Wurst und Liebe

„Ah, da steckste!“, strahlend steuert der pensionierte Hausmeister auf mich zu. Es ist der Tag des großen Weihnachtsbasars. Ich bin seit kurz nach 7.00 Uhr in der Schule, jetzt ist es 17.12 Uhr und ich bin erschöpft von all den Gesprächen, dem vielen Lächeln und Smalltalk.

„Jo, mir geht es gut!“, antwortet er auf meine Nachfrage und ich sehe ihm an, dass es stimmt. „Aber du?“, er mustert mich kritisch, „zu blass, zu dünn! Wat is?“ Mein Lächeln ist halbherzig als ich ihm antworte, dass alles wie immer sei. Denn eigentlich stimmt das ja auch, es ist wie immer. Er schaut mich an mit dieser Mischung aus Strenge und väterlicher Sorge, wir kennen uns lange. „Pass auf dich auf, Mädchen!“ Und vielleicht liegt es an der Art, wie er Mädchen sagt (und er ist der Einzige, der dies tut und genau so meint), vielleicht auch an den wirklich strammen Wochen, die hinter mir liegen, aber irgendwie schafft es eine winzige Träne in meinen Augenwinkel. Peinlich berührt versuche ich sie wegzublinzeln, aber zu spät, er hat sie schon gesehen. Wissend zieht der Hausmeister, der das Leben nach der Schule in vollen Zügen genießt, die Augenbrauen hoch: „Warte ma!“

Ein paar Minuten später steht er vor mir, eine dampfende Bratwurst im Brötchen im Anschlag. „Da, rein damit!“, fordert er mich auf. Und gerade als ich ihm die Absurdität dieser Situation erklären will, schüttelt mich ein großes, ein befreiendes Lachen, eins von der Sorte, das vermutlich nah am Wahnsinn angesiedelt ist, aber gerade deswegen so gut tut. Er nickt mir zu: „Na also, Mädchen, dat wird wieder!“

Ich lache immer noch als ich die Bratwurst entgegennehme und irgendwie fühlt sich der Tag viel leichter an.

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25 Kommentare zu „Wurst und Liebe

  1. Genau solche Menschen braucht man manchmal. Ich schick dir auch ein Lächeln rüber, das Leben ist der Wahnsinn, aber es gibt immer wieder Momente die uns retten.
    Liebe Grüße
    mama06

  2. Was wären wir ohne unsere Hausmeister. Das sind Menschen von ner ganz besonderen Sorten – irgendwie speziell gezüchtet – oder so. An beiden Schulen, an denen ich bisher war, waren die einfach spitze und unersetzlich. Mit ein paar Worten schaffen sie es, dass alles halb so schlimm oder doppelt so gut ist. Ich würde unseren nicht hergeben wollen. Als der krank war, dat war ein Drama!

  3. Schön, Frau Weh, einfach schön!
    Du kannst so lebendig schreiben.
    Ich sag’s nochmal:
    Mach ein Buch draus!
    Ich würde es ganz bestimmt kaufen!
    Kannst mich schon mal vornotieren … 🙂

    Liebe Grüße und ein erholsames Wochenende für UNS (wo sitze ich gerade? – am PC – mittendrin in der Arbeit mal ein bisschen bei Frau Weh entspannen)!
    Kollegin Enn – auch nah am Wahnsinn – und wie nah!

    P.S.:
    Noch 15 Tage bis zu den Ferien! Das MUSS jetzt sein … auch wenn es rufschädigend wirkt. Ist mir inzwischen egaaaaaaaaaal! Jawoll!

  4. Mal zum Nachdenken: Elternsprechtage (3 Nachmittage), Basteltag, Weihnachtstheater, durchgeknallte Kinder, weil einfach oder auch gerade Weihnachten zu aufregend ist und dann ist da ja auch noch die eigene Familie und, und, und,… Die Konsequenz: Lehrer sind an Weihnachten oder in den Ferien krank! Denn – und auch das vergessen so einige gern – Lehrer sind letztendlich auch nur Menschen! In diesem Sinne eine ruhige und besinnliche Zeit!

