Demokratie mit Füßen getreten

Die Tatsache, dass ihre Klassenlehrerin seit dem heutigen Tag ebenfalls Hausschuhe im Klassenraum trägt, haut den ein oder anderen Erstklässler völlig aus den Socken.

„Du bist doch gar kein Kind mehr, Frau Weh! Warum hast du denn Hausschuhe an?“

Als ob Schwitzfüße eine Frage des Alters wären! Glücklicherweise neige ich dazu nicht, finde es aber konsequent, dass in diesem Bereich auch für mich keine Sonderregelung gilt. Schließlich sind meine Schuhe noch die größten und bei dem Wetter auch nicht immer bar jeden Makels. Ich verweise auf den blitzeblanken Boden des Klassenzimmers und auf meine extra zu diesem Zweck angeschafften Schuhe. Die unumgängliche Rückmeldung lässt nicht auf sich warten:

„Deine Hausschuhe sind schön, Frau Weh!“, lässt mich Lynn mit einem Nicken wissen.

„Finde ich nicht.“, murrt hingegen Marc, der alte Knöterich.

„Sind sie wohl.“

„Nö!“

„Wohl!“

Marc und Lynn werden sich nicht einig. Ehe es zum handfesten Streit zwischen den beiden kommt, habe ich flugs eine Tabelle an die Tafel gezeichnet. Nun darf die Meinung abgegeben werden, ob mein Schuhwerk (ich persönlich finde es für Hausschuhe durchaus in Ordnung) dem Geschmack der Klasse zusagt. Abgegeben werden – oh Wunder! – exakt 29 Stimmen. Auf schön entfallen 25. Vier mutige Erstklässler entscheiden sich gegen die Hauptmeinung. Auf meine eindringliche Frage, wer mit schön geantwortet hat, nur weil er mich nett findet und nicht verletzen möchte, melden sich tatsächlich noch sieben weitere Kinder. Ich bin begeistert! Klarer Fall von Volkssouveränität! Die Erstklässler sind so entzückt von der Abfragemöglichkeit, dass wir im Laufe des Tages noch ganze dreimal mein Schuhwerk auf den Prüfstand stellen müssen. Um 11.10 Uhr findet niemand mehr Gefallen an meinen Schuhen, aber umso mehr an Meinungsumfragen.

„Wer ist dafür, dass sich Frau Weh neue Hausschuhe kaufen muss?“, kräht Finn mitten in der Stillarbeitsphase plötzlich begeistert heraus. Die Reaktion ist unglaublich. Ekstatisch tobende Massen. Tumultartige Zustände. Meuterei! Ich überdenke rasendschnell meine Möglichkeiten. Eile ist geboten, sonst droht die Situation gänzlich aus dem Ruder zu laufen. Eignet sich ein Pflanzensprüher als Wasserwerfer und wie sieht der exekutive Einsatz eines solchen gegenüber Schutzbefohlenen eigentlich rechtlich aus? Ok, es ist Zeit für die absolute Notbremse. Unter majestätischem Einsatz des Klangstabes („Piiiing!“) führe ich die absolute Monarchie ein.

11.13 Uhr: Ruhe. Ist DAS schön!

 

 

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21 Kommentare zu „Demokratie mit Füßen getreten

  1. Das sind ja wirklich existenziell wichtige Themen für Erstklässler 🙂 Ich persönlich mag im Winter auch lieber Hauschuhe in geschlossenen Räumen, wenn ich mich dort länger aufhalte und habe auch meinen großen Kindern angeboten, ihnen Hausschuhe für die Schule zu kaufen. Haben leider beide abgelehnt. Schade! Pubertierende, die nach neun Stunden ununterbrochenem Winterschuhetragen selbige ausziehen, brauchen erstmal dringend einen luftdicht abschließenden Raum zum Auslüften. Und eine Dusche!

  2. 😀
    Das sähe in meiner dritten Klasse wohl ähnlich aus… Nur dass sich meine leider nicht mehr vom Klangstab beeindrucken lassen – da muss die Schuhfrage ausdiskutiert werden. Oder die Frage, ob meine neue Haarfarbe jetzt besser ist als die alte oder nicht. Das hatten wir nämlich am Montag. Im Laufe der Diskussion wurden dann auch noch die Ohrringe bewundert. Hach, was würde ich nur ohne meine 26 Modeberater machen??? Wahrscheinlich sähe ich aus wie ein Kartoffelsack 😉
    Hatte mir heut im Schuhladen gedacht, dass ich vielleicht auch Hausschuhe bräuchte. Aber jetzt überleg ich mir das nochmal *g*

  3. Schade das du keine Webcam im Klassenzimmer hast. Lach
    Aber du kannst uns doch diese Geschichte nicht servieren ohne ein Foto deiner Hausschuhe?
    Schnell mal knipsen und hochladen damit WIR auch abstimmen können!!
    WER IST DAFÜR ?? 😉

  4. Hausschuhe im Klassenzimmer! Was für ein Arbeiten 😉 Als ich mir mein Arbeitszimmer zu Hause einrichtete, meinten etliche (neidisch?), dann könne ich ja in Schlorben und Schlafanzug an den PC, was ich empört ablehnte: Bei der Arbeit immer adrett, egal ob zu Hause oder anderswo.
    Ich unterrichte ja auch gelegentlich – an einer Berufsfachschule für Krankenpflege – ob ich da morgen mal meine Hausschuhe mitnehme? Wäre bequemer als immer diese Pumps. Und ich könnte es (vor allem der stets schicken Schulleiterin gegenüber) rechtfertigen und begründen als einen Test, wie die Schüler mit ungewöhnlichen, weil nicht die eigenen, Werten umgehen. Ja – so langsam finde ich Geschmack an dieser Idee 🙂

    1. Ich muss gestehen, ich fände Stiefel zum Kleid angemessener, aber mir fällt einfach keine gute Antwort darauf ein, warum diese Regel nicht auch für mich gelten sollte 😉

      1. Ja, das ist der Punkt auf den ich anspielen wollte.

        Ohne Maßnahmen zum Minderheitenschutz kann eine Demokratie recht unfair werden. Z.B. kann die Mehrheit locker beschließen, dass alle einen Tag pro Woche der Mehrheit als Diener zur Verrfügung stehen müssen – oder auch schlimmeres.

        Das ist voll demokratisch, aber nicht der richtige Umgang mit Menschen. Demokratie wird meiner Meinung nach zu sehr gelobt, das System hat Schwächen, gegen die sich vor allem Minderheiten in einer Demokratie nicht mal zur Wehr setzen können.

        Man muss eine Demokratie mit zusätzlichen Maßnahmen anreichern, um z.B. Menschenrechte usw. zu schützen. Eine reine Demokratie kann das nicht.

  5. Ich hatte seit Schulbeginn Hausschuhe an, mir aber nach 2 Wochen neue gekauft. Da wurde auch erstmal protestiert, dass das ja gar nicht meine Hausschuhe wären und ich soll jetzt bitte mal meine „richtigen“ Hausschuhe anziehen. Über schöner oder häßlicher hat sich interessanterweise niemand geäußert 😉
    Liebe Grüße
    Sally

  6. Oh, wie herrlich!!!!
    Was muss sich wohl der Herr Lehrer meiner Erstklässlerin so alles anhören?
    Aber Hausschuhe in der Klasse statt gefütterter Stiefel fände ich schon gut fürs Klima. 😉

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