Ein unmoralisches Angebot

„So geht das jetzt echt nicht weiter, Frau Weh!“

Die kleine Finja stemmt erbost die Hände in die Seiten. Seit Anfang Dezember ist sie im Kakaodienst eingeteilt und beschwert sich zu Recht darüber, dass die Molkerei an Kästen spart. Was hier nicht weiter dramatisch klingt, bedeutet in Finjas Arbeitsalltag den durchaus schwierigen Transport loser Flaschen in Schüsseln, Plastiksieben oder ähnlichen ungeeigneten Behältern, die der Hausmeister aus Küchenschränken zieht, um die Kakaoflaschen an die Klassen zu verteilen. Denn es fehlt ja an Kästen, um alle Flaschen transportsicher zu verstauen. In den letzten Tagen kam es vermehrt zu Erdbeermilchunfällen, die zwar farbschön auf dem braunen Klassenzimmerboden verlaufen, aber jedesmal zu großem Bohei führen.

Ich persönlich bin ja sowieso kein Fan von gezuckerter Schulmilch. Aber darin daran wird in der neuen Schule nicht gerührt! Nun gut, sollen die Erstklässler ihr Kinderpingui doch in Vanillemilch ersaufen. Ich arbeite Don-Quichotte-mäßig mit Möhrenschnitzen dagegen. Nichtsdestotrotz muss eine Lösung für unser Flaschenproblem gefunden werden und so schaue ich mir den Menschen aus, von dem ich mir Hilfe verspreche.

„Du-hu?“, flöte ich, als ich dem Hausmeister in der Pause im Besenschrank begegne. „Könnten wir nicht mal etwas ganz und gar Unanständiges machen?“

Alarmiert hebt der Angesprochene den Kopf. „Äh … Frau Weh!?“

Unbeirrt verfolge ich mein Ziel weiter und ziehe entschlossen die Tür hinter mir zu. „Wie nah traust du dich an den Rand der Illegalität heran?“

Dem Hausmeister wird es zunehmend zu eng im Raum, aber ich bemerke gar nichts und blicke ihm unbeirrt in die Augen. „Kannst du mir bitte aus der anderen Schule* einen leeren Kakaokasten klauen?“

Verdutzt aber unbestreitbar erleichtert lässt er sich unser Problem erklären und muss kopfschüttelnd grinsen ob der Vorstellung, dass ich den Kasten zwecks dauerhafter Unterschlagung** umgehend pink anzusprühen gedenke (Finja hat zudem noch etwas Glitzer zugesagt. Es ist ihr wirklich an einer Lösung gelegen!). Zwar ziert er sich pro forma noch ein Weilchen, aber es gelingt dann doch, ihn für das Geheimprojekt K zu entflammen.

„Morgen“, raunt er mir verschwörerisch zu, als er die Türe öffnet und vorsichtig mit dem Kopf um die Ecke linst, „morgen kriegste deinen Kasten!“

Später teile ich Finja mit, dass wir mit Hilfe des Hausmeisters der Lösung unseres Problems bereits ein besträchtliches Stück näher gekommen seien. „Ok“, antwortet sie befriedigt. „Ich habs gewusst, Glitzer findet ja jeder schön!“

 

* Wir teilen uns den Hausmeister mit der Nachbarschule. Ja, da kommt es bisweilen zu eifersuchtsgetränkten Szenen zwischen den Damen.

** Nein, mein schlechtes Gewissen hält sich in engen Grenzen. Schulmilch wird ganz gut subventioniert. Da wird wohl 0,034 Kasten pro Erstklässler drin sein, nicht wahr?

Advertisements

20 Kommentare zu „Ein unmoralisches Angebot

  1. Frau Weh, wie unanständig! 😛

    Ich erinnere mihc noch mit Freude an die Kakao- bzw. Milchflaschen in der Grundschule, Klasse 3 oder 4 wurde das damals eingeführt. Die tägliche Flasche Milch mit Kakao) war ne feine Sache. 🙂
    Und für viele Kinder vielleicht die einzige Möglichkeit, sie zum Milchtrinken zu bewegen?

  2. Liebe Frau Weh!

    Es ist soooo schön, dass Du bei all Deinem Stress nie den Humor verlierst und uns damit auch immer wieder Momente des Schmunzelns schenkst. Vielen Dank!

    Liebe Grüße
    Silke

  3. Ich wollt bei der Gelegenheit auch mal loswerden, dass ich als Mutter einer Erstklässlerin Ihre Beiträge immer wieder gern lese.
    Dann ist mir noch eingefallen: vll tuts auch ne Curver-Kiste in der richtigen Größe. Bei uns im Baumarkt gibts da welche (ich wohn in Berlin).

  4. Besenkammer? Da gabs doch mal was mit einem Tennisspieler?…..
    Danke für deine lieben Zeilen, die mir in dieser „besinnlichen“ Zeit ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Im Übrigen habe ich auch ein Rezept von dir ein einer Grundschulzeitschrift gefunden – wo man dich überall findet! Noch 3 Tage!
    Liebe Grüße und eine schöne Zeit wünscht dir
    Heike

  5. Das ist heute mein Thema!!!
    Habe einen Drittklassler bezirzt, dass er auf dem Kühlschrank eine Nachricht für den Zusteller hinterlässt: Wir brauchen zwei Extrakisten 🙂
    Die Zettel – es gab vier Ausgaben – hätte ich fotografieren sollen. Kein normaler Mensch (=alle außer Grundschullehrerinnen) hätten die Geheimbotschaft entschlüsseln können.

  6. Sehr gut! Ich freu mich auf die Fortsetzung. In meinem aktuellen BlogArtikel hätte ich außerdem die ein oder andere Frage an dich… Kannst du mal vorbeischauen, Frau Weh?!?

  7. Zum Totlachen. 🙂 Dein Humor ist wirklich großartig. Ich bin mir sicher, der Hausmeister hat sich auch über die andere Art der Bitte amüsiert. Und ich würde gerne ein Foto von dem rosaglitzernden Kasten sehen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s