„Oh Gott, bitte, lass mich hier heil rauskommen, ich muss doch meine Kinder heute Abend ins Bett bringen!“

Es sind genau diese Worte, die mir durch den Kopf schießen, als es explosionsartig knallt, der LKW vor mir ausschert und meine Spur bei Tempo 100 schneidet. Hundertstelsekunden dehnen sich aus und werden zur qualvollen Ewigkeit, während mir der Schreck das Adrenalin durch den Körper peitscht und ich mich reflexartig nach allen Seiten umdrehe, um die Lücke im Verkehr zu finden, durch die ich dem schlingernden Koloss vor mir ausweichen kann.

Schneidend durchfährt mich die Gewissheit: Ich kann heute nicht sterben. Noch nicht. Nicht heute! Mir ist völlig klar, dass sich die Welt auch ohne mich weiterdrehen würde. Natürlich; wer wäre so egozentrisch, das Gegenteil zu glauben? Furcht vor dem Tod habe ich nicht, es sind meine Kinder, um die ich Angst hätte, würde ihnen die Mutter genommen. Wenn ich den Wehwehchen morgens beim Abschied ein Kreuz auf die Stirn zeichne, so ist es nicht nur ihr Schutz, um den ich dabei bitte. Immer ist es auch die eigene gesunde Heimkehr, die in diesem Ritual als stumme Bitte ihren Ausdruck findet.

Ich suche die Lücke und finde sie. Sekunden später bin ich am LKW vorbei und merke, wie sehr ich unter Strom stehe. Die restliche Fahrt umklammere ich das Lenkrad, Schweiß auf der Stirn. Ich fahre langsam und versuche mein Zittern unter Kontrolle zu bringen. Später wird in der Zeitung stehen, dass auf der A1 ein Reifen geplatzt ist, der Fahrer des LKW hervorragend reagiert hat und so ein Unfall vermieden werden konnte. Mir werden Tränen in den Augen stehen, wenn ich die Meldung am nächsten Tag lese.

Als ich auf dem Schulparkplatz ankomme, bleibe ich noch einen Moment im Auto sitzen. Danke, flüstere ich. Danke, danke, danke. Ein Erstklässler bleibt interessiert neben dem Auto stehen und wartet bis ich ausgestiegen bin. „Du bist aber spät heute!“, sagt er. „Ja. Aber ich bin hier.“

„Das ist die Hauptsache“, antwortet er fröhlich und läuft auf den Schulhof.

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32 Kommentare zu „

  1. Habe gerade auch ein großes DANKE „da oben“ hin gesprochen, liebe Frau Weh … dass Du da heil rausgekommen bist. Und noch viele BITTEBITTE dazu, dass Dein Schutzengel Dir immer zur Seite ist. Uff … musste gerade tief durchatmen. Habe auch schon so etwas auf dem Schulweg erlebt. Bei Nebel mit Sichtweite unter 30 m … überholt einer auf der anderen Fahrbahn, kommt auf meine … ich seh’s im allerletzten Augenblick, weiche aus und wundere mich, dass ich nicht die Leitplanken an der rechten Autoseite höre … so nah war ich dran.
    Aber in Deinem Fall konnte der LKW-Fahrer ja nichts dafür, wenn ich Dich richtig verstehe.

    Pass weiter gut auf Dich auf … und ich würde wohl heute meine Kinder umtaufen von Wehwehchen zu … denk Dir was aus.
    LG ULL-Rike

  2. Ein Erlebnis, dass sich keiner wünscht. Dein Schutzengel war zum Glück da! Und Du hast Recht, es ist der Gedanke an die eigenen Kinder, der einen in solchen Momenten durchfährt. Man sollte jeden Moment genießen und nutzen. Und dankbar sein, dass eigentlich alles gut ist.

  3. Frau Weh! Mir hat ein Landschaftsgärtner mit seiner elektrischen Sense einen Stein in die Beifahrerscheibe geschossen. Nach einer Vollbremsung mitten auf der vielbefahrenen Straße habe ich realisiert, dass die Scheibe komplett im Kindersitz zerstreut war. Ich dachte, auf mich hat jemand geschossen! Zum Glück war das Kind nicht mit im Auto und ich habe mehr als einmal „Danke“gesagt…

  4. Das sind Momente, auf die man verzichten kann – auch wenn man sich danach sehr lebendig fühlt…
    Weiterhin alles Gute! 😉

  5. LIebe Frau Weh, danke für diesen Text, danke fürs Erden, und wie gut, daß Sie heute ihre kleinen Wehs ins Bett bringen konnten. Sie haben gerade mal eben wieder geradegerückt, was heute schief war. Da ist eine 5minus plötzlich nicht mehr so wichtig. Bleiben Sie behütet.

