Jens

Es hat gerade zur großen Pause geklingelt, als Jens von seiner weinenden Oma aus der Schule geholt wird. Die Nachricht vom Tod seines Vaters trifft uns nicht unerwartet, aber plötzlich. Den Kampf gegen den Krebs konnte er nicht gewinnen.

Als ich den Viertklässlern berichte, warum Jens so überstürzt aus der Schule abgeholt wurde, sind sie so regungslos, dass die Stille fast schmerzt. Bei nicht wenigen sehe ich Tränen und auch ich bin von einer Traurigkeit erfüllt, die Gedanken und Handlungen lähmen will.

„Was ist mit unserem Ausflug morgen?“, platzt Schmitti da heraus. Seit Wochen freuen sich die Kinder auf den Besuch im Freilichtmuseum, wo wir unser Wissen über Umweltschutz und Recycling vertiefen, Papier schöpfen, picknicken und einen ganzen Tag lang Spaß haben wollen. „Kommt Jens da mit?“

„Das weiß ich nicht, Schmitti.“, antworte ich und schüttle leicht den Kopf. „Das wird die Familie entscheiden. Vielleicht möchte er auch lieber zu Hause bleiben.“

Am nächsten Tag werde ich am wartenden Bus von Kindern und Müttern belagert. Die Nachricht hat sich in Windeseile herumgesprochen. Alle sind bestürzt und wollen Infos, die ich nicht habe und nicht geben kann. Schon scheuche ich die Viertklässler in den Bus, als ich aus dem Augenwinkel Jens mit seiner Mutter bemerke, die ein Stück von der Gruppe entfernt stehenbleiben. Ich gehe auf die Frau zu, die wie eine gebrochene Hülle ihrer selbst vor mir steht, und greife stumm nach ihren Händen, hoffend, dass meine Blicke ausdrücken, was ich nicht in Worte zu fassen vermag. „Es tut mir so leid“, bringe ich hervor und sie blickt unter Tränen auf. „Ich würde gerne etwas Tröstendes sagen, aber ich weiß, ich kann nur mit Ihnen weinen.“ „Passen Sie gut auf meinen Jungen auf“, bittet sie mich und blickt voller Kummer auf ihren Sohn. Ich nicke und lege Jens den Arm um die Schulter. „Ich rufe an, wenn wir wieder da sind, dann brauchen Sie nicht mit den anderen Müttern auf uns warten.“ Sie scheint erleichtert und streicht ihrem Sohn zum Abschied über den Kopf.

Ich führe Jens, der müde und abgekämpft aussieht, an den betroffen zu uns herüberschauenden Müttern vorbei in den Bus: „Komm, die anderen haben sich bestimmt schon alle mit Kaugummis versorgt. Schauen wir mal, ob wir auch noch einen abkriegen.“ Er nickt zaghaft und freut sich, als die Viertklässler sofort von ihren Sitzen aufspringen, sich um ihn scharen und Kaugummis, Gummibärchen, eine Schulter zum Ausweinen, einen Nachbarplatz zum Sitzen während der Fahrt anbieten. Ich bin erleichtert, dass die Gruppe ihn sofort umschließt und aufnimmt und drehe mich noch einmal zu den Müttern an der Haltestelle um. „Genießen Sie den Tag, wir kommen wieder!“

