Initialzündung

Ich bin nicht gut in Mondphasen oder so. Ich kriege auch nie mit, wie das Wetter wird oder wie es gerade um die Kontinentaldrift steht. Aber heute – ich habe es gespürt! – muss irgendwo irgendwas geschehen sein, denn Großes ist passiert: Das Lesen hat begonnen!

Der kleine Nick ist ein stiller Junge. Einer von der Sorte, die man im Wust leicht übersehen kann, drückt er sich während der individuellen Lernzeit zwischen den Regalen herum, nimmt dies in die Hand oder jenes, findet aber kein Material, das ihm zuruft beschäftige dich mit mir! Dieses Umstand beobachte ich seit Schulbeginn. Ich lasse ihn noch gewähren, doch immer wieder spiele ich mit ihm gemeinsam und zeige die Möglichkeiten, die sich ihm versteckt in kleinen blauen und roten Schachteln eröffnen könnten. Freundlich und geneigt holt er dann zwei Teppiche, legt sie sorgsam auf den Boden und lässt sich anleiten. Doch nach dem Spiel ist es wie vorher, er zeigt keine Eigeninitiative und beobachtet lieber das Geschehen.

Heute gebe ich ihm sein Lies Mal-Heft, erkläre das Verschleifen der Buchstaben und bereits bei den ersten kurzen Wörtern, die er zu erlesen versucht, sehe ich die Veränderung in seinem feinen, ruhigen Gesicht.

„B – U – S. Das heißt … Bus!“, noch ein wenig ungläubig schaut er mich an, als könne er den Umstand nicht fassen, dass gerade er dieses Wort gelesen hat. Doch die Freude wartet schon an der Nasenwurzel, rutscht herunter und bringt die Sommersprossen zum Leuchten.

„Super, Nick, das nächste!“, ermuntere ich ihn und freue mich mit ihm. Es ist einer dieser besonderen Momente, wenn ein Kind zu lesen beginnt. Mir als Lehrerin und Leserin ist bewusst, dass dies der Moment ist, in dem sich – ganz langsam und verhalten noch, aber unumstößlich – die Tür zu einer neuen Welt öffnet. Als Fernsehkind der 80er habe ich dieses eine Bild vor Augen: Ein Kind läuft mit seinem Ball auf ein Tor zu und als es sich öffnet, öffnet sich Weite. Noch ist sie leer und es ist nicht klar, was geschehen wird. Aber klar ist auch, dass dieses Kind nicht mehr umdrehen sondern sich den Raum erschließen wird, der sich dort auftut.

Nick liest und liest und liest.

In den nächsten 30 Minuten arbeitet er sich durch 8 Seiten in seinem Heft und wächst mit jedem Wort und jedem Lob. Als er wieder zu mir flitzt, um mir eine Seite zu zeigen, schaue ich ihn an und sage: „Herzlichen Glückwunsch, Nick, du bist jetzt ein Leser!“ Ich sehe, wie er sich freut und ein wenig rot wird. „Ich würde dich gerne einmal drücken“, und kaum, dass die Worte gesprochen sind, hüpft er schon in meine Umarmung. Wir dücken uns fest, ganz der Tatsache bewusst, dass dies ein erinnerungswürdiger Moment ist, den wir hier gerade teilen. Das bleibt auch den anderen Erstklässlern nicht verborgen, die den Umstand, dass der kleine, unscheinbare Nick nun ein Leser ist, sofort weitergeben und spontan beklatschen. Leistung ist nicht anstößig im 1. Schuljahr sondern etwas, was was zu erreichen eigenes, unumstößliches Ziel darstellt.

Und dann geht es los.

„Darf ich auch mit Lies Mal anfangen?“

„Ich möchte auch!“

„Ich auch!“

Am Ende des Vormittages wurden aus vier frühen Lesern 23, die dem Gedruckten zum Teil noch mühsam Buchstabe für Buchstabe abtrotzen, aber der Stein ist ins Rollen gebracht, zurück geht es nicht mehr. Da ist es mir auch kein bisschen peinlich zuzugeben, dass ich ein paar Mal Tränen in den Augen hatte. Denn das hatte ich. Was für ein Herbstferiengeschenk!

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23 Kommentare zu „Initialzündung

  1. Es gibt ja Momente und Momente in einem Lehrerinnenleben. Die gehören sicher zu DEN Momenten. Das ist ganz eindeutig ein paar kleinere und größere Tränchen wert.

  2. Danke, dass du diese Momente mit uns geteilt hast. Meine Tochter erobert auch gerade die Welt des Lesens und es ist so aufregend! Es ist so schön, wie stolz die kleinen Großen sind, wenn sie es geschafft haben.

