Von Zauberlehrlingen, Zuckerfeen und dem weichsten Instrument aller Zeiten

Die Viertklässler sind verzückt. Eben haben sie dem Beginn von Hedwig`s Theme gelauscht,

nun vergleichen sie das Gehörte mit den Klängen der Zuckerfee

(0:43 – 3:00)

und stellen Erstaunliches fest: Das Instrument, das Harry Potter fliegen lässt und der Zuckerfee zu filigraner Schönheit verhilft, ist mitnichten ein Glockenspiel. Es sieht eher aus wie ein Klavier und klingt… traumhaft schön! weich, märchenhaft, zart sind einige der Adjektive, die die Viertklässler notieren. Ganz von selbst kommen sie darauf, dass der Komponist der Potter-Filmmusik, John Williams, sich offenbar durch Tschaikowskis Musik inspirieren ließ. Sie hören interessiert zu, als ich ihnen die Bauweise der Celesta erläutere und aus einem Brief Tschaikowskis an seinen Verleger zitiere, in dem er diesem von dem weichen Timbre des neuen Instruments vorschwärmt und um die Anschaffung eines solchen bittet.

Vollends betört sind sie, als sie dem Auftritt der Zuckerfee dann zusehen. Wie gebannt blicke alle Augen auf das Smartboard. Niemand lacht, niemand stört. Fasziniert beobachten sie, wie sehr Schrittfolgen und Bewegungsabläufe der Arme, des Oberkörpers der Musik folgen, sie malerisch umsetzen.

„Das war so schön!“, schwärmt Katherine. Auch Celina und die anderen Mädchen sind begeistert und wollen unbedingt in der nächsten Musikstunde noch mehr sehen. Die Jungs schließen sich an, stimmen aber für die Schlachtszene zwischen Spielzeug und Mäusearmee. „Mir wird ganz schwindelig, wenn ich die Frau da so sehe…“, erklärt Nino und wedelt mit den Armen. Marc hüpft derweil auf den Zehenspitzen durch die Tür und singt aus voller Kehle (und nur leicht schief) das Hauptmotiv der Zuckerfee. Sinan tänzelt ihm hinterher und ruft, dass er sich so ein Celestadingsbums zu Weihnachten wünschen möchte, geiler Klang!

Auch die Referendarin ist angetan von der Stunde, hat aber Probleme, sie in ihr Modellraster einzutragen. „Tja“, entgegne ich achselzuckend, als sie sich hilfesuchend an mich wendet, „das liegt daran, dass das in den Augen des Seminars keine gute Stunde wäre. Mangelnde Zieltransparenz, zwei verschiedene Inhaltsaspekte, die genaugenommen nichts miteinander zu tun haben, und nicht zu vergessen, eine total frontal gehaltene Unterrichtsstunde, die weder in der Wahl ihrer Medien, noch in der Sozialform selbstorganisiertes Lernen zulässt.“ „Aber die Kinder sind doch total begeistert!“, widerspricht mir die Lehramtsanwärterin kopfschüttelnd. „Das“, und ich bin auch nach einigen Jahren als Mentorin immer noch verwundert, „zählt leider nicht sehr in der Lehrerausbildung.“

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14 Kommentare zu „Von Zauberlehrlingen, Zuckerfeen und dem weichsten Instrument aller Zeiten

  1. Nein, das zählt nicht in der Lehrerausbildung.
    Dort gibt es nur Kontextorientierung und Lehr- Lern- Modell und noch ganz viel anderes Geschwurbel.
    Darf ich hier ein Geheimnis verraten?
    Pädagogik ist eine Kunst und keine Wissenschaft.
    Wäre sie nämlich eine Wissenschaft, könnte jedes Ereignis von jedem beliebig anderen an jedem Ort der Welt wiederholt werden.
    Unabhängig von den beteiligten Menschen.
    Sagen Sie selbst, trifft das auf den Umgang mit Kindern, auf Unterricht zu?
    Und Ihre wunderbares Stunde zeigt Ihre Liebe zur Musik und zu den Kinder. Und das ist der Erfolg.

    1. Sehr viele pädagogische „Ereignisse“ sind tatsächlich wiederholbar, z.B. Methoden des classroom-managements. Daher ist Pädagogik und Didaktik eine Wissenschaft, mit der sich Junglehrer und Studenten auch wissenschaftlich auseinandersetzen sollten. Fehlt dieser Unterbau, werden Methoden durch „Schwellendidaktik“ aus dem Bauch heraus ersetzt, droht Misserfolg, Frustration und der berühmte Burnout. Deshalb bin ich überzeugt, dass nur aus Wissenschaftlichkeit und Professionalität guter, den Schüler wertschätzender, nachhaltiger Unterricht entstehen kann. Das kann man dann Kunst nennen, aber nur die Begabung reicht halt nicht. Übrigens auch nicht in der bildenden Kunst. Just my two cents. Rektor Bösermann

