Wovon Frau Weh nachts träumt

Ich habe sie gefunden! Die Lösung aller Disziplinprobleme. Ja, ehrlich. Heute Nacht, einfach so. Ich ziehe mich jetzt aus dem aktiven Schuldienst zurück, schließe diesen Blog, schreibe ein Buch und werde endlich reich und berühmt. Ich werde zu Gast sein in allen wichtigen Talkrunden; begrüßen wir ganz herzlich Frau Weh, die unseren Bildungsanstalten den pädagogischen Frühling gebracht hat.

wichtiger Talker: Frau Weh, Ihr Buch hat ja eingeschlagen wie eine Bombe. Was zeichnet Ihren Erfolg aus?

Frau Weh: Mein Ansatz bietet die Lösung aller Disziplinprobleme, die wir Lehrer bisher im Grundschulbereich anzugehen hatten.

wichtiger Talker: Aber Sie mussten zunächst einige Überzeugungsarbeit leisten.

Frau Weh: Ja, das ist richtig. Anfänglich stieß meine Methode tatsächlich auf Irritation, viele Kollegen wussten nicht mit dieser denkbar einfachen Herangehensweise umzugehen, fühlten sich – Verzeihung! – gar auf den Arm genommen. Gerade für männliche Kollegen ist dieser Weg sicherlich nicht der einfachste.

wichtiger Talker: Warum sind es gerade die männlichen Lehrer, die sich schwertun?

Frau Weh: Nun, das hat kulturelle Gründe. Männer haben es oft aufgrund ihrer Statur, ihrer Stimme oder optischen Präsenz wegen leichter, wenn sie einer Klasse wildgewordener Zweitklässler gegenüberstehen. Häufig reicht ein mittellautes „Jetzt aber Ruhe im Karton!“ und die Kinder werden zumindest aufmerksam. Doch nicht immer reicht diese körperliche Dominanz. Dann ist es Zeit für neue Wege. Meine Methode verlangt den männlichen Kollegen eine scheinbare Feminisierung ab, bei der sie sich anfänglich unwohl fühlen können. Dabei ist die Entwicklung der Methode biologisch nachvollziehbar. Die gerade genannten körperlichen Merkmale der Männer stehen den Kolleginnen häufig nicht zur Verfügung. Ich beispielsweise bin nahezu winzig

wichtiger Talker: Aber dennoch doch sehr präsent!

Frau Weh: …oh vielen Dank, aber lassen Sie mich den Gedanken zu Ende führen. Stellen Sie sich eine Lehrerin meiner Größe und Stimmlage im Unterricht vor. Erhebe ich die Stimme über ein gewisses Maß, wirkt dies schlichtweg übertrieben und hat interessanterweise auch recht wenig Erfolg. Wende ich meine Methode an, ist mir die Aufmerksamkeit gewiss. Und das ganz ohne Kraftanstrengung.

wichtiger Talker: Aber es erfordert einen gewissen Zeitaufwand?

Frau Weh: Ja, das stimmt. Aber auch hier macht Übung den Meister. Ich integriere den Vorgang ganz einfach in meine Unterrichtsvorbereitung. Dabei kann ich meine E-Mails lesen oder Musik für den Unterricht auswählen. Es hat sich übrigens herausgestellt, dass gitarrespielende Kollegen am wenigsten Berührungsängste aufweisen.

wichtiger Talker: Wie kommt das?

Frau Weh: Nun, klassische Gitarristen sind es gewohnt, dass man ihren Händen Aufmerksamkeit schenkt. Sie fühlen sich nicht verunsichert, wenn dies mit der Anwendung meiner Disziplinierungsmethode zunimmt.

wichtiger Talker: Darf ich Sie bitten, uns die Kernpunkte Ihres Ansatzes zu verdeutlichen?

Frau Weh: Sehr gerne. Die Lösung aller Disziplinprobleme ist

die Wahl des richtigen Nagellacks!

Ein für sich genommenes taram taram auf die Tischplatte geklopft, bleibt wirkungslos. Dieses taram taram in magentarot hingegen zieht die Aufmerksamkeit der Primarstüfler magnetisch auf sich.