Jens sucht meine Nähe und so kommen wir während der Fahrt ins Gespräch. „Erzähl doch mal, wie war es denn gestern für dich?“, ich wähle bewusst einen leichten Tonfall, als ich mich zu ihm drehe. Er scheint froh über die Frage und sofort sprudelt es aus ihm heraus: Wie alle Familienmitglieder in dem engen Krankenzimmer Abschied genommen haben, dass die ganze Zeit über geweint wurde und dass er über eine Stunde neben Papa auf dem Bett lag und ihn einfach nicht loslassen konnte. Aufmerksam höre ich ihm zu, frage an manchen Stellen nach und bestätige, wonach er sucht – die Gewissheit, sich genau richtig von seinem Vater verabschiedet zu haben. „Das hast du prima gemacht, Jens! Du hast Papa gezeigt, wie lieb du ihn hast.“ Eine kleine Pause entsteht, in der wir beide unseren Gedanken nachhängen. Die nächsten Worte wähle ich mit Bedacht: „Ich kann mir vorstellen, dass es schlimm für dich war, aber vielleicht auch ein kleines bisschen schön?“ Jens blickt mich ernst an und dann – endlich – lächelt der Junge zum ersten Mal an diesem schrecklichen Tag. „Ja, das war auch schön. Ich bin ganz still liegengeblieben und habe meinen Kopf auf Papas Brust gelegt.“ Ich schlucke den Kloß in meinem Hals sofort herunter und gestatte nicht das kleinste Bisschen Traurigkeit, als ich Jens ins Gesicht blicke und anlächle: „Du bist klasse! Schön, dass du bei uns bist!“

Im Laufe des Tages glättet sich die große Falte auf seiner Stirn mehr und mehr. Die Ringe unter Jens Augen zeugen von einer langen Nacht ohne Trost, aber sein Blick klart auf und ich bin froh darüber, dass die Mutter ihn heute hat gehen lassen und ihm so eine Auszeit von der Trauer ermöglicht. Die nächsten Tage, Wochen, Monate, ja, Jahre werden schlimm werden. Beim Picknick wird er mit Leckereien und Aufmerksamkeit überschüttet und ich sehe ihm an, wie gut es ihm tut, mit seinen Klassenkameraden in der unbeschwerten Ernsthaftigkeit, die Kindern eigen ist, über das Unaussprechliche zu reden. Die Sonne wärmt uns, niemand weint und für einen Moment scheinen die Schatten gebannt. Wir stehen in der Papiermühle am Schöpfbecken, als Jens mir mitteilt, wann die Trauerfeier stattfindet. „Kommen Sie auch?“, fragt er leichthin, aber ich bemerke doch den versteckten Unterton. In den letzten Monaten hat der Junge gelernt, seine Gefühle gut zu verpacken, um seiner Mutter nicht noch mehr Kummer zu bereiten. „Natürlich!“, versichere ich ihm mit einem Lächeln, „Ich will Papa doch auch Tschüss sagen. Aber…“, jetzt furche ich die Stirn etwas, denn schlussendlich ist es doch der Humor, auf dem wir uns treffen können, „ich lege mich besser nicht daneben, oder?“ Jens platzt mit einem lauten Lachen heraus und schaut mich an, als hätte ich etwas wirklich, wirklich Verrücktes gesagt.

„Haha, das wäre aber komisch, Papa liegt doch in einem Sarg, Frau Weh!“

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60 Kommentare zu „Jens

  1. Tränen weggewischt.. Bestimmt hat sich kleine Jens entlastet, wahrgenommen und gut aufgehoben gefühlt. Es ist ja wirklich nicht einfach mit so einem Thema umzugehen und mir scheint besser hätte man nicht reagieren können. Solche Lehrer wünscht man seinen Kindern. LG Xeniana

  2. Liebe Frau Weh,
    ich sitze hier und lasse die Tränen laufen. Ich hatte vor etlichen Jahren die Situtation, dass ein Kind urplötzlich durch einen Unfall den Vater verloren hat. Die Erinnerungen an diese Tage, Wochen und Monate haben mich sofort eingeholt.
    Ihre Reaktion hat mich sehr beeindruckt. Ich wünsche Ihnen für die nächste Zeit weiterhin so viel Gespür und Geschick, dass Ihnen die Balance zwischen Alltag und Zeit für die Trauer gelingt!
    Viele liebe Grüße,
    Kathrin aus dem Südwesten

  3. Mein Kommentar ist mehr ein allgemeiner, aber heute ist es denn leider doch so weit:

    Ich habe den Blog früher wirklich sehr gerne gelesen. Aber für mein persönliches Empfinden nimmt die Selbstdarstellung und -beweihräucherung mittlerweile fast sämtlichen Raum ein. Ich mag´s nicht mehr 😦 Ich habe lange gewartet bis zu dem Schritt, mein Abo zu beenden. Immer hatte ich die Hoffnung, dass die alte Frau Weh wieder auftaucht. Die verstärkte Vermarktung Ihrer Blogs hat aber leider im Gegenteil noch das letzte Fünkchen an Originalität verscheucht 😦 Sehr schade! Vielleicht hätte eine größere Pause besser getan als die größere Präsenz? Bye!

