Rolling Stone

„Ich frage mich wirklich, wie der da reingekommen ist!“

97 cm verblüffte Unschuld stehen vor mir, die kleinen Hände in die Hüften gestützt.

„Die Frage“, ich blicke das Miniweh streng an, „die Frage ist wohl nicht, wie der Stein in deine Nase gekommen ist, denn DAS wissen wir beide GANZ genau! Viel wichtiger: Wie kommt er da wieder raus?“

Es ist Freitagnachmittag. (Natürlich ist es das! Es könnte auch Mittwochnachmittag oder nachts oder Wochenende sein, denn das alles sind bevorzugte Zeitpunkte, die sich Kinder aussuchen, um Dinge auszuprobieren, die das Eingreifen medizinischen Fachpersonals nötig machen.)

Wir können nicht eruieren, woher der Stein kommt oder wann er sich entschlossen hat, die Nase meines jüngsten Abkömmlings zu verstopfen, jetzt steckt er jedenfalls ganz oben drin und lässt sich nicht mehr bewegen.

„Die Ägypter haben die Gehirne ihrer Toten mit so einem kleinen Haken rausgeholt“, teilt das mittelgroße Wehwehchen fachkundig mit und macht die entsprechende Handbewegung, „vielleicht wär das was.“

„Weiß ich doch“, antworte ich stirnrunzelnd, „hol mal dein Taschenmesser, vielleicht ist da auch so ein Gehirnhaken dran.“

„Brauche ich mein Gehirn noch?“, will da das Miniweh interessiert wissen. „Mach dir keine Sorgen, wenn wir es finden, steck ich es dir wieder rein“, antworte ich. Neben mir liegen bereits eine Pinzette, eine Sicherheitsnadel, eine riesige Tüte Gummibärchen und (Schande, Schande!) eine Nagelschere. Mit all diesen angsteinflößenden  Gegenständen habe ich bereits versucht, den Eindringling herauszuhebeln. Wer sich nun an zweifelhafte Horrorfilme erinnert sieht, dem sei gesagt: all dies verblasst gegen den ganz normalen Familienwahnsinn. Wer braucht noch Horror, wenn er Kinder hat?

Im nächstgelegenen Krankenhaus sind wir bereits abgewiesen worden („Ein Kind? Da geh ich nicht dran!“), die daraufhin telefonisch kontaktierte Kinderklinik verweist uns trotz eigener HNO-Abteilung ebenfalls an die größere Uniklinik. Die könnten das besser und so. Die Sprechstundenhilfe der hilflos angewählten HNO-Praxis im Nachbarort lacht mich schlichtweg aus, sie seien jetzt im Wochenende. Mühsam unterdrücke ich erst einen Fluch und anschließend die aufsteigenden Tränen der Verzweiflung.

Es ist an die 30°C und mir läuft der Schweiß in Strömen den Rücken herunter, als ich mich mit dem nächsten Folterinstrument der Nase meines Kindes nähere, das völlig arglos und voll grenzenlosem Vertrauen in die Allmacht seiner Mutter den Kopf in meinen Schoß legt. Ich halte die Luft an und versuche den kleinen Spielplatzkiesel – denn als solchen konnte ich den Eindringling mittlerweile enttarnen – aus dem Nasenloch zu hebeln. Nichts. Das Ding sitzt fest wie ein Schokoladenriese im Backenzahn. Keine Chance, es fehlt an der nötigen Ausstattung.

In meinem Kopf rotiert es. Was mache ich? Wo könnte ich noch hin? Die halbstündige Fahrt in die Uni möchte ich uns gerne ersparen, zumal in der Notfallambulanz Wartezeiten von mehreren Stunden keine Seltenheit sind. Und dass das keinen Spaß mit zwei Kindern machen wird, ist klar. Aber wir wollen Spaß, schließlich haben wir Ferien, verdammt!

Ich rufe eine weitere HNO-Klinik an und lande bei einem Pfleger, der mir amüsiert mitteilt, er würde sich freuen, uns begrüßen zu dürfen und natürlich seien Kinder überhaupt kein Problem und große Steine in kleinen Nasen ihr Spezialgebiet. Wir sollen mal nur gleich auf Station kommen und gar nicht erst in die Ambulanz, schließlich sei Freitag, das bräuchte man sich doch nicht antun, wenn es nicht sein müsste! Augenblicklich möchte ich ihn durchs Telefon ziehen und küssen! Als wir eine knappe halbe Stunde später in der Klinik auflaufen („Oh, da sind aber viele Fenster im Krankenhaus!“, „Ja und hinter allen Fenstern liegen Leute mit Steinen in der Nase!“) sprüht der Pfleger immer noch vor Elan und ruft uns schon über den Flur entgegen, da komme sicher der kleine Stein in der Nase.