    Liebe Grüße,
    Steffi

  3. LIebe Frau Weh- danke für das Glück dies lesen zu dürfen! Ich warte selbst sehnsüchtig auf das dritte Mal „Lesenlernen“- bei den beiden Großen ist die Freude geblieben, hoffentlich beim Jüngsten auch bald! Und jedes Mal ist es eine tränentreibende Freude wie sie sich durch die ersten Sätze wurschteln, ja, Ungeduld ist auch dabei, aber nur weil ich ihnen so sehr wünsche, diese wunderbare Welt der Worte, Sätze, Bücher und Bilder zu entdecken und lieben zu lernen! Als (Kinder)buchhändlerin nicht nur ein privater sondern auch beruflicher Wunsch!!
    Frau Weh: wundervoll! Danke!

  4. Wow. Du beschreibst das so toll, da läuft es mir gleich eiskalt den Rücken runter! Und wie ich mich freue, dass die Welt einen, ach was sag ich, ca 20 Leser mehr bekommen hat! 🙂

  5. Das ist es , das ist es!!! Deshalb möchte ich eigentlich immer nur erste Klassen. Ich hatte schon sieben mal eine (war erst Feuerwehrlehrerin, dann oft schwanger, dann mit Teilzeit so gut abzuordnen und bekam eben immer die ersten Klassen). Das ist sooo ein besonderer Moment und entschädigt für all die Mühen, die so ein erstes Schuljahr auch mit sich bringt (29 Kinder hatte ich auch schon, das glaubt einem keiner, wie man sich da fühlt, wenn man das nicht selbst erlebt hat). Ich gratuliere Dir zu diesem tollen Ereignis und freue mich sehr mit!
    Ganz liebe Grüße Jule

  6. Ach wie schön…. *schnüff* Wie hätte ich mir so ein Erlebnis für meinen Großen gewünscht, für den selbst im Dritten Schuljahr noch immer jedes Wort harte Arbeit bedeutet und der, obwohl beide Eltern große Leseratten sind, immer noch nicht den Weg in dieses weite Land gefunden hat. Ich hätte ihm ein Tor gewünscht, das sich von selbst öffnet, statt dieser – aus seiner Perspektive – offenbar unüberwindlichen Mauer.

      1. Ja, wir bewandern verschiedene Pfade. Mir geht es hier auch gar nicht um Hilfe… ich hatte nur beim Lesen so einen kleinen Kloß im Hals….

        1. Verständlich! Ich wünsche euch als Eltern viel Kraft und Hoffnung. Das Überlebensmantra von Herrn Weh und mir lautet: Wir kriegen ihn / sie groß! Wir kriegen ihn / sie groß! Wir kriegen ihn / sie groß! 🙂

          1. Danke! 🙂 Schönes Mantra. Ich habe 2, je nach Anwendungsgebiet:
            a) „Immer einen Tag nach dem anderen!“
            b) „Wenn sie erwachsen sind, spielt dies keine Rolle mehr!“
            (und das inoffizelle: „Ich häng sie in zwei verschiedenen Körben an der Decke auf!“ – aber das ehrlich nur an diesen ganz bestimmten Tagen…. )

  7. Das ist der Grund, warum ich sooooo gerne in der Klasse 1/2 bin und auch noch eine Weile bleiben möchte, trotz der Anstrengung mit den wuseligen Kleinen. Jedes Jahr bin ich gerührt und sicher, den richtigen Beruf zu haben, wenn ich dabei sein darf, wenn ein Kind zum Leser wird!

  8. Das sind die Sternstunden. Ich werde auch nie den Gesichtsausdruck eines Erstklässler vergessen, als er mich ansah und völlig verzückt sagte: „Ich kann lesen! Ich kann jetzt lesen!“
    Viel Erholung und schöne Herbstferien- bei uns dauert es noch ein bisschen:-)

  9. Liebe Frau Weh, was für ein wunderschöner Text! Ich habe Tränen in den Augen. Beim Lesen musste ich an meine Tochter denken, die auch Erstklässlerin ist und sich mit Begeisterung auf die Buchstaben stürzt. Es war so eine Freude, als sie in dem Buch, das wir vor kurzem gemeinsam lasen, einige Wörter selbst entziffern konnte. Da scheint so ein Kind vor Freude und Stolz fast zu platzen!
    Vielen Dank für diesen wunderschönen Text, der mir nochmal so deutlich vor Augen geführt hat, welcher Zauber im Lesen Lernen liegt.
    Hab schöne Herbstferien und erhol dich gut!

  10. Ach wie wunderbar! Für den kleinen Nick. Und für dich. Und für alle anderen.

    Frau Weh, ich wünsch dir schöne Ferien! Unsere Kinder müssen noch auf die Herbstferien warten. Aber die Erstklässlerin hat sich das Türchen zum Lesen auch schon geöffnet.

  11. ach wie schööön! Ich kann mich selbst noch an diesen Moment erinnern, als ich zur Leserin geworden bin. auf eine ähnliche Weise, nur damals zuhause mit der Mutter. Und ich habe das Lesen bis heute nicht aufgegeben!
    Vielen Dank Frau Weh, vielen Dank an alle Lehrer und Lehrerinnen, die den Kindern die Tür zu dieser Welt öffnen!

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