  5. Ach, wunderbar! Solche Tage braucht man manchmal, an denen Lachen und Weinen so nah bei einander liegen. Und solche Menschen wie den Hausmeister sollte es sowieso viel mehr geben 🙂

  6. Liebe Frau Weh,
    ich kann es so gut nachempfinden… können Sie nicht ein Frau-Weh-Biotop statt des Aquariums einrichten, in dem man sie mit Bratwurst, Schokolade und good vibrations versorgen kann, wenn es mal wieder dick kommt?
    Ich höre auch immer „Gut siehst du aus!“, wenn ich ab und an in die Schule komme. Und an die Tatsache, jeden Monat Geld zu kriegen ohne zu arbeiten, muss ich mich noch gewöhnen, beides verursacht immer noch so eine Art schlechtes Gewissen. Andererseits: Knapp 40 Jahre da, wo das Leben tobt, sind auch kein Pappenstiel. So geht’s dem Hausmeister (bzw Schulhausverwalter / Facility-Manager?) Gold wert, solche Menschen.
    Erholsames erstes Advents-Wochenende
    die rotezora.

    1. Vielen Dank! Zum Glück habe ich ja bereits ein Frau-Weh-Biotop. Herr Weh und die Wehwehchen sorgen schon recht gut für Abwechslung und Verpflegung 😉
      Aber die Idee ist gut. Vielleicht so ein kleines Frau-Weh-Tamagotchi?

  7. Da kullert mir schon beim Lesen eine Träne runter. Echt lieb. Stimmt solche Menschen braucht man echt ab und zu, da wird man so schön wachgerüttelt. Ein Lächeln auch von mir!

  8. Der Beruf saugt einen aus. Und man bekommt so wenig bis manchmal garnichts zurück, dass es ein Jammer ist. Und komme mir jetzt bitte keiner mit lachenden Kinderaugen. Dort wo die sind, sind auch spuckende Kindermünder.
    Nur ab und an steht da einer, der sieht das, sieht die Mühe, die geschwundende Kraft und die Verzweiflung und bringt eine Wurschd vorbei.

  9. @crocodylus: Das hast du so gut formuliert – und genau auf den Punkt getroffen.
    @Frau Weh: Dieser Post hat mich richtig berührt. Auch wenn ich mich noch nicht so lange an der Schule „herumtreibe“, ich bekomme seit dem ersten Tag – und nach dem Referendariat sogar manchmal noch mehr (nur in anderen Hinsichten) die volle Härte zu spüren. Schön, wenn es solche Leute wie deinen (leider pensionierten) Hausmeister gibt. Fühl dich mal gedrückt und vor allem: verstanden.

  10. Liebe Frau Weh, das ist so toll beschrieben, dass mir auch ein Tränchen kam. Nur wer diese Situationen kennt, weiß, wie Sie sich gefühlt haben. Bitte schreiben Sie weiter in Ihrem Blog… ich liebe ihn und vor allem Ihre wunderbare Schreibweise.
    Liebe Grüße von Sylvia

  11. Liebe Frau Weh,

    die Träne im Augenwinkel kann ich gut nachvollziehen, auch ich habe wirklich anstrengende Wochen hinter mir. Schön, wenn man da solche Menschen wie den ehemaligen Hausmeister hat, die alles wieder ein bisschen gerader rücken können. Und auch wenn die Bratwurst so gar nicht ins vegane Ernährungskonzept passen will – wenn sie ein Lächeln ins Gesicht zaubert, hat sichs gelohnt 🙂

    Viel Kraft für die nächste Zeit und viele entspannte Momente mit den Wehschen Familienmitgliedern!
    Katja

  12. Nach unserem Adventsmarkt mit anschließendem Konzert hätte ich deinen Hausmeister auch gebrauchen können. Der toller Hausmeister wurde woanders noch dringender gebraucht. Und unser aktueller Hausmeister ist gleichzeitig für zwei Schulen verantwortlich.
    Der Beitrag hat mir übrigens auch viel Kraft gegeben. Vielen, herzlichen Dank!

  13. Ohhhh ♥
    Genau so jemanden braucht man von Zeit zu Zeit einfach – jemanden, der einem einfach ein Lachen auf’s Gesicht zaubert und die Welt damit ein ganz kleines bisschen besser macht.
    Sehr schöner Artikel! 🙂

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