Gespräch, Teil 1

„Oh, Frau Weh, es tut mir so leid, ich habe Mist gebaut!“

Die weltbeste Sekretärin steht zerknirscht vor mir und schüttelt den Kopf. Sie hatte eine Auseinandersetzung mit der Chefin, was selten vorkommt, weil sie nicht von ungefähr die weltbeste Sekretärin ist. Aber manchmal reißt auch dem geduldigsten Herzstück der Schule der Geduldsfaden.

„Nachdem die Chefin Frau Schmitz-Hahnenkamp wieder über den grünen Klee gelobt hat, weil sie so schön im Lehrerzimmer den Tisch gewischt hat, hat sie mich tatsächlich gefragt, ob ich eine Ahnung hätte, warum die Kolleginnen derzeit mal wieder das Messer auf die werte Kollegin geschliffen haben. Da habe ich sie mal gefragt, ob sie nicht langsam Gefahr läuft, auf der gezielt ausgelegten Schleimspur auszurutschen.“

Ich staune die weltbeste Sekretärin mit offenem Mund an. Was für Töne!

„Ist doch wahr! Immer diese scheinheiligen Nettigkeiten, aber grundsätzlich mit Vorbehalt. Denn weißt du“, und nun regt sie sich so auf, dass sie ihren komfortablen Bürostuhl (auf dessen Besitz ich immer ein wenig neidisch bin) verlässt und im Büro auf- und abgeht, „im gleichen Atemzug, mit dem sie geflötet hat, wie gerne sie sich doch um das Lehrerzimmer kümmert, hat sie einfließen lassen, dass sich ja eigentlich Frau Mandel darum kümmern wollte. Immer dieses Hintenrum! Ehrlich, das geht gar nicht!“

Ich denke an all die missglückten Gespräche, die ich mit Frau Schmitz-Hahnenkamp geführt und nach denen ich mich mies gefühlt habe. An die vielen Male, die sie mir scheinbar einen Gefallen getan hatte, nur um dann hintenrum der Chefin mitzuteilen, wie überlastet ich sei. Halbe Infos, die sie zu unpassendem Zeitpunkt an die Eltern ausgegeben hat, um sich selbst in ein besseres Licht zu setzen. Gemeinsame Absprachen, die nicht eingehalten oder Klassenarbeiten, die plötzlich nach anderen Maßstäben korrigiert wurden. Hmm. Es stimmt, bei allem, was sie tut und sei es noch so freundlich gemeint, bleibt ein Geschmäckle.

„Und dann habe ich dich mit ins Gespräch gebracht. Ehrlich, es tut mir so leid!“

Noch immer weiß ich nicht, warum die weltbeste Sekretärin so geknickt ist und schaue sie abwartend an.

„Ich habe die Chefin gefragt, ob sie sich eigentlich mal überlegt hat, warum du wohl gerade jetzt die Schule wechseln willst.“

Upps. Ich schnappe nach Luft. „Das ist natürlich unschön.“ Ich nehme mir ein Stück Schokolade, die vermutlich nicht fit macht, aber hoffentlich ein wenig das flaue Gefühl vertreiben wird, das sich in meiner Magengrube ausbreitet.

„Ich weiß…“ Meine Gesprächspartnerin lässt sich geknickt auf den Stuhl fallen und seufzt. „Ich wollte dich nur informieren, damit du nicht aus allen Wolken fällst, falls die Chefin etwas sagt.“

„Ok.“ Ich nicke ihr zu. „Danke.“

Ich habe den Schultag fast geschafft, als ich der Chefin auf dem Flur begegne. „Kommst du bitte mal herein?“, fragt sie und hält mir die Tür auf. Ich nicke und atme noch einmal tief durch.

 

 

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24 Kommentare zu „Gespräch, Teil 1

  1. Liebe Frau Weh,
    wie können Sie an dieser Stelle aufhören zu schreiben?!? Das geht gar nicht!!!

    Liebe Grüße
    Marion

  2. Oho, das klingt aber spannend… Da kriegen die Leser richtig was geboten! 🙂
    Auch wenn du sehr dramatisch schreibst, hoffe ich, das Gespräch ist so erfreulich wie möglich gelaufen. Ich drücke dir die Daumen und warte gespannt auf die Fortsetzung!
    Liebe Grüße
    Britta
    PS: Ich finde Frau Schmitz-Hahnenkamp zum ko….!

  3. Uiuiui, kommt da noch Teil zwei? Ich hoffe ja, dass es gut ausgeht. Die weltbeste Sekretärin ist nicht zu beneiden, da würde es mir auch schlecht gehen.

  4. Zuerst: Warum war ich eigentlich so lange nicht mehr hier? :O Unfassbar! Ich entschuldige mich für meine Untreue, wünsche ein gesundes neues Jahr und werfe ein liebes „Hello again!“ in die Runde.