    1. Schade, was hat dieser Bericht mit „Selbstbeweihräucherung“ zu tun?! Ein solches Erlebnis lässt einen nicht so leicht los. Die meisten Lehrer erleben und geben tagtäglich enorme Emotionalität – und haben in den seltensten Fällen die Gelegenheit für eine Supervision. Frau Weh hatte angekündigt, dass Sie den Blog in nächster Zeit vermehrt für Privates nutzen will. Die Geschichte um Jens ist sowas von nicht privat, sondern ein Versuch, ein solch tiefgreifendes Erlebnis aufzuarbeiten. Ich persönlich habe ähnliche Situationen auch schon mehrfach durchstehen müssen und bin froh über Frau Wehs Spiegel. „Es geht also nicht nur mir so!“ ist ein durchaus tröstlicher Gedanke. Und mal ganz ehrlich, wenn man in solch einer Extremsituation so gut reagiert, DARF man durchaus sogar auch mal ein bisschen stolz sich sein. Ist nämlich nicht selbstverständlich.

      lavandar

      Liebe Frau Weh,
      ich lese gerne weiter und ziehe meinen Hut. 🙂

      1. Wenn da irgendetwas positiv beweihräuchert wurde, dann das Verhalten der Klassenkameraden – und das war ja wirklich sehr einfühlsam und lobenswert.
        Als Selbstbeweihräucherung habe ich den Artikel gar nicht empfunden. Ich weiß ja nicht, ob Sie vom Fach sind. Falls nein – nichts nimmt einen so mit wie der Tod eines Schülers, knapp gefolgt von schweren Unfällen und dem Tod von Schülereltern. Wir hatten einen Fall, in dem ein Mädchen, 16 Jahre, einfach am Morgen nicht mehr aufwachte (ja, das kommt vor, ja, die Geschichte ist wahr, nein, ich weiß nicht mehr, wie die Todesursache auf hochprofessionell hieß). Die Klassenkameraden und – innen waren natürlich völlig geschockt und an Unterricht war an diesem Tag nicht zu denken. Das Krisenteam hat daraufhin sein wohlvorbereitetes Programm durchgezogen, hat versucht, die Klasse irgendwie aufzufangen und mit ihnen Möglichkeiten erarbeitet, wie sie mit ihrem Schock und ihrer Trauer umgehen können. Ich habe mir dann die Erzählungen und „Manöverkritik“ des Krisenteams angehört und fand sein Vorgehen sehr einfühlsam und gut. Ich hätte nicht einen Moment daran gedacht, ihnen Selbstbeweihräucherung vorzuwerden – sie haben einfach nur erzählt, was sie ab diesem Tag mit der Klasse gemacht haben. Ich konnte das aus der Außenperspektive betrachten und fand ihr Vorgehen ziemlich gelungen. Die Kolleginnen und Kollegen aber waren selbst ganz erschüttert und wären, glaube ich, gar nicht in der Lage gewesen, ihre eigene Befindlichkeit ins Zentrum zu stellen – statt dem Tod der Schülerin und der Situation ihrer Klassengefährten.
        Ich nehme an, Frau Weh tickt ähnlich, und so finde ich den Vorwurf der Selbstbeweihräucherung schon sehr geschmacklos.

