Eurythmie zum Abendbrot macht Spaß und auch die Wangen rot

Der beste Freund des größeren Wehwehchens ist zu Besuch. Ich freue mich darüber, dass die Freundschaft den Schulwechsel bis jetzt so mühelos überstanden hat, liegen doch die Lebenswelten zwischen Waldorfschule und konfessionsgebundenem Gymnasium weit auseinander. Das beginnt bei unterschiedlichen Unterrichtsfächern und -zeiten, aber auch die Hausaufgabenmenge ist häufiges Gesprächsthema zwischen den beiden. Nicht immer sind sie einer Meinung. Worin allerdings traute Einigkeit herrscht, ist, dass Eurhythmiestunden peinlich hoch zehn sind.

Ich schnappe einen vorpubertären Gesprächsfetzen auf, als ich das Wohnzimmer mit einem Tablett in der Hand betrete. „Wird hier etwa gerade über Penisse gesprochen?“, erkundige ich mich mit neugierig. Die Jungen kichern panisch los und halten sich die Hände vor das rot anlaufende Gesicht. „Nein“, antwortet Herr Weh, der sich völlig unbeachtet ebenfalls im Raum befindet, trocken, „die beiden sprechen höchstens über das da unten oder über du weißt schon, wo. Fachbegriffe sind gerade aus.“

„Aha“, erwidere ich höchst verständnisvoll und nur ein winziges bisschen spöttisch, „ihr befindet euch jetzt in einer Phase, in der es euch peinlich ist darüber zu reden, das verstehen wir doch!“ Ich nicke dem Freund wohlwollend zu. „Tanz es dir doch einfach von der Seele!“

Augenblicklich hüpft der Junge glucksend vom Sofa, greift nach der Wolldecke und zieht sie in einer flüssigen Bewegung über die Schultern. Ekstatisch reckt er die Arme und schwingt über den Boden. Mal nimmt er die Hände vor den Kopf, mal wedelt er hinter seinem Rücken, rhythmisch untermalt vom quietschenden und nach Luft japsenden Wehwehchen. Auch Herr Weh und ich prusten los ob der unerwarteten Einlage. „Mensch, Janosch“, bringe ich unter Japsen hervor, „keinen Schweinkram, bitte!“

„Wieso?“, entgegnet der Angesprochene unschuldig, „Das hieß doch A-B-E-N-D-E-S-S-E-N!“

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6 Kommentare zu „Eurythmie zum Abendbrot macht Spaß und auch die Wangen rot

  1. *prust*

    Ich dachte bisher immer, der Spruch das Walddorfkinder ihren Namen tanzen wäre so ein Vorurteil … *umfall* Da haben wir es wieder, bei Frau Weh lesen macht nicht nur Spaß, es bildet auch.

    1. Nein, die machen das wirklich! Ich hielt es auch immer für einen Scherz – bis mir eine junge Frau begegnet ist, die darauf angesprochen auch sofort begeistert zu tanzen anfing…

  2. Ich bin mir sicher, meine waldorfunbeleckten Gymnasialschüler hätten „Wir sprechen über unsere Penisse“ wesentlich drastischer & lebensnäher getanzt…also grad noch mal davongekommen, Frau Weh!

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