  • Seien Sie mutig, lassen Sie Nude- und Puderfarben hinter sich. Bauen Sie stattdessen auf starke Farben und Kontraste!
  • Binden Sie ihre Fingernägel in die Unterrichtsplanung ein! Sie thematisieren im Sportunterricht die EM? Warum nicht einmal die Flaggen der Teilnehmerländer tragen? Das liegt doch buchstäblich auf der Hand. Für Ungeübte gibt es Schablonen, Tattoos oder Nagelfolien. Sie sprechen über Tod und Trauer im Religionsunterricht? Ein mattes Schwarz zeigt Ihre persönliche Anteilnahme. Der Igel im Herbst ist Ihr nächstes Sachunterrichtsthema? Arbeiten Sie dreidimensional mit Metalllacken und Eisenspänen! Sie werden sehen, Ihre Schüler werden Ihnen an den Lippen Nägeln hängen.
  • Brennt Ihnen etwas unter den Nägeln, verzagen Sie nicht! Greifen Sie in diesem Fall zu acetonfreiem Nagellackentferner und aufbauendem Nagelöl.
  • Sie sind ein guter Lehrer und dennoch beschäftigen sich Ihre Schüler mit anderen Dingen? Suchen Sie nicht nach Ausreden, starten Sie heute mit Frau Wehs neuartiger und effektiver Methode der Disziplinierung! Ihre Schüler werden Sie lieben! Ihre Chefin wird Ihr neugewonnenes Selbstvertrauen bemerken und Sie völlig neu bewerten. Warum noch warten? Der Frühling ist da!

wichtiger Talker: Vielen Dank, Frau Weh! Darf ich Sie abschließend fragen, was an dem Gerücht dran ist, dass Bernhard Bueb für ein gemeinsames Filmprojekt auf Sie zugekommen ist?

Frau Weh: Dazu möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen.

wichtiger Talker: Wir dürfen also gespannt bleiben. Vielen Dank, Frau Weh für Ihren Besuch. Ich bin mir sicher, dass Ihre Methode noch viele Anwender finden wird.

Frau Weh: Ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen.

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21 Kommentare zu „Wovon Frau Weh nachts träumt

  1. SOOO einfach ist das??

    Na dann werde ich mal unserem Grundschul-Klassenlehrer am Montag beim Elternabend ein paar Fläschchen überreichen. Kann ja nix schaden.

    LG

  2. Und ich dachte immer, Frau Weh, es sei die richtige Wahl des Parfüms bzw. des Rasierwassers!
    Sowas!
    Da kann ich ja nicht mehr mithalten!
    Aber ich geh ohnehin bald in Rente.

  3. Ich bleib da lieber bei T-Shirts. Die bieten mehr Fläche und bringen die Message besser rüber!
    Trägt die Lehrerin ein feuerrotes „Bazinga!“-Shirt, wissen die Kinder direkt was abgeht… http://www.thinkgeek.com/tshirts-apparel/womens/d194/
    Hat die Lehrerin keinen Bock mehr auf nervige „Waruuum?“-Fragen, bietet sich dieses Shirt an: http://www.thinkgeek.com/tshirts-apparel/womens/ec7d/
    Und lässt sich die Frustration über den ausbleibenden Lernerfolg der Schüler nicht mehr verbergen, prischt man mit diesem Shirt vor: http://www.thinkgeek.com/tshirts-apparel/womens/ec8e/

    T-Shirts sind toll!

  4. Ein Lehrer mit magentaroten Fingernägeln zieht mit Sicherheit viel Aufmerksamkeit auf sich. :mrgreen:

    @Jürgen: Rasierwasser KANN funktionieren – muss aber nicht! Hat zum Teil eher hypnotische Wirkung … Allerdings: Dann ist die Klasse auch ruhig. 😉

  5. Sehr geehrte Frau Weh,
    ziehen Sie im Sommer eine Ausweitung auf die Zehennägel in Betracht?
    Oder wäre da eher eine kontraproduktive Wirkung zu befürchten?
    😉

  6. Endlich mal eine messbare Komponente des schwer fassbaren, schon leicht esoterischen Konzepts „Lehrerpersönlichkeit“! Vielen Dank für den wichtigen Hinweis, ich werde den lila Nagellack meiner Tochter schon mal für die nächste Unterrichtsstörung bereithalten.
    Ob es wohl auch zur Disziplinierung dienen könnte? Zweimal Hausaufgabe vergessen, dann muss sich Sebastian die Fingernägel pink anstreichen?

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