Das Schulsystem und ich

Das Schulsystem und ich verstehen uns manchmal nicht so gut.

Immer sagt es, wo es langgehen soll. Nie fragt es mich nach meiner Einschätzung. Dauernd kommandiert es mich herum. Mal soll ich jahrgangsübergreifend arbeiten, ein paar Jahre später – ätsch! – bitte nicht mehr. Einmal ist des Pudels Kern der Sachunterricht (worüber sich der Deutschunterricht leise beschwert), dann kommt plötzlich Englisch groß raus. („Sachunterricht? Jeder Unterricht ist Sachunterricht!“) Der Deutschunterricht weint derweil leise vor sich hin und bekommt zum Trost flächendeckend „Lesen durch Schreiben“ verpasst. (Na, danke auch.) Merkt man vorsichtig an, dass die Rechtschreibleistung der Viertklässler erschreckend ist, bekommt man zu allem Übel auch noch die Auflage, wöchentlich eine Stunde des Deutschunterrichts im PC-Raum zu verbringen. Medienerziehung. Als ob das das Problem wäre…

Das Schulsystem arbeitet Hand in Hand mit seiner launigen, pubertären Schwester, der Bildungspolitik. Ständig ändert sie ihre Meinung. Das macht den Umgang mit ihr nicht einfach. Alle Jahre wieder hat sie neue, tolle Ideen, die das Schulsystem dann umsetzen soll. Ich bin nur ein winziger Teil in diesem System. Um solche winzigen Teilchen wie mich in die richtigen Bahnen zu lenken, bedarf es einer vermittelnden Instanz, der Chefin. Die Chefin ist Fan vom Bildungssystem. Neue Ideen findet sie prinzipiell gut und will sie sofort umsetzen.

Neue individuelle Förderpläne? OH, BITTE!

Flexible Eingangsstufe? HIER, HIER!

Inklusion? JAAAA!

Dann schreiben wir uns neue Begriffe auf die Fahnen, reißen die Fenster auf und wedeln wild damit herum. Lasset die Kindlein zu uns kommen!

Manchmal vergessen wir vor lauter Geschäftigkeit allerdings die alten Fahnen wieder einzuholen. Die hängen dann derangiert und traurig auf der Fassade. Bis sich irgendwer an sie erinnert, sie verschämt in Umzugskartons packt und in den Keller stellt. Dort stehen sie dann neben den Rechtschreibkarteien von Sommer-Stumpenhorst und den anderen großen Ideen. Try and error. Konvolut des Scheiterns.

In der letzten Konferenz hat Chefin gesagt, wir sollten doch mal wieder den Keller aufräumen…

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20 Kommentare zu „Das Schulsystem und ich

  1. Also ich bin ja auch ganz großer Fan des Schulsystems und habe mehrere große Starschnitte der Bildungspolitik im Arbeitszimmer hängen. Außerdem mag ich es, mir brennende Streichhölzer unter die Fingernägel zu stecken. Ganz davon abgesehen finde ich quadrierte Kreise total super und mein perpetuum mobile ist sowieso das beste Gerät im ganzen Haus.

    Ich weiß gar nicht, was Du hast 😉

  2. Bravo!!! Dieser Eintrag sollte in Fachzeitschriften, Gewerkschaftsblättchen und sowieso als Rundbrief an alle Schulleitungen, Bildungsminister etc. geschickt werden!

    Mit diesen alten Fahnen könnten wir unser ganzes Bundesland á la Christo einhüllen!

  3. Es fehlen auch die unzähligen E-mails und Faxe und Briefe von ganz oben, wo so häufig drin vermerkt wird: „Bitte hängt die Fahnen rückwirkend zum 31.August vor drei Jahren raus“
    Toller Text von dir 🙂

  4. Da haben wir wirklich etwas gemeinsam.
    Ich verstehe mich mit dem Schulsystem auch oft nicht.
    Es ist schon ausreichend zwei Kinder mit dem Altersunterschied von genau 4 Schuljahren durch das Schuluniversum zu schicken, ohne Umzug, nur in einem Bundesland, aber durch 5 Schulformen.
    Wie schlimm muss erst sein, wenn man diesen ganzen bürokratischen KlimBim umsetzen muss. Und das Ministerium hier in Niedersachsen schafft es immer wieder einen Keil zwischen die Eltern zu treiben, weil alle das BESTE für ihr eigens Kind wollen. Die Kreispolitiker kochen angesichts bevorstehender Wahlen dann auch noch ihr eigenes Süppchen.

