. Oh ja, mein Musikunterricht an der Schule war völlig verschenkt; alles, was ich über Harmonielehre un Akkorde weiß, habe ich mir selber nach der Schule auf Mundharmonika, Gitarre und tin whistle beigebracht. Vertane Chance unbedingt. Ich hoffe sehr, dass der Musikunterricht heute besser ist. (Mit dem Rest meiner Schule war ich ziemlich zufrieden.)

  5. Ich kann Sie beruhigen. Es geht auch anders an Gymnasien. Als ich mit dem kleinen Kind da war, um mir das mal anzusehen, es handelte sich um ein Spezialgymnasium für mathematisch äh, naja, Sie wissen schon Kinder, da wurde ich gleich gefragt, ob das Kind ein Instrument spiele. Weil Musik und Mathematik, das gehöre ja irgendwie zusammen und Musizieren fördere das mathematische Verständnis oder so. Das kleine Kind hat dann sofort mit dem Klavierunterricht begonnen. Mutter will sich ja nichts nachsagen lassen. Ab der 7. Klasse war es dann im Schulchor, mit Chorlagern, Konzerten und allem drum und dran. Und in der Schulband. In diesem Gymnasium spielten fast alle ein Instrument oder musizierten sonstwie rum, neben der Rechnerei. Und Preise bei irgendwelchen musikalischen Wettbewerben waren genau so hoch anerkannt wie Preise in Mathe, Chemie, Physik etc.

    1. „es handelte sich um ein Spezialgymnasium für mathematisch äh, naja, Sie wissen schon Kinder“

      Ich ahne es 😉 Und ich freue mich, dass die Schulwahl offensichtlich eine so gute war. Immer mehr Schulen kommen ja langsam dahinter, dass Musik nicht nur gut fürs Image (pardon, Schulprofil!) ist, sondern darüber hinaus enorm wichtig für den Erwerb vieler anderer Kompetenzen. Dennoch ist das das Fach, welches recht häufig vom Vertretungsplan betroffen ist. Und sei es nur durch die besondere Freude, dann mal eben zwei Klassen mitzunehmen.

  6. Tja, wenn unser Unterstufenchor damals nicht gewesen wäre (Teilnahme = Pflicht), hätte es mit Musik _machen_ bei uns auch sehr mau ausgesehen.

    Ab der 6. Klasse (1980) hatten wir dann dank Lehrermangel eh nur jedes zweite Jahr Musik (in den Jahren dazwischen Kunst) und der jeweilige Lehrer durfte quasi wieder bei Adam und Eva anfangen.
    In der Oberstufe hatte ich das Fach innerlich längst abgehakt. Noten kann ich bis heute nicht richtig lesen.

      1. Meine Tochter (6) bringt’s mir gerade bei. Ihre Grundschule ist eine JEKI-Schule. Ich weiß jetzt immerhin endlich, daß die ausgefüllten Noten kürzere Töne sind und die leeren Noten längere sind. Wie bei gefüllten und leeren Wassergläsern. 😉

  7. Musikunterricht an der weiterführenden Schule. Hmmm… Da gibt es auch mir nicht viel positives.

    Grundschule waren wichtige Grundlagen.
    Eine Lehrerin hat wahnsinnig Wert darauf gelegt, dass wir Noten lesen können. Komplett mit regelmäßigen, zum Teil bewerteten, Notendiktaten. Ich bin ihr sehr dankbar dafür.
    Musik machen war Singen. Wir kamen nämlich kaum über ein Klavier, ein paar Rhythmusinstrumente und Triangel hinaus. Dafür haben wir dann viel mehrstimmig gesungen. Inhaltlich nichts modernes, aber ich kann heute noch problemlos manche Volkslieder.

    weiterführende Schuld (die mit G und Y) war dagegen langweilig.
    Die erste Lehrerin hat mit uns fast nur Musik-/Tanzfilme geschaut. (Fame und so was) War ja nett. Lernerfolg? „Ich will nicht Tänzerin werden.“ 😉
    Die zweite Lehrerin hat mit uns Opern angefangen. Das auf CD zu hören, war insofern schlecht, als das wir eine (!!!) Partitur hatten. (wohl das private Exemplar der Lehrerin)
    Vorsingen mussten wir bei beiden. Stück war nur thematisch orientiert. (Herbst, Winter, Frühling) Beibringen durften wir es uns selbst.
    Danach kam ein Schulwechsel. Der brachte dann noch mehr Opern auf CD, aber Partituren für die ganze Klasse. Was macht man, wenn man noch nie ein Stück per Partitur mitverfolgt hat? (blättern, wenn alle blättern. ;)) Dazu kam reichlich Theorie, teilweise „Wiederholungen“ und knapp gefasste Theorieeinheiten, weil ein Großteil der Klasse im Schuldorchester war und das „sowieso kann“. Sachen wie Quintenzirkel kann ich heute noch nicht. (Ja, da gibt es Merksätze. Aber davon erfuhr ich, [i]nachdem[/i] ich Musik abgewählt hatte.) Ich kann auch bei einem Stück nicht sagen, ob es Moll oder Dur ist. Theorietests liefen dann entsprechend.

    Schulorchester war eine BigBand. Ich war auch von der Schule vier Jahre am Stück einmal im Jahr mit Dixxieland gequält worden…

    Schulchor war ich später mal testweise und mit ein paar Jahren Chorerfahrung. War der Sopran in den Stücken einfach, sangen die meisten Sopran. War er zu hoch, sangen sie Alt. 😉

    Vielleicht habe ich mich auch einfach dämlich angestellt oder hatte den Kopf woanders.
    Nana,
    die trotzdem oder vielleicht deswegen immer noch gern Musik macht.

    P.S: Sorry, dass das so lang wurde. ^_^;

    1. Unterm Strich klingt das aber doch nach einem recht strukturierten Unterricht in den weiterführenden Schulen. Kritisch natürlich, dass die Theorieeinheiten sich offensichtlich hauptsächlich an den Könnern orientiert hat. Partituren haben wir auch viele gelesen in der Oberstufe, ging irgendwann dann auch ganz gut. Die Erinnerung, die mir mit als lustigste bleibt, ist die an eine Musikklausur in der Oberstufe, bei der ich (als einzige mit Musik schriftlich) mit Walkman auf den Ohren inmitten eines Bio-Kurses schrieb. Als die Aufsicht wechselte, riss mir die neue Lehrerin wutentbrannt den Walkman von den Ohren, was das denn für eine Unverschämtheit sei! Völlig verschreckt erklärte ich ihr dann, dass ich mitnichten Bio schriebe, sondern Musik und dass das Benutzen des technischen Geräts zwingend zur Aufgabenstellung dazugehöre. Sie ließ mich dann schnaubend gewähren. Jeder Atemzug demonstrierte Abwertung des Faches.

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