heiter bis tödlich

Eine traurige Versammlung, die mir da am heutigen Morgen in der Klasse gegenübersitzt. Die Drittklässler schnorcheln, husten und röcheln, was das Zeug hält. Sie sind blass, nur ihre Nasen leuchten rot und blankgeputzt von all dem Schnauben. Manch ein Augenpaar strahlt in leicht fiebrigem Glanz. Deutliche Lücken klaffen in den Sitzreihen. Es ist Grippezeit und noch nie hat es so viele auf einmal niedergestreckt. Doch die Möglichkeit der Eltern zur endlosen Brutpflege ist begrenzt. Auch ich kenne das Dilemma des „Dann versuchs doch mal!“. Und so sitzen sie nun da, leidlich wieder hergestellt oder aber krank im Anfangsstadium und schniefen vor sich hin.

„Guten Morgen, ihr alten Seuchenvögel!“, begrüße ich sie fröhlich, „Wie geht es denn so?“

Ich bekomme vielstimmiges Jammern und beeindruckende Hustenanfälle zur Antwort. Was für eine Frage! Schlecht geht es ihnen, das kann man ja wohl nicht übersehen. Pffft.

„Oje“, bedaure ich sie mitfühlend und lasse den Blick von Kind zu Kind schweifen, „wem geht es denn am schlechtesten?“ Alle melden sich aufgeregt. Der Versuch, sich gegenseitig in ihrem Leid zu überbieten, mobilisiert die letzten Reserven, die die durchgehustete Nacht noch übriggelassen hat. Doch der kleine Grabowski macht das Rennen. Wild gestikulierend hüpft er auf seinem Platz auf und ab.

„Sehen Sie, Frau Weh!“, er deutet mit seinem Zeigefinger auf seine Wange, „Sehen Sie hier und da. Ganz, ganz schlecht!“

Tatsächlich sehe ich gar nichts, der kleine Grabowski sitzt in der letzten Reihe. Da läuft er auch schon nach vorne, wild auf seine Wange zeigend. „So schlimm, das alles!“

Ich schaue auf die angedeutete Stelle, sehe aber immer noch rein gar nichts.

„Was ist denn da, kleiner Grabowski?“

Auch die Drittklässler versuchen jetzt angestrengt irgendetwas zu erkennen und kneifen die Augen zusammen.

„Na da… weiße Flecken! Mir fehlt die Sohooonne!“ Der kleine Grabowski reißt die Augen weit auf, die letzten Worte jault er mehr, als dass er sie spricht, um dann theatralisch ins Wanken zu geraten.

„Ja“, lache ich und klopfe ihm auf die bebende Schulter, „mir fehlt die Sonne auch. Bei Sonnenschein bin ich deutlich besser gelaunt.“

„Nein, ist nicht nur, dass Laune heiter dann. Meine Mama sagt, ist tödlich, wenn ich kriege keine Sonne ab!“

„Wer von euch kann mal „Rachitis“ an die Tafel schreiben?“. Ich setze meinen Dr.Weh schreitet zur Tat – Blick auf und male dem kleinen Grabowski mit Kugelschreiber eine lachende Sonne auf den Handrücken. Glücklich zieht er von dannen. Ganz klar: geheilt.

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5 Kommentare zu „heiter bis tödlich

  1. wie niedlich…. naja so eine kinderseele muss ja zwischendrin auch mal geheilt werden…. soviel zeit muss sein… aber wirklich eine tolle geschichte…
    ich lag ja letzte woche auch darnieder (und hab gefühlt, die gesamte stadt bei meinem arzt angetroffen) und ehrlich diese grippe ist kein zuckerschlecken… ich verstehe, dass eltern nicht wegen jedem kleinem husten zuHause bleiben sollen/wollen und können, aber wenn ich mir heute morgen das geschniefe in der strassebahn so angehört und angesehen habe, wäre es hin und wieder sinnvoller krankheiten auch tatsächlich auszukurieren. Ich war allerdings auch ein vorbildliches schulkind, ich fand nacharbeiten/stoff nahcholen so furchtbar, dass ich mich lieber krank zur schule geschleppt hab.

  2. Puh, das war sicher Rettung in letzter Sekunde!
    Mir fehlt sie aber auch, die Sonne. Ich werde schon ganz quängelig, denn ich will endlich wieder Frühling! Ich halte dieses düstere, trübe Wetter nicht mehr aus!

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