Liebes Tagebuch…

Rituale sind ja enorm wichtig. Beschäftigt man sich mit Grundschule, kommt man unweigerlich irgendwann im Laufe des Studiums, spätestens aber im Referendariat in Kontakt mit Ritualen. Man kann praktisch alles ritualisieren: den Schulbeginn, die einzelnen Arbeitsphasen, den Übergang zu anderen Fächern, Arbeits- und Sozialformen, Raumwechsel, Pausen, Geburtstage, Hausmeisterkontakte, ja selbst Elternabende könnte man ritualisieren und mit einer symbolischen Mitte oder einem flotten Liedchen auf den Lippen auflockern. Könnte. Muss aber nicht.

Da ich die Zweitklässler (bis auf donnerstags, örks) täglich nur sehr wenige Stunden unterrichte, habe ich nicht viel Zeit für liebevolle Kinkerlitzchen. Daher beschränke ich mich auf das für diese Lerngruppe notwendigste. Was eine ausnahmslos schöne Sache ist, ist das Führen eines Klassentagebuchs. Es ist nicht nur für mich witzig zu lesen, was den ein oder anderen vor ein, zwei, drei Jahren bewegt hat. Oder was überhaupt vom Schultag hängengeblieben ist. Die Zweitklässler schreiben Tagebuch seit sie lesen können, was sie schreiben. Jeden Tag nimmt ein Kind die Kladde zusätzlich zu den Hausaufgaben mit und schreibt über den Schultag. Begleitet wird das Tagebuch von Karl, dem kinderhassenden Frosch. Karl ist unser Ersatzklassentier. Nachdem ich den geliehenen Igel Ende des 1.Schuljahres wieder frohen Mutes an die Kollegin, die die Klasse vor mir hatte, losgeworden bin, dachte ich eigentlich, es wäre jetzt gut. Fehlanzeige. Des Zweitklässlers Herz hängt nun mal an einem Tier zum Liebhaben. So wurde Karl geboren, der kinderhassende Frosch. Eine Art minimalistische Sockenpuppe, die tagtäglich ein Kind nach Hause begleitet und so – Stück für Stück – immer ein wenig freundlicher (und schmuddeliger) wird. Am letzten Schultag nehme ich das Tagebuch mit, damit es nicht verloren geht. Und so kommt Karl dann auch wenigstens viermal im Jahr in die Waschmaschine. Das tut dann allerdings auch Not.

Und so läuft das Ritual dann ab:

Justin (frontal vor der Klasse): GU-TEN MOR-GEN LIE-BE KLA-SSE 2a!

Zweitklässler: Guten Morgen, Justin.

Justin: Heute ist Montag, der 6.2.2012. Ich wünsche euch einen schönen Tag.

Zweitklässler: Den wünschen wir dir auch.

Dann wird vorgelesen. Die Zuhörer achten auf die Schreibmenge, die Vortragslautstärke, Körperhaltung, Sprechtempo, etc. Justins Vortrag war überschaubar:

Für die Katze gab es allerdings ein Lob von der Klasse. Hmmja.

Jetzt ist mal sonstige Mitarbeit gefragt: Welche Rituale führt ihr in der Klasse durch? Auf welche würdet ihr nie verzichten wollen? Und welche haltet ihr für total daneben? Ich bin gespannt!

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38 Kommentare zu „Liebes Tagebuch…

  1. Also, das Tierchen ist doch wirklich allerliebst! 😀
    In der Grundschule haben wir jeden Morgen als Klasse ein Gedicht „aufgesagt“ (wohl eher gespielt), fanden eigentlich auch alle toll 🙂

    lg, Theni

  2. Ein Kind weckt jeden morgen die Buchstaben auf: „Wach auf A (mit Lautzeichen), Wach auf U….“ Und die Klasse wiederholt… So werden täglich nochmal die Buchstaben, die wir schon gelernt haben wiederholt!