        1. Hallo mom,
          ich gehe jetzt mal davon aus, dass sie mit Ihrem Beitrag „S“ meinten (obwohl Sie ja direkt auf meinen Kommentar geantwortet haben). Sonst hätten Sie mich nämlich kolossal missverstanden. Denn ich hatte Frau Weh ja kein Stück Selbstbeweihräucherung vorgeworfen – ganz im Gegenteil.
          Herzliche Grüße
          lavandar

          1. Ja genau. Das potentielle) Mißverständnis tut mir leid, ich habe wohl auf den falschen „Antworten“-Knopf gedrückt.

    2. Hallo S,
      ich habe eine Weile überlegt, ob ich überhaupt antworten möchte.
      Aber ich kann mir nicht verkneifen, dass ich Ihr Anspruchsdenken grenzwertig finde. Dies hier ist mein privater blog, genau, meiner! Meine Erlebnisse, meine Zeit, mein Hobby.
      Wenn ich es richtig lese, dann wurden meine Gedanken eine ganze Weile auch zu Ihrem Zeitvertreib. Das freut mich. Nun passt es nicht mehr, das ist doch ok.
      Mir aber eine längere Pause vorzuschlagen, um Qualität, Originalität was auch immer zu heben (und das unter einem solchen Beitrag), finde ich gelinde gesagt unverschämt und kann nur mit dem Kopf schütteln.

      1. Hallo Frau Weh,

        „unverschämt“ war das Wort, das sich auch mir beim Lesen des Beitrags von S aufdrängte.

        Sie erzählen uns hier ein anrührendes Erlebnis aus Ihrem Schulalltag und S meint, er/sie/es müste mal eben Forderungen zum Bloginhalt anbringen (und in welchen Tonfall!)… Man fasst sich an den Kopf.

        Zum Blogbeitrag selbst: Ich bin so froh, dass ich keine Lehrerin bin. Ich finde es schon so im Familien- und Freundeskreis und im beruflichen Umfeld schwer genug, mit Todesfällen umzugehen. Wie wäre das erst bei Kindern??
        Ihre Klasse kann sich jedenfalls glücklich schätzen, Sie als Lehrerin zu haben.

      2. Richtig so, Frau Weh. Finde ich gut, dass auch Sie darauf verweisen, dass Anspruchsdenken fehl am Platz ist! Hab da auch so meine Erfahrungen mit gemacht. Liegt wohl an diesem tollen Internets, mit dessen Freiheiten viele immer noch nicht umzugehen wissen.

      3. Liebe Frau Weh,
        die Geschichte ist rührend und sie darf es sein. Die meisten Lehrer erleben irgendwann den Tod eines Elternteils, Schülers, Kindes eines Kollegen. Nicht jeder kann so wie du reagieren. Die meisten sind so sprachlos. Auch ich selbst war das schon. Die Schülerin, deren Bruder gestorben ist, war so zerbrechlich und hat viel geweint. Wir alle hatten Angst, sie noch mehr zu verletzen, durch eine falsche oder unbedachte Geste. Jede Trauer ist anders.
        Dein Blog ist dein Blog und da steht nun mal oft ein Ich im Text. Manchmal fragt man sich selbst als Blogschreiber, ob es nicht zu viele Ichs sind. Aber es ist eine Art Tagebuch und da geht es nunmal um das Ich. Es wird ja keiner gezwungen, das zu lesen.

  4. Wow…ein sehr sehr trauriger aber auch sanfter Bericht. Da sind bei mir schon ein paar Tränchen gerollt. Ich find es wundervoll wie sie die richtigen Worte finden ohne viele Worte zu sagen. Und auch, wie natürlich sie mit der Sache umgegangen sind.
    Hut ab, frau Weh.

  5. Liebe Frau Weh…

    DANKE… du hast mich gerade zum Weinen und zum Lachen gebracht.
    Ich finde, du hast ganz toll gehandelt und genau die richtigen Worte gefunden. Jens war bestimmt unglaublich froh, einfach einen „normalen Tag“ mit seiner Lehrerin und seinen Mitschülern zu haben. Ich kann mir vorstellen, dass er mit Angst in die Schule kam, weil vielleicht alle komisch mit ihm umgehen, aber du und die Kinder haben ihm die Angst bestimmt schnell nehmen können.
    Auch dieser Fall ist mir in meinem Lehrerleben noch nicht passiert, aber ich hoffe, falls eins „meiner Kinder“ mal so einen schlimmen Verlust erleben muss, dass ich mich dann an deine tolle Art erinnere und ähnlich handeln kann… Allerdings bin ich so nah am Wasser gebaut, dass ich wahrscheinlich doch weinen würde…

