Lehreroutfit: das wichtige Elterngespräch

13.35 Uhr. Am Tisch sitzen Frau Muckelich, unsere zuständige Schulpsychologin, bei der Benjamin auf mein Bitten hin mit Verdacht auf Dyskalkulie (Rechenschwäche) vorgestellt wurde, Benjamins Eltern und ich. Seit 1,5 Jahren versuchen die Mathekollegin und ich – bisher vergeblich – Benjamin dabei zu helfen eine Zahl- und Mengenvorstellung zu entwickeln. Für ihn sind Zahlen bedeutungslos, nichts weiter als Ziffern, die in einer endlosen Reihe hintereinander stehen. Dass eine 70 größer ist als eine 13 hat für ihn noch keine weitere Bedeutung. Er zählt ab. Langsam drängt die Zeit, die Zweitklässler befinden sich mitten im kleinen Einmaleins. Nächstes Jahr geht es in den Tausenderraum. Da zählt es sich nicht mehr so gut. Rechenstrategien müssen her. Pronto!

Frau Weh: Guten Tag zusammen, schön, dass Sie sich alle die Zeit genommen haben. Wir wollen heute über das Dyskalkulietestergebnis von Benjamin reden und gemeinsam überlegen, wie wir ihn noch besser unterstützen können. Frau Muckelich, was ist Ihr Eindruck von Benjamin und wie ist der Test ausgefallen?

Frau Muckelich, die Schulpsychologin: Nun, also wir benutzen den Begriff der Rechenschwäche nicht mehr so gerne. Wir zeigen lieber Wege auf, wie es weitergehen kann.

Frau Weh: Daran sind wir natürlich sehr interessiert. Wenn ich richtig informiert bin, dann haben Sie aber mit Benjamin durchaus einen Dyskalkulietest durchgeführt?

Frau Muckelich, die Schulpsychologin: Ja, das habe ich gemacht…

Frau Weh: Ok…?

Frau Muckelich, die Schulpsychologin: Nun, er erreicht den Prozentrang 10.

Die Eltern: ?

Frau Weh: Das bedeutet aber doch, korrigieren Sie mich bitte, wenn ich falsch liege, dass 90 Prozent der gleichaltrigen Kinder in diesem Test besser sind und 9 schlechter abschneiden?

Die Eltern: ?

Frau Muckelich, die Schulpsychologin: Ja schon, aber wie gesagt, wir reden hier nicht direkt von einer Rechenschwäche.

Frau Weh: Der Grenzwert zur Dyskalkulie, auch wenn wir nicht drüber sprechen, liegt bei 16, oder?

Frau Muckelich, die Schulpsychologin: Jaaaa, das stimmt. Ab 16 könnte man von einer Schwäche sprechen… Aber das wollen wir ja nicht! Ich möchte Ihnen zwei Rechenspiele empfehlen, die Benjamin helfen können. Wenn Sie das eine Weile trainieren, dann können wir uns in ein paar Monaten noch einmal treffen und sehen, ob das gefruchtet hat.

So geht es noch eine ganze Weile hin und her. Am Ende sitze ich mit der Empfehlung zweier Lernspiele und einer nicht geringen Menge Frust am Tisch. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Die Eltern aber verabschieden sich strahlend von mir.

Die Eltern: Sehen Sie, Frau Weh, so schlimm ist es also gar nicht! Hat er gar nicht, diese Sache, die Sie gemeint haben.

Hmm. Genau. Vielen Dank, Frau Muckelich.

Aber immerhin seh ich gut aus.

Frau Wehs pädagogisches Outfit der Woche

Kleid: S.Oliver

Langarmshirt: Street One

Papiertüte: befüllt mit zwei ganz tollen Rechenspielen

Laune: geht so

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33 Kommentare zu „Lehreroutfit: das wichtige Elterngespräch

  1. Frau Muckelich hat aber auch eine ziemliche Schwäche,puuuuu…ich glaube sie gehört mal geschüttelt!! LG von Rana, dein Outfit ist seeehr flott!

  2. Unfassbar! Und das als „Schulpsychologin“… 😦
    Nun denken die armen Eltern, mit ein paar Spielchen ist alles wieder gut und Frau Weh übertreibt TOTAL!
    Ich selbst habe mal ein Mädchen aus der dritten Klasse gefördert, da sie Dyskalkulie hatte. Sie hatte schon den Zahlenraum bis 10 nicht erfasst, es war also „höchste Eisenbahn“. Das war ein hartes Stück Arbeit. Wir hatten nach einem halben Jahr Förderunterricht (2x pro Woche) gerade mal den Zahlenraum bis 20 gesichert und die Addition und Subtraktion mit Überschreitung des Zehners behandelt – aber noch lange nicht sicher! Der Vater dieses Mädchens kam nach einigen Wochen mal mit (sonst immer nur die Mutter) und fragte mich, ob man den Förderunterricht nicht langsam mal beenden könnte bzw. wie lange das denn noch dauert —– ääähmm… *kopfschüttel*

  3. Superduper. Zwei Rechenspiele. Na dann, auf dass wir die Schlaglöcher im Grundwissen munter zu Mondkratern erweitern… Beileid!

