Evaluation: Grundriss 2.0

Karl Jenkins im Ohr stehe ich in meiner leeren Klasse und rekapituliere. Es ist noch schulfrei und ich nutze die Ruhe der ersten Januartage um Bilanz zu ziehen. Was bleibt, was geht? Welches Material hat sich als sinnvoll erwiesen, welche Raumaufteilung bietet die meisten Möglichkeiten für die Arbeit in der Lerngruppe? Ich mag das gerne, dieses Überlegen und meist kniffelige Tüfteln um die besten Voraussetzungen. Es ist als würde die Imagination kraftvoll den noch leeren Raum füllen. Das Regal besser hier? Das Pult vielleicht dort hinten?

Gestartet sind wir mit dieser Variante:

Klassenraum Grundschule

Schnell hat sich herausgestellt, dass der Platz für den Sitzkreis, für mich ein elementarer Bestandteil des Unterrichts, für die vielen Kinder zu eng bemessen war. Die Bänke flogen raus, die große Tischgruppe wurde dem Reinigungspersonal zuliebe im Laufe der ersten Wochen auseinandergezogen. Überraschenderweise nutzten die Kinder die Leseecke nicht. Die vielen Regale haben mich gestört. Natürlich braucht viel Material auch viel Lagermöglichkeit, aber leider verhalten sich Fläche und Staub proportional zueinander. Kurz: Es wurde ganz schön dreckig in der Klasse und wenn ich schon keine Unordnung leiden kann, staubige Materialien mag ich noch weniger. Dazu kam, dass die Erstklässler nur wenig Material intensiv nutzten und am liebsten in Kleingruppen arbeiteten. Also umdenken, neu denken, weiterdenken.

Ich drehe den CD-Player noch ein wenig lauter und falte die mitgebrachten Umzugskartons auseinander. Das Anfangsmaterial wandert aus den Regalen heraus, vieles davon ist ungenutzt. Jetzt nicht über die ganze Arbeit nachdenken, die darin steckt (vier Wochen Sommerferien! Oh Gott!), sondern über Planungsalternativen oder den Sinn und Zweck des Materialeinsatzes.

Ein Medium ist immer nur so gut wie seine tatsächliche effektive Nutzung. Ein Medium ist immer nur so gut wie seine tatsächliche effektive Nutzung. Ein Medium …

Hallo, Mantra, lange nichts voneinander gehört.

Pfft. Ich war da, du hast nur nicht zugehört!

Ruhe, ich muss arbeiten!

Ich verweise jegliche bremsenden Gedanken zurück ins tiefe Loch, aus dem sie gekrochen sind. Ideelle Evaluation erfolgt später am Schreibtisch, nicht jetzt.

Die pathetische Musik erfüllt ihren Zweck, in den nächsten Stunden schaffe ich einiges weg. Die Gruppentische weichen meiner absoluten Lieblingssitzordnung, Regale werden geleert und aus dem Raum entfernt. Diese Erstklässler brauchen kein Überangebot an Dingen, sie brauchen Raum und den sollen sie bekommen. Nach dreistündiger Rödelei wische ich mir Staub und Schweiß aus dem Gesicht und freue mich an freier Fläche und den Möglichkeiten, die diese bietet.

Grundriss Klassenraum

Der Plan ist ein wenig krakelig, aber es ist denoch einigermaßen ersichtlich, worum es mir bei der Änderung ging. Innen finden sich die zuvor entfernten langen Bänke, die ich nun gegen die Tische geschoben habe. Dadurch wird ein schneller Wechsel in Klein- oder Großgruppen ermöglicht ohne dass ein Verschieben der Tische nötig wird. Auch ein Kreisgespräch ist nun endlich ohne Gedränge möglich und – zumindest ich freue mich darüber – die Teppichfliesen können wieder in einer Ecke verschwinden. Ehrlich, Gitarrespielen im Schneidersitz auf dem Boden ist ab einem gewissen Alter eben doch nur noch am Lagerfeuer romantisch. In meiner Not dachte ich kurzzeitig sogar über die Anschaffung einer Ukulele nach.