    Ich wünsche dir eine schöne Woche…
    Ganz liebe Grüße aus NRW

    Sinderela

  6. Frau Weh, ich lese dein Blog ja schon länger, aber jetzt muss ich mal laut aussprechen, was ich bisher immer nur leise gedacht habe: Du bist eine tolle Kollegin! Gut, dass es Lehrer wie dich gibt!

  7. Liebe Frau Weh, ich weine auch ein bisschen. Ich habe auch ein Elternteil recht früh verloren und hätte mir so gewünscht, dass ein Lehrer überhaupt reagiert. Auch als Lehrerin und Mutter bin ich schon häufiger mit dem Tod konfrontiert worden und habe gemerkt, dass das Mitfühlen, das Reden oder das Einfach-Dasein am meisten hilft. Danke, dass du auch solche Momente mit uns teilst.

    1. Danke für deinen Kommentar, ich finde es ganz wichtig, davon zu reden – oder zu schreiben, weil es eben auch für mich sehr belastende Erfahrungen sind, die irgendwohin müssen. Also gebe ich den Dank zurück, ich bin ganz froh über diese Möglichkeit.

  8. Liebe Frau Weh,
    ich sitze vor dem Bildschirm, diesmal mit Tränen in den Augen, und finde es sehr bewundernswert, wie du/ihr mit Jens umgegangen bist/seid. Ich denke, ihr habt ihn sehr gut aufgefangen!
    Liebe Grüße, Heike

    1. Liebe Heike,
      ich hoffe es. Aber ich bin mir im Klaren darüber, dass es noch viel schwerer für den Jungen wird. Im Moment stehen alle noch unter Schock.

  9. Erschuettert, Gaensehaut, Traurigkeit, Hoffnung, Mut, ein Laecheln auf den Lippen.
    Danke fuer diese Naehe. Ich nehme dieser traurig hoffnungsfrohe Geschichte mit in mein Leben.
    ELA

  10. Mein Kompliment an sie.Nur beim lesen habe ich feuchte Augen bekommen aber sie haben sich so gut zusammengerissen und haben so toll reagiert.Hut ab.

  11. So oft lese ich die Erlebnisse und Gedanken mit einem Lächeln auf dem Gesicht und denke:“ kennste auch“ “ genauso“…Und vergesse zu kommentieren.. Heute MUSS ich, und schon fällts mir schwer! Danke muss reichen und soll doch viel mehr sagen!

  12. Ist das furchtbar! Ich hatte letztes Jahr sogar den absoluten Worst Case: Ich musste meiner Klasse sagen, dass einer der Mitschüler an Krebs gestorben war. Das war für mich genauso wie für die Klasse ein absoluter Schock. So standhaft wie du konnte ich dabei leider nicht bleiben. Ist hab vor und mit der Klasse einfach nur geheult…

    1. Herr Mess, da hast du sicher das Schlimmste erlebt! Das ist mein absoluter Albtraum und in einer solchen Situation würde ich sicher die Fassung nicht bewahren können. Ich glaube, du bist an einer weiterführenden Schule, oder? Da hat man vielleicht auch mehr Reaktionsspielraum. Meine Schüler sind so jung, dass ich in diesem Fall für den Jungen hauptsächlich Verlässlichkeit ausstrahlen möchte. Innerlich habe ich sehr geweint.

  13. Danke, liebe Frau Weh. Ich habe auch einen Jens in der Klasse, dessen Papa gegen Krebs kämpft und ihn nicht gewinnen wird. Die Schule ist für ihn im Augenblick eine Insel, die die Krankheit vergessen lässt. Ich hoffe, dass er noch ein paar schöne Tage, Wochen mit seinem Papa erleben darf.
    Ihre Worte machen Mut, das Unfassbare, was kommen wird, zu „überleben“, zu tragen und Kraft weiterzugeben. Danke!

