Experimentierfreu(n)de

„Boah, das klappt ja schon wieder!“

Zoltán reißt beeindruckt die Augen auf und schaut vom Experimentiertisch hoch, an dem er gerade als Laborassistent den gleichen Versuch durchführen durfte wie bereits drei seiner Klassenkameraden zuvor. Auf einem Teller, der mit Wasser gefüllt ist, liegt eine kleine Münze. Diese zu bergen ohne sich die Finger nass zu machen, war die Aufgabe. Die Hilfsmittel: ein Glas und ein Teelicht. Die Lösung? Verblüffend!

„Ok“, sage ich und klatsche in die Hände (wie ungemein doof diese Geste ist, fällt mir immer erst auf, wenn ich mich dazu hinreißen lasse), „jetzt ist aber genug. Lasst uns mal mit dem Protokoll beginnen!“

„Neeeeeiiiiiin! Nochmaaaaaal!“

Die Erstklässler hält es nicht mehr auf den Plätzen, zu überraschend der Vorgang, der sich vor ihren Augen abgespielt hat. Es braucht noch zwei weitere Durchläufe, bis die Kinder sich vom Versuch lösen können und an einer Erklärung tüfteln.

Es ist der erste Freitag im Monat, unser Experimentiertag. Da werden Tische verschoben, lange Haare zurückgebunden und Ärmel hochgerollt. Denn alle wollen bereit sein, wenn Fred und Paul, die beiden Ameisen, zu waghalsigen Versuchen aufrufen. Während Fred sich neugierig in die Welt stürzt und fasziniert ist von den großen Zweibeinern, die auf dem Picknickplatz im Wald leckere Krümel und offene Fragen hinterlassen, ist es sein Freund Paul, der ihm zuhört und die richtigen Tipps zur Lösung bereithält. Komplettiert wird das Trio durch Freundin Karla, die in der Küche einer echten Menschenfamilie mit Putzfimmel lebt, und bereits so manches Abenteuer erlebt hat.

Finken Experimentierfreunde

Schon in der allerersten Experimentierstunde ließen sich die Erstklässler von der Rahmengeschichte (heute sagt man dazu gerne Storytelling) um die kleinen Krabbler fesseln und freuen sich seitdem immer, wenn ich morgens an den Experimentertagen das Plakat von Fred an die Tafel hänge.

Ich als Nicht-Sachunterrichtsfachfrau freue mich dabei über das gut zusammengestellte Material, das neben besagter Rahmengeschichte auch ein ordentlich durchdachtes Lehrerhandbuch und – noch besser! – illustrierte Experimentierkarten für jeden Versuch in sechsfacher Ausführung und dicker Papierqualität bietet. Das erspart lästiges Kopieren und Laminieren und erleichtert den Start in die Gruppenarbeit. Auf den Karten findet sich vorderseits eine Auflistung der für das Experiment benötigten Dinge, während auf der Rückseite der Versuchsablauf grafisch dargestellt ist.

Finken Experimentierfreunde

Zwar besitze natürlich auch ich die für Grundschullehrer typischen wenigstens sechseinhalb Exemplare Bücher über kindgemäße Experimente, habe aber zugegeben oft weder Zeit noch Lust, diese durchzusehen und nach genau den lehrplankompatiblen Versuchen Ausschau zu halten, die in unser Kompetenzraster fallen und außerdem mit wenig Material durchzuführen sind. Ein Glücksfall also, dass ich mit den Erstklässlern die Experimentierfreunde von Finken testen durfte. Vielen Dank!

Der Ablauf einer typischen Experimentierstunde sind folgendermaßen aus:

Zunächst wird die passende Geschichte vorgelesen, die immer mit einem Problem oder einer Fragestellung endet. Auf dem Projektor zeige ich den Kindern die auf Folie kopierte Materialliste und lasse Vermutungen darüber anstellen, wie uns die Gegenstände bei der Problemlösung dienlich sein könnten. Ja, da kommen mitunter haarsträubende Vorschläge zusammen! Bei allzu explosiven Ideen ringe ich mich zu einem Veto durch, lasse aber ansonsten probieren, probieren, probieren. Dabei kommen die Erstklässler ganz automatisch ins Gespräch miteinander und tauschen ihre Ideen und Lösungsstrategien miteinander aus. Da wir bereits einige Stunden durchgeführt haben, wissen die Kinder um die Regeln beim Experimentieren, erinnern diese noch einmal und legen los. Was dann folgt, ist in der Regel großes Staunen, dem auch ich mich nur schwerlich entziehen kann. Experimentieren ist einfach toll! Hatten wir früher eigentlich so viel Spaß in der Grundschule?

