Pädagogische Inkontinenz

„Wissen Sie, Frau Rützelbach“, ich zwinge mich tief Luft zu holen, „diese Elternbriefe, die ich schreibe, sind tatsächlich nicht nur Kühlschrankdeko! Es wäre ganz sinnvoll, sie auch mal zu lesen!“

Mir platzt gerade die Hutschnur. Seit geraumer Zeit muss ich mich auf dem Flur von einer Mutter ganz besonderer Sorte ankeifen lassen, weil ich nach unendlich vielen erfolglosen Kontaktversuchen und unerhörten Bitten um Rückgabe eines Anmeldezettels nun Ernst mache und ihr Kind nicht mit auf den geplanten Ausflug nehme. Erst habe ich es mit Zuhören und ruhigem Erklären versucht. (Vergeblich.) Dann habe ich um Einsicht gebeten. (Fruchtlos.) Zu guter Letzt habe ich an ihre Verantwortung als Mutter appeliert. (Schwerer Fehler.) Wie ein angepikster Ballon braust Frau Rützelbach los und überhäuft mich seitdem mit Nettigkeiten, für die ich ihren Sohn dem Klassenrat überantworten würde.

Schon merke ich die verräterische Röte aus meinem Ausschnitt kriechen, die verlässlich den Siedepunkt des Blutes, den gesprächstaktisch so gefährlichen Point of no Return anzeigt, da mischt sich eine Kollegin ein: „Frau Weh, du musst mal dringend ans Telefon, das Schulamt.“

Ich blicke irritiert auf, gehe aber nach einem letzten Blick auf die impertinent weiterschimpfende Mutter ins Büro und nehme den Telefonhörer an mich. Nichts. Erregt will ich das Ding wieder auf die Gabel knallen, als ich höre, dass die Kollegin auf dem Flur die zuvor von mir attackierte Mutter zu beruhigen versucht. Unbeirrt hingegen versucht diese weiterhin die Welt über meine Frechheit, Arroganz und Unfähigkeit aufzuklären. Unterdessen betritt die weltbeste Sekretärin mit einem Stapel Kopien den Raum und lupft teilnahmsvoll die Brauen: „Schokolädchen, Mädchen?“

Ich nicke. Voller Mitgefühl hält sie mir einen Riegel hin. Gemeinsam kauend lauschen wir der Tirade, die in ungebremster Lautstärke und Vehemenz durch den Flur schallt, in der Lehrertoilette gegen die gekachelten Wände knallt und als verzerrtes Echo vermutlich noch im Nebengebäude zu hören ist. Soweit ist es also mit mir gekommen, dass ich mich im Sekretariat vor Eltern verstecke. Ich seufze tief.

Plötzlich halten die Sekretärin und ich im Kauen inne und reißen die Augen auf.

„Hat sie wirklich gerade gesagt, du seist pädagogisch inkontinent?“

Nach einer kurzen Schrecksekunde platzen wir beide heraus. „Wie geil ist das denn!?“, die Sekretärin verschluckt sich und ich muss ihr auf den Rücken klopfen. Lachtränen laufen ihr übers Gesicht und auch ich ringe um Fassung. Wie es draußen weitergeht, kann ich nicht mehr verfolgen, ich lehne mich an den Tresor und lasse mich von Lachen geschüttelt zu Boden sinken. Irgendwann kommt Frau Mandel grinsend ins Büro: „Ich habs geschafft, sie ist weg! Wo ist denn unsere nicht stubenreine Kollegin?“

Ich winke japsend hinterm Schreibtisch hervor und bedanke mich für die Rettung.

„Keine Ursache. Wir didaktischen Frauenleiden müssen doch zusammenhalten!“

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25 Kommentare zu „Pädagogische Inkontinenz

  1. Hahaa, ich lach mich schlapp, das muss ich mir merken! 😀 Jeder-hat-mal -einen-schlechten-Tag hin oder her, aber manchmal kann man sich nur an den Kopf fassen. Neulich hat sich im Kindergarten eine Mutter extrem verärgert (nett formuliert) bei mir darüber beschwert, dass ihr Kind nicht genau DIE ausgeblasenen Eier verziert hat, die sie mitgebracht hat. Braune Eier seien ja wohl sehr unschön. Das ganze hat sie sogar zwei Tage hintereinander gebracht. Ich konnte es fast nicht Ernst nehmen….;)

    1. Also, meine Liebe, jetzt muss ich als Kindergartenmama aber Einspruch erheben. Da pustet man unter größter Kraftanstrengung den Schlabber aus dem Ei ohne das Ding zu zerbrechen, kriegt Knacken in den Ohren und Salmonellen obendrein und dann bringt die Brut plötzlich FALSCHE Eier mit nach Hause?! Nee, das geht auch wirklich nicht!

    2. Naja, weiße Eier sind tatsächlich schöner als braune. Und wenn ich weiße Eier zum verzieren mitgebe will ich auch weiße Eier zurück haben. Wobei es mir egal ist, wer sie tatsächlich ausgeblasen hat. Aber die Farbe sollte schon stimmen. Es sei denn natürlich, die Eier werden so verziert, dass man die Ursprungsfarbe nicht mehr sieht, dann isses mir auch egal.

  2. Hach, wie köstlich! Schön, dass du nie deinen Humor verlierst. Diese Erzählung ist ein echter Schenkelklopfer…

    Grüße

    Hanni

  3. Das gefällt mir! Das will ich auch sein! Ich bin schließlich über 40 und so pädagogisch inkontinent wie man sich nur denken kann. Bei mir fließt alles in alle Richtungen ohne jede Kontrolle – rein pädagogisch natürlich!
    LG
    Coreli

  4. „Pädagogisch inkontinent“ – den muss ich mir merken. *g* Als Mutter. *nochmalgrins* Ich find Elternbriefe übrigens toll! Vorausgesetzt sie kommen an, der letzte verirrte sich in jedes Mailfach, nur nicht in unseres. So dass ich z.B. bis zum Abend vor dem betreffenden Tag nichts vom schulfrei wegen Lehrerkonferenz wusste.

    Frau Weh, ach wie gerne würde ich meine Kinder in ihre Klasse schicken …

      1. Oh es war nur so halbfrei, es sollte Aufträge für daheim geben. Nur … als die Tochter in der Schule war (weil online gab es nur die für die höheren Klassen), wusste das Häufchen anwesender Lehrer von nix und sie fuhr unverrichteter Dinge heim. Hatte ja sonst nix zu tun, da kann sie ja mal zwei Stunden durch die Gegend gurken mit Bus und Bahn.

  5. Fast hätte ich vor lachen meinen Kaffee über den Tisch verteilt. Wirklich sehr schön! Zwar sind meine Kids der Grundschule schon ein Weilchen entwachsen, aber ich kann mich gut an furchtbar anstrengende Eltern von (oft ebenfalls anstrengenden) Mitschülern meiner Kinder erinnern. Hut ab! Die Nerven für diese unerwünschten Nebenwirkungen des Lehrerdaseins brächte ich beim besten Willen nicht auf.

  6. Jaaaaa, wie geil ist das denn???

    Solche Kolleginnen brauchen wir!!! Dann klappts auch mit inkontinenten Persönlichkeiten!!! 🙂

  7. Das ist großartig! 😀
    Ich stelle mir auch gerade vor, wie die Dame sich vor anderen mit dieser Bemerkung ereifert.
    Wenn man sich schon so was geben muss, dann wenigstens mit einem solchen Ende!

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