Des Rätsels Lösung

„Du hast WAS!?“ ich ziehe scharf die Luft ein und schaue auf das puschelige Etwas in Nicks Hand. Es sieht aus wie ein flauschiger Meisenknödel. Ein schnarchender, flauschiger Meisenknödel. Himmelherrgott, hört mir denn in dieser Klasse keiner zu oder was?

„Aber die Mama hat verschlafen und ich konnte den Käfig doch nicht mit in den Bus nehmen“ wendet Nick kleinlaut ein. Irgendwie scheint ihm gerade zu dämmern, dass er da etwas wirklich Dummes gemacht hat. Auf dem Schulhof war er noch der König, jetzt schrumpft er in sich zusammen. „Hamster haben ganz kleine Herzen, die kriegen bei Aufregung einen Stillstand, dann ist er tot!“ Mia-Sophie kennt sich aus, in ihrem Kinderzimmer wohnt bereits Hamster Nummer 3. Da niest der flauschige Knödel auch noch. „Du bringst ihn sicher gerade um“ zischt Victoria herzlos und funkelt Nick böse an. Das ist zu viel für ihn, die ersten Tränen kullern, Rotz und Schnodder lassen nicht lange auf sich warten.

Ach, was solls, auf Geheule und tote Hamster habe ich keine Lust. Und schon dreimal nicht auf Adieu, Herr Muffin. Ich weise Tom2 an, die Bauklötze aus der Plastikschüssel zu räumen und hole den Beutel Kleintierstreu, den ich als Kotzstopp im Kunstschrank aufbewahre. Für ihre Verhältnisse äußerst leise bereiten die Zweitklässler dem schnarchenden Hamster ein Behelfsquartier. Sogar ein leerer Schuhkarton findet sich und wird als Schutzhütte über den Kuschelknödel gestülpt. Nick leert schniefend seine Hosentaschen. Neben Fußballkarten, einem Stein und 20 Cent findet sich eine Portion Sonnenblumenkerne. „Die frisst Harry am liebsten.“ HarryHamster, auch das noch. Hoffentlich frisst der überhaupt noch was, denke ich, sage aber nichts, sondern nicke Pauline zu, die zielstrebig einen Fressnapf vom Haustier-Ausstellungstisch holt.

Doch meine Sorge ist unbegründet. Sobald das Schüsselchen in der Wanne steht, ruckelt es im Karton und mit einem Satz (und einem aufgeregten Fieper) fliegt HarryHamster mitten in den Fressnapf und beginnt unflätige Geräusche von sich zu geben. „Ja, der frisst ziemlich gerne“ meint Nick. Ach was! Entzückt starren die Zweitklässler auf das knurpsende Kerlchen. Offensichtlich ist er mit einem widerstandsfähigen Herz-Kreislauf-System gesegnet, jedenfalls ist er eindeutig lebendig und guter Dinge.

Wir sind mitten im Wiegen und Messen (67 Gramm Kampfgewicht, holla-der-Hamster!) als die Tür aufgeht und eine deutlich derangierte MamaNick mit Käfig auf dem Arm in der Klasse steht. Vor lauter Peinlichkeit weiß sie gar nicht, was sie zuerst tun soll: Nick ausschimpfen, sich für die Verspätung entschuldigen oder den Käfig abstellen. Glücklicherweise ist auf die Zweitklässler in solchen Momenten Verlass. Schon springen sie auf, nehmen den Käfig an sich und stellen ihn neben Harry Behelfsquartier in den Sitzkreis. „Boah, ein Hamsterrad, cool, kann der da mal rein?“, „Was ist denn das für eine Röhre? Schläft der da drin?“, „Ihhh, was ist das eklige weiße da?“. Nick ist seinem Element. Vergessen der klägliche Start in seinen großen Tag. Mit roten Wangen erklärt er die Funktion des Salzlecksteins und die Zusammensetzung der Knabberstange.

Ich winke MamaNick zur Kaffeemaschine. Das schaffen die jetzt auch ohne uns.

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3 Kommentare zu „Des Rätsels Lösung

  1. Oh je, jetzt weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll!

    Lachen, weil ich mit meiner Lösung ja (fast) richtig lag – wenn auch die zeitliche Reihenfolge nicht ganz stimmte.

    Weinen, weil das Hamsterherz sicherlich gelitten hat, sehr alt werden die Tierchen ja sowieso nicht.

    Ich weiß auch noch nicht, ob es positiv zu bewerten ist, dass Nick seinen kleinen Liebling in der Hand und nicht im Mäppchen transportiert hat.

    Da muss ich noch mal drüber nachdenken, liebe Grüße von Frau Reiter

  2. Da weiß man nicht, ob man lachen, schreien oder weinen soll. Ich habe definitiv gelacht, gerade. Aber hinterher hat man immer gut lachen und als Außenstehender auch. Aber offensichtlich scheinst du es unbeschadet überlebt zu haben, und Harry der Hamster auch.

  3. Das kann man sich richtig bildlich vorstellen… der Kleine mit der Rotznase, 20 andere drumrum, das Hamsterchen irgendwo dazwischen!

    Für jedes Kind kommt die Zeit, in der in bester Absicht es sein erstes Tier umbringt *extrem böse werd*
    Aber nee, er scheints ja gut überstanden zu haben. War für den Kleinen (für den Nick, nicht für Harry Hamster) sicher eine gute Lehre.

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