Die Entdeckung der Langsamkeit

Ich versinke in den Ferien wie in einem Sirupglas: langsam, stetig und genussvoll.

Während sich manche Kollegen darüber beschweren, dass die Zeit zwischen Schulanfang und Herbstferien so kurz war, freue ich mich darüber, dass ich schon zu Beginn der 14 Tage entspannt war und gar nicht in dem Maße der Auszeit bedurfte wie sonst so oft. Dabei spüre ich, wie gut es mir tut, einen (oder auch zwei) Gänge runterzuschalten. Die Entdeckung der Langsamkeit. Statt aufs Knöpfchen zu drücken, schütte ich meinen Kaffee auf, warte vier Minuten (warten ohne hibbelig und unruhig zu werden, wie toll!), drücke den Filter herunter und freue mich am so ganz anderen Aroma. Am Fastfoodtag (ja, so etwas existiert im Hause Weh, donnerstags, wenn drei Familienmitglieder zeitgleich mit Hunger im Bauch zu Hause eintreffen) wird die Pizza selber belegt, ein paar Möhrenpommes zwischen die blassen Kartoffelkollegen geschmuggelt, erfreut von den Wehwehchen aufgespürt und ohne Mosern verputzt. So anders und so viel besser als letztes Jahr.

Zwischendurch nehme ich Bücher in die Hand, wann immer es gerade passt. Erst Effie Briest, dann den Kontrabass, die Sturmhöhe und nun titelgebend Sten Nadolny. Alles Bücher, die ich bereits ein- oder zweimal gelesen habe. Es verblüfft mich, wie sehr sich die Wahrnehmung der Lektüre ändert, wenn es die Lebensumstände tun. Zu Beginn des Jahres habe ich mir vorgenommen, jedes Buch im Regal ein weiteres Mal zu lesen, um festzustellen, ob es hier bei Wehs am richtigen Platz ist oder besser doch freigelassen wird. Was für ein Vorhaben! Sogar für mich als Schnellleser.

Es bleibt auch Zeit darüber nachzudenken, wie es weitergehen soll. (Auch wenn das jetzt gleich so groß klingt, gemeint sind doch kleine Vorgänge, über die es sich nachzudenken lohnt!) Seit längerer Zeit schon läuft das Großprojekt „allen Dingen einen Wert geben“ im Hause Weh. Zwar widersprechen sich Kinder und Minimalismus in vielen Teilen, aber dennoch nehme ich nach und nach jeden Gegenstand im Haus in die Hand und frage nach dem Sinn. Finde ich ihn – wunderbar! Finde ich ihn nicht, so verlässt es uns. Im Idealfall um anderen eine Freude zu bereiten; ins öffentliche Bücherregal, an Freunde, an Fremde – egal. Weniger ist mehr – mehr Raum, mehr Luft, mehr Freiheit im Denken. Bei den Kindern ist es ganz klar das Mehr an Kreativität, das mich begeistert. Das Miniweh, das zwar konsequent die von den Paten geschenkte, wunderschöne und hochwertige Kinderküche ignoriert, dafür aber im Küchenregal selbstgekullerte Lehmkugeln ablegt, um ihren Trocknungsprozess zu beobachten. (Jeden Tag werden sie härter und widerstandsfähiger! Jetzt kann man damit schon die Hauskatze jagen ohne dass Krümelchen abbröseln…)

Aber auch in die andere Richtung versuchen wir uns Offenheit zu bewahren. Endlich hat das mittelgroße Wehwehchen eine Konsole bekommen und darf sie nach Erledigung seiner kleinen Aufgaben feriengerecht bespielen, bespielen, bespielen. Herr Weh und ich beobachten aufmerksam und zucken die Schultern. Lächelnd stellen wir fest, dass auch wir als Eltern mit unseren Kindern wachsen. Auch in Richtungen, die vor gar nicht langer Zeit überhaupt nicht in unserer Vorstellung vorkamen.

Es ist eine schöne Zeit gerade.

Euch allen eine ebenso gute wünscht

Frau Weh

P.S. Wenn ihr E-Mails schickt, dann seid bitte so nett und schreibt Frau Weh oder kuschelpaedagogik in den Betreff. Andere E-Mails landen automatisch ganz schnell im Spam und werden von mir – wenn überhaupt – erst nach Wochen entdeckt. Das ist doch schade drum 🙂

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22 Kommentare zu „Die Entdeckung der Langsamkeit

  1. DANKE … für die Erinnerung daran -dass es Langsamkeit gibt – und dass sie so gut tut, wenn man sie sich einfach mal vornimmt – UND danke dafür, dass du mich daran erinnerst, dass „Weniger mehr ist“! Das Projekt dauert hier wahrscheinlich noch Jahre, aber ich bin optimistisch!!!

    Herzliche Grüße aus den Ferien – in die Ferien – Vanessa

  2. Betreff: kuschelpaedagogik
    Welch Freude – ein neuer Eintrag! Den wollte ich heute Abend genießen. Aber die Entdeckung der Langsamkeit ist nicht bis zu mir vorgedrungen und nun habe ich ihn verschlungen… oder sollte ich sagen: die Entdeckung der Geduld? Weiter eine schöne Zeit! Andrea

    1. Na, dann solltest du aber noch ein bisschen dran arbeiten, an der Entdeckung der Langsamkeit 😉 Aber ich kenne das gut, Geduld zählt auch nicht gerade zu meinen Tugenden… Liebe Grüße!

