Gedankenblasen

Jason ist auch heute Thema Nr.1. Im Lehrerzimmer brodelt es. In meinem Kopf auch. In den vielen Kommentaren auf den gestrigen Beitrag lese ich, dass die Inklusion alle Beteiligten sehr beschäftigt. Natürlich, ist es doch unsere tägliche Arbeit, die davon unmittelbar betroffen ist. Eine Arbeit übrigens, die die meisten meiner Kolleginnen mit enorm hohem persönlichen Einsatz leisten. Oft über eigene Grenzen hinweg.

Wer diesen Blog bereits etwas länger als einen Tag verfolgt, wird herausgelesen haben, dass ich bereits inklusiv arbeite und zwar aus der Überzeugung heraus, dass jedem Kind die bestmögliche Beschulung zukommen sollte, unabhängig von seiner Herkunft, seinem sozialen Status oder anderen Kriterien. Aber – und damit greife ich einen Aspekt auf, der auch in den gestrigen Kommentaren fiel – wie so viele betroffene KollegInnen bin auch ich nunmal keine studierte Sonderpädagogin. Und daran ändern auch die zahlreichen Fortbildungen der letzten Jahre nichts.

Auf einmal sollen die Grundschullehrer all das leisten können, wofür die Kollegen der Förderschulen lange studiert haben? Das ist doch ein schlechter Scherz! Wir haben übrigens keinen Sonderpädagogen an unserer Schule, es ist nämlich laut zuständigem Schulrat niemand verfügbar für Grundschulen, die zwar inklusiv arbeiten, aber noch nicht den amtlichen Stempel des Gemeinsamen Unterrichts führen. Ach, Moment… ich habe einen ungelernten Integrationshelfer und die Telefonnummer einer Förderschulkollegin bekommen, die ich anrufen kann, wenn etwas ist. 25 Kinder, ein Kind mit nicht näher bezeichneter tiefgreifender Entwicklungsstörung, ein Sprachförderkind, ADHS, ADS, LRS, Dyskalkulie, Jugendamtskandidat Lennox, seit Montag plötzlich ein neues Kind mit vermuteter Lernbehinderung und nicht zu vergessen der ganz normale Wahnsinn einer ganz normalen Grundschulklasse mit Supermom auf der anderen Seite („es ist ja so richtig, dass die ganzen armen Kinder hier einen Platz bekommen, aber wir halten bitte im Auge, dass Mia-Sophie aufs Gymnasium gehen wird….!“). Es ist immer irgendwas.

Nein, ich bin nicht gegen Inklusion, aber ich bin dagegen, dass sie ohne Sinn und Verstand einfach von oben durchgesetzt wird. Mag sein, dass Wege durchs Gehen entstehen; wohler würde ich mich fühlen, wenn ich auch ein qualifiziertes Team und gute Ausrüstung bei mir wüsste.

In diesem Sinne ein gutes Wochenende,

herzlichst Frau Weh

P.S. Neben dem vielen Zuspruch bedanke ich mich auch für die Suchanfrage nach den „strammen Schenkeln der Lehrerin“. Es hat mir ein breites Lächeln verursacht 😉

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25 Kommentare zu „Gedankenblasen

  1. Das macht mir auch wirklich Sorgen. Und ich stehe noch ganz am Anfang. Nächstes Jahr im Juli hab ich das Referendariat durch & dann kommt das alles auch noch dazu.
    Wir sollen ja jetzt schon Förderpläne schreiben und mal probieren 2 Monate danach zu unterrichten… Hallo? Es ist schon schwer genug, die ganzen 1000 Kleinigkeiten zu beachten, die einem ne Stunde gelingen/misslingen lassen – und dann sollen wir noch nach Förderplänen nebenbei unterrichten? Und die selbst schreiben?
    Ich gebe dir Recht, wir sind nicht dazu ausgebildet & wenn unsere Länder wollen, dass wir gemeinsam Unterrichten, dann sollen sie uns gefälligst auch qualifiziertes Personal an die Seite stellen. Anders geht sowas nicht.
    Ich fühle mich auch absolut nicht auf diese ganzen Sachen vorbereitet. Im Studium war Sonderpädagogik ein Wahlmodus, was ich zugunsten von Werken nicht gemacht habe. Und selbst die, die es hatten sind überfordert.

