Anfangsunterricht

Es ist 19.00 Uhr und ich könnte schlafen, schlafen, schlafen.

Die hohe Präsenz und Aufmerksamkeit, die mir derzeit nicht nur die eigene Klasse, sondern auch das komplett neue Schulumfeld abverlangen, fordern ihren Tribut. Alles ist anders, alles ist neu. Aber es läuft gut – soweit sich dies am dritten richtigen Schultag schon sagen lässt. Die morgendliche Freiarbeit funktioniert bereits ebenso wie die unaufgeforderte Abgabe der Hausaufgaben. Das Prozedere mit Toilettenampel und Ausleihliste für das Pausenspielzeug ist verstanden worden. Was (natürlich!) noch viel Zeit kostet, ist das Bilden des Sitzkreises und die Organisation des Materials. Und die Eingangsdiagnostik! Oje…! Hier  merke ich, dass 29 Kindern eine ganze Menge sind und es eine Wahnsinnsleistung für Erstklässler und Lehrkraft darstellt, die optimalen Diagnosebedingungen herzustellen. Überhaupt ist der momentane Arbeitsaufwand enorm hoch. Vielleicht deshalb, weil ich von Anfang an den Überblick haben möchte. Sicherlich aber auch aus dem Grund, dass meine Stundenplanungen bis ins kleinste Detail reichen und mich abends lange beschäftigen.

Aber es ist auch SO schön wieder ein 1.Schuljahr zu haben! Ich kann es gar nicht in Worte fassen. Noch haben sie alle Freude am Lernen, kommen ins Klassenzimmer gestürmt und fragen, was sie machen können. Die ersten Briefe werden mir mitgebracht. Entweder stolz in die Hand gedrückt oder ein wenig verschämt auf den Schreibtisch geschoben. Das Klassentier wird gestreichelt und bekuschelt, die Gitarre – vorsichtig, ganz vorsichtig! – durch den Kreis bis zu mir gereicht, denn singen, singen finden sie super! Die Erstklässler applaudieren einander frenetisch, wenn jemand an der Tafel das richtige Würfelbild zeigt oder bereits eine korrekte Additionsaufgabe nennt. Voller Begeisterung haben sie heute Wörter abgehört, klingt dort ein A? Als ich sie vor dem Lehrerwechsel in Zauberschlaf versetzte und ihnen einen Buchstaben oder eine Ziffer auf den Rücken zeichnete, wollten sie noch einmal und noch einmal. „Bitte geh noch nicht, Frau Weh!“

All das macht die andere Seite wett: Die tausend Fragen, das Gezwitscher und Geschnattere genau dann, wenn es wichtig wird, die Klokarawanen. Oh, diese Klorennerei! Es ist ein wenig wie Domino Rallye. Einer muss, (fast) alle folgen.Die durchschnittliche Durchlaufzeit eines Erstklässlers verhält sich ganz klar proportional zum geringen Fassungsvermögen. Ich weiß es, heute kam nämlich die erste Schulmilch zur Probe. Fast konnte ich es plätschern hören; oben rein, unten raus. Morgen scheuche ich sie definitiv zum Ende der Pause noch einmal zur Toilette! Ansonsten steht Silbensegmentierung auf dem Program: Silben sprechen, schwingen, hüpfen, klatschen. Auf Bärenjagd wollen wir gehen und außerdem den netten Hausmeister mal fragen, was er eigentlich so macht in der Schule. Es ist wichtig, dass wir erfahren, wie es mit dem Drachen Kokosnuss weitergeht und dass wir den Schubiduasong so oft tanzen, bis uns allen ein wenig schwindelig wird. Ein Abenteuer mit Klebestift steht ebenfalls an: Das erste Arbeitsblatt muss ins Sachunterrichtsheft geklebt werden. Da ist die Aufregung vorprogrammiert, aber hallo! Vielleicht schaffen wir noch die nächste Ziffer, aber ich glaube eher nicht. Denn Anfangsunterricht braucht vor allem eins: Zeit. Die nehme ich mir einfach, ich bin so frei 😉

 

 

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26 Kommentare zu „Anfangsunterricht

  1. 29 Kinder! Wahnsinn.
    Wenn ich lese, wie Sie Unterricht gestalten und mit welchem Herzblut und Elan, dann wünschte ich mir, mein Sohn wäre nicht in Bayern (und ich nicht im Württembergischen) in die Grundschule gegangen …
    Es ist immer spannend und schön, ihre Beiträge zu lesen.
    Beste Grüße, und viel Power weiterhin,
    Anna K.

    1. Gerade den Wurm mag ich leider gar nicht. Mich irritiert die Bewegung am Rand der Seite sehr. Aber ist halt Geschmacksache.

  2. Ich glaube, Deine Erstklässler können sich glücklich schätzen!
    Ich wünsche mir eine ebenso gelassene, ideenreiche und ihren Beruf liebende Lehrerin für meine Tochter!

