Wo sind all die Blumen hin?

Dass die Sache eskaliert, bemerke ich erst, als ich von der Chefin zum Gespräch gebeten werde. In diesem besonders sanften Ton, der eigentlich nicht ihre Art und zuverlässiger Anzeiger für ein Krisengespräch ist. Als sie auch noch die Türe hinter uns schließt, weiß ich, dass die Lage ernst ist.

„Frau Schmitz-Hahnenkamp hat mich angesprochen. Sie fühlt sich durch dein Verhalten bloßgestellt und vorgeführt, Frau Weh. Sie sagt, du hättest ihr keine Chance zur Richtigstellung gelassen, sondern das Bild, das deine Klasse und somit auch die Eltern von ihr haben ins Negative verzerrt. Sie ist der Meinung, du hättest die Drittklässler aufgehetzt.“

Die Chefin schaut mich an und gibt mir Zeit zu antworten. Ich kann nicht. Ich bin so völlig überrumpelt, dass mein Kreislauf, der sich bisher eher durch temporäre Abwesenheit auszeichnete, sich nun unerwartet in kräftigem Fortissimo zurück zur Arbeit meldet. In meinen Ohren rauscht es, ich fühle wie mir die Hitze den Hals hinaufkriecht und bin dankbar für den Rollkragenpullover, der die Tatsache, dass ich mich wirklich, wirklich aufrege zumindest noch eine Weile verschleiert. Tatsächlich bin ich sprachlos. Vor weniger als 10 Minuten hat sich Frau Schmitz-Hahnenkamp strahlend und voll des Lobes über die verständigen Drittklässler und das soooo tolle Gespräch mit ihnen von mir verabschiedet. Das vorhergegangene Hilfegesuch bei der Chefin mit keiner Silbe erwähnend. Ich füge auf der imaginären Sch-H-Liste, die still zu ertragen ich langsam nicht mehr ganz so gewillt bin, ein nachtragend und nach kurzem Zögern auch ein hinterhältig hinzu.

Das weitere Gespräch mit der Chefin bleibt kurz. Ich finde meine Sprache wieder und erkläre in wenigen Sätzen meine Sichtweise. Die gesamte Situation ist absurd und überzogen. Die Chefin appeliert an mein Verständnis: „Du weißt doch, wie sie ist!“ Oh, jeden Tag mehrt sich mein Wissen. Mit einem Arbeitsauftrag versehen – dem typischen Abschiedsritual eines solchen Austauschs – verlasse ich das Büro. Mir ist nicht mehr ganz so gänseblümig im Gemüt; vielmehr zerrupft, zerpflückt. Als ich aus der Schultüre hinaus in den kalten Wind trete, ist es mir, als reiße er mir das letzte Blütenblatt aus und werfe es mir hinterher.

Eindeutig:

SIE LIEBT DICH NICHT!

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18 Kommentare zu „Wo sind all die Blumen hin?

  1. „Du weißt doch, wie sie ist.“ – und Chefin weiß es definitiv auch, aber warum TUT sie nichts dagegen?!? Wenn alle anderen um des lieben Friedens Willens immer ihren Ärger schlucken müssen, wird eine FrauderenNamennichtgenanntwird sich so jedes Mal durchsetzen. Toll.
    (Ich kann nur virtuell viel Mitgefühl schicken, habe weder Tipps noch aufmunternde Liedchen, nichts passt…)

  2. Ich wünsche dir, dass du deine Blütenblätter wiederfindest… sie helfen ganz ungemein bei allem^.^ Ansonsten hilft: Einmal laut schreien. Und die besten Freunde anrufen und sich über unverständige hinterhältige und sonstige Leute aufzuregen.
    Wenigstens weißt du jetzt, woran du bist… auch wenn es nicht direkt und offen war wie es eigentlich sein sollte 😉

  3. Was mich an Gänseblümchen schon seit meiner Kindheit begeistert hat:
    mein Vater schob den Rasenmäher über unsere Wiese und fluchte über die vielen Gänseblümchen, die er dabei absäbelte.
    Und zwei Tage später waren sie wieder da! Das freut und beeindruckt mich noch heute.

  4. Diese Art von Kollegen KANN es geben, MUSS es aber nicht (unbedingt)…. Ich verstehe auch nicht, warum die Chefin nichts dagegen tut, aber wenigstens stößt du dort auf Verständnis (ist ja auch nicht selbstverständlich)…
    Ich habe Frau Sch-H. leider als Chefin…und niemand unternimmt etwas….

    Manchmal bin ich froh, dass ich seit 12 Jahren auf Zeitverträgen arbeite… 😉

    Liebe Grüße, immer lächeln und vor allem…weiterschreiben, bitte (geteiltes Leid ist halbes Leid!)

