Welche Pille würdest du wählen?

„Nimmst du die blaue Pille, endet es. Du wachst auf und glaubst, was immer du glauben möchtest. Nimmst du die rote Pille, bleibst du im Wunderland und ich führe dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus … Vergiss nicht: Ich biete Dir nur die Wahrheit an – nicht mehr.“ (Wachowski: The Matrix)

„Sie können sich sicher denken, warum wir hier sind“, sagt der Vater mit diesem speziellen Unterton, der solchen Gesprächen eigen ist. Natürlich kann ich es mir denken, schließlich stehen die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen vor der Türe. Zu keinem anderen Zeitpunkt lerne ich so viele Väter kennen wie in diesen Wochen des vierten Schuljahres.

„Mein Mann ist nämlich Ingenieur“, schaltet sich da die Mutter ein, „der hat ja alles erreicht, was geht!“ Sie nickt resolut, ich neige unbestimmt den Kopf, mit Ingenieuren kenne ich mich nicht so aus. „Der Sven soll nämlich aufs Gymnasium!“

Selbstverständlich soll er das – so wie knapp 80% meiner Klasse, zumindest wenn es nach dem Wunsch der Eltern geht. Svens Leistungen sind mittelmäßig, viele Dreier, ein ausreichend im Lesen (eigentlich schon der klassische Knock Out für den Übergang auf ein Gymnasium), ein gut in Kunst, das macht er gern.

Ich bin genervt. So viele Elterngespräche und in allen geht es um das Gleiche: nur das Gymnasium zählt – ganz egal, welche Voraussetzungen das Kind besitzt, egal was mein Eindruck ist. Ich weise die Eltern auf die Zensuren ihres Sohnes hin und hebe besonders die Vier im Lesen hervor. „Deswegen zahlen wir ja auch seit Mai ein Vermögen an das Nachhilfeinstitut“, giftet die Mutter zurück. „Das kriegt die Schule ja offensichtlich nicht hin. Bei uns früher wurde das ja auch alles ganz anders gemacht, heute wird ja gar nicht mehr richtig gelernt!“ Natürlich kann ich das so nicht hinnehmen und verweise darauf, dass auch sie als Eltern Pflichten nachkommen müssten und zumindest jeden Tag ein bisschen mit dem Sohn lesen müsse doch möglich sein!? Empört wischen Svens Eltern den Hinweis beiseite: „Sind Sie Lehrer oder wir?“

Noch eine ganze Weile geht es so weiter. „Was würden Sie also jetzt und an dieser Stelle ins Gutachten schreiben?“, möchte der Vater wissen, um das aus dem Ruder laufende Gespräch zu beenden. „Ich würde Ihrem Sohn eine Realschulempfehlung geben, denn —“ „Dann ist ja alles gesagt!“, schneidet er mir das Wort ab und steht auf. „Wir gehen.“

Empört schlage ich im Lehrerzimmer auf: „Boah, es gibt echt unmögliche Eltern!“

„Sie können sich sicher denken, warum wir hier sind“, sagt der Vater mit diesem speziellen Unterton, der solchen Gesprächen eigen ist. Natürlich kann ich es mir denken, schließlich stehen die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen vor der Türe. Zu keinem anderen Zeitpunkt lerne ich so viele Väter kennen wie in diesen Wochen des vierten Schuljahres.

„Mein Mann ist nämlich Ingenieur“, schaltet sich da die Mutter ein, „der hat ja alles erreicht, was geht!“ Sie nickt resolut, ich neige unbestimmt den Kopf, mit Ingenieuren kenne ich mich nicht so aus. „Der Sven soll nämlich aufs Gymnasium!“

Selbstverständlich soll er das – so wie knapp 80% meiner Klasse, zumindest wenn es nach dem Wunsch der Eltern geht. Svens Leistungen sind mittelmäßig, viele Dreier, ein ausreichend im Lesen (eigentlich schon der klassische Knock Out für den Übergang auf ein Gymnasium), ein gut in Kunst, das macht er gern.

Ich lasse die Eltern von ihren Wünschen und ihrem Lebensentwurf für ihren Sohn erzählen. Mir kommt das mittelgroße Wehwehchen in den Sinn und ich denke daran, dass es für Eltern nicht immer leicht ist, die Realität als solche zu akzeptieren. Behutsam gehe ich auf die Schilderungen der Eltern ein und erkläre sorgfältig, wie ich Svens Leistungen sehe, sein Arbeitsverhalten beurteile. Ich nenne seine Stärken und seine Schwächen. Die Eltern nicken, sie erkennen ihren Sohn wieder. Das Gespräch verläuft ruhig und sachlich. Ich erläutere, warum ich zum jetzigen Zeitpunkt den Besuch der Realschule empfehlen würde und nicht das Gymnasium. Gebe den Hinweis auf die Gesamtschule als Möglichkeit das Abitur nach 9 Jahren ohne Schulwechsel zu erreichen.