    1. Hallo Maja, dann steht Ihnen dieses Gespräch noch bevor…
      Das mit der Insel trifft es genau, so empfinde ich die Situation für Jens auch. Und auch unseren Auftrag Kraft, Verlässlichkeit und Stabilität weiterzugeben, wenn eine so schreckliche Veränderung auftritt, sehe ich wie Sie. Alles Gute!

      1. Danke für die mutmachenden Worte. Jeden Tag hoffe ich, dass die Insel noch erhalten bleibt. In der letzten Woche war es sehr schwer und Mutlosigkeit gepaart mit Angst schwapte herüber. Nicht mehr lange werden wir Ablenkung geben können. Wie lange es dauert, weiß keiner und auch wir Lehrer haben Angst vor diesem Augenblick, zu erfahren, dass ein Schülerpapa nicht mehr da ist. Das Leben ist nicht fair – leider.

  14. Liebe Frau Weh, jetzt musste ich weinen und das passiert mir beim Lesen nur ganz, ganz selten. Ich bewundere Dich sehr dafür, wie Du mutig und mit feinfühligem Gespür in schweren Situationen reagierst! Möchtest Du nicht vielleicht umziehen und hier an meiner Schule arbeiten? So eine Kollegin wie Dich hätte ich zu gerne! LG Jule

    1. Liebe Jule,
      das ist so nett! 🙂
      Ganz ehrlich? Ich bin ja der festen Überzeugung, dass die meisten (Grundschul-)Lehrer feinfühlig sind, aber von Außen bekommt man das nicht immer mit. Ich würde zu gerne mal Mäuschen bei manchen Kolleginnen im Unterricht spielen.

      1. Da kann ich dir antworten: Ich war vier Jahre lang Integrationshelferin bei einem Kind an einer ganz normalen Regelgrundschule und sehe seitdem Schule mit anderen Augen. Die meisten deiner Kolleginnen (und Kollegen, obwohl es die ja leider viel zu wenig an Grundschulen gibt) geben sich große Mühe, auf die Kinder einzugehen. Natürlich kann sich keiner verbiegen und anders machen, als er ist, aber man merkt doch sehr deutlich, dass bis auf sehr wenige Ausnahmen alle mit viel Herz und Einsatz bei der Sache sind. An dieser Stelle möchte ich als Mutter von drei Jungs daher mal die Gelegenheit nutzen, mich bei allen mitlesenden Lehrern und Lehrerinnen für die tolle Arbeit, die sie leisten, zu bedanken.
        Zum Artikel: Den lese ich heute schon zum zweiten Mal und auch heute kullern noch die Tränen. Ich glaube tatsächlich, dass das Verhalten einer für das Kind so wichtigen Person wie der Grundschul- Klassenlehrerin maßgeblich dazu beiträgt, wie das Kind so ein schlimmes Erlebnis verarbeiten kann. Und ich denke, dass du auch für die Mutter eine wertvolle Unterstützung bist.

  15. Ich kann Jens sehr gut verstehen. Bei mir war es damals der Bruder, der plötzlich und unerwartet gestorben ist. Mir war nichts wichtiger, als am nächsten Tag in die Schule zu gehen und Normalität zu erfahren. Meinte Mutter hat das auch zugelassen und meine Mitschüler und Lehrer haben mich so normal behandelt und hatten in den entscheidenden Momenten genug Fingerspitzengefühl, sensibel zu reagieren, Ich glaube das was Jens jetzt braucht ist gewohnte Normalität mit ein bisschen mehr Sensibilität als sonst. Aber das haben deine Schüler und du ja ganz von alleine gemerkt.

    1. Richtig, in der Normalität, der gewohnten Alltagsstruktur liegt eine große Kraft. Auch sie heilt nicht den Schmerz, aber ich hoffe, sie mildert ihn. Dein Verlust ist furchtbar und grausam. Ist es schlimm für dich, wenn es beim Lesen solcher Dinge wieder hochkommt?