    Wir Lehrer muten uns ganz einfach zu viel zu. Wie du schon sagst, viele gehen weit über ihre Grenzen hinaus. Eben weil ihnen etwas an der Arbeit liegt, weil es Spaß macht.
    Aber der richtige Weg wäre wohl eigentlich, mal auf die Barrikaden zu gehen und den „Bestimmern von oben“ mal die Realität in der Schule zu zeigen. Die haben überhaupt keine Ahnung von dem, was bei uns so abläuft & was sie uns nebenbei aufbürden.

    Ich habe jetzt auch angefangen, mich zu engagieren und für die Junglehrer einzutreten. Ob es was bringt, werden wir sehen. Ich hoffe es sehr. Denn so langsam ist das echt kein Zustand mehr, was an den Schulen abgeht…

    1. Ich sehe es ein bisschen differenzierter als du, aber ich bin ja auch schon ein paar Jahre dabei. Förderpläne zu schreiben und danach zu unterrichten, finde ich einen elementar wichtigen Bestandteil unserer Arbeit. Wir unterrichten nunmal heterogene Klassen. Aber es ist ein Ding der Unmöglichkeit, 29 Förderpläne zu erstellen und in der Unterrichtsvorbereitung zu berücksichtigen. Was fehlt, sind mehr Stellen, kleinere Klassen, Sonderpädagogen, geeignete Fördermaterialien, Räume und nicht zuletzt die veränderte und an die Realität angepasste Ausbildung.

      1. Das kann ich nur zu 100% unterschreiben.
        Klar gehören Förderpläne dazu, aber uns 60min lange was dazu auf PowerPoints zu präsentieren & dann zu denken „die kriegen das schon hin“ ist ein Witz.
        Vielleicht ändert sich ja irgendwann mal was – wäre dringend notwendig.

  2. klingt ja so wie das problem meiner (in 2 tagen gottseidank ehemaligen) schule… anders ist eben nur, dass die für kinder mit emotionalen schwierigkeiten war, sich aber nicht mein rein somatisch erkrankten schülern auskannte und dementsprechend planlos war^^

      1. gerne! 🙂 auf geht’s!

        aber jetzt mal im ernst: wieso schicken die euch so viele i-kinder , obwohl die schule offiziell noch keine i-plätze und somit nicht entsprechend qualifiziertes personal hat? kann man die nicht theoretisch so llang warten lassen, bis alles so geregelt ist, wie es sein sollte?
        vorallem ein wirklich lernbehinderter mit „echter“ intelligenzminderung benötigt doch sich seeeeeehr viel sonderkram? ich hatte auch einen in der klasse, er ist jetzt 14 und verhaltenstechnisch geschätzt auf dem stand eines 9-10 jährigen… er braucht sehr viel hilfe und kann durch seine „geistige unflexibilität“ mühelos den englischunterricht sprengen…

        1. „wieso schicken die euch so viele i-kinder , obwohl die schule offiziell noch keine i-plätze und somit nicht entsprechend qualifiziertes personal hat?“

          Weil die Eltern jetzt das Recht dazu haben, ihr Kind auf eine Regelschule zu schicken.

  3. Diese Austicker haben wir seit Wochen täglich! Mal der Eine, mal der Andere! Mal „nur“ brüllend, mal um sich schlagend, mal kratzend und beißend… So langsam geht’s an die Substanz! Noch 10 Tage, dann sind Ferien und alles Jasons Deutschlands können mir dann getrost mal den Buckel runterrutschen ;o)
    Schönes Wochenende *valessa

    1. Oje… da haben wir hier (noch) das Paradies gegen. Dir auch ein schönes Wochenende! Ich setze übrigens gerade dein Magnetismus-Material ein, danke dafür 🙂

  4. Richtig, Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Hilfreich wären allerdings ein Kompass, um sich zu versichern, dass man das Ziel noch im Blick hat, und eine Machete, um den Weg frei zu machen. Daneben braucht es Viele, die den Weg dauerhaft gangbar machen. Mit anderen Worten: Ich schließe mich vielen meiner Vorredner an. Inklusion ja, aber nicht als Sparmaßnahme.
    Jüngstes skandalöses Beispiel dafür, wie ignorant mit den Anforderungen eines pädagogischen Berufs umgegangen wird, ist der Vorschlag, die arbeitslosen Schlecker-Frauen in Crash-Kursen zu Erzieherinnen umzuschulen. Hauptsache billig!

