Brot und Spiele

„Das ist total unfair!“

Tom1 ist empört. Letzte Woche hat Lennox zweimal einen Vollkornzwieback von mir bekommen und gestern ein Hustenbonbon. Außerdem darf der Lennox immer länger dableiben und dann spielen. SPIELEN!!! Und er? Nie kriegt er was und überhaupt bevorzuge ich Lennox dauernd. Ach was, andauernd! Und das, wo der sich so benimmt!

Lennox motzt derweil laustark rum und ergeht sich in zahnlosen, aber durchaus kraftvollen Drohgebärden. In der 2.Stunde hat er seine Sachen vom Tisch gefegt und die restlichen 40 Minuten vor Wut zitternd an seinem Platz verbracht. Seine Sitznachbarn hatten ihn gefragt, ob denn endlich mal Zähne kämen. Nun sitzt er am Tisch, den bösen Blick auf mich geheftet, die Finger in den Ohren is mir doch alles egal! Frustrationstoleranz? Aggressionskontrolle? Mir doch egal! Scheißschule! Ich geh jetz nach Hause, Playsi spielen!

Manchmal könnte ich die Zweitklässler auf den Mond schießen. Und einige noch ein bisschen weiter weg…

Fakt ist, Lennox braucht Hilfe. Auf die eine, die andere und noch manch andere Weise. Ein bisschen fruchtet es ja schon, er lächelt häufiger, seine Wutausbrüche sind weniger geworden, manchmal macht er seine Hausaufgaben (oder wenigstens Teile davon). Er geht mittlerweile fast willig mit in die verschiedenen Förderstunden, die ich ihm verpasst habe (von wegen länger bleiben und spielen) und zu Weihnachten gab es tatsächlich neue Schuhe. Trotzdem fehlt es an so vielen Dingen. An Frühstück beispielsweise oder an Arztbesuchen bei hartnäckigem Husten. Aber das sehen die anderen Kinder nicht. Die sehen keine Zahn- und Wissenslücken, die sehen Zwieback und Bonbons und Spiele.

So wie ich – wider besseren Wissens, aber verdammt, ich bin auch nur ein Mensch! –  so häufig das ätzende kleine Wutpaket sehe, das sich in meinen Arm krallt, Scheißschule! brüllt und das ich gelegentlich am liebsten per Express in eine Förderschule abschieben würde*.

Wenigstens aber auf den Mond.

 

* (Tu ich aber nicht, mir doch (fast) egal!)

 

 

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14 Kommentare zu „Brot und Spiele

    1. Hmmja… im Grunde genommen könnte ich gut mal eine Lennoxpause vertragen. Es gibt ja so Kinder, die arme Socken sind und denen die Herzen umgehend zufliegen. Weil sie so arm dran sind, dabei aber so niedlich und so nett und überhaupt. Lennox ist nichts davon. Eher Richtung arme-Socke-aber-großer-Kotzbrocken. Das macht es einem nicht unbedingt leichter 😉

  1. Ich lese hier bei dir schon eine ganze Weile still mit und wollte mich heute endlich mal für deinen tollen Blog bedanken. Mach bitte weiter so!

    Nun zu Lennox: Es ist unglaublich, wie manche Eltern mit ihren Kindern umgehen. Ich finde es toll, dass du ihn ein wenig auffängst, obwohl das Aufgabe der Eltern wäre. Schön, dass es noch menschliche Lehrer gibt!

    1. Naja hier wurde ja schonmal die familiäre situation etw. erläutert…anscheinend versucht es die mutter ja sich „zu bessern“ …da ist sie wohl aber auch im weitesten sinne „psychisch/ gesundheitlich“ etw. hilfebedürftig… ich weiss nicht mehr genau ob das etw. in richtung alkohol oder eher depression war…

  2. Hm.
    Was würde passieren, wenn du versuchst, den anderen Kindern ein bisschen die Augen zu öffnen?
    In der Art, dass nicht jeder so liebe Eltern hat, die sich gut kümmern und Pausenbrote vorbereiten und sich um das kranke Kind kümmern.
    Gäbe das einen Buschfunkrundruf bis zum Chef mit Abmahnung, Hänseln von Lennox durch die Mitschüler oder ganz vielleicht das erhoffte Verständnis?

    1. Behutsam geht das natürlich. Leider sind einige der Zweitklässler etwas… nunja…dickfellig in dieser Beziehung. Da müsste ich deutlicher werden. Und ich fürchte, dann würde Lennox (der das natürlich auf die ein oder andere Weise mitbekäme) sich von mir verraten fühlen. Das wäre dumm, ich bin nämlich so etwas wie eine seltene Konstante auf seinem nicht sehr geradlinigen Weg.

    1. Oje, ich glaube, ich komme hier heiliger rüber als ich bin. Ich stoße oft an meine Grenzen, gerade bei Kindern wie Lennox. Und ob ich als Vorbild so tauge? Naja… 😉

  3. Liebe Frau Weh,
    ich freue mich, dass Lennox Ihre Unterstützung hat, dass Sie differenzieren (können/wollen), warum er sich so verhält. Es gibt offenbar nicht viele GrundschullehrerInnen, die sich so verhalten wie Sie.
    Sie geben mir tatsächlich den Glauben an die Menschen zurück, wenn ich Ihr Blog lese.
    Meine Tochter hat auch „Glück“, als Erstklässlerin eine der Differenzierung fähige Lehrerin zu haben (wobei unsere Probleme in eine andere Richtung gehen und anderer Natur sind).
    Wenn mir gegenüber jemand über sog. schlechte GrundschullehrerInnen schmipft, sage ich vehement, dass ich mindestens 2 sehr gute kenne – und empfehle die Lektüre hier.
    (Leider oft mit dem Ergebnis: „Nein, wenn ich von guten Lehrern lese, werde ich NOCH deprimierter, weil ich dann mit Lehrer xyz vergleiche, deruns das Leben schwer macht“.)
    Herzliche Grüße
    Ulli

    1. Ich freue mich natürlich über solche Rückmeldungen wie hier, na klar. Und ich finde es toll, wenn ich von Eltern höre, die einfach mal anerkennen, dass die Lehrkraft ihres Kindes einen guten Job macht.
      Aber nach wie vor weigere ich mich zu glauben, dass es „die guten“ und „die schlechten“ GrundschullehrerInnen gibt. Wir machen tagtäglich eine Arbeit, die oft niedlich aussieht, die uns aber oft an Grenzen bringt. Und darüber hinaus. Und es ist oftmals – ich kann ja nur für mich sprechen – ein richtiger Kampf bei all den Vorgaben von oben, den Ansprüchen der Eltern, dem Verhalten der Kinder immer noch das einzelne Kind mit seinen Macken, aber auch seinen Liebenswertigkeiten im Blick zu haben. Am Ende der Grundschulzeit müssen Lernziele erreicht werden. Wie man dahinkommt, interessiert schlussendlich keinen. Und die Eltern oft am wenigsten. Hauptsache es erfolgt die Gymnasialempfehlung.

    1. Es ist mittlerweile fast unmöglich geworden Kinder mal eben so auf eine Förderschule zu geben. Auch wenn es in manchen Fällen sicherlich sinnvoll wäre. In diesem Fall kommt aber erschwerend hinzu, dass ich die Mutter gerade mit ins Boot bekommen habe. Würde ich ein Verfahren eröfnnen, wäre dies hinfällig. Lennox selber zeigt bereits jetzt deutliche Schulverweigerungshaltung. Es wäre nicht der richtige Weg. Andererseits, welcher ist das schon…

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