  6. Oh je! Eine ähnliche Situation habe Anfang des Jahres erlebt: es ging alles so schnell und eigentlich ist auch gar nichts passiert…
    Aber auf dem weiteren Weg in die Schule stieg mir das Adrenalin bis unter die Haarspitzen. Im Lehrerzimmer brach ich dann in Tränen aus, in meinem Kopf herrschte das Chaos. Aber ein Gedanke setzte sich immer durch: mir darf nichts passieren, meine Familie braucht mich!!!!
    Ich gehe jetzt mit gemischten Gefühlen ins Bett – und werde morgen noch vorsichtiger fahren.

    Liebe Grüße schickt Frau Reiter

  7. Gott sei Dank ist es gut ausgegangen! Wahrscheinlich wirst du die Situation noch unendlich viele Male als Film ablaufen sehen, bis die Abstände größer werden und es schließlich fast aufhört. Nimm dir die Zeit, das zu verkraften. Es ist traumatisierend mal wieder vorgeführt zu bekommen, wie fragil unsere Existenz ist…

  8. Ich habe auch schon mehrere solcher „kritischen“ Situationen erlebt und wenn man dann drüber nachdenkt, ist’s oft beunruhigend „knapp“ gewesen. Schön ist in diesem Fall ja, dass offenbar auch niemand anderem etwas passiert ist! Ihnen weiterhin stets gute und entspannte Fahrt unter dem Schutz und Schirm des Höchsten!

  9. Oh, Gänsehaut pur. Ich musste gerade ein paar Tränchen verdrücken…hatte auf dem Schulweg auch schon einmal einen schweren Unfall, bei dem es so richtig gekracht hat…ich kann nachfühlen, wie es dir ergangen ist. Schön, dass nichts passiert ist und du gut angekommen bist!
    Man vergisst so schnell, was wichtig ist und durch solche Geschichten gewinnt man wieder den Blick fürs Wesentliche.
    Viele Grüße

  10. Das mit dem Kreuz auf die Stirn zum Abschied finde ich schön. Ich glaube, das führe ich bei mir auch mal ein. Dann wissen die Kinder, dass sie beschützt sind.

  11. *schluck* Jetzt hab ich Tränen in den Augen, dabei kenn ich dich doch gar nicht, liebe Frau Weh. Gott sei Dank ging alles gut.

    Ich war unlängst auf der Autobahn unterwegs, ein LKW ließ mich beim Einfädeln rein, zähfließender Verkehr war deutlich sichtbar – und dann überholt er mich und drängelt sich ohne Rücksicht auf Verluste vor mir rein, was mich zur Gefahrenbremsung zwang, weil eben keine Lücke da war und die zwischen mir und den Vordermann nicht für einen Sattelschlepper mit Anhänger geeignet war.

    In deinem Fall kann der LKW-Fahrer ja nix dafür. Wie gut, dass er berherrscht reagiert hat und das nichts passiert ist. Dir – und ihm.

  12. Als meine Jüngste diesen Sommer 18 wurde, war da auch ein großes Gefühl der Erleichterung bei mir: Jetzt sind sie alle groß und auf einem guten Weg und in der Lage, ihr Leben notfalls allein hinzukriegen. Klar wünsch ich mir noch viele gesunde Jahre, aber wenn doch etwas passieren würde, wäre es nicht mehr die ganz große Katastrophe für meine Kinder. Das ist ein wirklich gutes Gefühl.
    Ich freue mich für Sie, Frau Weh, dass die Sache auf der Autobahn letztlich gut ausgegangen ist und wünsche Ihnen allzeit gute Fahrt. Die Welt würde Sie vermissen!

  13. Liebe Frau Weh,
    ich bin froh, dass alles gut gegangen ist! Da hatten die Schutzengel alle Hände voll zu tun!
    Ich fühle mit Ihnen.

  14. Liebe Frau Weh,
    solche Situationen sind mir leider schon viel öfter passiert, und nach dem eigentlichen Schreck wächst dann das Gefühl, dass nicht alles nur Zufall ist. Es gibt wohl doch jemanden ‚da Oben‘, der noch was vor hat mit einem, oder zumindest eine tolle Schutzbrigade ausgebildet hat….

  15. Was für ein Schreck – zum Glück ist alles gut ausgegangen! Wünsche auch weiterhin gute Fahrt und zuverlässige Schutzengel!

    Liebste Grüße,
    Sonja

  16. Liebe Frau Weh,
    was ist los? Ich bin äußerst beunruhigt, nichts mehr von Ihnen zu hören seit nun schon zwei Wochen – ich hoffe, es geht Ihnen gut?
    Eine treue Leserin Ihre Blogs,
    herzlichst
    Anna K.

    1. Liebe Anna,

      vielen Dank für deine Nachfrage, es ist alles bestens: Herbstferien in NRW 🙂 Wir lassen es uns gut gehen und genießen Familienzeit. Ganz liebe Grüße zurück von
      Frau Weh

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