  5. Erstmal: Fühl dich gedrückt und mit Muffins versorgt!
    Ich bin ja nun voll gut ausgebildete sonderschullehrerin (höhö), kann dir ne menge über lrs und dyskalkulie erzählen, förderpläne schreiben und abheften und bin mit ausrastenden kindern leider ebenso überfordert wie du (das häufigere auftreten solcher sachen bei uns lässt einen so manches ausprobieren. Leider nur wenig wirksames. Habe schon mehrfach über jürgens idee nachgedacht. Leider ist das bei uns eine eher gedisste option).
    Bezùglich der so wahnwitzig ungeplant eingeführten inklusion scheint es in beinahe allen bundesländern das gleiche zu sein. Einfach los. Och menno.

      1. Seit zwei Jahren. Ist von unserer Schule entwickelt worden. Die erste Fassung war noch nicht so toll,aber die aktuelle Fassung finde ich wirklich sehr gelungen und praktikabel. Und wenn man sich wirklich für einen gewissen Zeitraum immer nur drei, vier Aspekte zum Fördern herausnimmt und die wirklich intensiv fördert, hält sich die Arbeit pro Schüler im Rahmen. Ich habe das Programm an einer Grundschule vorgestellt und die sind ebenfalls ganz begeistert.

          1. Wenn du Fragen hast, melde dich. Mail-Adresse hast du ja, oder? Die Idee stammt von uns und wir haben auch versucht, es umzusetzen, aber dann haben wir noch einen Softwareentwickler dazugezogen.

  6. Mir tun die Lehrerinnen auch leid. Ich habe selbst zwei Integrationskinder, mit sehr engagierten Lehrerinnen, mit denen auch die Zusammenarbeit wirklich gut läuft – aber die wissen einfach oft auch nicht, wo ihnen der Kopf steht. Mittlerweile habe ich ein solides Wissen nicht nur, was die Besonderheiten meiner Kinder angeht, sondern auch in ganz schulspezifischen Bereichen; wenn eins meiner Kinder mit den Unterrichtsmaterialien nicht klarkommt oder im allgemeinen Gewusel den Stoff verpasst, dann sitze ich abends da und mache das ganze noch mal kleinschrittig und anders aufbereitet mit ihm. Und lese Lehrerblogs um die andere Seite besser zu verstehen 😉 – das ist alles ok, macht Arbeit aber auch Spaß – aber abgesehen davon, dass die Kinder dadurch in schulischen Dingen viel abhängiger von mir sind als ich das gerne hätte, müsste Vergleichbares doch eigentlich auch für die Kinder möglich sein, deren Eltern nicht in der Lage sind, die kleine parallele Unterrichtsvorbereitung zu leisten oder frühmorgens schnell noch eine Bildergeschichte mit dem erwünschten sozialen Verhalten in der Umkleidekabine auszudenken. Die I-Kinder aus schwierigeren Verhältnissen sind verraten und verkauft – und das liegt nicht daran, dass die Lehrerinnen nicht engagiert und besten Willens wären.

    1. Danke für deinen Kommentar. Das ist ja auch noch ein Aspekt, den man bedenken muss: Wieviel Schul-Arbeit lagern wir auf die Eltern aus? Schon im normalen Schulalltag ist das für einige Eltern kaum zu leisten, aber in solchen Fällen?

      1. Ja, das hat mich nach der Einschulung meines Ältesten sehr erstaunt. In meiner Schulzeit (lange her) war sehr klar, dass die Eltern mit den Schuldingen nichts zu tun haben. Das hat sich sehr geändert. Etwas schockiert war ich unlängst, als eine Bekannte (Grundschullehrerin an einer konfessionellen Schule) ganz trocken meinte, die Lehrpläne seien so überfrachtet, dass ohnehin nur die ganz fixen Kinder das alles im Unterricht erarbeiten könnten. Die anderen müssten halt zur Nachhilfe gehen, anders sei das nicht möglich – und sie sprach da durchaus von Erstklässlern… gruselig.

        1. Das erlebe ich zum Glück noch anders. Aber insgesamt ist schon ein wacher Blick der Eltern nötig, mit mal mehr, mal weniger Hilfe. Ich empfinde auch manches in den Lehrplänen der Grundschule als überflüssig.

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