Aufmerksame Leser werden bemerken, dass ich für nur 30 Kinder bestuhlt habe. Man könnte mir nun Realitätsverdrängung vorwerfen, aber ist es nicht die Hoffnung, die zuletzt stirbt?

Problematisch bei diesem Grundriss ist die Tatsache, dass es keinen Durchschlupf gibt. Das heißt, alle Beteiligten werden viel laufen. Aber dann machen wir eben in bewegter Grundschule!

In die freie Mitte lege ich den Jahreskreis aus, stelle noch eine Hyazinthe auf mein Pult und fühle es: geschafft! Sowohl der Raum als auch ich. Schauen wir, wie es sich weiterentwickelt. Schön, dass es immer spannend bleibt. Alles ist neu. Januarglanz, nicht nur auf den gewischten Regalen.

 

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19 Kommentare zu „Evaluation: Grundriss 2.0

  1. Ich finde, dass sich sowohl Sitzgruppen als auch eine Stuhlrunde sozusagen bewährt – viel gelaufen wird in der Grundschule ja eh, wie wahr, aber HEY … dit wird schon und wenn du noch 20 Raumaufteilungen machst, … egal.

    1. Eben. Und viel Bewegung ist ja auch gesund 😉
      Immerhin stoße ich mir bei dieser Variante nicht immer die Beine an den Tischkanten. Hoffe ich zumindest …

      1. Also DAS habe ich mit keiner Sitzordnung geschafft!!! Ich hatte immer blaue Flecken an den Beinen auf Schülerpulthöhe :-). Mir gefällt dein neuer Plan, und ich finde die Idee „Freiraum statt viel Material“ mutig. Bin gespannt, wie die effektive Nutzung aussehen wird… lg, Mirjam

  2. Guten Morgen,
    deine Gedanken zur optimalen Vorbereitung der Lernumgebung kann ich voll und ganz nachvollziehen und die Lösung, die du nach der Schufterei gefunden hast, schaut sehr vielversprechend aus!!!
    Hast du denn wirklich so viele Schüler in einer Klasse? Wahnsinn!
    Mit so vielen Schülern zu arbeiten stelle ich mir sehr schwierig vor – auch wenn du unglaublich viel Material zur Eigenbeschäftigung oder für die Arbeit in Kleingruppen zur Verfügung stellst. In unseren jahrgangsgemischten Klassen der Eingangsstufe wird das Material und die damit verbundene Selbstbeschäftigung auch sehr hoch geschätzt, gerade auch hinsichtlich der Differenzierung. Aber wenn ich mir vorstelle, hochdifferenziert zu arbeiten und dabei auch noch große Klassengrößen unterrichten zu müssen, dann ziehe ich den Hut vor dir!
    Gönn dir erstmal etwas, bevor du den umgeräumten Klassenraum mit deinen Schülern einweihst – du hast es verdient!
    Liebe Grüße aus Niedersachsen,
    Lima

    1. Hallo Lima,
      ich arbeite derzeit mit 29 Erstklässlern. In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob auf 32 aufgestockt werden muss. Das ist wirklich Wahnsinn, aber was soll ich tun? Hochdifferenziert würde ich mein Arbeiten nicht nennen, aber ich gebe mir natürlich Mühe soweit es eben geht allen gerecht zu werden. Meine Hauptarbeit derzeit liegt gerade gefühlt auf dem Nachsehen der Arbeitsergebnisse. Ich kontrolliere noch sehr, sehr viel, damit mir kein Kind durchrutscht und ich das passende Material anbieten kann. Immerhin muss ich nach nun schon einigen Jahren nicht mehr alles ganz neu vorbereiten, das hilft schon ein wenig. Aber klar, 10 Kinder weniger wären super! 😉

      1. Oje. Eine Aufstockung auf 32 ist ja zum Arbeiten keine gute Grundlage? Gibt es bei euch denn keinen Klassenteiler? Also wenn ich mir vorstelle, mit 32 Kindern zu arbeiten, mitunter Inklusionskinder und dann noch selbst mit voller Kraft voraus das Meer durchschippere, dann schreit aus der Ferne schon ein Burnout… Umso bewundernswerter ist dabei deine Einstellung zum Beruf und dein unerschütterlicher Optimismus! Ich bin sehr gespannt auf deine nächsten Beiträge… Also Kurs halten und ggf. hart Backbord zur nächsten Kaffee- und Durchatempause.

