Sachunterricht

„Manchmal machen wir ganz schön eklige Dinge“, meint Marc anerkennend und blickt fasziniert ins Glas, in dem das Eiweiß gerade zu flocken beginnt*.

Auch Isabelle schaut gebannt auf den Vorgang, durfte sie doch die vorbereitenden Hausaufgaben nicht erledigen, weil ihre Mutter Lebensmittel lieber selber isst mit Verweis auf hungernde Kinder in Afrika keine 2 Esslöffel Essig zum „Herummatschen“ freigeben will. Ich versuche meinen Ärger über den schriftlichen Hinweis quer übers Arbeitsblatt zu vergessen und lasse die Drittklässler weiter an ihren einfachen Versuchen Fett, Stärke und Eiweiß sichtbar zu machen arbeiten.

Tatsächlich bin ich aber ganz schön angefressen. Wir schlachten hier kein Schwein, sondern reiben mit Nüssen über Löschpapier. Welche Haltung steckt hinter einem solchen elterlichen Verhalten? Geht es hier wirklich um ethische Bedenken oder um das bloße DAGEGEN! ?

Ehrlich, manchmal ist Grundschullehrerinsein nicht gerade leicht.

*Denaturierung: Lösliche Proteine verfügen über eine kugelförmige Raumstruktur. Durch die Zugabe von Essig ändert sich die Struktur und das Eiweiß flockt aus. Kinder finden das sehr spannend. Ich finde es lehrreich.

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30 Kommentare zu „Sachunterricht

  1. Analysierend sage ich: Ich glaube, manche Eltern wollen einfach immer mal wieder gern beachtet werden (und manche sind einfach gern dagegen.)
    Mitfühlend sage ich: Du Arme, sowas zerfrisst einem ja gerne mal innerlich eine hübsche Unterrichtsstunde.
    Aufmunternd sage ich: Ich habe da gerade telefonisch eine Buchung vorgenommen…:-)

    Umarmung!
    H.

  2. Ach, nimm es dir nicht zu Herzen!
    Ich hatte kürzlich einen Elternabend. Wir haben in der 4. Klasse eine Klassenfahrt mit praktischer Verkehrserziehung mit Polizei(findet hier im Kreis IMMER statt) – die ist am Ende des Schuljahres. Zusätzlich haben wir jetzt eine Klassenfahrt mit Projektwoche in einem Umweltbildungszentrum gewonnen – alle, aber wirklich ALLE haben sich riesig gefreut. KOmmentar einer Mutter „Noch so eine Spaßveranstaltung“…..
    Nach kurzer Sprachlosigkeit (und erneuter Erläuterung des durchaus lehrreichen Programmes) fiel mir netterweise eine Mutter ins Wort und meinte „Ist ja schön und gut, dass die Kinder da was lernen, aber Spaß sollen sie ja trotzdem haben, Kinder müssen auch mal Spaß haben dürfen“ *grins* RICHTIG!

  3. Find ich ja krass, was ihr so alles macht. Wir hatten Denaturierung erst in der 11. Klasse?! Und da haben wir nicht mal einen Versuch damit gemacht.

    Solche Mütter halten es vielleicht einfach für eine Zumutung, wenn Hausaufgaben aus mehr bestehen als aus etwas Schriftlichen. Das ist schlicht Faulheit gepaart mit unendlicher Borniertheit.

    Schreib ihr zurück: „Liebe Frau X, danke für Ihren Hinweis auf die Ernährungsproblematik in der 3. Welt. Solche Anregungen machen aufgrund der empörenden Lebensmittelverschwendung im deutschen Bildungswesen nachdenklich, daher haben wir uns entschlossen, in Ihren Namen eine Flasche Essig an „Brot für die Welt“ zu spenden. Viele Kinder werden demnächst mit Liebe und Dankbarkeit an die deutsche Mutter denken, die es ihnen ermöglicht hat, morgens ein bekömmliches Glas Essig zu trinken. Hochachtungsvoll, Frau Weh“

  4. Ich weiß, schlecht über die eigene Mutter zu sprechen gehört sich nicht, aber: Meine Mutter war zu meinen (Grund)Schulzeiten genau so Eine [bescheuerte Ich-weiß-es-besser-Mutter] und von daher lass dir gesagt sein: Es geht nur um das bloße Dagegen. Also halt es am besten wie die Pinguine: Lächeln und winken! 😉

      1. Meine Schwester und ich entdecken aneiander immer mehr mütterliche Züge, trotz jahrelangem „Ich werde NIIIIIEEEE so!“. Offensichtlich ein Naturgesetz…

      2. Also in einigen Dingen ähnel ich meiner Mutter definitiv, aber Gott sei Dank in dem Bezug so gar nicht! 🙂 Ich bin nur dagegen, wenn es wirklich sinnvoll ist, dagegen zu sein. Und gegen solch Experimente im Schulunterricht wär ich definitiv nicht, dafür hätte ich auch heute noch selbst viel zu viel Spaß daran! 😉

  5. Schreiben Sie Ihr einfach zurück, wie Sie das denn mache, den ganzen Essig nach Afrika zu verschicken … Also welche Behälter man da am besten nimmt und wie man das einpackt … Denn Sie hätten ja auch schon mal dran gedacht, aber nie gewusst, wie das am besten geht ….

    …. Manche Leute. Ehrlich.

