Kollegiumsmelancholie

Ach, es ist ein Kreuz mit dem Älterwerden!

Schon eine ganze Weile habe ich mich ja dabei ertappt, dass sich da was ändert. Es sind Kleinigkeiten, winzig, unbedeutend für sich genommen. Aber in der Summe beunruhigen sie. So erwische ich mich gelegentlich immer häufiger dabei, dass ich sonntags statt Tatort lieber WDR gucke (Wunderschön!) oder statt zu shoppen lieber eine Runde auf den Crosstrainer gehe. Dass ich SchönesLiebesLandundlecker-Zeitschriften jedem Porno vorziehe, ist kein Geheimnis. (Und auch beileibe kein wirkliches Problem.) Ich esse bewusster und denke über so abstrakte Begriffe wie Nachhaltigkeit nach. Hmm…

Aber was neu ist und was ich wirklich gar nicht leiden kann, ist, wenn sich personell was um mich rum ändert. Ich hasse das! Früher, als noch jeder neu auftauchende Mitmensch eine potentielle Bereicherung für das eigene Leben darstellte, war das natürlich ganz anders. Oh, was ist man mit 20 neugierig auf andere! Wie aufregend, wenn sich in der Bahn jemand neben einen setzt und ein Gespräch beginnt! Spannend, bunt und prall ist der Erlebnishorizont mit Mitte 20. Aber als meine beste, liebste und einzige Friseurin neulich laut über einen Wechsel der Arbeitsstelle nachdachte, blieb mir fast das Herz stehen. Ist sie doch die einzige ihres Fachs, die aus dem Salat auf meinem Kopfe irgendetwas frisurähnliches hinbekommt. Ich will sowas einfach nicht! Es ist so schwer, Menschen zu finden, denen man sich anvertraut, an die man sich über die Jahre gewöhnt hat. Die können doch nicht einfach gehen!?

Leider können sie doch. Im letzten Schuljahr waren es zwei Kolleginnen. (Natürlich ist mein Kollegium genauso neurotisch und seltsam wie man sich eine Gruppe Frauen in den besten Jahren und darüber so vorstellt. Aber es ist eben mein Kollegium! Ich hänge da dran.) Die beiden fehlen mir. Keine Witzeleien über altersdiskriminierende Feuerwehrmänner mehr, keine trockenen Sprüche über unsägliche Zustände im Religionsunterricht. Das hinterlässt Lücken. Und außerdem, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, hat uns auch noch unser Hausmeister vor geraumer Zeit verlassen.

Gibt es Schlimmeres?

Dauernd blicke ich auf seinen leeren Platz im leeren Hausmeisterbüro und fühle mich einsam. Keine Anraunzer mehr, aber auch kein Klopapier und keine Kühlpacks. Alles muss man jetzt selber machen. Für jede kaputte Glühbirne (ja, sowas gibt es hier noch) muss die Stadtverwaltung angerufen werden. Als hätte man sonst nichts zu tun. Ehrlich, ich streike bald! Oder lege mir die gleiche ominöse Krankheit wie Frau Schmitz-Hahnenkamp zu. Die fehlt nämlich schon seit zwei Wochen.

Ich tippe auf Kollegiumsmelancholie.

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14 Kommentare zu „Kollegiumsmelancholie

  1. Warte noch ein paar Jahre, dann kriegt man die Veränderungen im Kollegium gar nicht mehr so mit. Wie, der arbeitet nicht mehr hier? Und das ist jetzt ein neuer Referendar und nicht mehr der von eben noch, also vom letzten Jahr?

    1. Das ist so ein typisches Ding der großen Kollegien, oder? Sebastian hat auch mal davon erzählt. Wir sind allerdings nur 10, da wird jeder Krankheitsfall zur brisanten Situation und veränderte Strukturen im Kollegium fallen deutlich ins Gewicht. Eine kleine Schule mag Vorteile bieten, aber ich gebe zu, dass ich mich öfters an eine größere Schule wünsche!

  2. Ich stimme Herrn Rau voll und ganz zu. Die Grenzen werden fließend.
    Man wundert sich dann nicht mal mehr, wenn Kollegen rumsitzen und erzählen, die dann aber schon 5 Jahre in Pension sind.
    Die Referendare kommen laufend nach und die Namen, außer denen, die man zu betreuen hat, verschwinden, wie sie aufgetaucht sind.
    Und wenn Sie dann noch einen Schulwechsel hinter sich haben, wissen sie irgendwann nicht mehr wer wann wo unterrichtet hat.
    Ich habe mittlerweile schon ehemalige Schüler als Kollegen, die sich genau an Sternstunden meines Unterrichts erinnern, bei denen ich vermutlich nicht anwesend war. Ahmmmm, die ich vergessen habe.
    Übrigens, wo ist denn Popeye, der durchtätowierte Hausmeister, abgeblieben?

    1. Das ist bei uns ganz und gar nicht so, was aber daran liegen mag, dass wir mit gerade mal 10 Kolleginnen schmerzhaft jeden Ausfall merken.