  2. »“Aber die Kinder sind doch total begeistert!”, widerspricht mir die Lehramtsanwärterin kopfschüttelnd. “Das”, und ich bin auch nach einigen Jahren als Mentorin immer noch verwundert, “zählt leider nicht sehr in der Lehrerausbildung.”« Das ist

  3. Tja, Frau Weh, wie sehr mich das an die Inhalte erinnert, die ich aus persönlicher Begeisterung in den Unterricht brachte. Und für die bedurfte es halt keiner ausgefeilten pädagogischen Tricks oder intellektuell übersteigerter Kopfgeburten. Wahre Pädagogik ist eh fast nur Ansteckung der Schüler mit der eigenen Begeisterung. Der Rest ergibt sich dann wie von Zauberhand oft ganz von selbst.
    Mein liebster und vom Lerneffekt her bei mir erfolgreichster Uniprofessor übrigens war ein Biologiebesessener, der während seiner berühmten (und mehr als übervollen) jährlichen Weihnachtsvorlesung eine Schreckschusspistole hinter seinem Rednerpult versteckte, die er an der Stelle seines Vortrags abfeuerte, an der ein Jäger einen Hirsch entdeckt hatte und zum Schuss anlegte … poff (alle zucken zusammen und bekommen emotionale, gegen Vergessen besonders widerstandsfähige Erinnerungssynapsen gelegt) … oder bei einer anderen VORLESUNG(!), in der es um Parasiten im menschlichen Körper ging. Dort ließ er einen Kommilitonen eine Wäscheleine in der Länge eines Bandwurms rund um die Studentenschaft ziehen. Etwas so Anschauliches brauchen Schüler sich nicht durch selbstständiges Lernen anzueignen. Da braucht’s nur viel mehr begeisterte Lehrkräfte!

    Liebe Grüße von der pensionierten Kollegin Frau Enn,
    die heute vor genau einem Jahr ihre letzten Unterrichtsstunden gab 😉

  4. Hab ich ganz ähnlich dem Chef vorgezeigt, der fand das super, denn eine Celesta…die kannte er selbst noch gar nicht 😉

  5. Am traurigsten macht es mich, wenn unser Bürokratisierungsbedürfnis die Anerkennung von guter Lehrerarbeit verhindert, sie zumindest dort wo sie gesucht wird(„Ich hab da mal ne gute Stunde gesehen…“) unsichtbar macht. (,,Ich kann das nicht ins Raster eintragen /Ich muss Kreuze bei negativ behafteten Qualitätsmerkmalen machen, obwohl die Stunde „subjektiv“ erfolgreich war“)

  6. Als „schlechten Unterricht“ würde ich das weder betrachten und noch der Refendarin dieses Bild vermitteln. Sicher passt er nicht in das Schema, das im Seminar vermittelt wird, aber nur aus diesem Grund darf niemand oberflächliche Urteile über die Qualität der Ausbildung treffen. Am besten passt dazu der Ausspruch meiner eigenen Betreuungslehrerin: „Man muss die Form erst beherrschen, bevor man mit ihr spielen kann.“ Passt sowohl für Kunst als auch für Unterricht. Schöne Weihnachtszeit, verehrte Kollegin! Rektor Bösermann, ehemals auch begeisterter Betreuungslehrer

  7. Was für eine wundervolle Idee! Ich bin ganz verzückt von dem Weg, über den Sie die Viertklässler geführt haben. Besser geht es doch gar nicht.

    Ein Jammer, dass derlei im Ref dann als „schlechte Stunde“ gilt. Das sagt einiges über die Lehrerbildung hierzulande aus.

  8. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es auch im Ref trotz aller Bürokratisierung sehr von den einzelnen Menschen abhängt, ob und wie stark man in ein Raster gepresst wird.
    Und selbst wenn man das Pech hat in einem reinen Rasterpresserumfeld ausgebildet zu werden, ist das ja auch nicht das restliche Lehrerleben, sondern nur eine Station. In der muss man dann halt lernen, dass Institutionen Zwänge unterliegen, mal mehr mal weniger. Wenn man diese Zwänge durchschaut und sein Verhalten anpasst, um diese Station zu überwinden, kann man sicher auch auf die eine oder andere Art von den Methoden profitieren und später dann im so viel freieren Berufsalltag so unterrichten, wie man es selbst für richtig hält.

    1. Da kann ich Lisa nur zustimmen. Ich selbst arbeite seit 3 Jahren in der Lehrerausbildung und weiß, dass es auch anders geht. Ganz ohne Struktur geht es aber auch nicht. Der Unterricht muss eben zum Thema, den Kindern und sonstigen Bedingung passen, eben so, wie in der beschriebenen Stunde. 🙂

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