  3. Ich habe auch relativ wenige Stunden in meiner 2. Klasse. Bei mir ist in diesem Schuljahr vor allem das Abschlussritual wichtig geworden, da ich an jedem Tag die letzte Stunde habe. Sobald ich an die Klangschale 2x schlage wissen die Kinder, dass es Zeit zum Aufräumen ist. Sie packen alle ihre Sachen in den Ranzen und räumen diesen vor das Klassenzimmer. Dort ordnen sie die Ranzen in eine Mädchen- und eine Jungenreihe. Danach setzen sich alle Kinder an ihre Plätze zurück. Dann beginne ich die Murmeln zu verteilen. Für jede Stunde, die ruhig und arbeitssam (naja so einigermaßen ;-)) abliefen, gibt es eine Murmel (vorher habe ich mich bei den Fachlehrern informiert).

    1. Das mit dem ordentlichen Aufräumen finde ich auch super wichtig. Mit Belohnungen tue ich mich allerdings immer etwas schwer. Was für einen Zweck haben die Murmeln? Werden sie für etwas „angespart“?

      1. Die Murmeln habe ich mit meinen Klassen auch immer gesammelt. Gut finde ich, dass die Gruppe belohnt wird und nicht wieder nur einzelne liebe Kinder.
        War das Glas voll, gab es HA-frei für die ganze Klasse. Da wir Wochenhausaufgaben haben, war das Glashöchsten 2 mal im Schuljahr voll. Hat super geklappt, führte zu Solidarität und Ha-Frei war wirklich erarbeitet worden.

      2. Am Anfang sind in meinem Glas 100 Murmeln, wenn alle 100 Murmeln in das Glas der Klasse gewandert sind, schauen wir entweder einen Film (von den Märchenfilmen der ARD) oder gehen eine Stunde in den Wald o.ä.
        Im Gegensatz zum Belohnen gibt es bei mir auch das bestrafen. Wir haben eine Liste, auf der die Kinder stehen und das nächste Ausflugsziel. Wenn ein Kind sich daneben benimmt (schlagen o.ä.), dann bekommt es einen Strich. Bei 3 Strichen darf es nicht zum nächsten Ausflug mit und wird in einer 1. Klasse mit Aufgaben geparkt.

  4. moin,

    ich bin ja keine Lehrerin sondern „nur“ Mama, habe dementsprechend auch kein Klassenritual, aber ich hoffe, dass meine Jungs ein solches kennen lernen. Der Große kommt dieses Jahr in die Vorschule und dann auf die Grundschule gegenüber und so etwas bleibendes, was auch Verantwortungsgefühl fördert wäre schön.

    1. Mit Sicherheit werden die Jungs da einiges mitnehmen können. Es ist immer spannend zu sehen, wie anders eine Gruppe „funktioniert“, wenn sie in der Schule ist. Da kann man sich bei manchen Dingen zu Hause den Mund fusselig reden und in der Schule klappt es einfach. Schon nicht immer leicht als Mutter 😉

  5. Der Erzählkreis vom Wochenende muss einfach sein. Auch in Klasse 4. Und die Kinder hängen so sehr an einem stehfähigen Bilderrahmen mit zwei Tierpostkarten drin, der ihnen anzeigt, welcher Tisch als erstes in den Sitzkreis kommt… Es scheint ein unglaubliches Privileg zu sein, diesen Rahmen auf dem Tisch stehen zu haben.

      1. Es gibt Wörter, die ich verbiete.. 😉
        Ne, im Ernst: Als das bei meinen Jungs überhand nahm, habe ich die Regel aufgestellt, dass ich wissen will, was sie erlebt (!) haben und nicht was sie am Pc/Spielekonsole getan haben..

  6. Total daneben… Diese „Handpuppe“ ohne Handpuppe, die sagt: Mund zu – Ohren spitzen! AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHH!

    Oder bei jeder Gelegenheit ein PIIIIIIINNNNNNGGG-Klangstab, bei dessen Ton man fast Ohrenkrebs bekommt.