      Popeye ist uns genommen worden. Das bedaure ich wirklich! Solche Oberarme… so ein schön gekehrter Schulhof… schon traurig das Ganze!

  3. Nein Frau Weh, nein! Nicht ins Licht! Nicht ins Licht!

    Nein, mal ernsthaft, so Momente hab ich mit meinen 22 auch gerne mal, nehm die aber tatsächlich nicht so ernst…Man ist ja jung, und vielleicht wird die Tür, die sich ja öffnet besser, toller, spaktakulärer? Who knows?
    Du bist also nicht alleine. Wenn du wieder in die Melancholie abrutscht, schnapp dir eine Tasse Kakao oder Tee und knabber ein paar Kekse. 😉 Das hilft!

  4. Ja, das kenn ich. Bin jetzt noch ein bissel älter, und da wirds noch schlimmer. Die lieben Kolleginnen, die irgendwie auch gleichzeitig meine besten Freundinnen sind, trotz der Altersunterschiede, die gehen in Pension, werden schwanger, wechseln ins benachbarte Bundesland. Da wird beim Abschied geweint und umschlungener Arme versichert, dass man schon ganz bald, und am nächsten Wandertag, und am Vorlesetag sowieso, wenn dann Fitnesstag ist, dann auch … und das wird dann wirklich so. Aber seltsamerweise sind die Gespräche nicht mehr die Selben. Die ausgeschiedene Kollegin kennt die neuen I-Dötzchen nicht, sie kennt auch nicht die neuesten Entscheidungen der Schulleitung, über die wir uns natürlich FÜRCHTERLICH aufregen müssen, sie regt sich überhaupt nicht mehr mit uns auf. Sie ist so abgeklärt, hat mit dem Golfspielen begonnen und plant mit dem Gatten eine Amerikareise. Oder sie bringt ein frischgeschlüpftes Kind mit und all die Themen, die sich dabei so ergeben. Oder – was das Schlimmste ist – sie hat ein neues „weltbestes Kollegium“. Und wir? Was ist mit uns?
    Und irgendwann kommt sie kaum noch und wenn, dann machen wir höflichen Small-Talk statt erhitzter Diskussionen und hochemotionaler Diskurse. Und dann, ganz weit am Horizont, ganz hinten, seh ich meinen Abschied im übernächsten Jahrzehnt. Und frage mich, wie es dann wird. Für meine Kolleginnen, für mich …?

    1. Die Beziehung zu Kolleginnen fußt in der Gegenwart, oder? Es müssen neue Wege erschlossen werden, wenn der Kontakt nach einer Pensionierung, einer Versetzung oder der Elternzeit weitergeführt wird. Wir gehen seit einiger Zeit viermal im Jahr mit einem buntgemischten Grüppchen essen. Alle waren mal irgendwann an der gleichen Schule – nicht unbedingt gleichzeitig – das macht immer Spaß. Bei einer ehemaligen Kollegin gehe ich einmal im Jahr zum Mittagessen (drei Gänge plus Kaffee!) und rolle danach heimwärts. Eine wunderbare (Aus-)Zeit. Dennoch fehlen mir gerade diese Kolleginnen oft im Alltag.

      1. Ja, ja, das machen wir schon auch alles. Denn wir sind uns in unserem Schulhaus alle einig, dass wir weit und breit das tollste Grundschulteam sind (mögen andere auch von sich denken, wir sind ebenfalls davon überzeugt …) Trotzdem fehlt bei Treffen mit den Ausgeschiedenen dann immer was.
        Zum Vorlesetag war heute eine Ex-Kollegin da. „Wie gehts dir denn jetzt so, so wirklich?“ Sie ist erst kürzlich weggezogen, es geht ihr so lala. Aber sie wohnt jetzt so weit weg. Sie vermisst uns und ihr vorheriges Leben und wir vermissen sie und die Zeit mit ihr. Dennoch weiß sie, dass sie sich ein neues Leben aufbauen muss, einfach weil es ihr ja nicht permanent so-lala-bescheiden gehen kann. Und wir machen auch weiter, integrieren ins weit-und-breit-beste Kollegium alle Neuzugänge und ändern uns auch schleichend. Wir würden uns auch ohne personelle Veränderungen ändern. Aber Abschiede und Neuzugänge markieren deutlich die Punkte. Und das fühlt sich, wie bereits im Blog so treffend beschrieben, nur mit 25 richtig toll an. Zunehmend möchte man seine Mitmenschen einfach da halten wo sie sind und nicht mehr ständig mit neuem konfrontiert werden. Allmählich möchte ich mich, gerade in unserem aufreibenden Beruf, kollegiumsmäßig auf die Kuschelcouch verziehen … wenns sowas gibt!

        1. „Allmählich möchte ich mich, gerade in unserem aufreibenden Beruf, kollegiumsmäßig auf die Kuschelcouch verziehen … wenns sowas gibt!“
          Also wir haben so eine in der Leseecke stehen 😉

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