„Ja“, antworte ich, „und seine hysterische Mutter hat er auch gleich mitgebracht“. Lachend überreicht er mir die notwendigen Formulare und verweist uns an einen jungen Arzt. Dieser grinst mich an – offensichtlich gehören hier hochrote, erhitzte Mütter zum Alltagsgeschäft – und geht vor dem Miniweh in die Hocke: „Na, du! Isch bin der Kemal, lass misch mal gucken! … Boah, wat groß!“ Das Miniweh nickt entzückt ob der Tatsache, dass endlich mal jemand die Sache angemessen würdigt und lässt sich widerstandslos auf den Behandlungsstuhl verfrachten. Kopf in den Nacken, Lampe an, Haken rein, Stein raus, fertig. 1 Sekunde, höchstens.

Ich zerfließe vor Dankbarkeit (und innerer Hitze), packe das Miniweh, das stolz seinen Kiesel in der Hand hält, und will nur noch nach Hause. Auf der Rückfahrt singt mein kleiner Ehesegen in allerbester Laune vor sich hin, meine zusammenfassenden Belehrungen und Ermahnungen geflissentlich überhörend. Da wird es auf einmal still auf der Rückbank. In plötzlicher Unruhe blicke ich in den Spiegel. Mit hochkonzentriertem Blick pult das Miniweh mit dem Finger im Ohr.

„Neeeeiiiiiin!“, brülle ich und lege eine Vollbremsung hin. Dabei kollert der kleine Kiesel, der mitnichten im Ohr, dafür aber auf dem Schoß des Miniwehs gelegen hat, auf den Boden.

„Oh, blöd, Mama! Den wollte ich doch Papa zeigen!“

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30 Kommentare zu „Rolling Stone

  1. Die Geschichte an sich kann es eigentlich nicht sein. Ich glaube es ist mehr dein Schreibstil, der in jedem Wort so viel Liebe ausstrahlt, der mir allmählich Lust auf eigene Kinder macht. Thanks! ❤

  2. Lach… tränenwegwisch…. zum Glück hat das noch keines meiner Kids gemacht. Aber ich kann mich so gut reinfühlen. Und einfach herrlich geschrieben!
    Kinder sind doch das schönste! Da kommt nie Langeweile auf 😉

  3. Oh herrlich, ich fühle mich grad sehr an meine Kindheit erinnert… 🙂 Da war es mein kleiner Bruder, der vom Bandwurm über ausgekugelte Schulter und gebrochene Zehen (Türzarge gegen Fuß im Vorbeilaufen) bis zum verspeisten Stein aus einer Hydrokultur alles mitgenommen hat. 🙂

  4. Puh, was wurde es mir grad heiß, als das Miniweh den Finger ins Ohr steckte. Habe doch tatsächlich laut „Oh nein!“ gesagt und meinen Mann etwas verwirrt zurückgelassen, als ich in einer kurzen Zusammenfassung versuchte zu erklären: „Du weißt doch, Frau Weh, das Miniweh, Stein in der Nase, Finger im Ohr, doch alles gut…“ 😉
    Danke, Frau Weh, mal wieder großartige Geschichte, wie sie das Leben schrob.

  5. Bei DER Krankenhauserfahrung muß das Miniweh sicher nicht mehr in die Kuscheltiersprechstunde beim nächsten Tag der offenen Tür der Kinderklinik. Auch wieder ein Termin gespart 🙂

  6. Oh, Du Arme, da macht man was durch. Ich komme immer wieder gern vorbei und halte mich auf dem Laufenden, was es bei Euch so Neues gibt. Ganz liebe Grüße, kejuha

  7. Wie hinreißend ist das Miniweh-chen!
    Schon allein der erste Satz „Ich frage mich wirklich, wie der da reingekommen ist.“…
    Kinder sind – trotz Steinen (gerne werden auch Erbsen, Kaffeebohnen u.a. genommen) in Nasen oder Ohren oder wo auch immer so ein Gewinn.
    Natürlich kann ich mich als Mutter auch an solche sorgenschweren Situationen erinnern.

    Ich finde übrigens, dass der Pfleger und auch Kemal einfach großartig sind! Gute Arbeit, Jungs!

    Und noch eine kleine – ja, ich gebe zu: leicht angesäuerte – Bemerkung zur amüsierten Sprechstundenhilfe: Die wird ja vielleicht auch mal Kinder haben und dann werden die irgendwann eingeschult und dann möchte sie vielleicht etwas von Dringlichkeit mit der Pädagogin besprechen … Aber dann! Pahhh! … 😉

  8. Danke für den Lacher des Tages. So wunderbar geschrieben und so live aus dem Leben. Stein in Nase hatten wir noch nicht, dafür blutenden Fuß weil die großen Schwestern die kleine im Puppenwagen schieben mussten und die Kleine den Fuß ins Rad bekam …

    Die Vollbremsung hätte ich vermutlich aber ebenso hingelegt nach der Story. *g*

  9. Habe auch sehr amüsiert diesen Bericht gelesen: Ich hätte es mit „einem Werkzeug“, das eigentlich für die Ohren ist versucht. Ich glaube das heißt Ohrlöffel. ist vorne so abgerundet, dient dazu, dicke Pfropfen aus dem Ohr des Nachwuchses zu popeln;-) Sollte in keinem Haushalt mit Kindern fehlen.