  3. Hallole,
    Ich lese gerne bei dir und genauso gerne schaue ich in fremde Klassenzimmer… Danke für den „Einblick“!
    Ich hatte die Tische am Anfang so, wie du jetzt. Aber es war mir zu unruhig, konzentriertes Arbeiten war kaum möglich, weil jeder den Quatsch der anderen gesehen hat und darauf angesprungen ist. Ich hab grad Reihen stehen, bin aber auch ständig am Überlegen, was ich anders/besser machen könnte…
    Dir viel Erfolg mit der neuen Sitzordnung!
    Lg Silke

    1. Hallo Silke,
      die Lösung für das Unruhe-Ping-Pong sind die Bänke. Im Falle des Falles sitzen nämlich alle darauf und arbeiten mit dem Gesicht nach außen. Ich komme seit Jahren immer wieder auf diese Anordnung zurück, starte aber mit den Erstklässlern zunächst anders, damit sich erst eine „Unterrichtskultur“ entwickeln kann, die diese Sitzordnung möglich macht.
      Sitzreihen finden die Kinder ja auch immer ganz gut und Vorteile sind ganz klar der gerade Blick nach vorne und die geringe Ablenkung. Dir auch ein gutes Arbeiten mit der Änderung! 🙂

    1. Hallo Jan,
      Raum ist in der kleinsten Hütte. War das nicht so?
      Tatsächlich finde ich unsere 60 qm für bald 32 Schüler plus Material nicht gerade üppig bemessen. Aber ich weiß, in was für Kämmerchen ihr euch teilweise quetscht, also freue ich mich lieber daran, dass wir in der GS so viel Gestaltungsfreiheit haben. Die Idee mit den Bilderrahmen in deiner Klasse finde ich übrigens sehr gelungen!

  4. Liebe Frau Weh, zum Thema Staub fällt mir (Sauberkeitsfanatikerin) nur ein: Einmal wöchentlich Aufräumzeit (Eigentumsfächer, Fach unter den Tisch, ALLE Arbeitsblätter abheften, etc.). Am besten bietet sich der Freitag an. Am Anfang ist viel Kontrolle nötig, aber irgendwann wirkt es (Wunder). 🙂 Außerdem habe ich immer einen Regaldienst eingerichtet. Das heißt ca. 2 Kinder sind für ein Materialfach zuständig (Kontrolle der Vollständigkeit/ Ordnung und Staubwischen. Dafür ist in der Aufräumzeit Gelegenheit oder auch mal zwischendurch. Es gibt Staubtücher in der Klasse und den Swiffer-Staubwedel. Meine Arbeit beschränkt sich dann auf ca. einmal im Monat Kontrolle, wieviel Staub sich angesammelt hat und Erinnerung der entsprechenden Kinder an den Dienst – Staubwedel auf den Tisch legen als „stummen Impuls“ 😉 . In der Jahrgangsmischung ist es recht einfach, da immer ein alter und ein neuer Hase ein Fach zusammen haben (inkl. Namensschild am Fach). Bei Erstklässlern ist natürlich mehr Begleitung nötig, aber mir ist das lieber, als Putzfrau zu spielen. Liebe Grüße!