  4. WIE bekloppt sind die Eltern eigentlich, dass die das nicht ernst nehmen? Ich meine, das Kind ist in der 2. Klasse, da muss doch auch den Eltern auffallen, dass es der Goldjunge nicht so mit Zahlen hat. Wollen die sich, wenn er nicht mehr mitkommt im Unterricht, dann auf diese merkwürdige Schulpsychologin berufen?

    1. Nein, sie verstehen es einfach nicht. Sie sehen es nicht bzw. können es nicht sehen. Sie kennen ja oft nur IHR eigenes Kind und wissen nicht, wie andere Kinder inzwischen rechnen. Wenn dann natürlich noch eine „Fachfrau“ das Ganze in diesem Sinne bestätigt, dann kann doch das Ganze andere von der „Grundschulmaus“ Frau Weh nur absolute Panikmache sein… Das ist garantiert von den Eltern nicht böse gemeint – sie wissen es einfach nicht besser.

      @Frau Weh: Ist eure Schulpsychologin immer so? Ich schicke solche Kinder inzwischen oftmals direkt zu nem Kinderpsychologen, einfach schon wegen der Kostenübernahme einer folgenden Therapie…

      1. Frau Muckelich ist normalerweise nicht für uns zuständig und elternzeitbedingt eingesprungen. Bisher habe ich immer gute Erfahrungen mit dem schulpsychologischen Dienst gemacht.

  5. Wäre auch ein passendes Outfit für Frau Muckelich, wo die doch so kariert daherredet. Da fällt mir doch nur die Abwandlung des Standardspruchs eines hessischen Comedian ein: Ich hätt da gern mal k e i n Problem…

      1. Ich finde das Kleid ganz wunderbar, ich dachte nur wegen kariert. Bei Frau Muckelich wär es der „ich kann auch kompetent“-look-alike-Look.

  6. Unfassbar …. da bemüht man sich um professionelle Unterstützung und dann das *koppschüttel. Allerdings läuft es bei uns bisweilen mit den Kooplehrern der Förderschule auch nicht viel anders.
    „Rechenschwäche ? Hmmm hab ich mich noch wirklich mit beschäftigt. Hättet du ne Idee was ich mit N. machen könnte ?“ OT A13 studierte Sonderpädagogin *arghhhhhhhh

  7. Oh, wie ich das kenne. Als Mutter finde ich das oberschlimm, weil ich ja merke, wie mein Kind ist. Als Lehrerin vergleicht man leider ständig ein wenig.
    Bei uns gabs nichtmal Spiele, wenn das Kind wollen würde, würde es das schon können, wenn das Kind langsamer arbeiten würde, dann würde es weniger Fehler machen, wenn das Kind….
    Nach fünf Jahren Kampf kommt nun endlich Hilfe, vielleicht ein wenig Spät?

  8. Über die zwei Rechenspiele kann man sich ganz bestimmt aufregen…

    Aber was nutzt der Stempel „Dyskalkulie“? Die gibt es wissenschaftlich nachgewiesen bislang nicht und vermittelt allen Beteiligten das Gefühl einer Krankheit, die sich heilen lässt. Dann doch lieber Förderanregungen, wenn auch in etwas größerem Umfang, oder?

    1. Das mit der unnötigen, weil unnützen Stigmatisierung sehe ich ja genauso. Aber es gibt Eltern, die brauchen einfach einen Namen fürs Kind, sonst sehen sie keinen Handlungsbedarf. Mir persönlich ist es Jacke wie Hose, wie das heißt, was Benjamin da hat. Tatsache ist, dass ich um kompetente Hilfe gebeten habe und uns diese nicht unbedingt zuteilwurde. Stattdessen gehen die Eltern mit einer falschen Beruhigung nach Hause.

    2. Naja, was heißt hier „heilen“. Das ist einfach eine Teilleistungsschwäche; sowas kann man nicht „heilen“ oder „wegüben“. Man kann es auf ein für das Kind erträgliches Niveau „üben“, aber das war’s dann auch. Wie bei LRS eben auch. Dass es sowas wie „Dyskalkulie“ gibt wird doch kaum jemand, der schonmal mit einem Betroffenen gearbeitet hat, bestreiten, oder?