    Oh Gott, wenn ich so anfange, fallen mir 1000 Rituale ein, die ich persönlich doof finde. Am schlimmsten finde ich aber, wenn alles NUR noch ritualisiert von Statten geht! Und wenn es für jeden Krempel einen DIENST gibt, sodass man beim rituellen Diensteeinteilen am Montagmorgen (oder wann auch immer) ne halbe Stunde braucht! 😉

    In diesen Sinne – Mund zu, Ohren auf und PIIIIING *kalithea

    1. Ich habe eine wunderschöne tiefe (!) Klangschale, davon bekommt man keinen Ohrenkrebs ;-). Als Leiseritual haben wir die Brezel (einfach die Arme vor dem Körper verschränken).
      Meine Kollegin hat eine extrem ritualisierte Klasse. Als ich dort einmal Vertretung machen sollte, sagte ich zu Beginn der Stunde nur noch, dass die Kinder ein Laufdiktat machen sollen und ab diesem Moment arbeiteten die Kinder (Klasse 2!) konzentriert bis hin zur gegenseitigen und sehr guten Korrektur. Ich musste die ganze Stunde nur noch dasitzen. Als Vertretung fand ich eine so ritualisierte Klasse extrem angenehm 🙂

  7. Meine Klasse trifft sich jeden Morgen im Kreis. Das ist so ritualisiert, dass sie es auch ohne mich machen. Keine Chance es auch mal nur für einen Tag zu ändern. In diesem Kreis frühstücken wir dann später auch und wehe ich lese mal einen Tag nicht vor. Ansonsten bin ich nicht so wirklich ritualisiert….

      1. Wir besprechen den Tagesablauf und alles was sonst für den Tag/ die Woche wichtig ist. Außerdem stellen die Kinder kurz ihre Arbeitsvorhaben für den Tag dar, wenn wir individuell arbeiten…
        Und natürlich besprechen wir am Wochenanfang im Kreis auch die Wochenenderlebnisse, am Ende der Woche findet der Klassenrat im Kreis statt.

        Und wenn ich das alles hier lese, dann bin ich doch auch ritualisierter in meiner Klasse als auf den ersten Gedanken gedacht…

  8. Montagmorgen die erste Stunde ist voll durchritualisiert: Erzählkreis –
    inzwischen mit Stoppuhr und Sprachanalyse („Und-dann-Zähler“)- , Ordnungsdienste, Organisatorisches, Briefkasten ausleeren.
    Freitag: Lernwörterkontrolle. Ibäh… ohne geht’s aber scheinbar nicht.
    Jede Frühstückspause Rap und Vorlesen. Wir fressen Bücher!

    Außer „Geburtstagsritual“ fällt mir grade nicht mehr ein. Eine wenig ritualisierte Klasse anscheinend. Aber beim Geburtstag mein Lieblingsritual: „Wunschzeit“.
    Wenn am Ende der „Feier“ die Kerze ausgeblasen wird, darf das Kind sich etwas Geheimes wünschen, das es niemandem erzählen darf. Es darf solange wünschen, wie Rauch vom Docht aufsteigt. Dabei darf KEINER ein Geräusch machen, sonst geht der Wunsch schon mal gar nicht in Erfüllung. Ich liebe diese wenigen Sekunden aufmerksamer Stille, einem anderen Kind zuliebe.

    –> Brav mitgearbeitet. Setzen 🙂

  9. Bei mir gibts täglich das englische Datum (sind ja auch schon Vierklässler) vorgestellt vom Datumsdienst. Dazu noch die jeweilige Jahreszeit und den aktuellen Wetterbericht.

    1. Wetterbericht ist auch super. Den könnte ich eigentlich auch noch mit in die Begrüßung packen. Vielleicht versehen mit Warnhinweisen für die Pause („Es ist 10 Grad unter Null. Auch Nick sollte heute ausnahmsweise mal seine Jacke schließen und eine Mütze anziehen. Ich wünsche euch einen schönen Tag.“)

      1. Der „Wetterbericht“ wird ja auch auf Englisch vorgestellt. Die Klasse fragt: „What’s the weather like today?“ und die beiden Datumsdienstler antworten dann entsprechend „It’s windy and cloudy“ o.ä. Dafür werfen sie nur mal schnell nen Blick aus dem Fenster 😉

  10. Wir haben auch ein Klassentagebuch. Jeden Tag nimmt es ein Kind mit nach Hause zusammen mit unserem Klassentier. Die Kinder schreiben das auf, was sie nachmittags erleben. Ist schon interessant, weil man einen anderen Einblick bekommt (… auch darüber, wer den Text alleine schreibt, wo Mama nachher drüberschaut und radiert wird und wo die Mama/Oma/Papa/… dafür sorgt, dass der Text fehlerfrei (Klasse 2!) und ohne Wiederholungen da steht- wie auch immer, Vorschrift, Diktat, ….).
    Reihenfolge, wer schreiben darf, regelt unsere Geburtstagswand, auf der die Namen aller Kinder untereinander stehen (war eine Idee der Kinder, ist supi stressfrei!). Wer nicht mag, der braucht momentan auch nicht zu schreiben.

