Prima Klima?

2. Stunde, Kunst (oder etwa nicht?) in meinem 4. Schuljahr:

Mit Hingabe formen die Viertklässler in Gruppenarbeit kleine Inseln aus Knetgummi. Wir haben bereits eine intensive Sachunterrichtsstunde zum Klimawandel hinter uns und alle sind froh, ein wenig entspannen zu können. Es ist nicht leicht, Schüler mit dem Thema zu konfrontieren, ohne dass sich bei manchen unmittelbar Ängste aufbauen. Tatsächlich, so habe ich in den letzten Jahren erfahren, sind die Antennen von Kindern viel sensibler auf Zukunft ausgerichtet, als die mancher Erwachsener. Denn es geht um ihre Zukunft. Und von der haben viele Zehnjährige bereits ein klares Bild. So wollen wir leben ist daher ein passender Titel für die Miniaturwelten, die hier gerade entstehen. Ich erkenne Häuser, Bäume und sogar ein winziges Schweinchen. „Das sieht toll aus!“, lobe ich Giuliano, „Ist das Schwein von dir?“

„Ja“, bestätigt der Junge stolz und weist mich darauf hin, dass hinter dem Bauernhof auch noch ein Kaninchenstall stünde. Ich bin hingerissen und spare nicht mit Lob. Auch die anderen Gruppen können gute Arbeit vorweisen und die Stimmung steigt, als ich die unausweichliche Frage, ob es auch Noten für die Werke gäbe, positiv beantworte. Für Noten würden die Viertklässler alles tun.

Sie befüllen die Plastikwannen, in denen die Kneteinseln stehen, vorsichtig mit Wasser und posieren stolz vor meiner Kamera. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich Ergebnisse aus dem Kunstunterricht fotografiere und auf unsere Schulhomepage stelle, ist doch der Kunstunterricht meine heimliche Liebe, der sowohl die Viertklässler als auch ich hingebungsvoll frönen. So argwöhnen sie auch nichts, als ich den Vorschlag mache, doch noch ein paar kleine Eisberge ins Wasser zu lassen, der Optik wegen.

Im Gegenteil: „Coole Idee, Frau Weh!“, rufen sie und übersehen in ihrem Eifer völlig, wie seltsam es ist, dass ich auf einmal gleich mehrere Beutel mit Eiskugeln aus einer Kühltasche ziehe. Stattdessen lassen die Gruppen fröhlich Eisberg um Eisberg ins Wasser plumpsen und freuen sich darüber, dass die Inseln kleine Tropfen abbekommen.

„Vorsicht!“, ruft Giuliano, „Die Kaninchen!“

Da klingelt es zur Pause.

Ich gestehe, dass ich der globalen Erwärmung in den nächsten Minuten ein wenig zuarbeite, indem ich die Eiskugeln, die munter um die Inselchen tanzen, mit einem Schuss heißen Wassers zu Leibe rücke. Alles für die Show, denke ich, als der Miniaturmeeresspiegel ansteigt und die ersten Zäune, Menschen und – ja! – auch den Kaninchenstall versinken lässt. Den Rest besorgt der völlig überheizte Klassenraum. Am Ende der Pause sind die Inselstaaten der Viertklässler überschwemmt.

„Was ist denn hier passiert!?“

Ungläubiges Entsetzen ist den Kindern ins Gesicht geschrieben, als sie fassungslos vor den Überresten ihrer Arbeit stehen. Ich lasse sie wüten, horche aber aufmerksam auf den Erkenntnistransfer, der nicht lange auf sich warten lässt.

„Es ist ja auch superheiß hier, kein Wunder, dass alles schmilzt!“

„Das ist wie mit der Erderwärmung und dem Polareis.“

„Der Meeresspiegel ist angestiegen und hat alles kaputt gemacht.“

Ich kann nicht anders, ich freue mich über die hellen Köpfe vor mir, die bereits Rettungsmöglichkeiten erwägen. Für ihre Kneteinseln hier und für die Welt da draußen. Mir geht die Präambel der Projektinitiative Kinder.Stiften.Zukunft der Bertelsmann-Stiftung durch den Kopf:

Kinder sind unsere Zukunft. Sie bestimmen den Weg, den unsere Gesellschaft künftig gehen wird. Und wohin dieser Weg führt, hängt entscheidend von den Chancen ab, die wir jungen Menschen geben.

Es sind gute Momente wie diese, in denen ich das sichere Gefühl habe, meinen Beitrag zu leisten.

 

 

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28 Kommentare zu „Prima Klima?

  1. >Tatsächlich, so habe ich in den letzten Jahren erfahren, sind die Antennen von Kindern viel sensibler auf Zukunft ausgerichtet, als die mancher Erwachsener.

