Master of Desaster

Es ist das eine, nach einer Woche Ferien wieder in die Schule zu kommen und das andere, es nach einer Woche krankheitsbedingter Abwesenheit zu tun. Aus diesem ersten Schultag nach Erkrankung entspannt herauszukommen ist ähnlich schwierig wie der Versuch elegant in eine fahrende Raupe zu springen*. Man kann nur verlieren oder sich treiben lassen.

Die gloriose Liste meiner heutigen Gleichmütigkeit liest sich denn auch wie der Beipackzettel eines Tranquilizers:

  • Recht erfolgreich habe ich so die 13 (dreizehn!) Beschwerdezettel über das Verhalten der Drittklässler von Lieblingskollegin Schmitz-H. ignoriert, die auf meiner Tischplatte klebten. Übrigens in Form eines gigantischen Ausrufezeichens.
  • Stoisch habe ich bergeweise Nachrichten, Atteste und Entschuldigungszettel der Drittklässler eingesammelt.
  • Kein bisschen habe ich mich über den in meiner Abwesenheit von der Schulleitung herausgegebenen Elternbrief geärgert, auf dem den Erziehungsberechtigten mitgeteilt wird, dass sie mich gerne in Zeugnisfragen am Freitag nach Schulschluss zum Gespräch in der Schule antreffen können.
  • Auch die Drittklässler haben mich heute freundlich und gleichmütig beim Kontrollieren der (nicht/teilweise/unvollständig) gemachten Hausaufgaben erlebt.
  • Meine Stimme blieb sanft als ich einer aufgebrachten Mutter am Telefon die katastrophale Musiknote ihres Sohnes („Frau Weh, das ist eine 3! Wie soll Jan-Niklas denn damit auf das Gymnasium!? Was denken Sie sich denn eigentlich dabei!?“) erklärte.
  • Auch die Schulpsychologin erlebte beim 14-minütigen Telefonat während der 15-minütigen Pause eine aufgeräumte Klassenlehrerin, die zwar etwas verschnupft, aber dennoch passgenau an den richtigen Stellen mit Hmm und Ja, genau antwortete.
  • Dem Monolog der Schulleitung über ichweißschongarnichtmehrwas habe ich nickend und zustimmend gelauscht.
  • Statt vor dem Mitarbeiter des Jugendamtes („Ah, gut, dass ich DICH sehe, wir müssen unbedingt einen Termin machen!“) in lautes Wehklagen auszubrechen habe ich meinen Kalender geholt und eine Verabredung getroffen.
  • Ich habe mir verschiedene Notizen gemacht („Eltern Nino anrufen, Verhalten!“, „Klasse: warum ist der Basketball wieder auf dem Schuldach?“, „Eintrittskarte didacta – wo?“) und kein bisschen mit obszönem Gekritzel verziert.

Nein, ich war heute ein Leuchtturm der Ruhe und Gelassenheit mitten in stürmischer See. Hach, ich bin ja so stolz auf mich! :mrgreen:

 

*Das Fahrgeschäft, nicht das Lebewesen. Auf dem Land war das früher ein beliebtes Vergnügen. So richtig gut darin waren allerdings immer nur die „jungen Männer zum Mitreisen gesucht“, die dabei eine gewisse Lässigkeit an den Tag legten. Mein Mitschüler Michael W. brach sich bei diesem Vorhaben 1987 Elle und Speiche durch und einen Vorderzahn ab. Das wiederum verlieh ihm einen gewissen Glanz, in dem er sich einen Sommer lang sonnen konnte. So ein Döspaddel.

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28 Kommentare zu „Master of Desaster

    1. Kommt jetzt mal ganz stark darauf an, ob ich die Karte finde… 😉
      Ich war schon da, lohnt sich durchaus, aber eine persönliche Planung (Stand A, B und C) ist von Vorteil.

  1. Was stört schon einen großen Geist……
    Sei weiter der Fels in der Brandung und lasse alle Wellen fein auflaufen!

    ABER ne 3 in MUSIK????!!!!! Wie geht denn sowas???? Ich glaub, Du kannst den Jan-Niklas einfach nur nicht leiden!

  2. Frau Weh, ich würde hingehen zur Didacta (Didactica, wie Kolleginnen stoisch zu sagen pflegen), einzig und allein um dich einmal leibhaftig zu erleben und vor Verzückung auf die Knie zu fallen :-).

  3. Nicht zum ersten Mal war das Lesen hier bei Ihnen für mich Auslöser sehr lebhafter Erinnerungen. Diesmal war es die „Raupe“ … das Fahrgeschäft auf der Kirmes in meiner Jugendzeit. Wenn wir (Mädchen) dann mal vom kargen Taschengeldes eines Mitschülers (Jungen) zum Mitfahren eingeladen wurden und während der gesamten Fahrzeit voller Verzweiflung, Leidenschaft und unter Einsatz mehr oder minder vorhandener Oberarmmuskulatur der Fliehkraft trotzten, die uns in die Arme des spendablen jungen Mannes schleudern wollte! … Himmel, was für Zeiten waren das!
    Danke für Ihren gedanklichen Anschubser. Ich erzählte meine Erinnerungen eben meiner Tochter und jetzt haben wir beide ein paar Lachfalten mehr … 🙂

  4. Alles Punkte zum Platzen (meine Bewunderung für Deine Ruhe), aber Punkt 3 ist ja der Oberknaller. Wer krank daheim ist, ist durchaus telefonisch erreichbar für Abstimmungen… theoretisch. (Ersetze „herausgegebenen Elternbrief“ durch „Sie hätten jetzt die erste Stunde in der 10 c gehabt – Herr K. gibt die in Deutsch ab, weil er die 8a in Latein von Frau C. übernimmt, die in Mutterschutz geht“. Laut nun wohl veraltetem Plan hätte mein Tag erst zur 3. beginnen sollen. Ist ein paar Jahre her, aber der Hä?!-Moment, bis mein frisch genesener Kopf das verarbeitet hatte, noch sehr präsent.)

      1. Uh. *Das* toppt ja noch Punkt 3. Gruselig. Und vermutlich wollte sie noch ein Lob oder Fleißkärtchen von Dir dafür?!

  5. Au ja, beim blind Date bin ich auch dabei! Das gibt einen Massenandrang an der Säule, hihi. Ich bin stolz auf die gelassene Frau Weh (nimmst du noch Pillen? Die will ich auch!), schwelge gerade in Jugendzeiterinnerungen – auch am Autoscooter standen höchst lässige Jungs…

  6. Lese schon lange diesen lustigen Blog mit und freue mich über so viel Selbstironie. Wann ist denn nun das Blind date?

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