  5. Sie meinen, die farbigen Ferkel, die mit schöner Regelmässigkeit durch’s Dorf getrieben werden? Wo die wohl wachsen?
    Ich habe so ne Theorie. Es gibt ja diese Kultusministerrunde.
    Da hat jeder seine Mappe mit den pädagogisch-politischen Werken des letzten Jahre vor sich liegen. Auf ein Zeichen, Klingeln oder so, wird die Mappe einen Platz weiter gereicht. Es wird noch ein bißchen gefrühstückt und dann geht jeder mit der neuen Mappe heim, öffnet sie dort und verkündet die Neuigkeiten. So kreisen die pädagogischen Ideen von Bundesland zu Bundesland und wenn sie nicht verloren gehen gehen, kreisen sie noch heute. Zerfleddert sehen sie allerdings aus.

    1. Sehr anschaulich, diese Runde. Und Weihnachten wird gewichtelt, da weiß man dann nicht, was man von wem kriegt.

      Wir haben auch so einen Keller voller Sachen.

  6. Sehr, sehr treffend (und auch noch ausgesprochen poetisch!) formuliert. Dazu der Kommentar von crocodylus – hach, man möchte glatt mitfrühstücken, wenn einem nicht das Brot im Halse stecken bliebe…
    (hier neu im Angebot: Schulversuch „Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten“ = G8 und G9 parallel)

  7. ein wunderbares pamphlet gegen den innovationswahn, der euch grundschullehrer seit jahren besonders beutelt. ich bin oft erschrocken, wie wenig mut zum widerstand nur noch vorhanden ist. in den schulleitungen beugt man sich jedem neuen schwachsinn, der angeordnet wird. und in den kollegien wird nur vor sich hingemeckert und gestöhnt.
    mach weiter so, frau weh, dein blog ist ein genuss!

  8. Bei uns kommt so alle paar Jahre eine Kommission, die unsere Qualität überprüft, mit allen Schulfunktionären und dem Kollegium spricht und unvermutet im Unterricht auftaucht. Ganz zum Schluss wird dann noch ein kleiner Kreis speziell befragt.
    Und die schönste Frage lautete “ Wenn Sie sich für Ihre Arbeit an der Schule was wünschen dürfte, was wäre das?“
    „Dass Sie uns einfach mal in Ruhe lassen, so dass wir unsere Arbeit machen könnten“ war mein Vorschlag
    Sie würden nicht verstehen, was ich damit meinte.
    Das habe ich ihnen sofort geglaubt.

    1. Einfach mal in Ruhe gelassen zu werden wäre auch mein größter Wunsch. Oder auch Konzepte zunächst zu überdenken und mit der nötigen Planung anzugehen. Nicht alles, was in beispielsweise Finnland wunderbar funktioniert, umgehend – aber ohne die notwendigen Rahmenbedingungen – umzusetzen. Ach, man könnte ganze Litaneien zu dem Thema schreiben…

      Die Idee mit dem Frühstückskarussell finde ich brillant-lustig! Beim Chinesen gibt es doch manchmal so eine Drehscheibe in der Mitte des Tisches. Das würde sicher auch gut funktionieren. Einmal kräftig drehen und schauen, was auf dem Bildungsteller landet.

  9. Pingback: Danke, Frau Weh
  10. Uuuuuh ja. Nachdem mein Zweitklässler-Söhnchen unlängst etwas bedröppelt mit einem zweiseitigen Selbstevaluationsbogen nach Hause kam… wünsch‘ ich mir auch mal wieder, dass die Lehrerinnen einfach nur Unterricht machen dürften. Das können die nämlich. Auch ohne McKinsey, Bertelsmann, innovationswütige Schulverwaltungen und die immer neuen Produkte expandierwütiger Schularbeitsheftverlage. Vor allem ohne…

  11. Meiner Meinung nach ist die einzige Aufgabe der Bildungspolitik grobe Ziele vorzugeben und sonst nichts. Die Politik hat mit ihren verschiedenen Einstellungen ein zu großes Gewicht. Reformen werden meist ohne seriöse wissenschaftliche Grundlagenforschung eingeführt.
    Verschiedenste Interessensgruppen, die teilweise nur wenig vom Unterricht verstehen, beeinflussen diese Prozesse. Viele an der Bildung Beteiligte sind verunsichert und teilweise orientierungslos und deshalb vielfach überfordert und demotiviert.

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