„Natürlich wird sich Sven weiterentwickeln. In welchem Maße und wann er das tut, kann ich nicht sagen – meine Arbeit wäre leichter, wenn ich in die Zukunft meiner Schüler blicken könnte“, sage ich mit einem zarten Lächeln, das die Eltern erstmalig erwidern. „Sie müssen sich auch darüber im Klaren sein, wieviel Zeit und Wissen Sie in die gewählte Schulform investieren möchten“. Wohlwissend, dass Sven bereits jetzt bis zu 90 Minuten an den Hausaufgaben sitzt, schubse ich die Eltern sanft auf diesen neuen Gedanken. Die Mutter blickt mich erschreckt an. „Das wäre dann deine Aufgabe, ich bin ja nicht da.“, wendet sich der Vater an seine Frau, deren Blick starr wird. Wir sprechen noch von Frustrationstoleranz, Anstrengungsbereitschaft und der Notwendigkeit von Erfolgserlebnissen, um stark werden zu können.

„Nun habe ich Ihnen umfassend meine Sicht dargelegt, möchte Sie aber auch darüber informieren, dass Sie Ihren Sohn selbstverständlich auch auf der Schule Ihrer Wahl anmelden können, wenn Sie sich nicht meinen Überlegungen anschließen können. “ Während der Vater bereits zurückrudert („Nein, nein, Sie können den Sven da sicher besser einschätzen als wir!“), stellt die Mutter die letzte, entscheidende Frage: „Wenn Sven Ihr Sohn wäre, würden Sie ihn aufs Gymnasium geben?“ Ich blicke sie an und schüttle den Kopf: „Nein, auf gar keinen Fall. Ich würde wollen, dass er einen guten Start hat.“ Sie nickt: „Danke, Sie haben sich viel Zeit genommen. Ich glaube, wir verstehen die Situation jetzt besser.“

Freundlich verabschieden wir uns voneinander. Im Lehrerzimmer mache ich mir kurz ein paar Notizen. „Wie war dein Gespräch?“, will Kollegin Mandel wissen. Ich blicke von meinen Unterlagen auf: „Ganz gut, denke ich.“

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44 Kommentare zu „Welche Pille würdest du wählen?

    1. Oh Frau Weh, sie waren heute bei meinem Elterngespräch dabei!! Morgen folgen noch 7 Gespräche dieser Art, ich überlege noch, welche Pille ich nehmen soll 😉

    2. Warum sagen Sie den Eltern erst jetzt dass sie mit dem Kind Lesen üben müssen? Das ist nicht selbstverständlich. Ich habe auch noch in einer Welt gelebt, wo Schule Schule ist, und zu Hause muss man nicht mit dem Kind lernen. Ich bin auch keine Lehrerin, sondern Mutter. Mein Sohn hat das Abitur, und studiert jetzt, aber in der zweiten Klasse wollten sie ihn auf die Sonderschule abschieben, weil er nie zuhört und nichts lernt. Habe ICH ihm alles beibringen müssen. Und einen IQ Test gemacht, Ergebnis: 150. Vater Ingenieur. Haha.

  1. Ich wünsche Ihnen in nächster Zeit ganz viele Gespräche der zweiten Art.
    Es ist für Eltern wahrlich nicht leicht, zu erkennen und vor allem zu akzeptieren, dass das eigene Kind auch Schwächen hat.
    Mit Nummer 1 des Nachwuchses haben wir dieses Gespräch vor einiger Zeit geführt und natürlich ist es stellenweise bitter, wenn Defizite so beim Namen genannt werden. Doch zum Glück siegte die Vernunft, es wurde „nur“ die Realschule und wir haben es noch keinen Tag bereut. Erfolgserlebnisse gehören (wie Sie es schon so schön geschrieben haben) zum gesunden Reifen und dem Aufbau von Selbsbewusstsein..

