Was vom Schuljahr übrig blieb

„Vier Kilo! Und du?“

„Dreieinhalb“, antworte ich seufzend. Dieser Punkt geht an Freundin und Kollegin Britta, mit der ich in einer Telefonkonferenz in der letzten Woche die Kollateralschäden des vergangenen Schuljahres vergleiche. Wir spielen dieses Spiel schon ein paar Jahre, beruhigt es doch ungemein, festzustellen, dass man nicht alleine dem Rande des Wahnsinns so verdammt nahe gekommen ist. In unserer diesjährigen Runde herrscht derzeit Gleichstand (größter Elternärger ging an mich, schwierigere Klasse an Britta, nervigste Kollegin ganz knapp an mich, dafür hat sie einen Punkt für ihren unkooperativen Ehemann bekommen, für unnötige Schultermine haben wir uns beiden einen Punkt zuerkannt), auch das beruhigt – scheint es doch wirklich so etwas wie ein kosmisches Gleichgewicht zu geben.

Wir unterhalten uns über unsere Ferienpläne und ich stelle überrascht fest, dass ich dieses Jahr keine fassen möchte. Weder habe ich einen Riesenstapel Bücher besorgt, noch eimerweise Wandfarbe. Es gibt keine Bestellungen von Fachliteratur und kaum feste Termine bisher. Leicht amüsiert nehme ich wahr, dass mir dieser Zustand keinerlei Unbehagen bereitet (so wie es die letzten Jahre noch der Fall gewesen wäre), ich mich sogar darauf freue, jeden Tag anzunehmen, wie er eben kommt. „Du wirst eben langsam reifer“, kommentiert Britta, „wie guter Käse!“ Zumindest die Farbe von Käse habe ich schon. Camenbert, nur mit Sommersprossen. Wenn ich an mir heruntersehe, fühle ich mich auch formal fatal an Weichkäse erinnert. Auf diese Äußerung schnaubt Britta nur laut auf. Wir verabreden, wenigstens jeden zweiten Tag Sport zu treiben und uns gesund zu ernähren. Ich denke an die Flasche selbstgemachten Erdbeerlikörs, die mir meine Referendarin zum Dank überreicht hat und stufe sie sofort unter gesund ein. Britta schlürft hörbar am anderen Ende der Leitung und kontert damit, dass die Eiswürfel in ihrem Prosecco null Kalorien hätten. Wir giggeln noch eine ganze Weile am Telefon herum und mit jedem Lachen purzelt ein Belastungspunkt nach dem anderen von uns bis wir das Gefühl haben, von oben auf die ganze Chose herabblicken zu können. Eine wilde Mischung aus Anstrengung, Einsatz, Ärger, Freude, schlechtem Gewissen, Tränen, Familienchaos, Rebellionsgeist und Schokolade ist es, die da zu unseren Füßen liegt. „Eigentlich halten wir uns wacker“, findet Britta und stippt mit der Schuhspitze in den Gefühlssee, „wir sind Alltagsheldinnen, jawoll!“

Am Ende des Telefonats gehe ich leicht beschwipst, aber ungemein guter Dinge ins Bett. „Ich werde jetzt eine Ferienheldin, Herr Weh, jawollja!“, nuschle ich dem wunderbaren Mann an meiner Seite ins Ohr. „Hmmmm“, brummt er zurück. Aber das höre ich schon nicht mehr, ich bin eingeschlafen.

 

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18 Kommentare zu „Was vom Schuljahr übrig blieb

  1. Ich erkläre es hiermit für alle als amtlich bestätigt: Eierlikör I S T definitiv gesund. Vor allem wenn man ihn (eher bei kühleren Temperaturen) in der Badewanne bei einem Schaumbad schlabbert. Hmmm! Liebe Grüße von einer, die noch an den Zeugnissen rumtippt (tja, welches Bundesland ist das wohl …?) – oder sich wie gerade eben bereitwilligst ablenken lässt.
    Ich wünsche von ganzem Herzen erholsame Ferien! ♥

    1. Jetzt erst gesehen: Es handelt sich ja um ErdbeerlikörDer ist noch vieeeeeel gesünder! Ein Wellnessgetränk erster Güte. Aber ich hoffe eh, dass die Flasche zumindest schon angebrochen wurde und ihre heilende und kräftigende Wirkung entfalten durfte! 😉

  2. ….ich hab dieses Jahr auch nichts geplant, drei Wochen Urlaub nach über 10 Monate Arbeit mit kleinen Unterbrechungen von je mal 4 oder fünf tage Urlaub, in denen keine Erholung möglich war. Keine Kinder mehr, keine Eltern mehr, keine Vorgesetzte mehr, nur mich, einfach nur mich…..
    Herzliche Grüße, ♥ Luiserl

  3. „Zumindest die Farbe von Käse habe ich schon…“ – herrlich 😀 Und mit der Ausrede über den Gesundheitsgehalt von Erdbeerlikor kann ich mich voll und ganz identizifieren (in meinem Kühlschrank lauert eine Flasche Kirsch- und Schoko-Likör…). Vielen Dank für diesen Lesespaß! 🙂

    1. Die Flüssiggenüsse eignen sich auch als Krönung für leckeres Vanille- oder sonstiges Eis.
      Ebenso wie ein Maracujasaft, Rote Grütze, Apfelmus – gekrönt mit etwas Haselnusskrokant. (Ich hab’s nicht so mit dem Alkohol..). Eisdiele zu Hause – gemütlich, billig, individuell, lecker, kalorienärmer (da Portion möglicherweise kleiner…).
      Schöne Ferien von der aussterbenden Spezies Gerne- (Apothekerin-) Hausfrau!!!

  4. Hallo Frau Weh,

    Ich kann es nachfühlen. Es ist schön, das Buch zu schließen und in der beginnenden Entspannung die Erschöpfung zu spüren, der ganz langsam die Luft entweicht…
    Schöne Erholung für Sie!

  5. Bei mir stand noch der Abschied von meiner Ausbildungsschule an. Das Referendariat ist jetzt beendet. Wahnsinn.
    Ich musste GANZ tief durchatmen…aber jetzt kann ich mich auf meine erste Klasse im nächsten Schuljahr freuen – auch wenn das sicher kein Zuckerschlecken wird….
    FERIEN!!! 🙂

  6. Ich habe leider erst in 2 Wochen Urlaub, aber die Kreuze im Kalender sind schon gemacht!!! Meine Urlaubsplanung ist ähnlich weit gefasst wie die Ihre: Alles & nichts. Alles kann, nichts muss. Dieses Jahr habe ich zwei Wochen vor meinem eigentlichen Urlaub ein verlängertes Wochenende frei genommen um den Besuch bei meinen Schwiegereltern gleich hinter mich bringen zu können. Elternarbeit im Urlaub – darauf habe ich keine Lust! Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Urlaub, Frau Weh!

    1. Danke, das wünsche ich zurück! Ich merke gerade, wie gut mir die Ferien und auch die Sonne tun. Tatsächlich bin ich so schnell entspannt wie noch nie in den Sommerferien. Herrlich!

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