    Das brauchst du niemandem zu sagen, der in den 80ern mit dem angekündigten Atomkrieg im Hintergrund aufgewachsen ist.

    Aber coole Idee, schön gemacht!

  2. Tolle Unterrichtsidee, liebevoll umgesetzt.
    Aber entschuldige bitte die Klugscheissanmerkung: Das Ansteigen des „Meeresspiegels“ durch Eisschmelze funktioniert doch nur, wenn das Eis als Gletscher an „Land“, also auf den Inselchen liegt und das Schmelzwasser ins „Meer“ läuft.
    Durch das Werfen der Eiswürfel direkt ins Wasser steigt der Wasserstand schon, deren Schmelzen im Wasser verändert ihn dann nicht mehr.
    Shari und Ralph erklären es hier: http://www.wdr.de/tv/wissenmachtah/bibliothek/eiswuerfel.php5

      1. Naja, sagen wir „fast gleich“ 😉
        Schließlich gibt’s ja eine temperaturabhängige Volumenänderung …

  3. Und in der Physikstunde begreifen die Schüler hoffentlich irgendwann, dass die Überschwemmung nicht durch das Schmelzen des Eises zustandegekommen sein kann, sondern da jemand bösartig nachgeholfen hat.
    Doch, ich finde die Idee schön und effektvoll — aber naturwissenschaftliches Verständnis wird damit leider hintertrieben :-(.

      1. Okay, das Blog-Sozial-Experiment ergibt also: 2/3 der Kommentierenden haben den Fehler nicht bemerkt, 1/3 traut dir zu, ihn im Unterricht eingebaut zu haben. Ich hoffe du bist nicht zu enttäuscht von uns ;-).
        Schön, wie du mit dieser Klasse arbeiten kannst!

        1. „Schön, wie du mit dieser Klasse arbeiten kannst!“
          Es hat gedauert und war zu Beginn des 3.Schuljahres eine ziemliche Herausforderung, aber mittlerweile haben wir sehr häufig gute Stunden miteinander. Aber natürlich gibt es auch die andere Seite, wo gibt es die nicht?

          Das war übrigens kein Blog-Experiment, aber ich habe selten viel Zeit am Stück, daher werden manche Artikel zweigeteilt 😉

  4. Eine sicher beeindruckende Idee, die Folgen des Klimawandels zu veranschaulichen! Das erinnerte mich sehr an eine Einheit während meiner Schulzeit. Ich haben vor 30 Jahren im Kunstunterricht mit meiner Klasse sehr liebevoll eine Kleinstadt aus Papier gebaut. Wir waren sehr stolz auf „unsere“ Stadt. Am Ende der Einheit (am Tag des Friedens) hat unsere Lehrerin die Stadt in Brand gesetzt…

  5. deine schüler müssen sehr klug sein, egal ob die physik dahinter perfekt ist, du hast das thema in den kindern sicher fest verankert, solch einen Unterricht vergisst ein Kind sicher nie, und wenn es dann einmal in den Nachrichten dieses Thema erkennt ist es sensibilisiert….du bist eine grandios kreative und mutige Lehrerin, ach hätte ich doch so jemand gehabt! Meine Schulerinnerungen liegen gaaanz gaaanz weit weg und sind leider eher negativ besetzt! Drum bin ich auch Lehrerin geworden, allerdings unterrichte ich Religion….das Fach kieben meine Kinder sehr, denn all diese Themen betreffen den Menschen und unsere Achtsamkeit mit Gottes Schöpfung und daher Thema bei mir!
    lieben Gruß aus Wien
    angelika

    1. „egal ob die physik dahinter perfekt ist“

      Du fändest es also richtig, den Kindern Blödsinn beizubringen, wenn es ideologisch passt?!?

  6. @anna

    Persönlich würde ich das Experiment eher unvollständig nennen, aber nicht falsch.

    Frau Weh wollte einen Überraschungseffekt erreichen.
    Hätte sie aber zunächst eine Insel mit Eiswürfeln gebaut und das dann langsam schmelzen lassen, wären weit mehr Erklärungen notwendig gewesen. IMHO wären die Kinder damit überfordert gewesen und hätten em Ende nichts mitgenommen.

    Durch diese Vereinfachung bleibt somit „zu warm = Überflutung = schlecht“ hängen, was ja richtig ist.

    1. Stimmt. Es ist immer schwierig abzuwägen, wieviel Information sein muss und sein darf, ohne die Kinder zu überfrachten. Immerhin sind es erst Neun- bis Zehnjährige und beileibe nicht alles zukünftige Gymnasiasten.

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