    1. Dann haben Sie sich für Ihr Kind absolut richtig entschieden, wie schön! Seit die Wehwehchen da sind, hat sich einiges für mich als Lehrerin geändert, sicherlich auch zum Vorteil der Eltern 😉

  2. Herzlichen Glückwunsch zu soviel Abgeklärtheit und Reife! Sicher sind die eigenen Kinder da sehr gute Lehrmeister. Im ubrigen finde ich, es ist die größte Stärke unseres stellenweise sicher reformbedürftigen Schulsystems, dass es bis zum Schluss durchlässig bleibt und man eben nicht nach vier Jahren Grundschule eine Entscheidung treffen, geschweige denn sein Kind überfordern muss. In einer integrierten Gesamtschule kann sich das Kind in seinem eigenen Tempo entwickeln, auch nach einem Realschulabschluss ist ein Übergang in die gymnasiale Oberstufe oder eine Fachoberschule bei entsprechenden Noten möglich, Hauptschulabsolventen können mit einer abgeschlossenen Ausbildung + nachgewiesenen zusätzlichen Englischstunden in der Berufsschule den Mittleren Abschluss erwerben, die Meisterprüfung ist dem Fachabitur gleichgestellt, ein abgeschlossenes Fachhochschulstudium gibt den Weg in die Uni frei… Also warum um Himmels Willen diese krampfhafte Fokussierung auf das Güminasium mit 10 Jahren?!?!?

  3. Danke! Das ist jetzt der dritte post von Frau Weh, der im Lehrerzimmer meines Mannes (Primarstufe) kursieren wird aus therapeutischen Gründen: sieh da, es geht allen überall so, nicht nur uns! – – – Ich selbst bin in der Sekundarstufe und darf dann ausbaden, was die Eltern durch falsche Schulwahl für ihre Kinder verkorkst haben… Hat jemand mal eine rote Pille für mich?

  4. ach ja meine sind noch lange nicht soweit, der eine besucht eine Regelschule, 2 Schuljahr und es ist verdammmt bitte zu hören das es nicht so läuft wie gewünscht, aber ich kann seiner Lehrerin versprechen, bei mir wird es ein Gespräch in rot. Irgendwann mal, aber das weiß ich jetzt schon. Das Kind soll einen guten Start haben

  5. Schade, dass wir bei dem Gespräch von unserem Großen nicht eine Lehrerin hatten, die uns die rote Pille angeboten hat. Leider war das Gespräch mehr als blau und hat bei uns Eltern für schlaflose Nächte und große Zweifel gesorgt. Jetzt ist er in der 9. Klasse des Gymnasiums und hatte nie große Probleme. Er ist zwar immer noch nicht der Oberstreber und macht nicht mehr als er muss aber durch das Vertrauen was wir in Ihn hatten ist er sehr gewachsen. Gott sei dank hat unsere Kleine (4. Klasse) eine Lehrerin, der wir alle, einschließlich unserer Tochter, voll und ganz vertrauen. Auch Eltern lernen mit jedem Kind dazu ! Vielen Dank noch einmal für diesen Beitrag.

  6. Toll! Die rote Pille hätte ich auch gerne öfter…durfte ich aber zum Glück auch schon nehmen! Aber auch blaue musste ich schon schlucken, v.a. wenn man gesagt bekommt, eine Hauptschulempfehlung sei eine Frechheit und das mit einer knappen 5 in Deutsch und 4 in Mathe sowie keinerlei Unterstützung zu Hause :0
    Freue mich immer bei dir zu Lesen und wünsche dir, dass dein roter Lauf anhält.

  7. Ach ja, besagtes Kind geht natürlich aufs Gymnasium…was auch sonst. Aaaarrrrgghh! Da gehen Erfolgserlebnisse flöten. Könnte mich immer noch aufregen…das arme Kind!

  8. Ja, das wird mir auch noch bevorstehen… vielleicht sollte ich, als netten Einstieg in die Gespräche ein paar gefärbte Schokolinsen in rot und blau und eben dieses Zitat den Eltern anbieten…!? 😉

  9. Ich würde da ja direkt ungehalten werden.
    Einfach mal erklären, dass das Kind auf’s Gymnasium gehen kann, um Kommunikationswissenschaften zu studieren, im Ergebnis nix Sinnvolles zu können, daher ewig Praktika zu machen und den Eltern auf der Tasche liegen; oder auf die Realschule gehen, Elektriker lernen und mit 25 ein eigenes Kleinunternehmen zu haben.