Haben wir den Versuch einmal (zweimal, dreimal … neunundzwanzigmal) durchgeführt, geht es ans Überlegen und Begründen. Warum ist das denn jetzt eigentlich so? Das Handbuch gibt dabei neben einer kurzen kindgerechten Erklärung auch vertiefende Infos, sodass dem Lernzuwachs von Kind und Lehrkraft (nicht jede von uns war schließlich in Physik und Chemie ein Knaller, ähem.) nichts im Wege steht. Konnten wir das Phänomen einvernehmlich erklären, zeichne ich an der Tafel ein einfaches Versuchsprotokoll vor, das die Kinder in ihr Forscherheft übertragen.

Versuch Teelicht Wasser

Experiment Kerze Wasser

Die Hausaufgabe am Experimentiertag ist dann die erneute Durchführung des Versuchs vor Elternpublikum. Das bietet sich am Wochenende an und ist durch die überschaubare benötigte Materialmenge z. B. auch problemlos für die Kinder machbar, die die folgenden Tage beim getrennt lebenden Elternteil verbringen.

Insgesamt bieten die Experimentierfreunde 1/2 ein gut durchdachtes, sachgerecht und kindgemäß aufgebautes Konzept, das uns nicht zuletzt durch die gute Idee der Rahmengeschichte viel Freude bereitet. Einziger Knackpunkt: Es sind nur 15 Experimente. Bleibt zu hoffen, dass es spätestens im nächsten Jahr auch einen Band für 3. und 4. Schuljahr gibt.

Und dass wir ihn hoffentlich wieder testen dürfen … 😉

 

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13 Kommentare zu „Experimentierfreu(n)de

    1. Das kann ich verstehen, ich finde es auch cool! Generell bin ich nicht unbedingt ein Fan davon, dass unsere Lehrpläne derart aufgestockt wurden und immer mehr Inhalte nur noch angerissen werden (so mein Eindruck). In diesem Fall muss ich aber zugeben, dass das Experimentieren und Erklären eine sinnvolle Sache ist.

      1. Beim Blick auf den Preis ist mir jetzt aber eher ein trauriges Oh rausgerutscht. Ist bei mir ja gerade mal gar nicht drin. Menno.

  1. Jaaa, das ist wirklich toll! Habe ich auch schon mal gemacht mit einer zweiten Klasse. Jetzt habe wieder eine Erste und freue mich jetzt schon darauf, wieder mit Fred zu experimentieren. (Im zweiten Halbjahr.) Ich kann wirklich nur alle Sachkunde-Lehrerinnen ermuntern, dieses tolle Material zu verwenden.
    Danke für den tollen Einblick. Ich lese deinen Blog seit einiger Zeit sehr gerne.
    LG Iris

    1. Haha, da klingt wirklich Frust durch. Sind eure Vorschriften da wirklich so extrem? Mögliche Gefahren beim Experimentieren thematisieren wir zu Beginn jeder Einheit und das Teelicht lasse ich selbstverständlich von Kindern anzünden. Streng nach Namensliste, damit auch jeder mal drankommt 😉

      1. Bei uns im Landkreis hat ein bedauerlicher schlimmer Unfall stattgefunden, bei dem ein Kind Verbrennungen erlitt, und nun überreagiert das Schulamt gerade total mit völlig überzogenen Verordnungen – hoffe, das gibt sich wieder, denn so macht es echt keinen Spaß mehr *seufz*

  2. BaWü hat gleich mal beschlossen, dass alles in der Schule Risiko ist. Für jedes Experiment – JEDES – muss jetzt ein Gefährdungsprotokoll verfasst werden mit einem Affenschwanz an Papierkram. Als ob es dadurch sicherer würde…

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