      (Ich erinnere mich mit schaudern an einen Mitschüler kurz vor dem Abitur, der mittlerweile promovierter Linguistik unterwegs zur Habil ist; wechselte nach der 10 ans bayerische Gymnasium direkt aus der RS, lernte selbstständig Latein nach (!!!), wäre aber fast wegen Unterpunktung in Mathe nicht zum Abi zugelassen worden. Der gute junge Mann war sprachlich extrem begabt; konnte aber nicht wirklich verstehen, wieso 1+1 ernsthaft 2 und nicht 3 sein sollte. Das Label „Dyskalkulie“ war für ihn wirklich sowas wie eine Lösung jahrelanger Selbstquälereien…)

    1. Vorgespräch nur mit der Mutter. Das ist der normale Ablauf. Allerdings führe ich normalerweise noch ein Gespräch alleine bevor die Eltern dazukommen. Diesmal lief das aus verschiedenen Gründen anders.

  9. Hm, analog zur Rechenschwäche des Kindes hat die gute Frau Mukelich wohl eine „Dinge beim Namen nennen“-Schwäche… Irgendwie wirken deine Aussagen kompetenter als ihre.

    Das Outfit ist sehr schön – und der Hase mit der Möhre im Hintergrund auch!

  10. Hey, die zwei Rechenspiele würde ich aber gerne mal kennenlernen! Gibt bestimmt auch eines für Schulpsychologen mit „Ich erkläre den Eltern, wie es wirklich um ihr Kind steht“-Schwäche. Scheint aber berufsbedingt so zu sein, bei uns läuft es genauso…

    1. Vielleicht ist es die Angst festgelegt zu werden. Oder – ehrenhafter – der Wunsch und Wille beim Kind nicht immer nur die Schwächen zu betonen. Fakt ist aber auch, dass die Eltern oft ganz andere Dinge aus solchen Gesprächen mitnehmen als eigentlich gesagt wurde.

  11. Das kann ich nur bestätigen!

    Mein aktuelles Lieblingsbeispiel: mehrere Eltern meiner Klasse mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung sind im Abstand von einigen Monaten aus allen Wolken gefallen, dass ihre Kinder „behindert“ sind. Dazu kommen Ärzte, die trotz IQ von 65 eine erfolgreiche Grundschulkarriere prognostizieren. Schwups sind diese Schüler dann aus den falschen Motiven in der Integration – nämlich mit der Hoffnung aus einem „behinderten“ ein „normales“ Kind machen zu können. Aber vielleicht sprengt das hier gerade ein wenig den Rahmen… 🙂

  12. Umpf … na so was baut doch auf^^ Tsk 😉
    Hatte das auch mal bei meinem Töchterlein befürchtet. Mittlerweile haben wir allerdings (dank Nachhilfe) rausgefunden, dass sie einfach nur etwas länger braucht bis in Mathe alles richtig sitzt … oder die Mathelehrerin rauscht zu schnell durch den Stoff 😉
    Abe das sieht ja hier mal ganz anders aus 😦 Armes Kind …

  13. So eine Knalltüte von Schulpsychologin!
    Bloß Rechenspiele…
    Ich hatte als Kind (mit unerkannter Rechenschwäche) eine riesige Angst vor Zahlen, und solche tollen Spiele empfand ich als reinen Terror, ich hatte Angst vor solchen ach so tollen Familienabenden, wo versucht wurde, mit mir irgendwas zu üben, was ich nicht konnte.
    Bei Familienspieleabenden sind ja auch alle so toll geduldig. Und natürlich findet das Kind dieses Spiel ganz furchtbar lustig und spannend… na klar.
    Ich hätt alles getan, um aus dem Matheunterricht raus und von solchen Spielen wegzukommen, wenn ich gewusst hätte, wie.

  14. Schulpsychopathin, wie sie ein nun pensionierter Kollege nannte.
    Sie scheuen mitunter die direkte Sprache.
    Aber offensichtlich haben die Eltern auch leichte diskalkylische Ansätze. Wenn ich erfahre, dass mein Kind bei den letzten 10 % liegt, muss mich das doch erschüttern. Und dass nun Holland in Not ist, wenn man zum Gespräch einbestellt ist, ist doch offensichtlich.
    Doch, man kann Diskalkylie abtrainieren, wie auch Legasthenie, wenn man ganz früh beginnt mit den entsprechenden Programmen. Doch diese Rausschieberitis und Rumschwätzerei kostet nur Zeit und bringt nicht.
    Das Kind wird immer ängstlicher und hat immer mehr Angst vor Zahlen und Rechnen.So wie Mango.

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