  10. Liebe Frau Weh, so ein schöner Artikel… 🙂
    Unsere Gespräche stehen im November an, ich bin mal gespannt wie oft sie in die rote oder blaue Richtung gehen….
    Wobei ich immer wieder an meine schulische „Vergangenheit“ denken muss: Nach der Grundschule bin ich auch auf die Realschule gegangen und das war genau richtig! Besonders in der 7./8. Klasse hätte ich es am Gymnasium nicht geschafft. Erst in der 9./10. Klasse hat sich der eigene Ergeiz entwickelt, so dass ich nach der 10 auf das Gymnasium gewechselt bin! Die Realschule ist doch keine Sackgasse! Da sitz ich nun „trotz“ Ralschule mit Abitur und Uni-Anschluss und bin Lehrerin – geht doch auch so, oder? 🙂
    LG JULIA

  11. Theoretisch weiß ich nach vielen Jahren Berufserfahrung ja um die gute Wirkung von „rot“…. Aber rein praktisch rutsche ich im alltäglichen Geschäft immer mal wieder nach „blau“: DANKE für’s Erinnern!

  12. Danke liebe Frau Weh! Der Text ist wieder so schön geschrieben! Ich freue mich jedes mal riesig, wenn es auf dieser Seite etwas Neues zu lesen gibt! Jedes mal ist dann ein Schmunzeln, ein lautes Lachen 🙂 oder ein gerührtes Schlucken garantiert…

  13. Ich habe am Ende erstaunlich sicher auf den Satz „Beide Kinder wurden auf dem Gymnasium angemeldet.“ gewartet. Ich weiß, dass es ein Fall auf zwei Arten sein soll… Trotzdem dachte ich an eine egal-was-man-tut-Geschichte. Bin ich jetzt schon so zynisch, dass ich den einlenkenden Eltern eher misstraue? Etwas bedenklich…

  14. Ach ja, was kommt da nur alles in mir hoch.
    Die ganzen Gespräche über die Jahre mit Eltern, die sich anders entschieden haben: gegen die Grundschulempfehlung und für das Gymnasium. Ja, das geht in meinem Bundesland. Der Elternwille zählt, auf Biegen und Brechen.
    Jedes Kind kann an jeder Schulform angemeldet werde. Das gilt auch für Förderkinder.
    Ja, sie meinen es gut in unserem Ministerium. Aber sie sehen die Kinder nie, die keine Erfolgserlebnisse haben. Einzeln fördern sollen wir.
    Nur wann und wo? Bei 30 Kindern in zwei Stunden Fachunterricht pro Woche?
    Und man müsste sich einfach eingestehen, dass nicht alle Menschen alles können. Begabungen, Fähigkeiten sind unterschiedlich verteilt. Auch wenn man es sich noch so sehr wünscht, es kann nicht jeder Seiltänzer werden, oder Brückenbauingenieur.
    Ein zufriedener Mensch, mit einer Arbeit, die ihn erfüllt, das wär doch was.
    Das frage ich dann mal schon die Eltern: was glauben Sie, wie ihr Kind später glücklich werden kann?

  15. Bei uns wurden die Grundschulempfehlungen nicht mehr verbindlich gemacht – das nimmt sehr viel Druck von den Eltern, die diesen dann an die Kinder weitergegeben hätten. Es führt zwar auch dazu, dass ich nun bei meiner Fünften zwei Kinder drinsitzen habe, deren Lesevermögen ungefährt auf dem Niveau eines Zweitklässlers anzusiedeln ist und ich einen riesigen Spagat zwischen ihnen und sehr leistungsstarken Schülern machen muss. Bin gespannt, ob und wie ich das hinbekomme – und auf mein erstes Elterngespräch mit den Eltern dieser beiden 🙂
    Aber meiner Erfahrung nach kann sich im Laufe der reife eines Schülers noch so viel ändern, dass ich froh bin, so früh noch nie eine Prognose erstellen zu müssen. Mich dauert nur, wenn ich sehe, dass Schüler ständig unter ihren Noten leiden und die Eltern uneinsichtig sind.

    viele Grüße aus der Provinz

  16. *gedankliche Notiz mache*
    Nachdem ich morgen wieder ein Elterngespräch habe (allerdings nicht für weiterführende Schule, es ist ja eine 1. Klasse), versuche ich mir da ein wenig mitzunehmen. 🙂

  17. Wenn wieder ein Ingenieur vor Ihnen steht: ich kenne inzwischen zwei Ingenieure, die nicht auf dem Gymnasium waren. Das geht nämlich durchaus: Realschule und dann Fachabitur und Studium.
    (Und zum Thema alles erreicht: auch bei den Technischens Studiengängen, die man als Ingeniuer abschließt, ginge hinterher auch noch ein Dr.)

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