  6. *tststs* Mütter gibt es!!!!! Bitte nicht darüber ärgern!
    Aer sag doch mal: Wie erklärst du den Vorgang der „Denaturierung“ denn in kindlichen Worten???

    1. Der Begriff Denaturierung fällt exakt einmal. Nämlich am Ende: „Die Wissenschaftler machen so etwas wie wir auch ganz gerne, sie haben da auch ein schwieriges Wort für: De-na-tu-rie-rung. Wer möchte das mal an die Tafel schreiben?“

      Erklärung erfolgt mit einem Tafelbild. Lauter kleine Männlein, die sich fest an den Händen halten und dann von anderen Männlein auseinandergeschubst werden. Das wird dann noch einmal beim nächsten Aufstellen nach der Pause am lebenden Subjekt demonstriert und fertig.

  7. es wäre was anderes gewesen, wenn ihr einen leibal brot beim verschimmeln zugucken wollen würdet, bei zwei esslöffeln essig finde ich ihre reaktion etwas befremdlich.

    wie gerne würde ich bei dir nochmal die schulbank drücken; wir könnten soviel spass miteinander haben 🙂

  8. „Nichts mit Bosheit erklären, was sich auch durch Dummheit erklären lässt.“
    Diesen schönen Spruch habe ich neulich irgendwo (ich hoffe nicht in deinem Blog!) gelesen und ihn zum Motto des neuen Schuljahrs erklärt. Passt auch auf dein Erlebnis, oder?!?

    Ganz liebe Grüße schickt Frau Reiter

  9. Geteiltes Leid ist halbes Leid: Eine Kollegin schrieb in das Merkheft eines Schülers, dass er aufgrund seines schlechten Verhaltens des Sitzkreises verwiesen werden musste. Daraufhin der schriftliche Kommentar der Mutter: „War das nötig?“….

  10. Eltern gibt’s, das mag man kaum glauben… Gerade bei so einfachen, aber auch eindrucksvollen Experimenten!
    Was mich persönlich an dieser Stelle interessiert, wie machst Du deinen Unterricht – forschend-entdeckend oder klassisch (Versuchsanleitung etc.)? Ich bin immer mal auf der Suche nach neuen Ideen, wie man an gerade solche doch eher klassischen Versuche von einem anderen Blickwinkel aus neu angehen kann. Würd mich freuen mich ein bisschen mit Dir austauschen zu können.

    Viele Grüße und immer den Spieltrieb für Experimente behalten 🙂
    mare

    1. Teils, teils. Es gibt ja Versuche, die eine gewisse Vorbereitung im Aufbau etc. benötigen. Da gehe ich dann klassisch vor. Bei anderen Sachen (Mischversuche oder auch der Versuch mit Eiklar und Essig) lasse ich ausprobieren. Lege aber vorher die Mengen bereit, die benötigt werden. In Musik lasse ich sobald die Regeln festgelegt sind ebenfalls gerne ausprobieren.

  11. „Wir schlachten hier kein Schwein, sondern reiben mit Nüssen über Löschpapier. “
    Wir haben zu meiner Schulzeit im Biounterricht (7.oder 8. Klasse) Schweineaugen auseinandergenommen. Und unsere Eltern fanden das alle gut.

    Die Mutter sehen ich schon vor mir, wenn ich in Sachunterricht das Thema „Salz“ durchnehme. Die ganzen Experimente fallen dann wohl weg …

    Wenn ich sehe, was nach der Frühstückspause an Lebensmittelresten und Verpackungsmüll im Mülleimer liegt, finde ich das eher bedenklich.

    1. „Wenn ich sehe, was nach der Frühstückspause an Lebensmittelresten und Verpackungsmüll im Mülleimer liegt, finde ich das eher bedenklich.“

      Das trifft es ganz genau!

  12. Liebe Frau Weh,
    könntest du bitte die Versuche zu Fett, Stärke und Eiweiß noch ein mal etwas genauer beschreiben oder mir einen Literaturtipp geben? Ich plane eine Einheit zur gesunden Ernährung und den Lebensmittelgruppen, habe aber selber noch nie im Sachunterricht experimentiert und möchte nicht im Chaos landen. (Es ist mein erstes Jahr im Lehrerdasein- und ich bin natürlich nicht in SU ausgebildet.) Danke!

    1. Schau doch mal nach Büchern über Experimente für Kinder, da sind oft tolle Sachen dabei.
      Die drei o.g. Versuche sind allesamt sehr simpel. Kartoffelstärke kann sichtbar gemacht werden, wenn man eine halbe Kartoffel über schwarzes Papier reibt. Beim Versuch zur Denaturierung gibst du ein Eiklar in ein Glas mit Essig. Bei den Fetten haben wir verschiedene Lebensmittel über Löschpapier gerieben (Nüsse, Käse (einmal fettreduziert, einmal vollfett) und Wurst). Die Kinder sollten anfangs bei allen Versuchen Vermutungen anstellen, was passieren könnte, dann durchführen, beobachten, zeichnen und beschreiben. Der Versuch mit dem Eiweiß kann als Langzeitversuch durchgeführt werden. Meine Klasse fand es sehr spannend, jeden Morgen ins Glas zu schauen und die Veränderungen zu sehen.
      Viel Spaß dabei, Sachunterricht ist ein ganz tolles Fach, aber ich musste mich auch erst einfinden!

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