  5. Liest sich wie eine schlechte Soap. Schade für die Kinder und die Kolleginnen. Wieso können solche Miststücke nicht einfach eine Boutique eröffnen oder sich sonstwie verwirklichen? Wieso Lehrerin? „Sie reißt Heftseiten raus!“ Tut mir wirklich leid, Frau Weh, ich schicke einen virtuellen Blumenstrauß!

  6. Das Schlimme ist nur, dass solche Kolleginnen/Kollegen immer als besonders kompetent dargestellt werden, obwohl sie sozial-emotional extrem erhöhten Förderbedarf haben. Vielleicht musst du, liebe Frau Weh, doch mal die Blume wechseln?

  7. Warum nur haben sooooviele Schulleiter keinen Arsch in der Hose und lassen sich von unwilligen Kollegen terrorisieren? Sie akzeptieren es und dulden somit, dass engagierte Kolleginnen und Kollegen den Kürzeren ziehen. Ich fasse es immer wieder nicht!
    Vielleicht darf man auch nicht immer lieb und nett sein!
    Wird es noch ein gespräch mit dir und Frau Schmutz Hahnenkamp und einer dritten Person geben? ICH könnte das so nicht im Raum stehen lassen (bin aber in solchen Situationen nicht wirklich rational denkend).

  8. Liebe Frau Weh, danke für den gestrigen Abend und den heutigen Vormittag als Gänseblümchen! Dann, heute Nachmittag:
    „Hättest Du vielleicht 2 Minuten Zeit für mich?“
    „Nein.“
    Meine Blütenblätter fallen zu Boden wie welkes Laub. Jetzt liegen sie da, und ich wünschte, ich könnte meinen Stengel knicken und mich dazulegen. Ich möchte meine Staubfäden ausreißen, meine Blätter abwerfen.
    Das letzte Blütenblatt fällt: Er liebt mich nicht.

    Liebe Frau Weh, unsere Gefühle, unsere Situationen sind so unterschiedlich. Dennoch fühle ich mich Ihnen heute sehr nahe. Zwei Gänseblümchen im Regen.

  9. Oh das tut mir leid, Frau Weh, habe mich eben mal durch die Geschichte gelesen. Leider gibt es solche Kollegen wohl immer und was sollen die Vorgesetzten (egal ob in der Schule oder sonstwo) schon dagegen machen? Rausschmeißen geht nicht und wie heißt es im Englischen so schön „A Leopard can’t change its spots“ – soll heißen, solche Kollegen wie Frau Schmutziger-Kollegenkrampf ändern sich auch nicht, wenn sie abgemahnt werden. Dann finden sie halt andere Wege, ihre Meinung kundzutun und durchzusetzen. Ich befürchte vermitteln und der Person, die man im Recht sieht, dies auch mitteilen, mehr ist da nicht zu machen….mir hat mal ein Chef den weisen Rat gegeben als ein Kollege mich zu Unrecht angeschwärzt hat: „Schlag dir ein Ei drüber, jeder weiß, worum es ihm geht und je weniger Geschrei jetzt um die Sache gemacht wird, desto weniger hat er sein Zeil erreicht“….

  10. Am Schlimmsten finde ich immer dieses Du weißt doch wie sie ist. Wir haben hier auch einen Du weißt doch wie er ist. Und ich verstehe ums Verrecken nicht, wieso alle auf diese/n Du weißt doch wie er/sie ist Rücksicht nehmen und einstecken müssen

  11. und das Schlimme an: Du weisst doch, wie sie ist! – ist einfach, dass niemand demjenigen mal an die Karre fährt. Lieber Friede Freude Eierkuchen? So oft kann man kein Ei drüberschlagen, und von zuviel Eierkuchen wird man fett. und hinterhältige Typen versuchen einem immer, irgendwann in die Suppe zu spucken. Oft lernen die auch noch Vorgestzte kennen und werden dann noch hinterhältiger. Da hilft nur ein Donnerwetter, dann hast du zumindest Ruhe.. ansonsten wird das immer und immer und immer wieder vorkommen.

  12. voll fies finde ich…
    hast du kraft für einen öffentlichen kollegenkampf und ist es dir egal, dass du dich auch da nicht als sieger fühlen wirst? dann wäre das ein weg…
    ansonsten hilft nur dein ohnehin schon angewandtes mentales „ohmmmm….“ und viele gute freunde, die die frustmeckerei ertragen und mitmeckern…

  13. Es ist doch wirklich unglaublich mit welchem BULLSHIT (sorry ich bin sehr sauer!), wir unsere Zeit verschwenden. Unser Beruf ist sehr aufregend und anstrengend, da muss man Nerven sparen statt sie für die Kolleginnen draufgehen zu lassen.

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