      1. Das ist ja jetzt schon ganz lange her, aber es gibt immer wieder Situationen, in denen ich ganz traurig werde. Schlimm ist es mittlerweile nicht mehr-aber manchmal wünsche ich mir meinen großen Bruder immer noch an meiner Seite. Wobei ich fest davon überzeugt bin, dass er immer auf mich aufpasst. Auch wenn das jetzt kitschig klingt.

  16. Wie machen Sie das?
    Ich hätte überhaupt nicht gewusst, was ich sagen soll. Der Schock hätte mich total gelähmt und der Mutter wäre ich wahrscheinlich aus dem Weg gegangen, um mich selbst nicht mit dem Thema konfrontieren zu müssen.
    Ich staune und hoffe, dass ich mich zusammennehmen und an Ihrem vorbildlichen Verhalten orientieren kann, sollte ich einmal in diese Situation kommen.

    1. Doreen, ich habe ja gar nicht viel gemacht. Und ich stimme Ihnen zu, den Kontakt zur Mutter empfinde ich als viel schwieriger. Das Kind kenne ich gut, da war es bedeutend einfacher, Worte zu finden. Aber der Mutter gegenüber fühle ich mich auch so sprachlos.

  17. Da kullern die Tränen! Ich habe meinen Dad auch an den Krebs verloren. Leider fehlt vielen Menschen das feine Gespür so wie Sie es haben. Die richtigen Worte bei Erwachsenen zu finden aber bei einem Kind ist es noch viel schwerer. Gut gemacht!!!!
    Toll fand ich auch, dass die Mutter ihn zum Ausflug mitgelassen hat – war bestimmt nicht leicht für sie.

    1. Liebe Giulia, das tut mir leid zu lesen!
      Möglicherweise fehlt es vielen weniger an Gespür, als überhaupt an Worten. Ich glaube, die Sorge, etwas „falsches“ zu sagen, überwiegt oft und so schweigt man dann lieber.

    1. Ich war auch sehr beeindruckt von den Kindern. Da schimpfe ich immer so viel über mangelnde soziale Kompetenz und dann beweisen sie, dass in einer solchen Situation alles stimmt und sie genau richtig reagieren. Das war toll zu sehen.

  18. Einen solchen Fall hatte ich damals in meiner eigenen Grundschulklasse auch. Leider hat dieser Junge den Verlust nie wirklich verarbeiten können, konnte in seinem Leben nie den geraden Weg gehen. Es endete in Depressionen und Selbstmord mit 26.
    Ich wünsche deinem Schüler ganz viel Kraft und Liebe. Es wird eine schwere Zeit.

    1. Musste mir auch gerade eine Träne aus den Augen wischen, weil dein Text heute Erinnerungen weckt. Vor einigen Jahren ist der Vater einer Schülerin meiner Klasse völlig unerwartet bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Die Klasse war auch wirklich eine Stütze für das Mädchen. Kurze Zeit später war unsere Fahrt ins Schullandheim geplant und das Mädchen wollte und durfte glücklicherweise mitfahren. Im Schullandheim dann hat ein Junge ( der vorher sozial eher auffällig war) sich immer wieder völlig daneben benommen, Quatsch gemacht und ist eigentlich dauern aufgefallen.
      Und ich… ich habe natürlich jedes Mal geschimpft!
      Abends beim gute Nacht sagen, meinte er dann plötzlich. „Ich habe deswegen heute so viel Quatsch gemacht weil M. so traurig war und wenn ich Quatsch mache, dann lacht sie und es geht ihr besser!“
      Unglaublich wie viel Einfühlungsvermögen und Empathie manchmal in den Kindern steckt!
      Ich wünsche dir jedenfalls die Kraft Jens (und seine Mutter) auf ihrem schwierigen Weg zu unterstützen, so gut es geht.

  19. Danke für den Beitrag. Und danke, daß in Dir „Jens“ eine Person hat, die in dieser Ausnahmesituation auf ihn eingeht, die schaut, wo er grade steht und was nun gut für ihn ist und die aber auch etwas Normalität in sein Leben im Ausnahmezustand bringt. Nur, wenn die Lehrerin so ist kann auch die Klasse so sein und den Jungen irgendwie auffangen.