  11. Zur Stuhlkreisbildung wird in einigen Schulen gesungen : Komm doch in den Kreis geschwinde…. (Fuchs du hast die Gans gestohlen ) *arghhhhhh Da krieg ich genau wie beim Stillefuchs/-hase oder sonstigem Getier rote Flecken. Ich bin der Meinung es reicht zu sagen : kommt in den Stuhlkreis …und natürlich dementsprechend ernst in die Runde zu schaun *breitgrins*
    Mein Lieblingsritualutensil ist die Kellnerklingel : 1x draufgehauen : ‚es ist zu laut‘ – 3x draufgehauen : ‚Brezel‘ (lebe im Süden 😉 => alle lassen alles stehen, liegen, fallen,verschränken die Arme (eben zum Brezel) und starren gebannt zu ihrer Lehrerin, die etwas wichtiges zu sagen hat *smile
    Funktioniert 1a !

  12. Mein Schultag ist ziemlich ritualisiert. Dies hilft nicht nur den Kindern, sondern auch mir bei der Organisation des Tages. Wir treffen uns jeden Morgen im Kreis. In diesen kommen die Kinder, indem sie sich gegenseitig eine Plastikblume (Ikea) überreichen. Es sind zwei Blumen unterwegs. Das Kind des Tages nacht dabei den Anfang.
    Im Kreis starten wir den Tag mit einem Sprechvers der durch entsprechende Bewegungen unterstützt wird:

    Ich wünsch dir einen schönen Tag
    und dass dich heute jeder mag,
    dass du gut ausgeschlafen bist
    und dass dir schmeckt, was du heute isst.
    Und dass der Tag dir bis zur Nacht
    viel Freude macht.

    Auch meine Spieluhr möchte ich nicht mehr abgeben. Sie symbolisiert den Kindern, dass sie aufräumen und sich auf ihre Plätze setzen sollen.

    Wichtig ist einfach, dass man zu seinen Ritualen steht, sie immer wiederholt und ihren Sinn regelmäßig überprüft.

    Viele Grüße

  13. Bin stolz auf meinen Ersti-Morgenkreis. Wir treffen uns (ohne Singsang o.ä.) im Kreis, Das Morgenkreisleiter-Kind von gestern sucht einen neuen Morgenkreisleiter aus. Dieses
    – läutet eine Glocke mit den Worten: „Ich eröffne den Morgenkreis“
    – Dann zählt es alle Kinder (im 1. SJ ja durchaus eine gute Zählübung über den 20erRaum hinaus) und legt ein entsprechendes Schildchen in die Mitte, das später an der Tafel befestigt wird
    – Daraufhin sagt das Kind kurz, wie das Wetter an dem Morgen ist und legt eine passende Bildkarte auf den runden Teppich in der Mitte (Karten vom VadR)
    – Dann wählt das Kind ein Kind aus, das erzählen darf (montags alle, ansonsten je drei)
    – anschließend fragt das Kind, ob ich (also die Lehrerin) noch etwas mitteilen möchte (ggf Regelwiederholung, Einführung Freiarbeitsmaterial o.ä.) und
    – dann läutet das Kind die Glocke mit den Worten „Ich beende den Morgenkreis“

    Außer an dem Punkt an dem ich drankomme sitze ich schweigend dabei, Cool, ne? 🙂

  14. In der vorherigen Tochterschule gab es den Morgenkreis (Treffen, Erzählen, Angebote Vorstellen, Singen…je nachdem, was so anlag). Jetzt ist es ein bisschen anders. Aber es gibt auf jeden Fall Gong/Klangschale/Zimbel (irgendsowas), was angeschlagen wird, wenn’s zu laut ist. Dann wissen alle, daß die Stimmen wieder bisschen gedämpft werden müssen. Oder die Instrumente kündigen einen neuen Abschnitt an (Essen, Freiarbeit etc). Ansonsten weiss ich gar nicht um die Tiefen des ritualisierten Schulalltags. Muss ich sie glatt mal fragen.

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