  3. Liebe Frau Weh!
    Ich wollte dir einfach einmal sagen, wie gerne ich deine Einträge lese. Wenn ich sehe, dass es von dir etwas Neues gibt, hebe ich es mir bis ganz zum Schluss meiner Blog-Lese-Pause auf, denn deine Worte machen etwas mit mir – lassen mich schmunzeln, aufatmen, mitfühlen. Hierfür danke ich dir.
    Auch in Bayern sind Herbstferien – zwar „nur“ eine Woche, aber die tut so gut. Mit einer ersten ersten Klasse hat auf diese Ferien eine lange To-Do-Liste gewartet. Diese abzuarbeiten macht aber richtig Freude, wenn man die Zeit dafür hat. Wie schön!
    Dir noch viele weitere Sirup-Tage und gute Erholung.
    Liebe Grüße aus dem herbstsonnigen Augsburg,
    Johanna.

  4. Liebe Frau Weh, das ist ein wunderbarer Eintrag! Und macht mir Mut, mein nach der Kur im Sommer angefangenes Ausrümpel-Projekt mal wieder aufzunehmen… Auch genau deshalb: Weil weniger Dinge mehr Freiheit bedeuten. Und mehr Wert haben. Aber vorher muss ich nochmal nach der Anleitung für die Fischlaternen schauen, die Du vor einiger Zeit hier eingestellt hast. Unser Wochenendprojekt, gerade noch rechtzeitig für den Kita-Laternenumzug nächste Woche… Hoffentlich kriegen wir das hin.
    Liebe Grüße Greta

    1. Bestimmt schafft ihr das – das ist wirklich keine schwere Laterne! Für das Miniweh habe ich sie übrigens in – natürlich – mini nachgebastelt, sehr niedlich. Viel Spaß dabei, es ist ja genau das richtige Wetter zum Tee trinken und basteln mit dem Nachwuchs. Liebe Grüße!

      1. Hm, also schön sehen sie schon mal aus – nur wie ich die Ballons jetzt da rausbekomme, ohne dass die Fische implodieren… das ist eine echte Herausforderung. Wie macht man das? Und wie viele Papierschichten sind nötig, damit es klappt? Liebe Grüße – und: ich freu mich immer auf Deine Posts! Greta

        1. Liebe Greta, ich glaube, die erste Schicht darf nur mit Wasser, also ohne Kleister, auf den Ballon „gelegt“ werden, dann löst sich der Luftballon, wenn alle Schichten trocken sind und klebt nicht am Inneren fest. Nix implodiert, verwellt, deformiert dann… wenn’s klappt. Gutes Gelingen… oder jetzt vermutlich: gelungen sein. Liebe Grüße, Andrea

          1. Liebe Andrea, danke für denTip! Es hat diesmal zum Glück auch funktioniert, obwohl ich gleich mit Kleister gearbeitet habe – und auch gleich mit Transparentpapier. Die nächsten Laternen werden dann ganz professionell… Liebe Grüße von Greta

            1. Super, das freut mich. Manchmal geht es auch etwas unprofessioneller. 😉
              Auch an dich liebe Grüße hier auf dieser großartigen Seite! Andrea

        2. Ups, übersehen! Tatsächlich ist es hilfreich, die erste Schicht nur mit Wasser aufzulegen – wenn man direkt mit Transparentpapier startet, was ich ja aus Kostengründen nicht tue. Man muss vorsichtig sein, aber auch nicht zu zaghaft. Sollte wirklich mal ein Ballon implodieren, dann kann man ihn gut zurückdrücken.
          Hat es denn geklappt?

          1. Hat geklappt! Habe mit einer Nadel vorsichtig angestochen – und dann hörten wir ein sehr seltsames innerliches Knistern aus den Ballons… und als ich dann vorsichtig oben Öffnungen geschnitten habe, waren die Ballons dabei, sich langsam abzulösen. Sieht sehr schön aus! Nimmst Du als erstes weißes Papier? – Danke jedenfalls nochmal für die sehr schöne Anregung!

  5. Auch ich habe mich sehr gefreut über einen neuen Blogeintrag, habe gewartet auf einen ruhigen Moment und jetzt habe ich in Ruhe gelesen, Tee getrunken und Pralinen gegessen. Ich frage mich wie du’s geschafft hast vom Sommer bis zum Herbst nicht überferienreif zu werden. Der Stress packt mich doch immer wieder und nur selten kann ich mich wehren. Am Anfang habe ich gehofft, dass die Gelassenheit mit den Jahren kommt. Langsam glaube ich, dass ich tatsächlich aktiv etwas ändern muss, ich frage mich nur wie und was und setze es auf meine To-do Liste 😉

    1. Hallo Lisa,
      es mag sein, dass die Aussicht auf eine Versetzung zum nächsten Schuljahr mich gelassener macht. Im Moment gelingt es mir häufig innerlich einen Schritt zurück zu machen und die Situation mit etwas mehr Abstand zu betrachten. Aber meine Hauptstresszeit kommt immer zwischen Herbst und Weihnachten, wir werden sehen, wir weit es dann noch mit der Gelassenheit sein wird 😉

      Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass ich tatsächlich aktiv etwas für meine Entspannung tun muss, denn von alleine nimmt der Schulstress nie ab. Vielleicht kannst du mit einer kleinen Sache anfangen: einem Lesestopp auf dem Sofa, einer Tasse Kaffee in Ruhe – egal, welche Stürme um dich herum toben.
      Liebe Grüße!

  6. Das klingt so richtig schön und gut und angenehm.
    So als Lehrerlein hat man nämlich niemanden, der einem sag ‚Nun mach mal halblang. Morgen ist auch noch ein Tag‘.
    Das muss man alles selbst machen, das Fürsichsorgen.
    Aber das machen Sie ja jetzt 🙂

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