  5. Liebe Frau Weh, ich finde es schon bewunderswert, wie viel Mühe du in die Gestaltung deines Zimmers investierst – klasse, auch wenn ich selbst die Sitzordnung so nicht so mag, weil viele Kinder die Tafel so nur von der Seite sehen, aber in der GS seid ihr ja nicht so tafelfixiert 😉 Also bin ich mal gespannt, wie gut du bzw. deine Schüler zurecht kommen und wie die kleinen Racker den Umbau überhaupt aufnehmen.
    Wir haben wieder klassisch Reihen gesetzt, aber grübeln seit Wochen über die lästige Frage: Wen neben wen setzen? Das finde ich langsam ätzend…
    viele Grüße von Frau Henner

    1. Meine liebe Frau Henner,
      findest du nicht auch, dass „tafelfixiert“ irgendwie … vulgär klingt? :mrgreen:

      Der Start heute lief gut. Bis ich mir einen fetten blauen Fleck an einem Heizungsthermostat holte und einige Zeit humpelnd verbringen musste. Zu viele Weihnachtssüßigkeiten oder doch zu enger Klassenraum? Ich schwanke noch!
      Wünsche dir einen guten Start!

  6. Liebe Frau Weh,
    den “ tafelfixiert “ Witz versteht bestimmt nicht jede/r- ich lache mich gerade kaputt darüber:)
    Habe die gleiche Sitzordnung wie du mit 25 Drittklässlern und wechsele wöchentlich im Uhrzeigersinn eine Bank weiter, damit es gerecht bleibt. Die Kinder packen jeden Montag ihre „Koffer“ und auf ein bestimmtes Signal wechseln sie mit ihrem Partner die Bank. So ist immer Ordnung unter den Bänken und die nervigen Mütter mit „Mein Kind muss aber vorne sitzen“ bleiben aus. Meine ADHS – Kinder oder sonstige Spezialisten bleiben in der vordersten Reihe an Einzeltischen sitzen. Ein wöchentlicher Umzug wäre für sie nicht gut. Wir wechseln über sie drüber. Hat sich bewährt! Ich korrigiere mir mit 25 Schülern einen Wolf- welche Stimulanzen:) nimmst du, dass du das schaffst?

    Ganz liebe Grüße aus Baden- Württemberg
    Frau L.

    1. Liebe Frau L.,
      das mit dem Wechsel ist eine gute Idee, da denke ich mal drüber nach. Bisher habe ich ein solches Rollsystem nur in Sitzreihen verwendet. Über Stimulanzien sollte ich einmal nachdenken. Immerhin brauche ich keinerlei Amphetamine künstlich zuführen. Man wird schon recht schnell wach am Morgen 😉

  7. Liebe Frau Weh,
    ich plane gerade meinen ersten eigenen Klassenraum und bin sehr dankbar für die Einblicke. Leider sind in meiner Klasse sowohl Raum als auch Regale (genau 1) knapp bemessen. Da muss ich nachrüsten!
    Du hast ja einige von den halbhohen Billyregalen von Ikea bei dir stehen. Allerdings kommen sie mir sehr wackelig vor… Hast du deine an der Wand befestigt oder kommen die Kinder auch so damit klar und hängen sich einfach nicht dran? Ich stelle mir das Gesicht meines Schulleiters vor wenn ich in die Ziegelwand bohre, um Regale zu befestigen…
    Liebe Grüße!

    1. Liebe Anna,
      danke für dein nettes Feedback.
      Ich würde auf jeden Fall erst Rücksprache mit deinem Schulleiter halten. In meiner alten Schule waren Billys beispielsweise verboten, die neue Schule ist komplett damit bestückt. Vielleicht gibt es auch noch Regale, die übrig sind und die du übernehmen kannst, denn die Anschaffung der Möbel sollte wirklich nicht Aufgabe der Lehrer sein.
      Befestigt sind meine übrigens nicht an der Wand. Passiert ist nichts, außer, dass ab und an mal ein Regalbrett herunter kracht.
      Ganz davon abgesehen wünsche ich dir viel Freude beim Einrichten, Überlegen und Gestalten – es macht ja schon Spaß! 🙂
      Alles Gute!

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