  10. Herrlich. Ich kann mich daran erinnern, dass diese Zuckerostereier ebenfalls hervorragend in Nasen passen – jedenfalls in die meinige und das Ganze logischerweise Ostern. Wie das Ei damals da rein gekommen ist, weiß ich auch nicht 😉 Ich weiß nur noch, dass meine Mutter das nicht annähernd so prima fand wie ich. Und den folgenden Jahren gab es keine kleinen Zuckerostereier mehr …

  11. Solche Geschichten kennen wohl alle Mütter von neugierigen Forscherkindern. Bei uns war es einen Playmobilkanonenkugel, die eigentlich durch festes Ausatmen aus der Nasenkanone geschossen werden sollte. Leider ohne Erfolg! Kommentar des inzwischen 18jährigen Sohnes: Das lag nur daran, dass diese Kugeln wegen den Rillen nicht glatt aus der Nase rutschen. Bei uns war es übrigens Samstag und die Frage der zuständigen Klinik hat auch bei uns zu Zeitverzögerungen geführt.

  12. „Wenn wir es finden, stopf ich es dir wieder rein!“ Ach wie großartig, ich lache hier Tränen! 😀 Wirklich toll gschrieben!
    Schön, dass auch der Pfleger und der Arzt da keinen Stress gemacht haben und das Problem ohne traumatische Erfahrungen aus der Welt geschafft haben. 🙂

  13. Super 😀 (also nicht super, nur super dass es wieder raus ist, und super geschrieben 😉 )
    Meine Tochter hat sich „nur“ ein Schaumstoffstückchen in die Nase gesteckt- ich dachte das niest sich wieder raus… hat es aber nicht! Am nächsten Tag ging es dann normal zum Kinderarzt, und der zog dann ein MONSTRUM aus der Nase der Tochter… Merke: Schaumstoff lässt sich toll klein drücken, um dann in der Nase so richtig aufzuplustern und NIE wieder alleine herauszukommen o.O
    Das ist jetzt zum Glück schon fast 3 Jahre her…
    Liebe Grüße Katha

  14. Ich stelle mir gerade vor, wie man mit einer Tüte Gummibärchen Gesteinsbrocken aus Kindernasen zu entfernen versucht 🙂
    Mein Vater hat jedenfalls die Trockenerbse, die während seines Nickerchens wie durch Zauberhand in seine Nasse gelangt war, irgendwie anders entfernt. Dafür hat er aber auch nicht solch ein erfrischendes Pfleger-Kemal-Gespann erlebt. Schade für ihn!

  15. *schallen lach* Super!
    Das Miniweh hat eindeutig Unterhaltungspotenzial. 😉
    Das hat mich ein bisschen an ein Astrid-Lindgren-Buch (Madita?) erinnert, in dem sich die kleine Schwester der Protagonistin eine Erbse in die Nase gesteckt hat.

  16. Liebe Frau Weh!
    Was für eine grandiose Geschichte. Erinnert mich stark an eine Geschichte, die meine Eltern mal mit mir erlebt haben 😉

    Was Dein Angebot mit dem Spiralschneider angeht: das ist wunderbar. Ich würde es gerne annehmen, würde aber gerne wissen, womit ich Dir im Gegenzug eine Freude machen kann? Bücher für Dich oder Deine Kinder?

    Viele liebe Grüße * Denise

  17. Oh, das kenn ich.
    Meine Schwester, damals so ca. 3 Jahre alt, kam auch mal zu unserer Mutter.
    Mama, Claudias Perle ist weg. Ja, dann heb sie doch auf.
    Geht nicht, ist in Nase.
    😉
    Auto grad verliehen, Kinderklinik weiter weg. Also KH vor Ort. Am WE natürlich. Mit einem Arzt ähnlich wie euer.
    Er begrüßte meine Eltern mit den Worten; Ich nix HNO-Arzt.
    Hat aber die Perle gerettet und ich hab sie auch wieder bekommen.
    LG
    Claudia

  18. brüll….Lange nicht mehr so gelacht…Der Klassiker unter den Katastrophen. Die Vollbremsung hätte ich auch hingelegt. Tja die lieben Kleinen. Das kann man sich gar nicht ausdenken was denen allen einfällt.
    Wir hatten die Uniklinik zu dieser Zeit „Gott sei Dank“ fußläufig und man begrüßte uns da auch schnell mit Handschlag. Bei uns waren es aber meistens „Ziernähte“ zur Verschönerung der Pysiognomie. Vornehmlich vorne links und hinten rechts – warum auch immer…und solche Ärzte braucht das Land…..
    Im Urlaub keine 5 Minuten auf Campingplatz eingetroffen, neues Taschenmesser raus – weil die Ziege ja sonst den Apfel nicht fressen kann – Rezeption, wo ist die nächste Klinik und ab ins Auto – schöne Ziernaht am kleinen FInger und leider den nächsten Tag schmollend im Spaßbad – weil schwimmen mit sechs Stichen is nich…..

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