    Ich war 11 als mein Bruder plötzlich starb – so eine Lehrerin wie Dich hätte ich damals gebraucht…

  20. Ich bin sehr ergriffen von dem Beitrag.
    Vor einiger Zeit hat auch ein Schüler meiner Klasse seine Mutter nach langem Kampf gegen Krebs verloren. Es ist eine wahnsinnig schwierige Situation, schlechte und gute Tage wechseln sich ab. Langsam werden die guten häufiger. Jetzt haben wir den zweiten Muttertag ohne Mama gemeistert und ich bin froh, dass der Junge langsam auch wieder fröhlicher wird.
    Vielen Dank für den Beitrag und viel Kraft für die weitere Zeit mit Jens, die eine Herausforderung werden wird.

  21. sehr berührt sitze ich hier.
    danke fürs teilen.

    (normalität ohne verschweigen ist die allerbeste medizin, kann ich aus eigener erfahrung dazu sagen. am schlimmsten war und ist für mich, wenn andere das thema vermeiden.)

  22. Liebe Frau Weh,
    ich hatte beim Lesen dieses Eintrag einen dicken Kloß im Hals und auch Tränen in den Augen.
    In meiner Grundschulzeit ist meine Mama an Krebs erkrankt, sie hat den Kampf allerdings gewonnen. Ich weiß noch, dass es mir sehr geholfen hat, dass es in der Schule ganz normal weiter ging, obwohl es fast alle wussten. Meine Lehrerin hat immer die richtigen Worte gefunden, ich glaube gerade für die Arbeit mit Kindern braucht man ein Gespür dafür, wann man was sagt. Toll das du das hast!
    Ich wünsche Jens und seiner Familie viel Kraft!

  23. Wow….Respekt. Ich arbeite seit einiger Zeit ehrenamtlich in einer Kindertrauergruppe und muss auch immer wieder nach den passenden Worten und dem passenden „Ton“ suchen. Solche Sachen sind echt eine mega große Herausforderung, die uns ja alle letztendlich selbst (be-)trifft.
    Wie gesagt: Respekt, Frau Kollegin;-)

  24. Vielen Dank für diese Geschichte des Lebens!
    In der Kita hatten wir auch einen Vater der ganz plötzlich verstorben ist, wir waren mit den Kindern am Grab und die Kinder waren grandios emphatisch und hilfsbereit. Was den Kindern des Vaters ganz wichtig war, dass es Gesprächsanlässe gab, in denen sie von ihrem Papa reden konnten (wenn sie wollten!)
    Das ganze Unglück ist inzwischen zwei Jahre her, die Kinder gehen in die Schule und gerade war ich mit meinen eigenen Kindern noch am Grab dieses Vaters, seit Monaten mal wieder.
    Zufall? das ich heute das erste Mal Ihren Blog lese. Ich glaube nicht! Danke schön!
    Und ich wünsche Ihnen und Jens einen weiteren guten gemeinsamen Weg.
    Am beeindruckendsten habe ich übrigens empfunden, als Sie der Mama angeboten haben, sie anzurufen, damit sie nicht mit den anderen Müttern warten muss. Das nenne ich einfallsreich und mit Sicherheit hilfreich! !!
    Danke noch mal und alles alles Gute!
    Mein Sohn wird im Sommer eingeschult und hoffentlich bekommt er so eine tolle Lehrerin!!!!!!
    Liebe Grüße
    Laura

  25. Diese Erzählung eignet sich fast schon als Kinderbuch zu dem Thema (aber da gibt es vermutlich schon eine Menge ähnlicher, darum habe ich mich bisher nie gekümmert).

  26. Ich arbeite in und für einen Hospizdienst, bilde dort auch ehrenamtliche Mitarbeiter aus. Es ist schwierig, einfühlsame Kommunikation in solchen Situiationen zu lernen. Noch schwieriger ist es, „einfach“ zu reagieren. Respekt!

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