Shabby Chic

Der besondere Schrecken, den dieser Dienstagmorgen für mich bereithält, sendet mir seine Vorboten bereits auf dem Weg zur Schule. Stumm säumen sie den Straßenrand, erstarrt in der Monstrosität des Überflusses. Kreaturen, die mit ihren Ecken und Kanten voller abblätternder Farbe stumme Mahnwachen der Zeit sind.

Sperrmüll – ein Wort des Grauens!

Mühsam versuche ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße zu lenken und die Fahrt zur Schule fortzusetzen. Doch immer wieder schweift mein Blick auf die Gebirge aus Nutz- und Nutzlosgegenständen, die meinen Weg flankieren wie die Baumskelette einer winterlichen Allee.

Was aber, so mag sich nun mancher Leser fragen, soll denn gewöhnlichen Sperrmüll so viel schlimmer machen als die regelmäßige Abfuhr von Grünschnitt oder Elektrogeräten, die immer wieder mittwochs meinen Weg säumt? So schlimm, dass es mir den Schweiß auf die Stirn und die Furcht ins Blut jagt? Die Antwort ist so kurz wie klar:

Die Drittklässler lieben Sperrmüll über alles.

Sie mögen es genauso rumpelig wie Oscar aus der Mülltonne. Messiemäuse sind sie, Müllverwerter, Recycelratten. Sie können ALLES gebrauchen! Voller Entzücken schleppen sie die unsagbaren Dinge an, die unsere Überflussgesellschaft ausgeschieden hat. Was sie sonst an Solidarität vermissen lassen, beim gemeinsamen Transport eines defekten Drehstuhls („Für Sie, Frau Weh, es fehlt nur eine Rolle!“) mobilisieren sie all diese Kräfte problemlos.

Bereits Tage vorher überfällt sie diese kribbelige Unruhe, die ansonsten Vollmond, drohenden Hormoneinschuss, ein Revierderby oder andere Großereignisse ankündigt. Unausstehlich sind sie dann, wie kleine Quartalssäufer.

Ich seufze. Mal sehen, was sie heute anschleppen. Vielleicht wieder einen scheußlichen Kerzenleuchter mit Porzellanvogel ohne Kopf („Wir können doch mal eine Halloweenfeier machen, da nehmen wir den!“)  oder ein wackliges Bänkchen mit Holzwurmlöchern und Wasserkränzen („Da können Sie Ihre Tasche drauf abstellen. Klasse, oder!?“). Unvergessen auch der Moment als eine ganze Klasse (NICHT meine! Aber auch ein 3.Schuljahr… scheint also was Hormonelles zu sein.) ameisengleich ein zerpflücktes Ledersofa in die Schule schleppte. Ein paar Monate später war ihnen die Sache dann peinlich. (Aber da waren sie auch schon Viertklässler. Und die haben ja bekanntlich bereits den Kopf in den Wolken in der weiterführenden Schule.)

Die erste Stunde beginnt und alle sind pünktlich. Ich stutze; das ist ungewöhnlich an einem Sperrmülltag. Auch sehe ich keine nennenswerten Dinge herumliegen – von Turnbeuteln, einsamen Hausschuhen oder vorsorglich-übervollen Brotdosen, die eines extra Behältnisses bedürfen, mal abgesehen. Ich schnüffle einmal vorsichtig in den Raum. Nichts. Kein merkwürdiger Muffelgeruch. Nur die üblichen Schwitzeköpfchen.

„Es ist Sperrmülltag, oder?“, versuche ich die müde Bande aufzumuntern. Unbestimmtes Murmeln in der Klasse. „Ich sehe ja gar nichts!“, veruche ich es noch einmal. Keine nennenswerte Reaktion. „Ja habt ihr mir denn überhaupt nichts mitgebracht!?“, rufe ich verzweifelt. Die Drittklässler tauschen vielsagende Blicke. „Nööö…!“

Jetzt bin ich aber tatsächlich ein bisschen wehmütig. Sie werden so schnell groß…

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12 Kommentare zu „Shabby Chic

  1. Ooooh ja, die Zeit wird kommen, in der mein Kindganzklein keine handlichen Eisenteile von seinen Ausflügen mehr mitbringt… *mitfühl*

  2. Ich bin eines Abends mit meinem Großvater durch die Straßen gelaufen, in denen Sperrmüll war. Für mich war das als Kind nämlich auch wahnsinnig aufregend (interessant finde ich es heute noch). Wir haben eine Ausgabe von Robinson Crusoe gefunden, die ich dann mitgenommen habe … Es lohnt sich also immer, mal zu gucken! 😉

  3. Ich muss sagen, dass ich ein bisschen „weh“mütig geworden bin beim Lesen. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich mich als Kind über Sperrmülltage gefreut habe und wir zu Hause diverse Dinge „aufgemöbelt“ haben. Leider gibt es sowas in unserer Stadt nicht mehr. Da muss man selber aufwendig Sperrmüll bestellen, die genaue Kubikmeterzahl angeben, zu einem verabredeten Termin bereitstellen und dann auch noch dafür bezahlen. In diesem Sinne – Gönn‘ den lieben Kleinen ihre Freude!

  4. Sperrmülltag – oh wie schön! Ich bin schon über 30 und immernoch Sperrmüllhaufen-Fan 🙂 Wir leben aufm Dorf, da wird der angemeldet und man bekommt einen Termin und somit gibt es dann zumeist mehr als einen Haufen, weil die ja sammeln damit der LKW voll wird. Ich geh an solchen Tagen gern spazieren. Ich liebe es, alte Teile „aufzumöbeln“.

  5. Ich liebe auch Spermüll! Beim letzten Sperrmüll haben unsere Kinder auch Stühle und Servierwagen mitgebracht. Noch besser fand ich diverse Einzelteile aus Metall: „Die können wir dem Schrotthändler verkaufen!“

  6. Drittklässler? Ich kenne einen ganzen Haufen Erwachsener, die sind an Sperrmülltagen nicht zu gebrauchen. Spaziergang? Pff. Irgendwann sind die so vollgepackt, dass auch ich tragen helfen muss! Der einzige Vorteil: Ich muss keine Angst haben, dass die mir das schenken.

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