    Zum Post: Oh Gott. Oh Gott oh Gott oh Gott. Das klingt nach einem sehr (!) anstrengenden Gespräch, wo ich nicht wüsste, was bzw. wie viel ich an deiner Stelle sagen sollte. :-O

    Aber jetzt werde ich erstmal nachholen, was ich hier alles verpasst habe. Alles Gute!

  5. Unglaublich, ein Cliffhanger, Frau W.
    Und wieder einmal unglaubliche Parallelen. Ich muss keinen Blog schreiben, das tust du!
    Ich hab heute mal wieder selbst für meinen Fettnapf gesorgt und warte nur darauf, morgen zur Konrektorin zitiert zu werden, die im Nebenraum stand, während ich einem Kollegen von ihrem Schmitz-Hahnenkamp’schen Charakter berichtet habe – er sollte wissen, woran er ist… Nur, dass man dies vielleicht besser in unverwanzten und schalldichten Räumen getan hätte… Ich warte gespannt auf Teil 2 deines Gesprächs und stelle nun besser auch einen Versetzungsantrag… Ich hoffe, deine Schulleitung hat verstanden, um was es geht, und dass du keinen üblen Dämpfer bekommen hast. Alles Gute!!!

      1. Nein, bislang nicht, aber über mir schebt ein Damoklesschwert von unschön erahnbaren Ausmaßen. Ich äußere mich hier mal nicht weiter,… vielleicht leg ich mir erstmal einen anderen Namen zu. 😉 Aber ich freue mich sehr über den Verlauf deines Gesprächs (oder war es eher ein Monolog, hihi) mit deiner Schulleitung. Jemanden wie dich verliert keine Schule gerne! Und warte mal ab, wie Frau S-H schluchzen wird… 🙂
        Hut ab, Frau W., du imponierst mir sehr. (Das musste mal gesagt werden.) Hab ein schönes Wochenende! Andrea

  6. Ist doch super, wenn die Leitungsebene checkt, dass nicht alle auf ewig an ihre Schule gefesselt sind. An der Firma meines Helden der Privatwirtschaft gilt es als geschickt, immer mal wieder sein Onlineprofil auf den ernsthaften Karrierenetzwerkseiten zu aktualisieren, denn dann wissen die Chefs,dass sie sich bei der nächsten Gehaltsverhandlung gegen eine (imaginäre) Konkurrenz anstrengen müssen.
    Also nur Mut!

  7. Liebe Frau Weh,

    so wie sich das liest … scheint mal wieder Therapeutisches Backen angesagt. Und wahrscheinlich nicht nur einen Kuchen. Vielleicht möchte die weltbeste Sekretärin mitmachen? 😉

    Denn wenn der selbst weltbesten Sekretärin der Kragen platzt, dann ist wahrscheinlich mal wieder mehr als genug aufgelaufen.

    Wobei die Hoffnung ja bekanntlich zuletzt stirbt. Daher hoffe ich, dass ich im „Gespräch, Teil 2“ lesen darf, dass die Frau Rektorin auch nur ein klitzekleinbißchen was kapiert hat. Und dass Frau S.-H. ausnahmsweise mal nicht gewinnt.

    Herzliche Grüße vom Bibliotheks-Wesen

  8. Oh, oh, das klingt wenig gut, aber jetzt bin ich natürlich trotzdem (oder erst recht) neugierig, wie denn nun das Gespräch war?

    liebe Grüße von Anna

  9. „…ob sie nicht langsam Gefahr läuft, auf der gezielt ausgelegten Schleimspur auszurutschen.” Diesen Satz muss ich mir merken! Wortgewandte Sekretärin.
    Und nun hibbel ich mal ob des zweiten Teils!

  10. SchockschwereNot! Ich hoffe mal sehr, die Chefin hat nicht wirklich nach deinem Versetzungsgrund gefragt? Darf die das? Muss man da antworten? Wie unprofessionell wäre das denn?
    Ich bin ja so auf Teil 2 gespannt…!!

  11. Laufen die Versetzungsanträge bei euch nicht über den Tisch der Schulleitung? Hier nämlich schon! Ich bin stillschweigend davon ausgegangen, dass die Schulleiterin Bescheid weiß. Nun bin ich natürlich auch sehr gespannt, wie diese Begegnung ausgegangen ist! Hut ab vor Sekretärin, dass sie ihren Fauxpas sofort gebeichtet hat. Das ist ja leider auch nicht immer selbstverständlich!

    1. Die weltbeste Sekretärin und ich sind einander sehr zugetan, daher war klar, dass sie mir das sofort sagt und genauso klar, dass ich ihr nicht böse bin 😉
      Doch, Versetzungsanträge laufen auch hier über den Dienstweg. Aber natürlich habe ich im Gespräch damals nicht Frau Schmitz-H. als I-Tüpfelchen angegeben.

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