Metarmorphosen

Es ist ein bisschen wie Achterbahnfahren, dieses Abschiednehmen von den Viertklässlern. Nur mit weniger Übelkeit, dafür deutlich emotionaler. Ich hätte es nicht unbedingt erwartet, habe ich die Bindung zu meinen letzten Klassen doch immer für stärker gehalten, aber da habe ich mich wohl getäuscht. Am Vorabend war unser Abschiedsfest, das wir für die Eltern gegeben haben und nun sitzen die Viertklässler mit müden, aber leuchtenden Augen an ihren Tischen.

„Mein Vater hat geheult!“, posaunt Schmitti mit einer Mischung aus Stolz und leichter Peinlichkeit heraus.

„Ja“, stimmt Nino ihm zu, „meine Mutter auch, als ich ihr das Herz gegeben habe und wir dabei noch das Lied weitergesummt haben.“

„Ich fand alles toll!“, schwärmt Friederike, deren Oma mir am Ende unseres Bühnenprogramms stumm vor Ergriffenheit die Hand geschüttelt hat und gar nicht mehr loslassen wollte. „Und Sie?“

Ich überlege. Tatsächlich war der ganze Abend eine runde Sache. Die Kinder haben sich ins Zeug gelegt. Alle konnten ihre Texte und Lieder auswendig, niemand hat sich bei den Instrumentalstücken verspielt. Nicht nur ich habe an vielen Stellen eine ordentliche Gänsehaut vor Rührung bekommen.

„Für mich war am schönsten, als wir mit den Eltern gemeinsam das Schlusslied gesungen haben.“ Viele Kinder nicken, auch ihnen hat der leise Abschluss des Festes gefallen.

Alle sind sich einig, dass sie eine Superleistung auf die Bühne gebracht haben und ich stimme ihnen zu, es war ein großartiger Abend und eine tolle Show. Deine letzte hier, schleicht sich ein Gedanke in meinen Kopf, aber ich will ihn noch nicht weiterdenken, fühle doch auch ich mich genau wie meine Klasse irgendwie dazwischen. Jetzt sind es noch zwei Wochen, die aber randvoll mit Aktivitäten, Ausflügen, Aufräumen und Abschiednehmen sind. Eine seltsame Zeit. Und genau so seltsam fühle ich mich. Unausgeglichen, reizbar. Neben den Zeugnissen für die Viertklässler liegen die ersten Planungsbögen für die Neuen. Parallel dazu wächst der Altpapierstapel in der Kiste unter meinem Schreibtisch. Elf Jahre an einer Schule machen eine ganze Menge Papier! Alles will durchgesehen werden nach dem Aschenputtelprinzip: Die Guten ins Töpfchen, die schlechten…

Wo  ich meine ganzen Materialien lagern will, die sich jetzt noch in der alten Schule (oh, ich nenne sie jetzt schon die alte Schule!) befinden, weiß ich noch nicht. Vielleicht sollte ich einen Container mieten? Einen genauen Überblick habe ich noch gar nicht, verteilt sich doch alles schön auf mehrere Räume, einschließlich des Dachbodens. Ehrlich, Schuldachböden sollten abgeschafft oder zumindest versiegelt werden!

Ich gehe dann mal wieder räumen..

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16 Kommentare zu „Metarmorphosen

  1. Da kann man nur alles Liebe und Gute wünschen, liebe Frau Weh!
    Und dass auch noch genügend Kraft, Zeit und Liebe für die Wehwechen und nicht zuletzt Herrn Weh übrigbleibt! Mach auch mal Pause!
    Einen schönen SOMMER!

    1. Danke, liebe Almut! Auch wenn die letzten Wochen eines Schuljahres immer besonders sind, versuche ich schon auf Ausgewogenheit zu achten. Gelingt mir… auch manchmal 😉

  2. Das klingt nach einem tollen Abschied, liebe Frau Weh! Ich bin gerade auf der Suche nach einem schönen Abschiedslied für meine Viertklässler…würdest du mir schreiben, wie das Lied hieß, das ihr gesungen habt? Vielen Dank und genieße die letzten Schulwochen an der „alten Schule“.

    1. Hallo Catharina,
      wir haben verschiedene Lieder im Repertoire. Die Klassiker sind „Die vier Jahre geh’n zu Ende“ (ist auf den Klassenhits drauf), „Zu Ende geht die Grundschulzeit“ (Melodie von Auld Lang Syne) oder auch „Goodbye“ von Sasha. Mit den Eltern gemeinsam haben wir „Kein schöner Land“ gesungen. Da flossen dann auch Tränchen 🙂

      1. Als meine Tochter aus der Grundschule verabschiedet wurde, haben die Kinder gesungen „Abschied heißt: ‚was Neues kommt“ aus dem Kinder-Musical „Der kleine Tag“ (findet man z.B. auch bei YouTube). Ein wunderschönes Abschiedslied mit Gänsehaut-Garantie, finde ich.

  3. Container… ich versteh dich! Ich zieh nur in die Nachbarklasse – und das ist schon eine logistische Meisterleistung, wie mir scheint! Aber ein bissl neidisch bin ich schon auch. Schuldachboden – das klingt verheißungsvoll. Bei mir stapelt sich alles was nicht in der Schule ist im Keller. Ein ganzer Raum voll, ausschließlich für mein Schulzeug… Mein Mann witzelt, dass er mir irgendwann mal Archivschränke kauft – mit so einer Kurbel dran 🙂

  4. Liebe Frau Locke,
    auch wir sind auf der Suche nach einem schönen Lied für unser Abschlussfest. Könntest du hier einfach kurz schreiben,wie das heißt und wo ich das finden kann?Das wäre toll!!!
    Vielen Dank,
    Andrea

      1. Bei diesen ganzen tollen Blogs,die es so gibt,kommt man eben mal schnell durcheinander.Entschuldigung dafür und großen Dank für die Musiktipps Frau Weh :-).
        LG Andrea

  5. Liebe Frau Weh,
    da hab ich wohl mal was verpasst – wieso gehst du an eine andere Schule?

  6. Wir singen immer ‚Alte Schule, altes Haus‘ von Rolf Zuckowski. Furchtbar traurig, aber die Viertklässler wünschen es sich jedes Jahr.

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