  3. So schön geschrieben 🙂
    Wahnsinn was die kleinen die ersten Tage lernen müssen, da muss man sich auch mal öfters eine Klopause gönnen 😉
    Genieß es und sei weiter so motiviert!!!!
    Julia

  4. Mein Neffe wird heute eingeschult. Ich drücke ihm die Daumen dass er eine nur ansatzweise so motivierte Lehrerin bekommt! Ich denke es wird immernoch unterschätzt, wie wichtig gerade der Start in den Schulalltag und damit die erste Lehrerin/der erste Lehrer ist. Meine war auch super damals und ich bin später immer gerne zur Schule gegangen.
    LG
    Kaya

    1. Hallo Kaya, gerade gestern habe ich mich mit Herrn Weh darüber unterhalten, dass besonders diese erste Lehrperson eine große Rolle spielt. Du bestätigst dies gerade ganz passend 🙂
      Deinem Neffen einen tollen Schulstart! Es wird schon alles klappen 🙂

  5. Liebe Frau Weh,
    Ich wünsche Dir auch noch genug Zeit und Kraft für die eigenen Kleinen!
    Als „Vollzeitmutter“ mit bereits jugendlichen Kindern erfahre ich nämlich durchaus auch, dass das häusliche Sorgen Kraft kostet – und ich genieße es, ehrlich gesagt auch. (Obwohl es so nicht gut für die spätere Rente ist, klar. Aber Frau muss Prioritäten setzen!)
    Danke für die tollen und offenen Berichte aus der Schulpraxis! ich lese sie immer mit großem Interesse –
    auch wenn meine Kinder bereits in Klasse 8 und 10 angekommen sind (NRW).
    Liebe Grüße aus dem „7. Himmel“ südlich (und oberhalb) von Bonn – Wachtberg!

    1. Danke, Almut! Kraft kostet es, natürlich. Sowohl im Beruf, als auch zu Hause. Bei uns funktioniert das System, weil Herr Weh und ich alles sehr partnerschaftlich aufteilen. Ansonsten wäre es deutlich schwieriger. Klasse 8 und 10 haben es aber auch in sich, oder? G8?

    1. Oh, so ein Schild, eine Seite grün, eine rot. Wenn die Kinder müssen, klammern sie eine Wäscheklammer mit ihrem Namen auf die Karte, dann weiß ich, wo sie sind, ohne dass sie ständig um Erlaubnis fragen müssen. Erkläre ich etwas Wichtiges, drehe ich das Schild auf rot, dann darf niemand raus.

  6. Beim „frenetischen Jubel“ habe ich schief grinsend an meine überwiegend zehnten Klassen im nächsten Schuljahr gedacht. Habe mir vorgestellt, wie das bei denen aussehen würde.
    Es war schwer.
    Aber es sah gut aus.

      1. Ähm, da steht ihr nicht allein. Wir sind aktuell auf 45 KollegInnen lediglich 8 Kollegen, von denen drei in der Schulleitung sind. Normalität mittlerweile.
        Aber ich weiß noch: Als ich meine erste 5. Klasse als Klassleiter hatte, kam eine Mutter in die Sprechstunde und meinte, dass ihr Sohn total begeistert nach dem ersten Schultag nach Hause kam und rief: „Endlich ein Mann als Lehrer!“

  7. So schön! Ich erzählte ja schonmal, dass es bei uns am 20.9. mit der ersten Klasse losgeht. Natürlich für meine Tochter, je näher der Tag rückt, umso lieber lese ich hier und hoffe auf eine ähnlich engagierte Lehrerin! Das würde meinem Julchen gut gefallen.
    Weiterhin viel Freude an den 29 „Pipi-Lottis“
    Liebe Grüße
    Nunu

  8. Hach, Frau Weh, jetzt habe ich gerade diesen Text zum mehrfachten Mal gelesen – schon im Urlaub auf dem Minihandy – und jedes Mal Tränchen in den Augen. Es ist sooo wunderbar zu spüren, welches Glück diese Kinder haben, und alle, die eine ebenso zaubernkönnende Lehrerin in ihrem ersten Schuljahr an der Seite haben. Ich glaube, Ihr seid die wichtigsten Lehrer(innen) überhaupt im ganzen Schulleben – so tief bedeutsam ist niemand später mehr wie in diesem zarten Alter.
    Meine eigenen Kinder hatten beide auch unendliches Glück mit ihren Erstklasslehrerinnen, wir erinnern uns hier alle immer wieder voller Dankbarkeit, mein Sohn (nun 7. Klasse, ein beginnendes Pubertikel) verehrt und liebt seine bis heute, ich darf kein einziges Arbeitsblatt aus Klasse 1 und 2 wegwerfen, denn „das ist doch von Frau W.“ ***versinkingedanken*** „was ich bei der alles gelernt habe“ – und die Tochter, als sie ihre geliebte Frau G. leider nach einem 3/4-Jahr verlassen musste, war in Trauer und über Wochen kaum zu trösten … Wie toll Ihr das macht!!!
    Wenn wir hier unsere 5t-Klässler bekommen, dann glauben wir immer schon, dass es wuselig zugeht. Wenn ich Deine Erstklässlerberichte lese, dann weiß ich, dass wir nur glauben, dass wir glauben …. (Obwohl: Das Einkleben eines ABs mit dem Klebestift verbraucht auch in Klasse 5 gern mal bedeutende Anteile einer Doppelstunde.)
    Viel Kraft weiterhin beim Schulemachen! (ich darf ja noch eine Woche quasi auf dem Feriensofa liegen und empfinde schulemachende Blogs im Moment noch als etwas irreal:))

  9. Ach, die liebe Klorennerei – eines meiner Lieblingsthemen. Bei 28 Schülern in meiner zweiten Klasse verhält es sich ähnlich. Sobald einer mal muss, fällt mindestens 10 anderen wieder ein, dass sie auch ganz, ganz dringend -ja, unbedingt jetzt sofort!- mal rausmüssten. Und natüüüüürlich waren sie auch gerade in der Pause noch auf der Toilette. Alle. Immer. Ausnahmslos. Ich fühle mich so verstanden auf diesem Blog. 😉

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